Tagesmail vom 02.03.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XLI,
Die neuen uralten Gebote des Menschen, der überleben will:
Will der Mensch überleben, muss er endlich zur Sache kommen.
Die Sache des Überlebens ist eine Frage rückhaltloser Wahrheit.
Nicht amputierte Wissenschaft entscheidet über Wahrheit, sondern der rückhaltlose Dialog aller Menschen, die sich der Logik und Erfahrung bedienen.
Logik ist strenge Folgerichtigkeit, Erfahrung verfügt über ein vielfältiges Wissen über die Welt.
Was bedeutet: die Menschheit muss miteinander ins Gespräch kommen, sich einigen und zu einem Beschluss durch Einsicht kommen.
Solange sie nur rechthaberisch zanken, werden sie einer weltweiten Krise und einem vernichtenden Krieg nicht entgehen.
Erst wenn sie sich in einem Gesamtergebnis einigen, erhalten sie die Chance, die Erde zu retten.
Sie benötigen keine zehn Gebote, die die Erwählten von den Verworfenen trennen, sondern sollen allen die Chancen geben, das Ziel der Geschichte gemeinsam zu erreichen.
Dieses Ziel ist die Wahrheit der Natur, keines übernatürlichen Gottes, der seine Lieblinge aussondert, die Unliebsamen verdirbt und die Gehorsamen retten will – für die nächste Schöpfung, die er erneut mit der Kraft seines Wortes schaffen will.
Die Philosophie einer überlebensfähigen Erde besteht aus zwei Faktoren: dem lernfähigen Menschen und der selbst-lernenden Natur, die keine Offenbarungen benötigt, um sich permanent zu erneuern und den Lebewesen die Chance eines sinnvollen Lebens zu verschaffen.
Niemand ist allwissend, auch die Menschheit nicht. Die Lernkurven des Menschen und der Natur sind keine endlosen Linien in eine unbekannte Zukunft, sondern das geduldige Abschreiten eines sich stets wiederholenden Kreises.
Dieses Wissen von der selbstlernenden Kurve ist nicht allen Menschen bekannt, sondern nur jenen, die sich von allen übernatürlichen Wesenheiten und Eingriffen gelöst haben und sich auf ihre autonomen Lernfähigkeiten verlassen.
Die Gesetze einer gerechten Wirtschaft sind nicht von Oben diktiert, sondern sind Errungenschaften einer autonom lernenden Menschheit – die sie je nach Erfahrung verändern können, um das Bedürfnis nach Gerechtigkeit aller Wesen zu befriedigen.
Das ist nichts Neues, sondern die Erfahrung jener Völker, die schon lange die Fähigkeit des Selbstlernens – gelernt haben.
Dazu gehören nicht jene westlichen Völker, die sich der Offenbarung des Himmels unterworfen haben und nun glauben, die Welt beherrschen zu können.
Gerade die indigenen Völker, die sich keinem narzisstischen Fortschritt verschrieben haben, sondern beim Erkenntniswillen der Natur geblieben sind, kennen die Grenzen der Menschheit genau, die es ihnen ermöglichen, autark zu lernen und fröhlich zu leben.
„Im Kreis offenbart sich die indianische Philosophie. Wer einen Kreis abwandelt, erreicht wieder den Punkt seines Aufbruchs – also muss er die Erde in einem Zustand hinter sich lassen, der auch den nachfolgenden Menschen Lebensmöglichkeiten garantiert. Die Bewegung im Kreis ist kein konservatives Verharren, kein Auf-der-Stelle-Treten, sondern muss als Spirale gesehen werden, auf der alles fortschreitet, Veränderungen aber nur vornimmt, solange das bekannte Gleichgewicht nicht gefährdet wird. Entgegen unserer eurozentrischen Weltanschauung, die Natur zu unterwerfen und unangenehme Umweltbedingungen zu bezwingen, fügten sich die Indianer ein in die Härten der Wildnis. Die Abhärtung des Körpers zielte auf eine weitgehende Unabhängigkeit gegenüber den Unbillen, die das Leben im Freien mit sich brachte.“
Während der westliche Mensch nur endloses Wirtschaftswachstum kennt und nie genug mit maschinell bearbeiteten Naturdingen erbeuten kann, begnügt sich der Eingeborene mit dem, was er zum schlichten Leben braucht. Überfluss ist schädlich und verdirbt den Charakter des Menschen.
