Tagesmail vom 26.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben X,
Die Apokalypse kommt nicht, längst ist sie da.
Was Novalis und andere romantische Deutsche ersehnten, ist weitgehend präsent, vor allem in Gods own Country. Schon vorher war sie in antichristlichem Chaos im heiligen Germanien zu schrecklicher Realität geworden.
Friedensgestimmt – Christ und Antichrist sind wie Pat und Patachon – hatte Novalis noch gefragt:
„Wann und wann eher? Darnach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muss kommen, die heilige Zeit des Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt seyn wird; und bis dahin seynd heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium und bleibt dem wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod.“ (Die Christenheit oder Europa)
In der deutschen Apokalypse wird keine Rücksicht auf Moral genommen.
„Der Graf greift denn auch sofort die entscheidende Frage nach dem Verhältnis des „Genies“ zu den geltenden allgemeinen Moralgesetzen auf und entwickelt eine Ethik des „großen Menschen“, die diesen in aller Form von der Befolgung der allgemeinen Moralgesetze entbindet. Das Genie schafft sich seine eigne Ethik, für die es keine Regeln gibt. „Unsere Moral scheint mir zu sehr eine Häuslichkeits-Moral und mehr eine Sitten- als Thatlehre. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zu fassen, also nicht vorauszubestimmen sind, als es ästhetische gibt; beide indeß ändern allein die Welt und wehren sich der fortlaufenden Verflachung. Die Welt wird allein dadurch geändert, dass immer ein Genie nach den Geniezügen einer neuen Ethik die Häuslichkeitsmoral durchbricht und neue Verhältnisse schafft. Was das Genie in der Literatur, ist offenbar der Hochmensch in der Politik.“
An Napoleon also wird die Sonderstellung des „sittlichen Genies“ und seiner „sittlichen Geniezüge“ erläutert. Zum ersten Mal wird hier als Bezeichnung des politischen „Hochmenschen“ der Begriff des „Übermenschen“ verwandt. Bereits im ersten Augenblick der Politisierung des Übermensch-Begriffs wird die Forderung erhoben, dem Übermenschen eine eigene Ethik zuzuerkennen. Das Feuer solcher Übermenschen wirkt so „vulkanisch, anfangs verwüstend“: es gibt keine Neuschöpfung ohne die zugeordnete Vernichtung, zu der die Beseitigung der bestehenden morschen Ordnung den Anlass gibt. Wenn der Feuer-Reformator mitten aus einer faulenden, modrigen Welt eine grünende, aus einem Winter einen Vorfrühling emportreiben soll, so muss er die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens … durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fallend und bauend zugleich ist.“
In der deutschen Romantik – der Gegenkraft gegen die französische Aufklärung – wird der uralte christliche Übermensch geboren, erneut geboren. Er war ein Geschöpf des Urchristentums. Seine Übermenschlichkeit leuchtete gerade in seinem heroischen Opfertode auf, der der Welt verkündete:
„Vor keiner Bühne möchte ich stehen, wo es nichts gäbe als den Chor der Menge, der – wie bei den Griechen – bloß aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten und Hirten bestand. Welch ein Unterschied: an etwas sterben – und für etwas sterben. Schwingt euch kühn auf die schwarzen Flügel des Todes-Engels.“
„Die allgemeine Moral – die Häuslichkeitsmoral – erscheint als die Ethik der Verbote. Als die Ethik der „Schwachen“, die sich mit der Einhaltung der Verbote begnügen. Die Ethik des Genies aber ist die Ethik der Tat, deren Regeln durch den Glauben an die Kraft des Hochmenschen bestimmt werden.“ (in Ernst Benz, Der Übermensch)
Wer will behaupten, die Deutschen hätten es nicht geschafft, das Reich des Übermenschen mit seiner amoralischen Moral ins Leben zu rufen – oder in den schrecklichen Tod?
Heute ist Deutschland erneut dabei, seine Verhältnisse immer mehr verrotten zu lassen. Was humane Verhältnisse sind, scheint das Land der Wirtschaft zu vergessen.
Ein „harmloses“ Beispiel:
„Die Anzahl wohnungsloser Jugendlicher in Berlin ist dramatisch gestiegen. Viele von ihnen kämpfen ums Überleben. Sozialarbeiter Laurent und Lulu erzählen von Träumen, die klein sind – und von einer Stadt, die kaum eine Chance lässt. Die soziale Lage in der Stadt verschärft sich rapide. Im Januar 2025 lebten laut Behördenangaben mehr als 15.700 wohnungslose Jugendliche in Notunterkünften – drei Jahre zuvor waren es nur 6.200. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Viele Jugendliche tauchen in keiner Statistik auf, weil sie bei Bekannten unterkommen oder auf der Straße schlafen.“ (derFreitag.de)
Ein anderes unfassliches Beispiel: „Dieser Genozid ist uns näher, als wir denken. Der Krieg im Sudan hat zur größten humanitären Krise der Welt geführt. Trotzdem interessiert sich der Westen nicht dafür. Dabei könnte auch Deutschland die Folgen bald spüren. Auch in der deutschen Debatte spielt der Krieg keine Rolle: zu weit entfernt, zu grausam und außerdem unlösbar. Das ist eine fatale Fehleinschätzung.“
Die deutschen Genies waren Übermenschen des feurigen Geistes, die amerikanischen hantieren mit gottgleichen Maschinen.
