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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XL

Tagesmail vom 23.02.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XL

Merkwürdige Stille über dem endlosen Lärm der Tiefe.

Was geschieht in den Etagen der Abgehobenen? Wissen sie nicht mehr, wohin die Reise geht? Nähern wir uns einem globalen Nullpunkt?

Ist die Erde aufgeteilt genug? Sind die Herren des Kosmos saturiert? Dann droht tödliche Langeweile in der Zeit, die kein Kreis sein will, sondern ins Ungefähre davoneilt.

Wer nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, muss in die Vergangenheit blicken:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkranz zu,
in unsren Herzen brennt eine Sehnsucht,
die läßt uns nimmer mehr in Ruh.
Herrliche Berge, sonnige Höhen,
Bergvagabunden sind wir.

Mit Seil und Haken, den Tod im Nacken,
hängen wir in der steilen Wand.
Herzen erglühen, Edelweiß blühen,
vorbei geht´s mit sicherer Hand.

Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen,
ach, wie so schön ist die Welt.
Handschlag, ein Lächeln, Mühen vergessen
alles auf’s beste bestellt.

Beim Alpenglühen heimwärts wir ziehen,
Berge, die leuchten so rot.
Wir kommen wieder, denn wir sind Brüder,
Brüder auf Leben und Tod.

Lebt wohl ihr Berge, sonnige Höhen,
Bergvagabunden sind treu.“

Nein, wir sind keine Brüder, schon gar keine Brüder auf Leben und Tod. Nein, die Welt funkelt schon lange nicht mehr. Sie ist ausgedorrt und ausgemergelt.

Nein, Herzen erglühen auch nicht, Edelweiß, sie blühen nicht, vorbei geht’s nicht mit sicherer Hand.

Nein, in unseren Herzen brennt keine Sehnsucht. Da brennt das Nichts.

Seltsames schwirrt in der Atmosphäre, nichts Geringeres droht als sphärische Langeweile. Langeweile ist die Todesstrafe für eine leergepumpte Gattung.

Warum sind wir alle kraftlos und erschöpft, warum kriechen wir mühsam auf den Knien herum?

Warum sind uns Kinder zur Last geworden?

Vergangenheit ist mausetot, eine Zukunft ist nicht zu sehen.

Von hinten dringt eine nervöse Stimme aus dem Erdloch: „The greatest Realityshow“ soll die Erde retten? (TV-Programm)

Weltpolitik soll eine Show sein? Eine Show? Keine Wirklichkeit?

Wäre das, antik gesprochen, eine „berechtigte Täuschung“, eine künstlerische Illusion? Das war einst der Begriff für die „Seelenlenkung“ des Volkes.

„Wer diese Täuschung herbeizuführen weiß, wird seiner Aufgabe mehr gerecht als der, der es nicht versteht. Und wer sich dieser Täuschung hingibt, ist sachverständiger, als wer es nicht tut.“

Dann wären Trump & Genossen die Show-Tragiker der Moderne?

Gelehrte behaupten, die junge athenische Demokratie begann schon zu kränkeln, als die Tragödie erfunden wurde.

„Verschwinden soll nämlich infolge der durch die Tragödie erregten Affekte der eigene Kummer und die eigene Unzufriedenheit des Zuschauers. Der Ausgangspunkt dürfte hier der Gedanke gebildet haben, dass man „den Ernst der Gegner mit Gelächter zunichte machen müsse. Das allernächste Beispiel für die Theorie von der „berechtigten Täuschung“ bot die Schauspielkunst, die auch – wörtlich genommen – „Heuchelei“ bedeuten konnte.

Trump wäre demnach kein realistischer Weltpolitiker, sondern ein täuschender Showman, ein Faxenmacher, der sich selbst wundert über die Erfolge seiner Show.

Ist das der Grund, warum die Deutschen wieder mit ihrer Ex-Kanzlerin zu kokettieren beginnen?

„Die ehemals real mächtigste Frau Deutschlands hat mit über 70 Jahren eine ganz neue Form der Macht für sich entdeckt: die Wirkmacht. Sie guckt schon wieder so. Da kann Friedrich Merz sich noch so sehr am Podium verausgaben, fünfundsiebzig Minuten am Stück reden, zehn Minuten beklatscht werden. An den Merkel-Swag kommt er momentan nicht heran.“ (Sueddeutsche.de)

Und was soll die unbesiegbare Waffe der Kanzlerin sein? Ihr Lächeln, ihr schamanisches Lächeln, dem niemand widerstehen kann. Nein, sie muss nicht reden, schon gar keine Vorträge halten, ein geheimnisvolles Lächeln genügt, um ihre Kritiker zu entwaffnen.

Der Ursprung dieser geheimnisvollen Macht könnte in der Geschichte von dem Bildhauer Pygmalion liegen, der sich in seine selbst geschaffene Aphrodite-Statue verliebte. Nicht durch Wahrheit seiner Statue, sondern durch „rhetorische Erfindung“ gelang der Effekt der Publikumstäuschung.

Diese Täuschungskunst bestand darin, durch Neigungen und Abneigungen der Zuhörer, das Unwahre als „wahrscheinlich“ hinzustellen, also auf die Kunst, „geschickt zu lügen“.

Gorgias war sich dieser bedenklichen Seite seiner neuen Rosstäuscherkunst wohl bewusst und gesteht, dass man einen guten und schlechten Gebrauch von ihr machen kann – weshalb er sie mit der Wirkung „offizieller Gifte“ vergleicht.