Es gibt nichts Schädlicheres zur Rettung der Natur als ein permanentes Wirtschaftswachstum. Wir brauchen dringend ein global gesteuertes Schrumpfen der Naturverwüstung.
In der Moderne werden konträre Charaktereigenschaften verlangt: wer sein Geld nicht zusammenhalten kann, wer seinen Privatbesitz nicht hütet, wer keinen Gewinn anstrebt, fällt aus der sozialen Norm.
Wer nimmt, muss auch geben, die eigenen Gaben, je reichlicher vorhanden, garantieren die Gaben anderer, die in der Gemeinschaft gleichmäßig verteilt werden.
Die Gemeinschaftlichkeit des Besitzes war das Geheimnis ihrer sozialen Überlebensfähigkeiten. Persönlicher Besitz hätte den Spott der Allgemeinheit hervorgerufen.
Geben und Nehmen sind die wichtigsten Elemente einer wahrhaft kollektiven Gesellschaft. Der ewige Konflikt der westlichen Herrenmenschen, durch Konkurrenz ihre Nachbarn zu überflügeln, ist hier unbekannt. Grundsätzliche Streitigkeiten zwischen sozialen und egoistischen Parteien sucht man hier vergebens.
Familien sind das Vorbild des Stammes, der Stamm ist nichts anderes als eine größere Familie, die in allen Dingen zusammenhält. Hier braucht man keine Bergpredigt, um die Verbundenheit der Menschen mit gnadenhafter Agape zu erhalten.
Von Natur aus fühlen sich alle Menschen miteinander verwandt. Hier gibt es keinen Sündenfall, welcher Mann und Frau in Herr und Magd spaltet und die Gesellschaft in eine Geschichte der Klassenkämpfe.
Mängelerscheinungen in dieser Naturgemeinschaft kann es im Allgemeinen nicht geben. Wer Hunger leidet, wird problemlos von seinen Stammesgenossen ernährt. Natur wird gerecht verteilt, bis nichts mehr übrig ist. „Der verachtetste Mann ist der Reiche, der seine Reichtümer nicht an seine Umgebung verteilt. Er ist es, der wirklich arm ist.“
Die kapitalistische Moderne verlangt genau entgegengesetzte Charaktereigenschaften. Wer sein Geld nicht zusammenhalten kann, wer seinen Privatbesitz nicht hütet, wer keinen Besitz anstrebt, fällt aus der sozialen Norm.
Nehmen und Geben fließen als ethnische Normen in alle Bereiche der Erziehung. Dies reicht vom privaten Geschenk bis zur Ökologie. Wer nimmt, muss auch geben. Selbst überschüssige Muttermilch ist Allgemeinbesitz.
Das Anhäufen von persönlichem Besitz hätte dem Besitzer Ansehen gekostet und ihn dem Spott der Allgemeinheit ausgesetzt.
Wir sehen: fast alles entspricht jenen Utopien, die man in Europa für irreal hält. Wer hierzulande eine utopische Politik anstrebt, gilt als lächerlicher Traumtänzer.
Hierzulande muss man endlose Beute einfahren, um eine stetig wachsende Macht zu erreichen. Macht ist das einzige Ziel der Egoisten, um sich Ansehen unter seinen Mitmenschen zu verschaffen.
Zwei gegensätzlichere Kulturen als die indianische – und die technisch fortgeschrittene und geldsüchtige des Westens kann man sich nicht vorstellen.
Die christliche Religion im Westen war alles andere als die indianische. Sie wollte fanatische Anhänger, die durch ihre verschiedenen Glaubensfähigkeiten zwei völlig unterschiedliche Endlösungen anstrebten.
Selig ihr Armen, denn euch gehört die Gottesherrschaft.
Wehe euch, die ihr jetzt satt seid, denn ihr werdet hungern.
