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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben VII

Tagesmail vom 15.09.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben VII,

Die Menschheit wartet. Auf das entscheidende Ereignis. Es kann nur zwei Urereignisse geben, die das zermürbende Warten der Gegenwart beenden können:

a) Ein erd-verwüstender Atomkrieg, den nur einige Milliardäre in ihren versteckten Bunkern überleben werden – oder

b) die Menschheit einigt sich auf die gemeinsame Rettung der Natur und entwickelt sich zu einem friedlichen Planeten.

Was hätten’s denn gern, liebe Mitschwestern und Mitbrüder?

Momentan nähern wir uns, als ob wir es nicht bemerkten, der Verwüstung des Seins.

Endlich ist das Sein zu Nichts geworden, würde der auferstandene Heidegger schreiben.

Endlich können wir auferstehen, würden die Auserwählten sagen. Der Herr ließ uns sterben, damit wir ewig leben.

Endlich müssen wir nicht mehr nachdenken, sagt KI:

„ChatGPT und Co. entlasten uns vom Selbstnachdenken. Das ist keine effiziente Modernisierung, sondern ein Angriff auf das, was uns wachsen lässt. Doch während wir auf diese Weise Zeit, Aufwand und Engagement sparen, passiert etwas mit uns und in unserm Kopf. Grob gesagt: Wir verdummen. Das Gehirn reagiert wie ein Muskel. Wenn es nicht benötigt wird, verkümmert es.“ (TAZ.de)

Wir verdummen? Im Gegenteil, indem wir das Denken den Maschinen überlassen, werden wir immer intelligenter. Unser altmodisches Grübeln und Sinnieren hingegen führt uns nur in den höllischen Abgrund.

Wir müssen vorwärts kommen, das werden wir nur durch unsere superintelligenten Maschinen: Denken ist überflüssig, belastet uns und hindert uns beim Handeln. Bei welchem Handeln?

Bei der Vernichtung der todeswürdigen Kultur, die sich auf Erden breit gemacht hat.

Ob wir retten können, was wir retten müssten, um weiterzuleben? Da streiten sich die Geister:

„Wir können das Klima, so wie wir es kennen, nicht mehr retten. Die Zeit eines stabilen Klimas, das uns unsere Zivilisation ermöglicht hat, ist durch den Ausstoß von Treibhausgasen vorbei. Jetzt geht es darum, diesen Klimawandel auf ein Maß zu begrenzen, das unsere Zivilisation weiter existieren lässt. Da zählt jedes Zehntel Grad. Wir retten nicht den Planeten. Es geht auch nicht um Naturschutz. Es geht darum, die Zivilisation, die uns so selbstverständlich erscheint, in der wir jeden Morgen aufwachen, zu bewahren, und sie nicht in dieser Klimakatastrophe zu verlieren.“ (TAZ.de)

Langsam, da gibt’s noch andere Stimmen.

„Trotz aller Katastrophen gibt es Hoffnung in der Klimakrise: Ganz plötzlich könne sich die Stimmung ändern, sagt ein britischer Forscher. Wenn genügend Kipppunkte überschritten werden, so seine Botschaft, kann es plötzlich sehr schnell gehen mit der weltweiten Energiewende. Lenton will diesen Begriff nun umdeuten, ihm einen hoffnungsfrohen Beiklang geben, er spricht von positiven Kipppunkten. Der gleiche Mechanismus, der das Erdsystem aus seinem Gleichgewicht zu treiben drohe, könne helfen, es wieder zu stabilisieren, sagt er. Was der Systemforscher aus Exeter meint, lässt sich so zusammenfassen: kleine Veränderungen, die große Wirkung entfalten.“ (SPIEGEL.de)

Bislang habe es ja auch Veränderungen gegeben – warum sollte das in Zukunft nicht genauso möglich sein? Viele Wenns und Abers, viele Hoffnungen, aber keinerlei Gewissheiten. Glauben müssten wir, dann könnte der Glaube zur Gewissheit werden.

Nur, das hat die Christenheit, die auf die Wiederkehr ihres Herrn wartet, schon seit zwei Jahrtausenden getan. Erfolg gleich Null.

Wir hingegen schlagen Vernunft vor. Die Vernunft, die der Menschheit ein rationales Handeln vorschlägt und nicht auf intelligente Maschinen wartet, sondern alles vom eigenen Denken und Tun erwartet.

Denken? Ist momentan nicht gesellschaftsfähig. Die Silicon-Valley-Despoten der Welt raten: handeln, handeln, handeln, nicht sinnlos herumgrübeln. Was handeln? Was sie uns nahe legen: die KI-Zentrale allein machen lassen und ihr unseren Segen geben.

Bislang war Denken eine der vornehmsten und wichtigsten Tätigkeiten der Menschheit. Das soll jetzt zertrümmert werden. Es beginnt eine neue gedankenlose und tatenvolle Epoche.

„Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch’ und Sporn
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll.
Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nimmt mich,
Daß ich büße die Lästerung.“

Hat Hölderlin Silicon Valley vorausgeahnt?

Bislang, so spottete der Schwabe, hätten die Deutschen nur gedacht – getan hätten sie fast nichts. Wäre es nun nicht an Zeit, dass die Gedankenreichen und Tatenarmen zu Gedankenarmen und Tatenreichen werden? Dann her mit den Maschinen, die uns genau vorschreiben, was wir tun sollten.

Gregor Gysi hat ein Buch geschrieben, um uns mit dem nicht klar erkannten Denken der Marx- und Engelsanhänger vertraut zu machen. Die klassischen Werke des Sozialismus seien nicht verstanden worden.

