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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXIV

Tagesmail vom 14.11.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXIV,

in Belem werden Naturmenschen – die noch gar keine richtigen Menschen sind, sondern streunende Urwald-Vagabunden – zum quälenden Tod verurteilt.

Was sie zur Ernährung benötigen, wird ihnen von hochkulturierten Weißen – die sich aus aller Welt hier versammelt haben, um ihren eigenen Tod zu verhindern – vernichtet, um ihren exzellenten wissenschaftlichen und ökonomischen Fortschritt zu ermöglichen.

Anders gesagt: sie werden zum tödlichen Siechtum verurteilt. Wer mit den Zielen der Weltkonferenz nicht einverstanden ist – und schon vorher protestierte – hat nicht mal die Chance, den Konferenzort zu betreten, um mit den „Welt-Ökologen“ zu streiten.

Was bleibt ihnen?

„Während auf der Weltklimakonferenz COP30 derzeit über Klimapolitik verhandelt wird, organisiert Brasiliens lebendige Zivilgesellschaft eine ganze Reihe von Gegenveranstaltungen. Die meisten finden auf dem traditionsreichen Campus der Bundesuniversität von Pará (UFPA) statt. „Ich bin sehr pessimistisch, was die COP angeht“, sagt Giselda Coelho von der nationalen Koordination der Landlosenbewegung MST der taz. Viele Abkommen seien bereits im Vorfeld der Megakonferenz beschlossen worden. „Die reichen Länder verpflichten sich nicht, strukturelle Veränderungen vorzunehmen.““ (TAZ.de)

Schon jetzt ist gewiss, dass die verstockte Menschheit nicht genug unternehmen wird, um einen radikalen Bruch mit der jetzigen verhängnisvollen Entwicklung vorzunehmen. Wenige Jahre einer allmählichen Todesstrafe erwarten sie, die sie mit Demut über sich ergehen lassen müssen.

Es sei denn, die Machthaber der Welt vollbringen überraschender Weise einen Bruch mit ihrer maßlosen Zukunftsvision und kehren zurück zu den naturgetreuen Maßstäben einer mütterlichen Natur.

Für den Westen ist Putin, der Despot Russlands, zurzeit der böseste Mensch der Weltgemeinschaft. Da das Böse für christliche Länder noch immer ein theologischer – also unerklärbarer Begriff ist – weiß kein Mensch des Westens, warum es keine Möglichkeit geben soll, den Kreml-Herrn zu stoppen. Kompromisslos will dieser Petersburger die Ukraine in die Knie zwingen.

Ungewiss bleibt, ob es danach noch weiter gehen soll mit der militärischen Erweiterung Russlands – zum einstigen „dritten Rom“, zum Reich des Neuen Menschen, nicht identisch mit dem Reich Christi.

Wie immer messen die Christen mit zweierlei Maß. Putin darf keinen Menschen töten, aber Amerika darf in Belem hemmungslos die mörderische Botschaft verkünden, nichts zur ökologischen Rettung der Menschheit beizutragen und damit alle Naturvölker dem kollektiven Tod auszuliefern.

Die einst „unterentwickelten Völker“ werfen den christlichen Herren der Welt doppelte Moral vor. Denn in den „Zehn Geboten“ des Mose steht unmissverständlich:

„Du sollst nicht töten.“

Es klingt paradox: gerade weil es ein Gebot ihres Gottes ist, nehmen die Christen dieses Verbot nicht ernst.

Warum?

Weil sie sich angewöhnt haben, nichts mehr von ihrer Heiligen Schrift wörtlich zu nehmen. Zudem haben sie dogmatische Begriffe entwickelt, die es ihnen scheinbar gestatten, den offenbarten Begriffen elegant zu entkommen.

Bei Luther wird man nicht mehr durch wörtliche Befolgung des Gebots selig, sondern allein durch den Glauben, der von Gott gewährt wird – wenn der Gläubige bußfertig bereut.

Bei Calvin werden die Menschen schon vor Erschaffung der Welt prädestiniert, bei Luther entscheidet allein der bußfertige Glaube des Menschen.

So erhalten wir das absurde Ergebnis, dass kein Christ das Tötungsverbot ernst nehmen muss und dennoch selig werden kann.

Die anscheinend rigide Moralität der Bibel gelangt so – paradoxerweise – zur Ablehnung aller kategorischen Moral. Nur so ist es zu verstehen, dass in der Entwicklung der abendländischen Geschichte immer wieder neue Ablehnungen der Moral auftreten.