Kein Sklave kann zwei Herren dienen … Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Dazu kommt, dass Jesus den absoluten Bruch mit der Familie und den Verzicht auf eigenen Besitz fordert – damit der Jünger ganz zum Dienst für die Gottesherrschaft bereit ist.
Armut war kein anzustrebendes Ideal, sondern galt strikt als Gottes Züchtigung.
Frühchristliche Ethik kann uns daher keine allgemeine Norm liefern. Das Wissen um das selbstsüchtige Herz des Menschen verbietet dem Menschen geradezu den utopischen Glauben an die Möglichkeit einer vollkommenen Endgesellschaft, an ein ideales Reich der Freiheit – dessen Ziel die Gleichheit aller Individuen und das Ende der „Herrschaft von Menschen über Menschen“ ist.
Kein Wunder, dass es in christlichen Völkern keine gleichen Sozialsysteme geben kann. Gerade die jetzt aufbrechende Kluft zwischen USA und der EU zeigt die fundamentalen Unterschiede zwischen beiden Kulturen. Bislang war Amerika großzügig in der Behandlung des frechen Europa, doch jetzt will der einstige Mentor nicht länger im Schatten seiner auftrumpfenden Zöglinge stehen bleiben.
Während Trump & Co immer mehr in wirtschaftliche und maschinelle Utopien verschwinden, weiß Europa nicht mehr. wohin es sich entwickeln soll.
„Ist es mir nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu tun, was ich will?“
Das ist das Ego-Motto von Silicon Valley, das immer mehr danach drängt, ins Endlose, ins Universum zu dringen. Wer nicht mitkommt, ist selber schuld. Das ist das Geheimnis des Neoliberalismus, der an den radikalen Egoismus der Menschen appelliert.
Armut erschien nicht als Ideal, sondern allein als Gottes Züchtigung. Jesus war kein Vorläufer von Marx, sondern ein Verkündiger jenseitiger Belohnungen und Bestrafungen.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Ergo war es vor allem wichtig, die Wanderung durch dieses Reich mit großem Enderfolg im Jenseits zu vollenden. Der Erfolg im sündigen Reich der Erde war belanglos.
Trachtet zuerst nach der Gottesherrschaft und Gottes Gerechtigkeit und dies alles wird euch dazu gegeben werden!
Mann, wer hat mich als Richter und Erbteiler über euch gesetzt?
All diese Punkte sind dem Eingeborenen, dem Freund der Natur, völlig fremd.
Sie träumen nicht vom Jenseits, sondern leben existentiell auf der Erde. Ein Indianer beschreibt den Unterschied:
„Unsere Philosophie ist eine der gegenseitigen Fürsorge und des gegenseitigen Respekts, des Teilens und der Harmonie mit allen Dingen.
Eure Philosophie hingegen besteht vor allem aus Wettbewerb, nennt sich allgegenwärtige Konkurrenz. In unseren Survival Schools hingegen herrscht das Konzept der Zusammenarbeit, der gegenseitigen Unterstützung, Verantwortung und Hilfe.
Weshalb in Indianerschulen vor allem das Warum untersucht wird, nicht die Vorgeschriebenheit eines diktatorischen Lernplans.“
Indianische Kinder würden niemals freiwillig in deutsch-preußische Untertanenschulen gehen, weil sie die Unfreiheit des fremdbestimmten Lernens nicht ertragen würden. Die Bestimmung ihres Lehrplanes liegt allein in ihrer Hand.
Wie kann die deutsche Schule behaupten, Kindern ein objektives Wissen zu vermitteln, wenn deutsche Schüler immer mehr das Gefühl haben, nicht mehr zu wissen, wohin ihre Reise gehen soll?
„Der Indianer betrachtet die Erde als Mutter, ihr Land ist nicht verkäuflich, nicht aufteilbar. Schüler lernen vor allem, dass das Land heilig ist, dass wir ohne Mutter Erde nicht existieren können. Denn die Früchte, die sie trägt, erhalten uns am Leben.“
(Alle Zitate aus Claus Biegert: „Indianerschulen“,
aus der „Heiligen Schrift“, sowie
aus Martin Hengel: „Eigentum und Reichtum in der frühen Kirche“)
Fortsetzung folgt.