Tagesmail vom 19.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben VIII,
Die Tiefenreinigung des Mythos zur logischen Klarheit ist das Werk der Griechen.
Die Christen haben es bis heute nicht zur Klarheit geschafft. Sie leben mit endlosen Widersprüchen und unberechenbaren Göttern oder mythischen Figuren.
Der Satz des Widerspruchs ist ihnen „eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen.“ (Hegel)
„Gemeinsam ist den Trickstern das Moment der Veränderung. Sie kennen keine Grenzen und entziehen sich allen Normen. Sie existieren nur, damit sie Grenzen überschreiten, erneut konstruieren und schließlich zerstören können. Sie sind amoralisch und verhalten sich so sprunghaft wie launenhaft.“
Solche medialen Trickster sind uns wohlbekannt. Für sie gibt es nichts Begehrenswerteres als amoralisches Zerrütten des Natürlichen und Eindeutigen. Im Trüben lässt sich’s gut dümpeln.
Deutsche Gelehrte sind fit im Bändigen des „Komplexen“.
„Populismus teilt die Welt ein in Gewinner und Verlierer, Gute und Schlechte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Besitzer und Besitzlose, »die da oben« und »wir hier unten«, Herr und Knecht. Die Geschichte ist randvoll mit solchen Figurenpaaren. Sie dienen bis heute raffinierten Politikern, umtriebigen Menschenfängern sowie gefährlichen Menschenfeinden dazu, die komplexe Realität zu vereinfachen. Immer ging es ihren eigenen Aussagen zufolge darum, die Welt besser zu machen, also nach ihrem Gestus umzufunktionieren. Die große Idee dahinter heißt, die Gesellschaft der Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten, zu formen, zu lenken, zu bändigen, einzuhegen – letztlich aber vor allem: selbst zu führen.“ (SPIEGEL.de)
Das muss etwas Hinterlistiges und Hinterfotziges sein, in einer Demokratie selbst gestalten, formen, lenken und bändigen zu wollen. Nur höhere Stände sind zur Lenkung des Komplexen vorgesehen. Einfache Leute sollten sich zurückhalten – und den Bändigern des Komplexen gehorchen.
Nicht nur, dass der Pöbel auch regieren will, er will die Welt besser machen – eine Unverschämtheit!
„Dieser Populismus von links und rechts, von oben und unten behauptete immer, im Namen der »kleinen Leute«, der Geknechteten und Entrechteten zu agieren. Diejenigen, die sich da aufschwangen, im Namen von wem auch immer zu reden und zu handeln, gaben vor, stellvertretend für eine deutliche Mehrheit zu agieren. Dabei entstammten sie, sofern sie einer populistischen Bewegung vorstanden, selbst nie jener sozialen Gruppe, deren Bedürfnisse sie angeblich vertraten.“
So etwas sollten sie gar nicht in den Mund nehmen, da müssten sie ja erbrechen und speien: die Geknechteten und Entrechten. Selbst stammen sie gar nicht aus diesen moralisch sein wollenden Populationen.
„Die Populisten wollen nichts bewahren, sie wollen eine Welt, in der allein sie bestimmen, was ist. Sie streben eine Diktatur der Mehrheit an, das Gegenteil der repräsentativen Demokratie.“
In der Tat, das klingt nach Poppers Analyse des Platonfaschismus. Weise Philosophen wissen, wie die Herrschaft der Tugend aussieht. Aber sie wissen auch, dass der Pöbel nicht ihren Vorstellungen entspricht und deshalb an die Leine gelegt werden müsste.
Heute gibt es keine platonischen Philosophen mehr. Höchstens Experten für Thomas von Aquin oder Johann Gottlieb Fichte. Also müssen die Schlichten und Einfältigen von der Straße genommen und der hinterhältigen Herrschsucht bezichtigt werden.
Der Pöbel hält seine unkomplexe Dummheit für regierungsfähig, so weit haben wir’s bereits gebracht.