In Silicon Valley, dem amerikanischen Jerusalem, haben sie sich versammelt, um ihre endlose Zukunft vorzubereiten. Regelmäßig werden sie in Deutschland vom SPRINGER-Verlag empfangen, um ihre Botschaft an die zurückgebliebenen Weltkriegsverlierer und Judenvernichter zu richten, die wieder in den Starlöchern sitzen und auf die gleißende Hochebene der Übermenschen hochstürmen wollen, um der Welt eine unbeschreibbare Überwelt zu bescheren.
Was für ein Zufall: es ist ein Deutscher, der seine überintelligenten Maschinen in Zusammenhang gebracht hat mit der christlichen Lehre von Christ und Antichrist:
„Tech-Milliardär Peter Thiel erklärt in einer Vortragsreihe, jede Form der Regulierung von Technologie diene nur dem „Antichristen“. Sein Weltbild offenbart die Endzeitstimmung, die Teile der US-Gesellschaft derzeit erfasst. Die Reihe wird von der NGO „ACTS 17“ veranstaltet, die die „Anerkennung von Christus in der Technologie und der Gesellschaft“ anstrebten. Denn was Thiel dort von sich gibt, ist brisant, hat großen politischen Einfluss und ist zugleich ein Spiegelbild jener Endzeitstimmung, die Teile der US-Gesellschaft derzeit erfasst: Laut einer Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2022, glaubten bereits damals 39 Prozent aller erwachsenen US-Amerikaner, „dass wir in der Endzeit leben“. Die Zahl dürfte seitdem noch gewachsen sein. In seinen Vorträgen malt er das Bild eines apokalyptischen Szenarios, in dem technologische Durchbrüche, etwa bei künstlicher Intelligenz oder Biotechnologie, zu existenziellen Risiken führen würden, beispielsweise durch die Erschaffung autonomer Killerroboter, von Biowaffen oder durch die Entstehung nuklearer Konflikte. Doch die wahre Gefahr wittert Thiel nicht etwa in diesen Risiken, sondern vielmehr in einer nebulösen „globalen Macht“, die entstehen könne, um sich als Retterin zu präsentieren, in Wahrheit aber der „Antichrist“ sei. Dieser Antichrist müsse nicht zwingend eine Einzelperson sein, sondern könne auch eine technokratische Struktur oder eine „hypermoralische Ideologie“ verkörpern. Als gefährlich betrachtet der paläolibertäre Thiel vor allem linke politische Figuren oder supranationale Organisationen wie die UN oder die EU – weil diese durch Regulation und Umverteilung Freiheit opfern würden. Jede Form der Regulierung künstlicher Intelligenz oder neuer Technologien beschleunige die Ankunft des „Antichristen“ und damit das Ende der Welt, sagte Thiel. Zugleich sagte Thiel in der Vergangenheit mehrfach, dass Freiheit und Demokratie nicht vereinbar seien. Ein alleiniger Herrscher mit diktatorischer Entscheidungsgewalt ist seiner Meinung nach besser als Staatsführer geeignet, als ein Parlament. Das Frauenwahlrecht habe die Welt wiederum nicht besser gemacht.“ (TAGESSPIEGEL.de)
Thiels Botschaft ist identisch mit den Taten des amerikanischen neuen Messias, der auf den simplen Namen Trump hört:
„Trump sei »Gottes Chaos-Kandidat«, hatte der texanische TV-Prediger Lance Wallnau, einer der bestvernetzten Evangelikalen des Landes, schon 2016 geschrieben. Er sei für einen »speziellen Zweck« vom Allmächtigen gesalbt worden. – Heute sind zahllose Trump-Anhänger überzeugt: Er sei ihnen geschickt worden, um die »Dämonkraten« und deren teuflisch liberale Weltsicht zu zertrümmern. Ein Land, das Andersgläubige ausweist oder zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. In dem christliche Schulen staatliche verdrängen und nicht mehr die angeblichen Irrlehren über Klimawandel, Rassismus, Diversität oder Evolution verbreiten. Kurzum: ein Land, das Wissen wieder durch Glauben ersetzt, als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Es ist der Versuch, einen uramerikanischen Mythos wiederauferstehen zu lassen. Die betont maskuline Rechtsaußen-Antwort auf eine als feminin und moralinsauer empfundene Identitätspolitik von links. Und der Versuch, den demokratischen Rechtsstaat zu beseitigen.
