Tagesmail vom 12.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben VI,
War Charly Kirk eine sokratische Stimme der Vernunft, der das verzerrte Bild von Trump in Deutschland korrigieren wollte?
Oder war er eine Stimme Jesu, der das christliche Amerika wieder zum Leben erwecken wollte – und seine Stimme war auch die Stimme Trumps?
Oder war er eine typisch abendländische Stimme, eine Hauruck-Verbindung aus Sokrates und Jesus, ein fauler Kompromiss aus Vernunft und Glauben?
Amerika entstand als „Symbiose“ aus Demokratie und Kirche, Athen und Jerusalem. Die maßgebenden Gründer waren hochgelehrte Engländer, die sowohl ihrem Evangelium glaubten als auch Verehrer der Griechen waren – obgleich diese Verbindung aus tiefen Widersprüchen bestand.
Dass biblische Frömmigkeit und demokratische Einstellungen sich vollständig ausschlossen, bekümmerten weder die Europäer noch die amerikanischen Urväter.
Emerson zum Beispiel:
„Emersons Schriften präsentieren sich als eine Mixtur aus Freidenkertum, Naturreligion und Pantheismus, aus Plato, Plotin und Swedenborg. Auf ein geschlossenes Lehrgebäude legte er keinen besonderen Wert. Logische Haltbarkeit war zweitrangig. Widersprüche haben ihn, darin Whitman ähnlich, nicht bekümmert.“
Doch schnell verlässt Emerson den sokratischen Pfad der Einheit des Menschen mit der Natur – und das christliche Denken erklärt den Menschen zum feindseligen Fremdling auf Erden, zum einsamen Solipsisten.
„»Handle allein«, lautete die Parole, Amerika wird dem »vorwärtsdrängenden Tatmenschen« gehören. Soziales Bewusstsein konnte unter diesen Voraussetzungen nicht gedeihen. Wohltätigkeit bewahrte nur Menschenleben, die es nicht wert waren, bewahrt zu werden. Das Übel bestand in den Massen, das Irdische ging den Philosophen letztlich nichts an: Gott muss seine Welt schon selbst regieren. Die transzendentale Philosophie Emersons ist apokalyptisch: »die Körper berühren sich nicht mehr, der Tänzer lässt das Tanzen, wir stehen vor dem exeunt omnes (= alle raus) des menschlichen Dramas.«“ (Raeithel, Geschichte der Nordamerikanischen Kultur, Bd. 1)
Der Anfang Amerikas war zugleich der Anfang des Neoliberalismus: „Wohltätigkeit bewahrte nur Menschen, die es nicht wert waren, bewahrt zu werden.“
Mit Sokrates` verbindlich-kritischer Einstellung zur Gesellschaft hat das nichts zu tun. Sokrates wendet sich von der „kosmischen Natur zum Menschen“. Aber nicht zum isolierten Einzelnen, sondern zum Gesellschaftswesen. Der Mensch war ein Teil der Gesellschaft und musste seine Tätigkeit auf diese verantwortlich einstellen.
„Er hat die Philosophie vom Himmel herabgerufen, in den Städten angesiedelt, in die Häuser eingeführt und genötigt, über Leben und Sitten, über Gut und Böse nachzudenken.“ (Cicero)
Vorsicht: nicht „genötigt“, aber angeregt, motiviert. Die Jugend will er „zu selbständigem Denken erziehen, um über die kritische Stellung zu der überlieferten Ordnung und Sitte über Gut und Böse nachzudenken.“
Hier beginnt jene Haltung des Sokrates, die ihm später in der europäischen Neuzeit den Vorwurf des Machtstrebens über die geistlose Masse einbringen wird.
„Der Poststrukturalist Roland Barthes wendet sich im Rahmen seiner Kritik am Logozentrismus auch gegen die sokratische Mäeutik; er sieht in der Vorgehensweise des Sokrates das Bestreben, „den anderen zur äußersten Schande zu treiben: sich zu widersprechen“.