„In seinem neuen Buch „Mein Leben in 13 Büchern“ stellt Gregor Gysi literarische und philosophische Werke vor, die ihn sein ganzes Leben lang begleiteten. Dazu gehört „Das Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Für Gysi ein oft missverstandenes Buch, das in der DDR falsch zitiert und nach der deutschen Einheit als verpönt betrachtet wurde.“ (Berliner-Zeitung.de)

Hätte Gysi Recht, käme die Linke endlich zum sozialistischen Denken und die politischen Leichen zur politischen Auferstehung.

„Das Manifest der Kommunistischen Partei ist in vier Kapitel gegliedert und umfasste im Original nur 23 Seiten. Es ist ein Stück Weltliteratur. Es gibt Sätze, die haben sich eingegraben, ob man ihrem Geist nun zustimmt oder nicht. „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ und „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Nach Herstellung der deutschen Einheit waren Marx und Engels verpönte Namen. Ein differenziertes Bild ihres Werkes zu zeichnen, schien nach 1989/90 völlig aussichtslos. Die Systemauseinandersetzung galt als erledigt, man ging oberflächlich davon aus, dass die DDR gewissermaßen das Werk von Marx und Engels war – das nun ruiniert war. Inzwischen liegen die Nerven des Kapitalismus an entscheidenden Stellen blank, und vermeintlich ganz alte, in Vergessenheit geratene Fragen werden neu gestellt. Marx und Engels decken scharf und kantig auf, dass es die materiellen Dinge und Verhältnisse sind, die letztlich über unser Denken und Fühlen entscheiden; sie untersuchen die Logik der Produktionsprozesse, erfassen beeindruckend, weshalb bestimmte Dinge passieren und andere eben nicht. Schließlich prognostizieren sie eine kommunistische Gesellschaft. Und in all dem sind sie begnadete Schreiber, sie glühen in poetischen Bildern und treffsicheren Metaphern.“

Hat Gysi uns zu einem neuen Denken verlockt? Nein, er hat nur die alten Texte zum Leben erwecken wollen – doch vergeblich. Die wichtigsten Stellen hat er übersehen.

Denken heißt nämlich zu Bewusstsein bringen. Zu Bewusstsein bringen aber kann bei Marx nur das Sein, und das ist nicht der souveräne Mensch. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das Sein, das sind die materiellen Verhältnisse. Also Fabriken und Maschinen. Marx wäre ein begeisterter Anhänger der KI gewesen. Der Mensch müsste an die Maschinen angeschlossen werden, dann dächte er wie Marx und Engels zusammen.

Leider hat Gysi den Marx-Interpreten Karl Löwith nie gelesen. In dessen Buch „Weltgeschehen und Heilsgeschichte“ hätte er lesen können:

„Denn die geheime Geschichte des Kommunistischen Manifestes ist nicht sein bewusster Materialismus und was Marx selbst darüber denkt, sondern der Geist des Prophetismus. Das Kommunistische Manifest ist in erster Linie ein prophetisches Dokument, ein Urteilsspruch und ein Aufruf zur Aktion, keineswegs aber eine rein wissenschaftliche, auf empirische Gegebenheiten gegründete Analyse.“

Empirische Gegebenheiten sind materielle Grundlagen, die vom Denken des Menschen gesehen und verstanden werden müssen. Denken jedoch ist unabhängig von der Materie. Ein prophetischer Text stammt von Oben und ist kein Ausfluss irdischer Dinge.

Marx wollte das Christentum als Opium des Volks entlarven, doch er entwickelte selbst ein Opium des Proletariats. Seine Geschichtstheorie ist nichts anderes als eine neue Heilsgeschichte der Frommen – eingehüllt in das Mäntelchen der Materie.

Im jüdisch-christlichen „Denken“ gibt es gar kein selbständiges Denken, es gibt nur ein Anbeten und Wiederholen göttlicher Gedanken – oder das Nichts:

„Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. 4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. 5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. 6 Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. 7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. 8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.“

Der Mensch ist ein Nichts, Gott ist alles. Gott macht, was er will, Gutes oder Böses. Gottes Weisungen sind nichts anderes als satirische Manöver. Will der Fromme tätig werden, muss er seinen Gott um Weisung bitten. Bei den Frommen gibt es keine Selbstbestimmung.

Der Gegensatz zur Autonomie des griechischen Denkens ist absolut.

„Der Nachdruck, den die Stoa auf die Ausbildung zur selbstgenügsamen, selbstsicheren und unabhängigen Persönlichkeit legt, empfängt sein Gegengewicht durch die Anerkennung des Menschen als eines von Natur auf Gemeinschaft angewiesenen Wesens. Dies verleiht der Stoa ihren kosmopolitischen und sozialen Zug, „Wir sollten nicht in Staaten oder Bevölkerungen getrennt leben, die je ihr besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger seien.“ Nur die Rechtschaffenen sind füreinander Mitbürger und Freunde, Verwandte und Freie. Also weder die Nationalität noch die soziale Stellung spielt für die Zugehörigkeit zu dem stoischen Weltstaat eine Rolle, nur das ausgebildete Menschentum kommt dafür in Betracht.“ (Nestle)

In einer kosmopolitischen Menschheit gibt es weder Amerikaner noch Chinesen, weder Russen noch Ukrainer, weder Juden noch Palästinenser. Wir sind alle Schwestern und Brüder in der Vernunft und streben nach dem Weltstaat und einer erdumfassenden Menschheitsverbrüderung.

Das wäre die Humanität einer zukünftigen Menschheit, die den maroden Planeten wieder lebenswert machen könnte.

Fortsetzung folgt.