Tagesmail vom 30.03.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XLV,
Genial ist klitoral. Genial ist männlich, klitoral weiblich.
Posaunt ein Mann seinen überraschenden Schrei der Erkenntnis in die Welt hinaus, glaubt er, das weibliche System der Terra Madre an seinem empfindlichsten Punkt getroffen – und überwunden – zu haben.
Der Brunftschrei der überraschenden Erkenntnis ist der Triumph des sinnlich empfindungsschwachen Mannes über das sexuell überlegene Weib.
„Pausanias zufolge war die arkadische Stadt Klitor der Artemis oder der Demeter geweiht und lag am genitalen Heiligtum der Erde, dem Quellfluss des Styx. Die Bedeutung dieses geographischen Mythos wird durch den alten Glauben erhellt, der Styx stelle das Menstruationsblut von Mutter Erde dar, den Ursprung und das Ende aller Dinge.
Die spätere patriarchalische Gesellschaft ignorierte die Klitoris. Die christliche Kirche lehrte, Frauen dürften keine sexuellen Freuden erfahren, sondern müssten den Geschlechtsverkehr lediglich aus Gründen der Fortpflanzung über sich ergehen lassen. Deshalb wurden die heranwachsenden Mädchen und Jungen in Bezug auf die weibliche Sexualität irgend möglich in Unwissenheit belassen. Selbst Ärzte kamen zur Ansicht, dass bei einer tugendhaften Frau keine Klitoris vorhanden sei.
Seit dem Mittelalter zeigten sich die tugendhaften Frauen kaum jemals einem Mann nackt, noch nicht einmal ihrem Ehemann; so war es keine Überraschung, dass die Männer keine Ahnung von der weiblichen Anatomie hatten, an der sie ungeschickt im Dunkeln herumtasteten. Fromme Ehepaare trugen die chemises cagoules, lange Nachthemden mit je einem kleinen Loch an der Vorderseite, das eine Befruchtung ohne allzu viel Körperkontakt ermöglichte.
Erst bei einem Hexenprozess 1593 entdeckte der untersuchende Scherge offensichtlich zum ersten Mal eine Klitoris und identifizierte sie als Teufelsmal. Die Zuschauer hatten noch nie zuvor so etwas gesehen. Die Hexe wurde verurteilt.“
(Lexikon, Das geheime Wissen der Frau, Artikel Klitoris)
„Die europäische Kultur wusste sicherlich alles über den Penis und hörte nie auf, ihn zu verehren. Aber die Klitoris wurde vergessen.
Die medizinischen Autoritäten des 19. Jahrhunderts scheinen eifersüchtig darüber gewacht zu haben, dass die Frauen ihre eigene Sexualität nicht entdeckten. Mädchen, die durch Masturbation gelernt hatten, ihre orgasmische Kapazität zu entwickeln, wie es ja auch die Jungen lernten, wurden als ein medizinisches Problem betrachtet. Sie wurden oft durch eine Amputation oder ein Ausbrennen der Klitoris „behandelt“ oder „geheilt“, auch durch „Miniaturkeuschheitsgürtel“, Zusammennähen der Schamlippen, sodass die Klitoris nicht mehr zu erreichen war, sogar durch Sterilisation, indem die Eierstöcke chirurgisch entfernt wurden.
Es gab aber nie Hinweise auf eine chirurgische Entfernung der Hoden oder eine Amputation des Penis, um die Masturbation bei Jungen zu unterbinden.“ (ebenda)
In den USA wurde die letzte nachgewiesene Klitoridektomie zur Behandlung von Masturbation 1948 durchgeführt – bei einem fünfjährigen Mädchen.
Es ist noch nicht einmal ein Jahrhundert her, dass die Ärzte und Priester der viktorianischen Epoche feststellten: »Die totale Unterdrückung der weiblichen Sexualität ist von entscheidender Wichtigkeit, um die Unterordnung der Frauen zu sichern.«“ (ebenda)
Sind wir in der Gegenwart angekommen, um die schlimmen Spuren der Vergangenheit allmählich zu entdecken?
Nicht so schnell. Zuerst müssen wir die Phallusverehrung aufstöbern.
Religionen mit weiblicher Gottheit nennen diese Yoni.
Religionen mit männlichem Gott beten den Phallus an.
„Patriarchalische Semiten verehrten ihre eigenen Genitalien und leisteten bindende Eide, indem sie gegenseitig die Hand auf die Intimteile des anderen legten, eine Sitte, die unter Arabern bis heute gebräuchlich ist.“
Abrahams Knecht schwor, indem er die Hand „unter die Hüfte“ seines Herrn legte (Gen. 24, 9), denn die „Hüfte“ oder „Lende“ war ein verbreiteter euphemistischer Ausdruck für „Penis“.
Phallusverehrung ist in vielen Symbolen der Moderne auszumachen – weniger im Zusammenhang mit Zeugung als mit dem Tod. Gewehre, Kanonen, Raketen und andere Waffen sind Phallussymbole. „Dominierende Männer“ (wie heute Trump) sind „Kanonen“.
Den gegenwärtigen Konflikt um „virtuelle Vergewaltigung“ kann man nicht verstehen ohne Rekurs auf die Vergangenheit der phallischen Männerreligion. Die christliche Religion ist eine Variation der männlichen Phallusreligion.
Vergewaltigte Frauen zögern oft, ihre Angreifer zu verletzen. „Frauen nehmen oft die Verantwortung auf sich, wenn Männer sie als Beute behandeln. Das ist nicht nur eine verrückte Marotte der Frauen. „Kein Mann trägt je die Schuld“.“
Eine junge Frau schrieb kurz nach Kriegsende: „Als ich zum ersten Mal in der Stadt wohnte und an den Bauarbeitern vorbeiging, die ihre Mittagspause machten, hörte ich all diese schrecklichen Bemerkungen. Ich wusste nicht recht, wie ich damit umgehen sollte. Ich war verwirrt, weil ich Brüste hatte. Ich hatte das Gefühl. Es sei mein Fehler, dass ich sie habe und natürlich verdiente ich es, Bemerkungen darüber zu hören. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Sie müssen sich ändern, nicht ich.“
„Die meisten Vergewaltiger waren früher Angehörige einer frommen Sekte und hatten gelernt, Sexualität in christlicher Manier als etwas Böses zu betrachten. Insgesamt waren Sexualtäter äußerst naiv in sexuellen Dingen, sie fühlten sich minderwertig, hatten in der Kindheit unter sexuellen Ängsten und Nöten gelitten – und keinerlei sexuelle Aufklärung erhalten.“
Was ist das Ergebnis unserer kleinen Vergangenheitsaufklärung?
Das Weib ist minderwertig, muss sich unter den Mann ducken. Mit ihr kann man machen, was man will.
Sind wir mit der heutigen Spurensuche etwas weitergekommen?
Viel Getöse erleben wir um eine einzige „virtuelle Vergewaltigung“. Aber keine einzige gründliche Spurenlese im christlichen Sumpf.
Religion ist wieder in, und ohne Heiligen Geist geht nichts.
In Wirklichkeit dominiert uns noch immer ein religiöser Totalnebel.
Die führenden Geister, die Genies der Wissenschaft, salben sich mit dem Balsam der Untrüglichkeit. Sie sind die Erben der Propheten und die fehlerlosen Interpreten heiliger Texte.
Als nach dem Sündenfall die schuldige Frau ihre göttliche Strafe erwartete, sprach der Schöpfer:
„Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Nach deinem Mann hast du Verlangen / und er wird über dich herrschen.“
Noch Fragen, Kienzle?
Fortsetzung folgt.