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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXIII

Tagesmail vom 10.11.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXIII,

Jetzt sollen wir noch die ganze Erde retten? Danke, ohne mich. Ich kann nicht mehr.

Und deine Kinder lässt du im Stich?

Touché, jetzt hast du mich getroffen. Doch was soll ich tun, wenn mir die Kräfte fehlen??

Setz dich, ich les‘ dir was vor – und dann wirst du sehen, dass du sehr wohl noch kannst.

„Was der Mensch auf das Geheiß seiner moralisch-gebietenden Vernunft will, das soll er, folglich kann er es auch tun (denn das Unmögliche wird ihm die Vernunft nicht gebieten). Der Mensch urteilt, dass er etwas kann, darum. Weil er sich bewusst ist, dass er es soll, erkennt er in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre. Die Pflicht gebietet uns nichts, „als was tunlich ist“.“

Kaum zu glauben, von wem ist dieser Unsinn? Wir können alles, wenn wir es sollen??

Hören wir nicht jeden Tag, wir sollten über uns hinauswachsen, sonst würden wir nur noch wiederholen, was wir schon seit Urzeiten taten? Wo bliebe da unser endloser Fortschritt?

Sind amerikanischer Fortschritt und europäische Pflicht vereinbar? Wenn aber nicht, musst du einen Begriff streichen.

Vielleicht sind die USA und das alte Deutschland nicht miteinander verträglich, weil sie völlig gegensätzliche Vorstellungen von Pflicht und Veränderung haben!?

„Dem Pionier ist jeder Ort recht, vorausgesetzt, es ist ein anderer Ort. Den Yankee an der Siedlungsgrenze verlangte es nach mehr Ellbogenfreiheit. Auf dem Weg nach Westen tauschte der Farmer sein Land immer wieder gegen neues ein, nicht bloß aus Profitstreben, auch aus purer Lust an der Veränderung. Manch einer schlug nie mehr Wurzeln und besaß schließlich nur noch, was er auf dem Leibe trug. Menschen, Tiere, Gegenstände, waren verzichtbar, Indianer oder Bison, das spielte keine Rolle. „Push along, keep moving, hieß das oberste Gesetz.“

Meint der Verfasser von heute: „Der Wunsch nach physischer Bewegung lässt sich zur Not erfüllen, aber neue Utopien können in der jetzigen amerikanischen Gesellschaft kaum noch verwirklicht werden. Das Familienleben und eine vertraute Nachbarschaft werden nicht mehr unbedingt dem beruflichen Fortkommen geopfert, eine Ortsveränderung nicht mehr um jeden Preis in Kauf genommen, Zweifel am ewig wiederholbaren Neuanfang wurden laut, an der unendlichen Bewegung, am Prinzip der Begradigung. Die USA müssen Abschied nehmen von der Vorstellung ihrer Einzigartigkeit, schrieb eine Fachzeitschrift in Amerika. Es ist ein schwerer Abschied.“

Das schrieb Gerd Raeithel im Jahre 1995. Kann es sein, dass Sie Unrecht hatten mit Ihrer alteuropäischen Prognose, Herr Raeithel? Werden die USA heute nicht noch immer täglich schneller? Nicht nur mit irdischen Angelegenheiten, mit Anhäufen von Milliarden Piepen, sondern vor allem mit kolonialistischer Eroberung des Weltalls?

Gewiss, unsere vornehmen Herren Döpfner, Poschardt und ihre rasenden Reporter haben die geschwindigkeits-bremsende Moral Alteuropas längst entsorgt. Müssten sie nicht auch mit dem schwerfälligen Erdteil der europäischen Philosophen gebrochen und sich die besten Grundstücke auf dem Mars reserviert haben?

Was jetzt nötig wäre, wäre ein kleiner saftiger Drohnenkrieg zwischen dem neuen und dem alten Kontinent – damit das ewige Dauergeplänkel zwischen einem ehemaligen Pfälzer und einem Sauerländer endlich beendet wird?

Hier ist nämlich ein uralter Clinch begraben zwischen den ersten Amerikanern und den ersten pfälzischen Einwanderern:

„Benjamin Franklin machte sich besonders gegen die Zuwanderung aus deutschen Landen stark. Die „Palatine Boors“ waren ihm zu unenglisch. Und im Übrigen vertrat er die Ansicht, die koloniale Bevölkerung würde sich auf natürliche Weise schon ausreichend vermehren.“

Damals also waren die „Boors“ aus Deidesheim und Umgebung genau das, was bei uns heute mohammedanische Einwanderer sind: unerfreuliche, antiamerikanische „Stadtbild-Schmutzflecken“.