Höhepunkt der moralischen Abwertung sehen wir bei Hegel, der von „Kammerdienern der Moral“ spricht und den Griechen vorwirft, die Anfänge des Moralisierens erfunden zu haben. Besonders das Moralisieren des Sokrates wird den deutschen Dichtern und Denkern zum Makel der Antike, weshalb sie sich von den Erfindern der Demokratie zurückgezogen haben.

Nur einen Punkt der Verehrung bewahrten sie: die Ästhetik, den schönen Schein der Kunst.

Zur Klärung der Verhältnisse müsste man die Tafel des Moses modernisieren:

Du sollst nicht töten – es sei, du kannst Vorteil aus dem Töten ziehen. Zum Töten gehört das Erniedrigen seiner Gegner oder „Verhandlungspartner“.

Das ist beispielsweise der Clou des Hayek’schen Neoliberalismus. Die Schlauen werden reich, die Blöden arm und elend. Das ist das Gesetz des Himmels und darf durch keinen Eingriff der Menschen verändert werden.

In den Tiefen des Abendlands giftet allenthalben die Abneigung gegen jegliche Moral. Nur in der Aufklärung gab es gelegentliche Forderungen nach einer kategorischen Moral – die allerdings durch bestimmte Tricks unterlaufen werden konnten.

„Die rebellischen Indios in Belem reden Klartext:

„Wir brauchen weder Soja, noch Bergbau oder Erdöl.“ Alessandra Korap Munduruku setzt nicht viel Hoffnung auf die Weltklimakonferenz. Umso besorgter ist die Aktivistin um die Natur – und macht klare Ansagen. „Wir hängen vom Fisch ab, vom Wasser, vom Fluss, vom Wald, wie sollen wir hier überleben? Viele Länder – auch Deutschland – sind sehr besorgt wegen der Klimakrise. Gleichzeitig sind Unternehmen aus manchen dieser Länder hier im Amazonasgebiet an der Umweltzerstörung beteiligt. Firmen aus Frankreich und Deutschland produzieren das Gift, das hier in den Soja-und Maispflanzungen versprüht wird. Das Gift fließt in die Igarapés, die Flüsse, vergiftet zuerst die Fische und dann unsere Gemeinschaften, unsere Kinder und Frauen. Ganz abgesehen davon, wie viel Wald abgeholzt werden muss, um Soja und Mais zu pflanzen. Wenn viele Bäume zusammenstehen, können sie sich gegenseitig stärken. Wenn aber Bäume herausgeschlagen werden, dann verlieren sie die Kraft und können den Planeten nicht mehr retten. Die Folgen davon spüren wir an unserem eigenen Leib. Wer heute die COP hier in Brasilien finanziert, sind Unternehmen, die uns töten, die in unsere Gebiete eindringen. Deswegen vertraue ich den Entscheidungen nicht, die während der COP getroffen werden.““ (TAZ.de)

Unfasslich, vor den Augen der ganzen Weltöffentlichkeit erleben wir die langsame Hinrichtung der indigenen Naturvölker – und schweigen. Wir machen uns selbst des Völkermordes schuldig. Aus dem Holocaust haben wir Deutschen nichts gelernt.

Im Westen gibt es keine klare Moral, weder eine in theoretischer, geschweige in politischer Form. Immer gibt es Tricks und Finten, um unser „Böses“ zu kaschieren. Wenn es böse Menschen gibt, dann sind wir es. Und gerade wir fühlen uns als Weltmeister der Moral – die wir verachten.

Was sagen unsere christlichen Moralisten und politischen Praktiker dazu? Nehmen wir eine hochbeliebte Kanzlerin, deren persönliches Motto lautet:

„Wie so oft in meinem Leben hielt ich mich an die englische Adelsregel: „never explain, never complain“, niemals erklären, niemals klagen.“ („Freiheit“)

Erklären ist die Hauptregel der Aufklärung. Verwerfen des Erklärens ist Verwerfen der Aufklärung. Demokratisches Zusammenleben ist ohne Aufklären oder Erklären nach strikten Regeln ein Selbstmord der Demokratie.

Kein Deutscher kennt diese emotionale Ablehnung aufgeklärter Prinzipien durch die Ex-Kanzlerin. Geschweige, dass dieses Motto (der vernunftfeindlichen Romantik) in der deutschen Gesellschaft gründlich debattiert worden wäre.

„Putinversteher“ werden hierzulande hämisch ablehnt – obgleich verstehen keineswegs verzeihen bedeutet. Im Gegenteil, wer einen Kriminellen versteht, kann ihn besser zur Rede stellen oder ihm sogar – falls er das will – therapeutisch behilflich sein.