„In seinem großen Werk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« warnte der Philosoph Karl Popper, die zur Demokratie gehörende Freiheit dürfe nicht dazu führen, dass Demokratinnen und Demokraten ihren Feinden gegenüber tatenlos bleiben, weil sie ihnen begegnen wie den Anhängern der offenen Gesellschaft: »Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden von Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranten zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.«“
Kann es sein, dass Popper sich irrte? Eine endlose Toleranz gibt es nicht: das wäre Unterwerfung unter gesetzlose Gewalt. Wer diese tolerierte, um seine demokratische Kompetenz zu beweisen, wäre alles andere als tolerant – er wäre feige und unterwürfig.
Tolerieren kann man nur Meinungen, die man zwar für falsch hält, die aber von der Mehrheit akzeptiert werden und verfassungsgemäß existieren. Jeder ist befugt, mit Argumenten und dialogischen Mitteln gegen illegitime Parolen vorzugehen. Das wäre quicklebendige Demokratie.
War Hitlers Charisma demokratisch? Was überhaupt ist Charisma?
„Hitler habe zwar durchaus Scharfsinn, ein gutes Gedächtnis, eine rasche Auffassungsgabe und rhetorisches Talent gehabt, so Kershaw, sei aber ansonsten ein eher kümmerlicher Charakter mit »geringen geistigen Gaben und sozialen Fähigkeiten« gewesen. Folglich sei seine außergewöhnliche Macht nur teilweise mit seiner Persönlichkeit zu erklären. Hitler war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein Charisma war laut Kershaw »ein Produkt der Gesellschaft – ein Ergebnis der gesellschaftlichen Erwartungen und Motivationen, die Hitlers Anhänger auf ihn übertrugen«. Anders gesagt: Hitler diente Millionen Deutschen als Projektionsfläche für eine bessere Zukunft.“ (SPIEGEL.de)
Das nennt man eine tiefgründige Definition. Was ist ein Tisch? Ein Tisch. Was ein Schauspieler? Ein Schauspieler! Punkt.
„Hitler war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Was bitte ist eine richtige Zeit und ein richtiger Ort für einen Charismatiker?
„Im Neuen Testament und im älteren Christentum bezeichnet Charisma eine Gnadengabe des Heiligen Geistes.“
Was ist eine Gnadengabe, was ist Heiliger Geist?
Definition ist die Erklärung von etwas Unbekanntem mit anscheinend Bekanntem. Erst wenn ich das Unbekannte in das Netz meiner vertrauten Welt eingeflochten habe, habe ich es mit Bekanntem erklärt.
Woher wusste Hitler, zu welcher Zeit er am rechten Ort sein müsste? Kannte er die Vorlieben des Heiligen Geistes?
Gibt’s heute keine Charismatiker mehr, weil niemand mehr die Kennzeichen des Heiligen Geistes kennt? Zu welcher Zeit müsste ich an welchen Ort eilen, um die deutschen Unterkomplexen mit meinen rhetorischen Netzen zu angeln?
„Hitler war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein Charisma war laut Kershaw »ein Produkt der Gesellschaft – ein Ergebnis der gesellschaftlichen Erwartungen und Motivationen, die Hitlers Anhänger auf ihn übertrugen«. Anders gesagt: Hitler diente Millionen Deutschen als Projektionsfläche für eine bessere Zukunft.“
Ist das ein Scherz? Wo ist plötzlich die rechte Zeit und der rechte Ort geblieben? Projektionen auf die Zukunft gibt es nur in religiösen Gesellschaften, die an eine Heilsgeschichte glauben und im Religionsunterricht die Lehre von einem Herrn und Erlöser gehört haben.
Es kommt noch besser.
„Der Historiker Ludolf Herbst ging in einem 2010 veröffentlichten Buch noch einen Schritt weiter. Er hielt »Hitlers Charisma« gleich ganz für eine Erfindung der Nationalsozialisten. Mit der »Legende des charismatischen Führers« habe die NSDAP-Führung »die messianischen Erwartungen der Menschen im Deutschland der krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit« bedient und für die Partei nutzbar gemacht. Mit Charisma allein wäre Hitler tatsächlich nie an die Macht gekommen.“
Wäre Charisma die einseitige Erfindung der NSDAP-Führung gewesen, wie hätte sie eine Projektion des Volkes sein können?