Kann man sich etwa die Sippe Kohl auf dem ewigen Treck durch den Wilden Westen vorstellen?

Schon allein, dass die Deutschen immer amerikanischer haspeln, zeigt ihre fortschreitende Amerikabewunderung. Gewiss wird das demnächst zum Crash kommen – wenn die ersten Musk-Raketen über dem alten Kontinent explodieren werden.

Dem Benjamin Franklin waren die Deutschen zu graecophil, er wollte die Demokratie selbst erfunden haben – ohne Sokrates und seine Marktplatzgesellen. Also sollten die Deutschen keine große Rolle spielen im Aufbau des neuen Landes. Die Franzosen und die Engländer – ja natürlich, aber bitte keine Kallstädter. Und ausgerechnet ein solcher sitzt jetzt frech mitten im Weißen Haus.

Oh Pfalz, Gott erhalts, haben wir uns jetzt verirrt?

Nein, wir sind nur tricky und haben einen Bogen geschlagen. Also, warum sind wir heute so abgeschlafft, wenn im brasilianischen Belem die Menschheit zusammengekommen ist, um die Welt zu retten?

Da müssen wir zuerst klären, von wem der Satz stammt: Du kannst, denn du sollst? Natürlich von Kant, dem Urbild der deutschen Aufklärung. Hier war die moderne Welt noch nicht ganz zerfetzt. Hier gab es noch selbstverständliche Harmonien. Zum Beispiel zwischen Können und Sollen.

Die europäische Aufklärung wurzelte in der italienischen Renaissance. Dort war ein riesiger Hunger nach Wiederentdeckung der griechischen Naturphilosophie entstanden, aber keiner nach der Moral der athenischen Philosophen.

„Ein unbegrenzter Durst nach Macht, Erfolg und Ruhm verdrängt die sittliche Beurteilung als ein kindisches Vorurteil; die schroffen Sätze eines Machiavelli formulieren nur, was das Tun der Zeit beherrscht; auch verruchteste Handlungen rechtfertigt im Bewusstsein dieser Zeit die „Staatsraison“. … Wie auf diesem Gebiet die Entwicklung von Kraft und Technik die moralische Beurteilung weit zurückdrängt, so ist dem Moralischen überhaupt der Boden der Renaissance wenig günstig. Es fehlen zusammenhaltende sittliche Mächte, die dem einzelnen entgegentreten, seine Neigungen messen und zügeln, seine Gesinnung läutern.

Daneben entwickeln sich aber auch Kraft- und Gewaltmenschen grauenhafter Art, Bestien in Menschengestalt, die kunstgerecht auch das Verbrechen betreiben. Der Durchschnitt bietet ein merkwürdiges Nebeneinander von Höherem und Niederem, von Edlem und Gemeinem, oft in derselben Persönlichkeit; sobald die Moral dem Naturtriebe widerspricht, erscheint sie als lästiger Zwang, der die volle Nutzung der Kraft verhindert und eine unbefangene Behandlung der Dinge hemmt.“

Fühlt sich jemand an Trumps dämonisches Genie erinnert? Auf jeden Fall beginnt hier der siegreiche Weg der Amoral, der im Dritten Reich seinen grauenhaften Höhepunkt erreichen wird.

Das erzeugt selbstverständlich hässliche Erscheinungen, die unter der religiösen Dominanz des frommen Mittelalters unmöglich gewesen wären. Jetzt aber drängen sie aus dem verbotenen Untergrund ins helle Tageslicht und verbieten sich jegliche überhebliche Verurteilung von fremder Seite.

Auch Luther hat einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser Emanzipation des Bösen. Der Sünder wird nicht gerecht durch Werke des Gesetzes, sondern allein durch Gnade. Fehlt nur noch die Verunglimpfung der Gnade und Luther gehörte zu den Erfindern der modernen Amoral.

