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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXVI

Tagesmail vom 21.11.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXVI,

Technische Genies werden vom Bundespräsidenten ausgezeichnet, ökologische Genies hingegen von Politikern desinteressiert übergangen: damit sie den Fortschritt nicht stören können.

Beispiel?

„Allerdings machten meine Gesprächspartnerinnen – Greta Thunberg und Luisa Neubauer – unmissverständlich deutlich, dass sie mein Engagement für den Klimaschutz nicht für ausreichend hielten. Mein Verweis darauf, dass ich dafür Mehrheiten brauchte, überzeugte sie nicht. Ich hatte den Eindruck, dass sie der Auffassung waren, wenn ich mich nur richtig anstrengen würde, könnte ich das Notwendige erreichen. Mir fehle es an Radikalität, so empfand ich ihren Vorwurf. Wir fanden an diesem Punkt keine Gemeinsamkeit. Für mich war Radikalität nicht der Königsweg für politischen Erfolg. Radikal im Rahmen der durch die Demokratie garantierten grundgesetzlichen Funktionen kämpften Nichtregierungsorganisationen und Aktivistinnen wie sie für ihre Ziele. Ich dagegen musste Mehrheiten finden, mit denen ich meine Ziele durchsetzen konnte – und dafür auch Kompromisse eingehen.“ (Merkel, FREIHEIT)

Gibt es Listen ökologischer Vorbildlichkeit? Dann würden fast keine Deutschen dazu gehören. Warum gibt es in allen Bereichen objektive Bewertungen, nur in den wichtigsten, den Überlebensfragen, gibt es – nichts?

Moment mal, ich habe ein wunderbares Beispiel für eine ökologische Politik, das geradezu perfekt scheint. Doch im Lärm der Nachrichten geht das Beste unter.

„Die Kayapó gelten als besonders stolz und unabhängig. Viele ihrer kulturellen Traditionen haben sie bewahrt. Berühmt sind sie für ihren Federschmuck. Zu ihren prominentesten Persönlichkeiten zählt der Kazike Raoni, weltweit bekannt durch seine Tellerlippe und seinen Einsatz für indigene Rechte. Prominente Unterstützer wie Sting oder Leonardo DiCaprio machten ihr Anliegen international sichtbar. Doch trotz dieser starken Lobby bleiben die Kayapó Angriffen ausgesetzt. Beprere schlendert einen kleinen Waldweg entlang, man hört das Rauschen eines Wasserfalls. Das Wasser sei sauber, sagt er, nicht so wie anderswo. Oft versammelt sich die Gemeinde hier. Kinder baden, lassen sich unter dem Wasserfall brausen und vom Strom treiben. Die mutigsten Jugendlichen springen von oben herunter. „Wir lieben unser Land, deshalb würden wir es nie zerstören.“ Manche indigene Gruppen haben sich schon vor Jahrzehnten für die freiwillige Isolation entschieden. Auch einige Kayapó leben vollständig zurückgezogen im Wald. Sie haben keinerlei Kontakt zur Außenwelt und gelten als „unkontaktierte Völker“. Er trägt eine Fahne mit der Aufschrift: „Indigenenrechte sind nicht verhandelbar.“ Die Demarkation weiterer Territorien ist die Hauptforderung im Indigenen-Block der Demo. Beprere sagt, er hoffe, dass bald viele „Verwandte“ so leben können wie er in seinem abgelegenen Dorf, mitten im Amazonas-Regenwald. Und das könnte auch der Welt helfen. „Die Anerkennung unserer Territorien ist die beste Klimapolitik“, ruft er und verschwindet im Gewimmel.“ (TAZ.de)

Gibt es eine vollkommenere Umweltpolitik als im Amazonasgebiet?

Und dennoch werden die Indigenen nicht als Vorbilder der Welt ausgezeichnet?

Sind diese Völker keine Musterbeispiele für eine deutschen Kanzlerin? Weil sie zu radikal sind und Radikalität eine demokratiefeindliche Erfindung sein muss – die nicht erfolgsorientiert genug sein kann?

Ist eine vorbildliche demokratische Politik mit Kompromissen nicht radikal genug? Müsste sie kompromisslos über Stock und Stein stolpern, um die Bewunderung der Kompromissler zu erhalten?

Hier fehlt es an allem, vor allem an Klarheit.

Athenische Demokraten waren vorbildlich. Nicht, weil sie kompromisslos waren, sondern weil sie mit Hilfe von Streitgesprächen und Kompromissen ihr ideales Ziel nie aus dem Auge verloren.