Schon im Februar 2024 erzählte er bei einem Wahlkampftermin mit religiösen Radiomachern, das Christentum sei »das Wichtigste, das diesem Land fehlt, das Wichtigste!«. Einmal im Amt, werde er bei allen Entscheidungen »Pro-Gott-Inhalte« vorantreiben. Lange vor MAGA hatte Trump zu einer Art Gott gefunden. Vor einem Vierteljahrhundert lernte er die fernsehaffine »Televangelistin« Paula White kennen, die er später zu seiner »spirituellen Beraterin« machte. Sie glaubt an das »Wohlstandsevangelium«, wonach Reiche wie Trump besonders hoch in Gottes Gunst stehen müssen. Sie spricht zudem schon mal »in Zungen« oder betet für Fehlgeburten »aller satanischen Schwangerschaften«. Ihr wird großer Einfluss auf Trump nachgesagt. »Mein Leben wurde aus guten Gründen verschont. Ich bin von Gott gerettet worden, um Amerika wieder groß zu machen.“
Trumps Glaubensmotto: „Wir sind nicht Demokraten, wir sind Bibelkraten.«
Auch andere Überzeugungen der Bibelfanatiker ließen sich unmöglich mit einer freien Gesellschaft übereinbringen – darunter die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungs- und Religionsgruppen, die Leugnung von Rassismus oder Homophobie.
In der Wahnwelt der Apokalyptiker handelte es sich um eine Art Teufelsaustreibung. Tatsächlich war es die erste von Gewalt begleitete Machtübergabe in der Geschichte der USA.“ (SPIEGEL.de)
Die hektischen apokalyptischen Ereignisse bestehen aber nicht nur aus transzendenten Offenbarungen. Licht ist nicht denkbar ohne Finsternis.
„In Bernard Malamuds Groteske God`Grace bleibt dem einzigen Überlebenden eines Atomschlags, dem Wissenschaftler Calvin Cohen (einer calvinistisch-jüdischen Symbiose), nichts anderes übrig, als ein Kind mit einer Äffin zu zeugen.“ (Raeithel, Geschichte der Nordamerikanischen Kultur)
Das wäre der grauenhafte Neubeginn einer absolut zertrümmerten religiösen Hochkultur.
Wie hocherregt waren die deutschen Zeitbeobachter, als Trump seine apokalyptische Laufbahn begann – und dennoch: wieviele Vorläufer hatte dieser bereits unter den amerikanischen Präsidenten. Das war kein Neubeginn, das war eine Steigerung der nach Oben führenden Heilsgeschichte.
Heute wird Putin als absoluter Bösewicht gehandelt. Seine Vorgeschichte wird systematisch unterdrückt:
„Mochten die Herzen der Amerikaner dem sympathischen Michail Gorbatschow zufliegen, Reagans Leute sorgten dafür, dass die Perestroika scheiterte. Eines ihrer Ziele bestand darin, die Sowjetunion wirtschaftlich zu isolieren. (ebenda)
Der Kampf der beiden Moralen – der „Hausfrauen- und der Übermenschenmoral – ist uralt. Er begann mit den ersten Naturphilosophen, die begonnen hatten, die Natur zu durchschauen – auf Grundlage der kausalen Welt. Was aber wird aus der Selbstbestimmung des erkennenden Menschen, wenn die logisch und kausal determinierte Natur dem Menschen keinen moralischen Freiraum lässt?
„Die ersten Atomisten konnten leicht getadelt werden, weil sie sich über die ethischen Konsequenzen der von ihnen behaupteten Zwangsläufigkeiten des Geschehens nicht äußerten und weil sie nicht erklärten, wie die Atome und die Himmelskörper anfangs in Bewegung geraten sind“, schreibt der Atomphysiker Erwin Schrödinger in seinem Buch „Die Natur und die Griechen“.
Das war die Urspaltung der europäischen Moral zwischen der traditionellen und der neuen, autonomen Moral. Nestle spricht von der Spaltung des Naturrechts der Starken vom Naturrecht der Schwachen.
„Gorgias hatte seinen Schülern den Willen zur Macht eingepflanzt. Das lag an der Bestimmung des Ziels der Rhetorik: „über andere zu herrschen.“ Ausgangspunkt war für ihn „das Naturgesetz, dass nicht das Stärkere von dem Schwächeren gehindert, sondern das Schwächere von dem Stärkeren beherrscht und geführt werde, dass das Stärkere vorangehe und das Schwächere folge.“
Das Naturrecht der Schwachen folgte unmittelbar dem Naturrecht der Starken.
„Gott hat alle Menschen freigelassen, die Natur hat niemand zum Sklaven gemacht.“
Jetzt beginnt der Kampf der Griechen um die wahre Moral. Als im Hellenismus die Griechen auf die Juden und Christen stießen, wurde der Kampf zum blutigen Entweder-Oder der europäisch-amerikanischen Geschichte.
Die Gründung der UNO schien der Höhepunkt der universellen, rationalen Moral zu sein.
Seit der Wandlung der USA in eine theokratische Demokratie gibt es eine Wiederkehr der Religion – die von den Deutschen nicht im Geringsten verstanden wird. Sie betrachten alles wie ein Hollywood-Spektakel und schlagen erstaunt die Hände über dem Kopf zusammen.
Doch auch für sie beginnt jetzt der Kampf gegen die Apokalypse, die von den Amerikanern herüberkommt. Das könnte die beiden Staaten spalten.
Nur die Befolgung einer weltweiten rationalen Moral könnte die Gefahr eines Weltuntergangs verhindern.
Fortsetzung folgt.