Tagesmail vom 29.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XI,
wachsen einige linke Pflänzchen am dürren Wegesrand?
Oder hören wir die ersten globalen Beerdigungsreden?
„Noch nie in unserer Geschichte hatten so wenige so viel Reichtum und Macht, während so viele in wirtschaftlicher Verzweiflung leben.
Jeder braucht Gesundheitsversorgung. Doch heute sind mehr als 85 Millionen Amerikaner ohne Versicherung oder unterversichert.
Jeder braucht Wohnraum. Doch fast 800.000 Amerikaner sind obdachlos, mehr als 20 Millionen Haushalte geben über 50 Prozent ihres begrenzten Einkommens für Miete oder Hypothek aus.
Jeder braucht eine gute Bildung. Doch unser Kinderbetreuungssystem ist kaputt und extrem teuer.
Jeder braucht eine sichere Rente. Doch fast die Hälfte der älteren Arbeitnehmer hat keine Rücklagen und keine Vorstellung, wie sie je in Würde in Rente gehen sollen.
Wie der Oberste Richter Louis Brandeis 1933 sagte: „Wir können in diesem Land entweder Demokratie haben oder großen Reichtum in den Händen weniger – aber nicht beides.“ (derFreitag.de)
Die Welt ist zu einer ungeheuren Grabeshöhle geworden. Einige Männchen schwirren am Rande umher und sorgen dafür, dass die Höhle nicht wieder neu aufblühen kann. Sie leben in unvorstellbarer Schwelgerei und sind dabei, von der Erde abzuheben und in den Weltraum zu fliehen.
Ja, zu fliehen. Denn schon ertragen sie nicht mehr die irdischen Zerrüttungsverhältnisse. Könnten sie mit ihren gewaltigen Vermögen nicht mit links die Erde retten?
Die meisten von ihnen haben die Menschheit bereits aufgegeben. Sie ist lebensunfähig geworden und hat es verdient, dass die Erde unter ihren Füßen wegfault.
Die Superreichen spucken aus, wenn sie den globalen Leichnam riechen müssen.
Nur die Tüchtigen und Genialen haben noch das Recht, zu überleben – die Armen in die Müllgrube.
Der Neoliberalismus prägt nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Welt. Dem folgenden Satz hätte Hayek mit Halleluja zugestimmt:
„Das Ziel der Menschheit liegt nicht an ihrem Ende: – sondern in ihren höchsten Exemplaren! – dass der große Mensch immer wieder entstehe und unter euch leben könne: – dies sei der Sinn des Erdenmühens! dass es immer wieder Menschen gebe, die euch emporheben zu ihrer Höhe, die euch das Gefühl des Verwaistseins nehmen, die euch hineinziehen in ihre Ziele und Aufgaben, die ein neues Leben, einen neuen Schwung in eure Köpfe und Herzen bringen – dies sei der Preis, um den ihr lebt!“ (Nietzsche, in Ernst Benz, Der Übermensch mit dem Aufsatz von Eugen Sänger, Übermensch und Technik)
Anstatt ihre Genies zu verfluchen, müsste die ins Grab steigende Masse ihre Erwählten auf den Berg der Erlösung führen und mit brausenden Dankeschorälen in den Himmel heben.
Schon seit 2000 Jahren fiebert die Menschheit nach ihren Bestattern und ist immer wieder enttäuscht, wenn sie allein und verlassen am Grabe sieht.
Wäre sie allein geblieben, hätte sie das Erbe der Menschheit längst vergessen und „schließlich kein anderes Leben mehr geführt als Buschneger, Eskimo und Südseeinsulaner, als Biene, Wolf und Bär. Wenn keine Genialen mehr unter uns lebten, würden Kunst und Wissenschaft erstarren, würden die Menschen vor der Plan- und Ziellosigkeit ihres Lebens verzweifeln und würden Atombomben diesen schönen Planeten bald in eine tote Wüste verwandeln.
Sollte die Menschheitsentwicklung mehr sein als die Entwicklung jeder beliebigen Tiergattung auf der Erde, können wir diesen Sinn nur im Wirken der Genialen erblicken, deren Lehren die gesamte übrige Menschheit zu vollstrecken hat, denn nur in diesen Lehren und in ihrer Durchführung unterscheidet sich der Mensch wesentlich von jeder Tiergattung.