Kompromisse sind Zwischenetappen, aber keine finalen Ziele. Solange die Bevölkerung verschiedener Meinung ist, muss sie auf dem Marktplatz oder in der Volksversammlung nach Regeln streiten, um sich über wechselnde Mehrheiten dem idealen Ziel zu nähern.

Demokratische Radikalität schliesst Einvernehmlichkeit – oder einvernehmlichen Dissens – nicht aus. Sonst wäre jede Radikalität ein faschistisches Entweder-Oder.

Eine deutsche Kanzlerin scheint das alles nicht zu wissen. Sie ist in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen, die sich einbildete, den Kommunismus gebändigt zu haben und nach der Wiedervereinigung würde sie auch den Kapitalismus an die Leine legen.

Ihr Regierungsmotto entstammt, man höre und staune, aus dem englischen Adel: never explain, never complain, nichts erklären, niemals klagen. Der englische Adel war sicher kein demokratisches Vorbild.

Aber mit nicht-radikalen Freundschaftsgesten, harmlosem Lächeln und nichtssagenden Parolen wird man schon seine Ziele erreichen, dachte die Kanzlerin – und die Mehrheit ihrer Wählerinnen.

Wirf Ossi- und Wessi-denken auf einen Haufen, teile durch zwei – und du wirst die welterobernde englische Commonwealth-Höflichkeit erreichen.

Hegel war studierter Theologe, doch vom schwäbischen Pietismus hielt er nichts. Biblische Formeln und philosophische Begriffe sind auch für eine lutherische Pastorentochter nichts – die objektive Naturwissenschaft studiert hat. Wahrheit besteht für sie lediglich aus Zahlen und überprüfbaren Statistiken.

Deshalb weiß Merkel nichts von den abgründigen Erkenntnissen Hegels.

„Von seiner frühen Jugend an hatte Hegel alle „humanitären“ Ideale verworfen. Er erklärte die „allgemeine Menschenliebe“ für nichts als eine „törichte Erfindung“. So eine Liebe, die kein wirkliches, konkretes Objekt hat, ist seicht und unnatürlich. Der Staat ist kein Kunstwerk; er steht in der Welt, somit in der Sphäre der Willkür, des Zufalls und des Irrtums: übles Benehmen kann ihn nach vielen Seiten defigurieren. Anders als Novalis ist Hegel nicht an der Schönheit des Staates interessiert, sondern an der „Wahrheit“. Und nach ihm ist diese Wahrheit keine moralische, sie ist eher die Wahrheit, die in der Macht liegt.“

Festhalten, jetzt wird’s hart:

„Diese Worte, geschrieben vor etwa 150 Jahren enthalten das klarste und unbarmherzigste Programm des Fascismus, das jemals durch irgendeinen politischen oder philosophischen Schriftsteller vorgetragen wurde.“ (Cassirer, der Mythus des Staates)

Wo sind wir gelandet? Bei Marx, dem Schüler Hegels, der den faschistischen Sozialismus erfand. Der Mensch muss rücksichtslos dubiosen Regeln der objektiven Realität folgen – und wenn er dabei zugrunde geht.

In Staaten mit objektiven Regeln, die nur durch Gehorsam zu bewältigen sind und nicht mit subjektiven Erkenntnissen, bestimmen obere Mächte das Verhalten der Menschen.

„Da Größe Macht bedeutet, ist es offenkundig, dass Laster genau so groß ist wie Tugend.“ (ebenda)

Jetzt verstehen wir den faschistoiden Neoliberalismus, der als Kapitalismus Amerika erobert hat. Die Größe der Macht, nicht eine nebulöse Moral bestimmt das Wirtschaftsgeschehen der Gesellschaft.

Wer reich ist, hat es objektiv verdient, ebenso, wie der Arme seine Armut verdient hat. Das bestimmen „göttliche Regeln der Wirklichkeit“ und nicht eine subjektive Moral der Aufklärer, die hier fehl am Platz wäre.

Der Oststaaten-Kommunismus war ein objektives Geschehen – nicht anders als der westliche Neoliberalismus – und durch Menschen nicht zu verändern. Nach diesem, mit Freundlichkeit präsentierten Politstil, hat Merkel den westlichen Kapitalismus scheinbar an die Leine gelegt.

Auch die amerikanische Wirtschaft ist kaum anders als eine dubiose Vermischung aus einer klitzekleinen Freiheit für wenige und einem dominanten Wirtschaftsdespotismus für die große Mehrheit.