Die Erfindung der KI hat heute den obersten Zweck, durch geschickte Täuschung die Menschheit hinters Licht zu führen. Das geschieht durch „blumenreiche Sprache“ und „hohles Wortgeklingel“.

KI ist das wirksamste Instrument, die Menschheit mit allem zu betrügen, womit sich diese betrügen lässt. Die nur praktische Zielsetzung, die Menschheit mit Erfundenem und Erlogenem in die Irre zu führen, ließ die Rhetorik in antiken Zeiten die „Wahrheit und ernste Sachlichkeit zugunsten rednerischer Scheinerfolge allzu sehr aus den Augen verlieren – und hat damit die sittliche Haltung des öffentlichen Lebens schwer geschädigt.“

Eben dies war die ästhetische Erfindung einer zweiten Kultur, die in der Lage war, die Wahrheit der echten Kultur in Frage zu stellen: die Kunst der Rhetorik, die 2000 Jahre später in Nazideutschland ihren schrecklichen Welttriumph feiern sollte.

Die echte Kultur der Wahrheit und autonomen Moral, ist heute hauchdünn abgeschmolzen – mehrfach überwuchert von der rhetorischen Schale endloser Wortverdrehungen und logischer Verwirrung.

Vor allem die Technik hat den Zweck, die Menschheit immer raffinierter hinters Licht zu führen.

Besonders die christliche Botschaft, ohnehin in vieler Hinsicht von der hellenischen Kunst infiziert, verstand es in den Jahrhunderten des Mittelalters, die Wahrheit der Philosophen derart zu verschlimmern, dass sie bis heute keine Reinigungskraft mehr in sich birgt.

Das ist der Grund, warum heute keine strengen Dialoge mehr stattfinden, keine Streitgespräche die kathartische Fähigkeit besitzen, raffinierte Täuschungen zu trennen von echter Wahrheit.

Die Verlogenheit der damaligen rhetorischen Volkstäuschungen bestand in nichts anderem als heute: ein solcher Rhetor – wie Proxenos – wollte nichts anderes mit seinen neuen Täuschungskünsten als „sich einen großen Namen, große Macht und viel Geld erwerben“.

Auch Menon aus Thessalien wollte nichts anderes als immer mehr Geld zur „Befriedigung seiner Begierden. Im Unterschied zu Proxenos war er in der Wahl seiner Mittel absolut skrupellos: Geradheit und Wahrhaftigkeit war ihm gleichbedeutend mit Torheit: Lüge, Täuschung und Meineid hingegen galten ihm als der kürzeste Weg zur Erreichung seiner Zwecke: Wer an der herkömmlichen Moral festhielt, war in seinen Augen ein Schwächling und ein ungebildeter Mann“.

Menon zieht aus dem von Gorgias als berechtigt anerkannten Machtstreben die äußersten Konsequenzen und huldigt einem Immoralismus, “der alle sittlichen Schranken niederreißt“.

Hier stehen wir am Beginn der modernen kulturellen Vervielfältigung, die durch endlose Begriffsverwirrung die ursprüngliche Lehre der eindeutigen Wahrheit im heutigen Schlamm versenkt hat.

„In der Neuzeit hat der „Principe“ Machiavellis und Nietzsche mit seiner Lehre vom „Willen zur Macht“ seiner Forderung der „Umwertung aller Werte“ und seinem Preis des Herrenmenschentums ganz bewusst an diese sophistische Theorie angeknüpft.“ (Nestle)

Das war das Recht der Starken, oder jener, die es virtuos verstanden, die Menge an der Nase herumzuführen.

Es führte aber auch zur entgegengesetzten Lehre: “der Lehre vom Recht der Schwachen“. Hier sollte nur die reine Wahrheit gelten, die durch logisches Streiten ans Licht kam.

Was hat dies alles mit der politischen Verführungskraft des geheimnisvollen Lächelns der früheren Kanzlerin zu tun?

Wie wir sahen, ist Lachen eine manipulative Kraft, um die Wahrheit des Volkes im Abgrund zu versenken. Mit Lächeln muss man nichts mehr beweisen, muss man keine Denkfähigkeiten unter Beweis stellen.

Das wenig selbstbewusste Volk von heute fühlt sich solchen schein-autarken Selbstdarstellern gegenüber grundsätzlich im Nachteil. Jetzt steht eine Zukunft bevor, die keine Sicherheit durch Wettbewerbsfähigkeit garantiert. Jetzt bräuchten wir leicht lächelnde Hohe Damen, die uns wortlos zeigen, wohin der Hase läuft.

Während ihrer Abwesenheit beim Schreiben ihrer leblosen Autobiografie verfiel der Bundestag der hybriden Männer in Trübnis. Das alles müsste wieder von vorne durchgepflügt und durchgearbeitet werden.

Eben diese Hoffnung belebt jetzt wieder die Masse der Wähler, die dabei ist, die Körpersprache ihrer geliebten Frowe wieder neu zu verstehen.

Das klingt wie das Credo der athapaskischen Tahltan-Indianer in West-Kanada:

„Die Erde lebt und ist dasselbe wie unsere Mutter. Denn bestünde die Erde nicht, gäbe es keine Menschen. Die Menschen sind ihre Kinder, und ebenso die Tiere. Sie achtet auf sie alle und versorgt sie mit Nahrung. … Die Tiere sind dasselbe wie die Menschen, sie sind von gleichem Blut, sie sind Verwandte.“ (In Gruhl, Glücklich werden die sein …)

Danke Madre Germanica, du wirst uns nicht sitzen lassen.

Fortsetzung folgt.