„Letztlich war deshalb nicht Hitlers Charisma ausschlaggebend für seinen Erfolg, sondern die finanziellen Vorteile seiner Vernichtungspolitik für die »Volksgemeinschaft«.“
Ach, jetzt verstehen wir. Religiöse Begriffe wie Heiliger Geist oder Charisma müssen ausradiert werden, weil sie von niemandem mehr verstanden werden. Wir sind an den Ufern der nüchternen Moderne gestandet – mit nüchternen wissenschaftlichen Begriffen. Alles andere zur Erklärung außergewöhnlicher Phänomene wäre Schrott!
Ist Trump ein Faschist?
„Faschismus ist ein komplexer Begriff, der einerseits eine Bewegung und einen historischen Prozess beschreibt, andererseits aber auch eine Kampfvokabel ist. Das soll nicht heißen, dass es keine faschistoiden Elemente im Trumpismus gibt: Führerkult, Verherrlichung der Gewalt, Gleichschaltungstendenzen. Nichtsdestotrotz halte ich Trump für keinen gefestigten Ideologen. Er ist kein Alfred Rosenberg und auch kein Hitler. Ich würde ihn einen Bauchautoritären nennen. Für mich ist Trump jemand, der mit der Idee von Alleinherrschaft flirtet. Er bewundert die vermeintlich starken Männer wie Putin und Xi. Man muss Trump nicht als Faschisten bezeichnen, man kann ihn auch als autoritären Herrscher begreifen, ohne zu verharmlosen, was er macht. Das hat auch damit zu tun, dass sich heute fast jeder ermächtigt fühlt, als Amateurhistoriker mit historischen Halbwahrheiten zu argumentieren. Ich will nicht elitär klingen, aber vielleicht sollte man sich manchmal in Demut üben und lernen, wieder besser zu recherchieren und auf professionelle Historikerinnen und Historiker zu hören. Das würde der demokratischen Kultur guttun.“ (SPIEGEL.de)
Da könnte jeder kommen und mit dem Begriff Faschismus brillieren. „Das aber ist eine Schwäche der Zeit, die sich ermächtigt fühlt, als Amateurhistoriker mit historischen Halbwahrheiten zu argumentieren. Ich will nicht elitär klingen, aber vielleicht sollte man sich manchmal in Demut üben und lernen, wieder besser zu recherchieren und auf professionelle Historikerinnen und Historiker zu hören. Das würde der demokratischen Kultur guttun.“
Jawoll, Herr Historiker! Wir treten demütig zurück und überlassen Ihrem höheren Sachverstand den Vorrang, unsere dunkle Geschichte zu durchleuchten. Wie könnten wir uns anmaßen, Ihnen intellektuelle Konkurrenz zu bereiten?
Faschismus gibt es bei Ihnen nur in totalitärer „Idealform“. Wer sich dahin entwickelt, wäre für Sie nur ein Schnorrer.
Fassen wir unser Chaos zusammen. Warum ist unsere Zeit so undurchschaubar geworden? Warum glauben die meisten Zeitgenossen, auf der Höhe der Zeit zu sein? Warum gibt es keine Demut, um die brillanten Erkenntnisse der Eliten zu respektieren? Warum sind wir unfähig, unsere befleckte Vergangenheit zu durchschauen, um sie nicht mehr zu wiederholen?
Weil wir deutsche Supergenies sind, die nicht wissen, was sie wissen müssten und deshalb unfähig sind, zu lernen, was sie längst hätten erkennen müssen, um das sokratische Motto zu entschlüsseln:
Ich weiß, dass ich nichts weiß, weshalb ich lernen muss, streng logisch zu denken, fair zu streiten und gemeinschaftsbildend zu handeln.
Fortsetzung folgt.