Wenn Amerika böse Taten vollbringt, gehen die Deutschen mit einem Achselzucken drüber hinweg. Wenn Putin dasselbe tut, wird er ohne jede Erklärung in der Luft zerrissen.

Dann wundert man sich, wenn es keinerlei Verständnis gibt für Putins wortloses Lösen von jener „Moral der Deutschen“, die er in Deutschland kennen lernte.

Kein einziges Wort der Erklärung hört man von Schröder oder Merkel, die bislang als besondere Versteher Putins galten.

Auch „Russland-Versteher“ Schlögel empfiehlt, man müsse nur einen einzigen Abend das russische Fernsehen beobachten, dann wüsste man Bescheid über die Situation von Putins Horden. (TAGESSPIEGEL.de)

Wer versteht denn in Deutschland die russische Sprache und: ergibt eine einzige Tagesbeobachtung die notwendige Erkenntnis der russischen Geschichte? Das ist an Dummheit nicht mehr zu übertreffen.

Hier eine Hypothese, um Putin wirklich zu verstehen. Man lese einen gründlichen Bericht über Dostojewski und nehme an, dass Putin ein Verehrer Dostojewskis ist.

„Konkret bedeutete das, dass er eine soziale Revolution im eigenen Land aus hohen moralischen Erwägungen heraus ablehnte, während er sich für einen imperialen Krieg gegen andere Länder durchaus zu begeistern vermochte, wenn dieser der Nation eine „neue Welt“ und ein „neues Leben“ verhieß. Alle Mahnungen zu Friedfertigkeit und Humanität waren dann vergessen und wurden von ihm als „bourgeoise Moralpredigten“ verunglimpft.“ (Tetzner, Der kollektive Gott)

Mit hoher Wahrscheinlichkeit will Putin das alte russische Reich in „Asien“ wiederherstellen. Nicht als Reich Christi, sondern als neues Reich einer freien Menschheit. Nicht als spezielles Reich von Auserwählten, sondern als universelles Reich aller Menschen.

Nicht Gott der Vater ist die geschichtliche Zielvorstellung Dostojewskis – und somit wahrscheinlich von Putin –, sondern Mutter Erde, die matriarchalische Urmutter aller Menschen.

Diese Vision eines zukünftigen Russlands nennt Dostojewski „Asien“.

„Mögen wir doch ein wenig einsehen, dass Asien die Hoffnung unserer Zukunft ist, dass dort unser Reichtum und unser Ozean liegt; dass, wenn in Europa vor lauter Enge der erniedrigende und den Europäern selbst ekelhafte Kommunismus aufkommen wird – dass wir dann noch viel freien Raum haben werden, Wälder und Wiesen, und unsere Kinder bei ihren Eltern leben werden (statt in Findelhäusern), nicht in steinernen Kisten (städtischen Häusern), sondern inmitten Gärten und bestellter Felder, unter einem freien und heiteren Himmel! … Was dort nämlich vor allem im Boden verborgen liegen sollte. War nichts anderes als der alte Traum vom „Neuen Menschen“, jene russische Idee, mit der die gottesmütterliche Erde „unheimlich schwanger“ gehe.

Dostojewski hatte hinzugefügt: „Sie werden sehen, was für ein mächtiger und wahrer, weiser und sanfter Riese vor der verwunderten Welt emporwachsen wird.“ (Tetzner)

Welche Vision ist humaner und universeller? Die amerikanische Apokalypse mit einer kleinen Schar von Auserwählten – und einer riesigen Menge von Verworfenen – oder die Mutter-Erde-Vision für alle Menschen, die auch von den Indigenen geteilt wird?

Der Westen – Deutschland inbegriffen – steht kritiklos auf Amerika mit dem inhumanen Paradies der Auserwählten und Verworfenen. Dostojewski (und mit hoher Wahrscheinlichkeit Putin) stehen auf der uralten Utopie der mütterlichen Erde.

Womit klar sein sollte, um welche Konflikte es heute geht zwischen Trump und Putin: hier das Reich des inhumanen Vaters, dort das Reich der all-liebenden Mutter Erde. Ein Land, das Völkerverbrechen begeht, muss sich in der Regel vor einem Internationalen Gerichtshof rechtfertigen. Verbündet es sich hingegen mit anderen Ländern, um eine völkische Minderheit rechtlos zu schädigen, will es plötzlich keine Verbrechen begehen?

Welche Utopie man auch immer anstrebt, wenn man sie mit rechtlosen Mitteln versucht, muss man nach universellen Rechten bestraft werden. Das gilt für Trump wie für Putin. Popper hätte von platonischem Faschismus gesprochen.

Fortsetzung folgt.