Vielleicht unbewusst, vielleicht voll tiefer Ahnung lebt in den Köpfen und Herzen der Genialen die Sehnsucht nach ihren Brüdern über dem Sternenzelt und ihres Wirkens letzter Sinn kann nur sein, der Menschheit den Weg dorthin zu bahnen
Trägt diese Himmelssehnsucht ursprünglich noch mystische Züge und gipfelt in der Erwartung eines persönlichen In-den-Himmel-Kommens nach dem Tode, so wandelt sie sich mit dem naturwissenschaftlich-technischen Weltbild zu einer konkreten, technischen Aufgabe und konkretisiert sich vom individuellen Lebenslohn zum Ziel des Menschengeschlechts.“ (Eugen Sänger)
In der ursprünglichen Kirchensprache singen wir:
„Ermuntert euch, ihr Frommen, zeigt eurer Lampen Schein. Der Abend ist gekommen, die finstre Nacht bricht ein. Es hat sich aufgemachet der Bräutigam mit Pracht; auf, betet, kämpft und wachet! Bald ist es Mitternacht.“
Heute lassen wir die KI als Chor antreten, weil uns Lumpen und Versagern das Singen vergangen ist.
Wen wundert’s, dass den Gründern des Neoliberalismus diese Sprüche einfielen:
„Ein Ding wie Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur einzelne Männer und Frauen“ – und ihre Familien, wie sie hinzufügten. Deshalb müsse man jegliche Form gesellschaftlicher Solidarität abschaffen – zugunsten von Individualismus, Privateigentum, persönlicher Verantwortlichkeit und den Werten der Familie. Auf dieser Linie lag die Offensive, die von Margaret Thatcher energisch vorangetrieben wurde. Ihr Credo lautete: „Die Wirtschaft ist nur die Methode, das Ziel hingegen ist es, die Seele zu verändern.““ (in David Harvey, Kleine Geschichte des Neoliberalismus)
Wie kann eine Christin den Neoliberalismus als christliche Wirtschaft anbeten?
„Der ihr von ihrem Vater vermittelte christliche Glaube spielte in Thatchers späterem Leben eine große Rolle; als Politikerin benutzte sie oft religiöse Metaphern und gab sich ostentativ als praktizierende Christin.“
Nun kennen wir die Antwort: Margaret hat nie ihren Glauben geändert. Sie hat ihn nur technisch hochentwickelt und angepasst.
Ihren misstrauischen Dauerblick gegen Kohl kann man nur verstehen, wenn man die Transsubstantiation ihres Jugendglaubens in den Fortschrittsglauben von Silicon Valley mitbedenkt und nicht vergisst, dass sie den Oggersheimer als germanischen Hinterwäldler empfand.
Als Schröder den von Hayek in England eingepflanzten Neoliberalismus von Tony Blair übernahm, musste er keinen Jugendglauben opfern: er hatte keinen.
Auch der CDU ging es nicht anders – bis heute. Zwar verkauft sie einen christlichen Sozialglauben, doch was dieser bedeutet, ist ihnen längst entflohen.
Wie der christliche Heilsglaube sich in den technischen Fortschrittsglauben verwandelte, so verwandelt sich heute der Fortschrittsglaube wieder in den persönlichen Heilsglauben und wird zu einem technisch-geistigen Doppelglauben.
Der Glaube an den Fortschritt besitzt heute demnach zwei Gesichter: Das des Gekreuzigten und das algorithmische von Silicon Valley. Die Jünger Jesu sind die Genies von Silicon Valley oder die Multimilliardäre, deren Fluchtorte sich unter den neuseeländischen Wäldern verkrochen haben.
Kanzler Merz hält die deutsche Wirtschaft – immer noch eine der reichsten der Welt – für zu arm, um die Armen ausreichend zu unterstützen.
Merz ist wieder bei Malthus gelandet, der die Opfer der Wirtschaft für die Schuldigen hielt. Die Welt der Freunde des Proletariats und die Gegner des kirchlichen Glaubens haben die Welt auf den Kopf gestellt: die Opfer wurden zu Tätern, ein Sozialprogramm muss längst die Wirtschaft unterstützen.