Auch bei uns dringt dieser despotische Stil immer mehr an die Oberfläche. Wenn die Deutschen nicht schneller und härter arbeiten, werden die großen Konzerne ins Ausland auswandern. Dort kann der Konzern müheloser seine Profite einkassieren – verkünden die Wirtschaftsbosse hemmungslos in der Öffentlichkeit.

Um Wirtschaft muss sich alles drehen, sie versorgt die Gesellschaft mit Arbeit. Geht es ihr schlecht, muss der Staat sie finanzieren – oder aber sie verschwindet in die Welt. Wie es dann der Bevölkerung noch gehen wird, interessiert keinen Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Bosch oder BASF.

Dann werden die ökonomischen Verhältnisse der USA, ja von China oder sogar von Russland heimlich unterstützt. Wirtschaft ist kein demokratisches Unternehmen, sondern ein verkappter Faschismus: Gehorch – oder stirb.

Die gewählten Politiker haben es in „freien“ Demokratien schwer. So frei sind sie nicht, um zu tun, was sie für richtig halten. Sie müssen nach allen Seiten schmutzige Kompromisse eingehen, die ihre Koalitionen schwer beschädigen.

Die Bevölkerung duldet immer weniger das Durchwursteln der Entscheidungsträger und zerlegt immer mehr das Getue der Mächtigsten.

Merkel war unfähig, dieses verzwickte Systemgemenge zu entwirren und dabei rational zu handeln. Schon der Marxismus allein war undurchsichtig für die Lutheranerin.

Denn er bestand aus untergründigen Widersprüchen:

„Eigentlich bedürfte es nun, da ja alles nicht willkürlich ist, sondern der ganze Prozess durch immanente Kräfte in Bewegung gesetzt wird, keiner Revolution im gewöhnlichen Sinn des Worts; das alles muss kommen, nicht durch Gewalt, sondern durch naturgesetzliche Evolution. Im Kommunistischen Programm aber erklärt Marx, dass die kommunistischen Zwecke „nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung – und in der Hauptsache hat er an der Hoffnung auf Kampf und Revolution festgehalten. So konnten später zwei einander entgegengesetzte Richtungen, eine revolutionär-radikale und eine opportunistisch-evolutionistische (oder revisionistische) sich auf ihn und auf Engels berufen.“ (Ziegler, Die geistigen und sozialen Strömungen im XIX. und XX. Jahrhundert)

Dieser Dschungel des Ostkommunismus war für den liberal sein wollenden Westen unverständlich.

Der Liberalismus hingegen war ein Tohuwabohu aus verbitterten Kämpfen der deutschen Philosophen. Allein der Zweikampf zwischen Kant und Hegel, linken und rechten Hegelianern, Kirchgängern und Feuerbachianern, ergab endlos zerbrochene Fragmente des Linksseins und theokratischer Herrschaft.

Heute ist die CDU so christlich wie die SPD links ist. Auch die Grünen wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht.

Sie rufen nur noch luftige Parolen den Steuermännern zu, in der vagen Hoffnung, dass jene den Wagen nicht in den Graben fahren.

Merkels Grundsätze kann man bereits in historischen Büchern nachlesen:

„So wurzelt diese Kritik in dem Satz, dass die ideale Forderung des Christentums den Menschen an sich unerfüllbar ist. Christentum ist etwas Unmögliches, wirklich nur in der Form der Buße, d.h. des Eingeständnisses der Unmöglichkeit, ein Christ zu sein. Dieses Eingeständnis der Unmöglichkeit des Christentums war die Vollendung des Pessimismus. Sie verband sich mit dem Eingeständnis, dass alle Moral etwas Unmögliches, weil etwas Ideales ist. Schließlich wurde auch die Ethik in den Zusammenbruch der religiösen Überzeugung hineingezogen. Der Versuch, die christliche Moral zur Regel der Gesellschaft zu machen, führt notwendig zu Kompromissen – und führt bei Durchschnittsmenschen zu Heuchelei und Lüge.“ (Lütgert, Das Ende des Idealismus im Zeitalter Bismarcks)

Das ist die Vorahnung unserer Gegenwart. Es gibt keine humane Moral mehr, alles muss den Händen einer allmächtigen KI übergeben werden. Darauf haben Döpfner, Poschardt und BILD & Co gewartet. Deus lo volt.

Fortsetzung folgt.