„Nun darf nicht mehr der eine Mensch den anderen lenken und leiten, sondern jeder hat selbstständig aus eigener Kraft Wahrheit und Glück zu erringen. Nun wird die eine volle Kehrseite empfunden: die überkommene Gesellschaft erscheint mit ihrer durchgängigen Bindung des Individuums an die Umgebung als die schwerste Gefahr für seine Kraft, seine Seele, sein Glück.“ (alle Zitate bei Rudolf Eucken, Die Lebensanschauungen der Gro0en Denker)

Jetzt stehen wir am entscheidenden Punkt: an der Frage, woher kommt die Kraftlosigkeit, die seelische Verderbnis, der Pessimismus des Individuums?

Antwort von früher: an der zunehmenden areligiösen Entwicklung der Gesellschaft. Heute würde man sagen: an der „rechtspopulistischen“ Entwicklung der Gesellschaft. Was rechts und links ist, soll niemand erfahren.

Heute sagt man: an der individuellen Veranlagung des Einzelnen zur Depression, zu ADHS etc.

Die Schäden der Einzelnen haben heute nichts mehr zu tun mit dem Verfall der ganzen Gesellschaft. Die wachsende Freiheit des Einzelnen wird als selbstverständlich angenommen, die psychischen Krankheiten der Individuen spielen keine Rolle.

Individuelle Analysen des Ich und politische Analysen der Gesellschaft fallen noch immer auseinander. Zur Erforschung der Gesellschaft gehört keine psychische Individualanalyse. Was hat das Ich mit der Gesellschaft zu tun, die Gesellschaft mit dem Ich? Marx und Freud bleiben weiterhin getrennt. Linke nennen sich noch immer Marxisten, unter Politikern findest Du kaum einen Seelenforscher.

Die schnell um sich greifende Vermassung und Verpöbelung der Menschen im Netz gilt inzwischen als etwas Natürliches, die Sittenlosigkeit ist allein das Werk der vielen Einzelnen. Auf keinen Fall haben wir es mit Kollektivveränderungen zu tun – die zur Frage führen müsste: was ist los mit uns allen?

Früher war das noch anders.

„Der Mensch fragt nicht, wie ihm selbst sein Tun gefalle, sondern was die anderen dazu sagen. Niemand wagt er selbst zu sein. „Man muss es machen wie die anderen“, das ist die Hauptmaxime der Weisheit. „Das tut man, das tut man nicht: das gilt als die letzte Entscheidung.“ Das Ich verschwindet vor dem Man. (Bald wird Heidegger das Leben im Man als Element der Moderne bezeichnen.) Sich selbst entfremdet, begehrt der Mensch nicht das Einfache und Nahe, sondern das Ferne und Verwickelte. (Heute muss alles komplex sein, damit es wertvoll ist.) So ein unwahres, unselbständige elendes Leben: konventionelles Unkraut überwuchert alle echte Natur und reine Menschlichkeit.

Deshalb wird zum Losungswort die unverfälschte Natur. Ohne Eingreifen unsererseits würde sie sich in vollster Freiheit entfalten; auf einfachen Empfindungen des Menschen gründet sich ihr ganzes Leben.“

Die moderne Popmusik ist nicht verständlich ohne diese „Einfachheit des Selbsterlaubten“.

Die wiederum führte zu einer neuen Nähe mit der Natur, die schließlich in die erste ökologische Bewegung mündete.

„Aller Einzelarbeit voran steht die Sorge um einen neuen Menschen, einen kräftigen, einfachen, glücklichen Menschen, der nicht an anderen Menschen und Dingen hängt, sondern bei voller Gesundheit seiner Natur auf sich selber steht, der „nur will, was er kann, und nur tut, was ihm gefällt.“

Doch auch diese Entwicklung stößt an ihre Grenzen und fühlt sich ständig schwächer und kraftloser.

Die heutige Gesellschaft weiß nicht mehr, wo sie ihre psychische Kraft herholen soll. Einerseits zur rasenden Geschwindigkeit verpflichtet, kommt sie andererseits nicht auf die Idee, dass sie dadurch alle erneuerbare Energie verliert.

Der Begriff Aufklärung sagt ihr nichts mehr, so wenig wie die mittelalterlichen Begriffe, die von der Aufklärung überwunden wurden. Hier steht er, er kann nicht mehr anders. Und nun?

Alle Energie der Natur entstammt den Wechselbeziehungen ihrer Elemente. So auch in der menschlichen Gesellschaft. Nur gleichwertiges Geben und Nehmen aller Teilnehmer garantiert allen die Kraft ihrer symbiotischen Teilhabe.

Fortsetzung folgt.