Wie lautet das Credo des Neoliberalismus? Es klingt wie ein revolutionärer Gesang am Grab der bisherigen Demokratie:
„Die Theoretiker des Neoliberalismus hegen ein tiefes Misstrauen gegenüber der Demokratie. Regierung durch Mehrheitsentscheidung wird als potentielle Bedrohung der individuellen Rechte und der staatsbürgerlichen Freiheiten angesehen. Demokratie gilt als Luxus, den man sich nur leisten kann, solange ein relativer Wohlstand herrscht und eine starke Mittelschicht politische Stabilität garantiert. Deshalb favorisieren die Neoliberalen eher eine Regierung von Experten und Eliten.“ (David Harvey)
Eben dies ist der Grund, warum die Massen anmaßend sein müssen, wenn sie die komplexen Wirtschaftsvorgänge zu verstehen glauben. Sie verstehen nichts und sind wieder zurückgefallen auf die Ebene der Neandertaler.
Nicht nur die CDU ist aus der Zeit gefallen – ohne es zu bemerken.
Die SPD ist längst verfault: weil sie sich nur noch mit Peanuts zufrieden gibt, die sie – je nach politischen Kräfteverhältnissen – in noch fauleren Kompromissen verpackt.
In diesen Tagen können wir zwei Gänseblümchen am Wegesrand erkennen. Sie stammen von alten Theoretikern, die das Tohuwabohu der Klingbeils nicht mehr ertragen können. Das erste ist von Eliteforscher Hartmann:
„Ganze Generation SPD-Politiker muss Fehler eingestehen: Kanzler Merz will ausgerechnet beim Bürgergeld sparen. Michael Hartmann warnt: Das seien „Peanuts“ im Vergleich zu den Einnahmen aus einer Vermögenssteuer. Hier erklärt er, warum Kürzungen die AfD stärken – und weshalb er auf das BSW setzt.“ (derFreitag.de)
Und wo liegt die Ursünde der ewig-gestrigen SPD-Kompromissler?
„Seit 1998 ist die SPD mit einer Ausnahme an jeder Bundesregierung beteiligt. Passiert ist in dieser langen Zeit diesbezüglich gar nichts. Ganz im Gegenteil: Die massiven Vergünstigungen für hohe Vermögen bei der Erbschaftsteuer sind unter dem SPD-Finanzminister Steinbrück eingeführt und in der großen Koalition unter Merkel 2016 dann im Kern bestätigt und in Teilen sogar noch verstärkt worden. Kein Wunder, dass der SPD kaum jemand ihre Wahlversprechen noch abnimmt.“
Wie kann es sein, dass Milliardenvermögen nicht einen Bruchteil ihres Vermögens „opfern“ können, um die Kluft zwischen Oben und Unten zu verringern? Sind in Deutschland die Grundlagen der Moral völlig abhandengekommen?
Wäre das so, schlingerte das Land hilflos am Rand des jahrtausendealten Höllenlochs im amoralischen Abendland.
Das zweite Gänseblümchen stammt vom Juristen Heribert Prantl, der das Grundgesetz zitiert:
„Deutschland leistet sich ein Steuersystem, das es sich nicht mehr leisten kann. Zum bevorstehenden Tag der Deutschen Einheit gilt es daher zu sagen: Die Sicherung unbegrenzter Eigentumsakkumulation ist nicht Inhalt der Eigentumsgarantie. Wenn Merz und Söder sich zu Reichtums-Anhäufungsgehilfen machen, handeln sie verfassungswidrig und vertiefen die neue deutsche Spaltung zwischen Arm und Reich. Wenn sich die Politik vor der Pflicht drückt, dem Satz „Eigentum verpflichtet“ zu einer guten Geltung zu verhelfen, wenn also der Gesetzgeber seine Gemeinwohlverantwortung leugnet – dann ist Deutschland nicht der Staat, den das Grundgesetz und die Landesverfassungen konstituieren wollten.“ (Sueddeutsche.de)
Gänseblümchen sind besser als nichts. Was wir aber dringend bräuchten, um das deutsche Elend zu beheben, wären Pflüge mit Tiefgang, um den uralten Moder des Landes wirksam auszumisten.
Die christliche Lehre kann man nach Belieben ausdeuten. Jeder kann sich auf die biblia sacra berufen, um seinen eigenen Weg zu sacrifizieren. Was aber beliebig ist, ist im selben Augenblick belanglos.
Prantl zitiert das Grundgesetz mit dem Satz:
„Eigentum verpflichtet.“
Was hingegen steht in Matthäus 20, 15?
„Ist es mir nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu tun, was ich will?“
Fortsetzung folgt.