Subjektive Post-Modernisten können nicht unterscheiden zwischen Anregen und Vergewaltigen. Bei ihnen ist alles von anderen Menschen Herkommende der Versuch, Macht über sie zu gewinnen. Weshalb der strengste Egoismus nichts ist als ein Versuch, das Ego, das Ich, als Richtschnur alles Tuns heilig zu sprechen.
Beispiel ist das Neue Testament.: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Wer liebt sich denn selbst? Eigenliebe soll das Muster allgemeiner Menschenliebe sein? Dann wäre das Ego das unfehlbare Muster des Humanismus! Die meisten Menschen lieben sich nicht, sie verachten sich oder hassen sich gar.
Kein Wunder, dass Europäer und Amerikaner im Laufe ihrer Entwicklung immer aufgeblasenere Ich-linge wurden. Das Sein und das Ich. Außer Mir – nur das Nichts.
Der Gott der Frommen wollte das Selbst der demokratischen Autonomie – übertrumpfen und das Ego des Gläubigen an seine Stelle setzen. Menschen, die böse geschaffen wurden, können nicht lieben.
Das untrügbare Ego als Maßstab alles Menschlichen führt zum Übermenschen Nietzsches – und damit, dank der Wiederkehr des Gleichen, zu jenem Menschen, der alles noch einmal über sich ergehen lassen muss, was er in unendlichen Zeiten schon einmal erlebt hat:
„Nietzsche verbindet vorerst den Gedanken des Willens zur Macht mit seiner Idee der Ewigen Wiederkunft. Der Gedanke der Ewigen Wiederkunft besagt, dass sich alle Ereignisse im Universum auf ewig wiederholen werden, da es eine unendlich lange Zeit gebe, jedoch eine nur endliche Zahl möglicher Zustände der Welt. Damit sind alle möglichen Zustände bereits eingetreten und der gegenwärtige Zustand stelle eine Wiederholung dar. Alles, was der Mensch erlebt, wurde also von diesem schon unendlich oft erlebt und wird ebenso unendlich oft wieder durchlebt werden. Diesen Gedanken zu denken, ist für Nietzsche das Schwerste. Erst wer fähig ist, ihn zu ertragen, d. h., in die Interpretation des eigenen Lebens zu integrieren, der beweist sich als Übermensch und überwindet somit den Nihilismus der Ewigen Wiederkunft.“
Zurück zur dringenden Frage der Gegenwart: Sind Kirk und sein Vorbild Trump wirklich sokratisch angehauchte Moralisten?
Vergleichen wir:
„Die griechische Religion, gab keine Anleitung zu einer sittlichen Lebensführung. Deshalb ist die Grundfrage, die Sokrates aufwirft: wie sollen wir leben? Die Antwort sucht er durch vernünftiges Denken zu erarbeiten. Insofern ist er auch Sophist, aber er unterscheidet sich von ihnen in einem wichtigen Punkt: er glaubt nicht wie sie, schon im Besitz einer Antwort auf jene Frage zu sein, sondern er sucht sie erst und er will sie sie gemeinsam mit allen suchen, denen ihre Beantwortung am Herzen liegt. Das ist sein Nichtwissen, seine Freiheit von der Einbildung eines in Wirklichkeit nicht vorhandenen Wissens, wodurch er sich von den Sophisten wie von der Menge unterscheidet. Das ist die Prüfung, die er, gehorsam der Mahnung des delphischen Gottes: „erkenne dich selbst!“, mit sich und anderen anstellt. Und da macht nun Sokrates die seltsame Entdeckung, dass die meisten Leute das Unwichtigste wichtig, das Wichtige aber unwichtig nehmen. Das Unwichtige ist in seinen Augen Reichtum, Ehre, Macht, kurz alle äußeren Glücksgüter einschließlich von Leben und Gesundheit, das Wichtige dagegen Wahrheit und Besonnenheit. Kurz die Sorge für die Seele, dass sie so gut wie möglich werde.“ Die Mitbürger zum Nachdenken hierüber zu bringen, das sieht er für seinen Beruf an, das ist sein „Gottesdienst“. So wird er zum Unruhestifter, der die Menschen aus ihrem Halbschlaf aufrüttelt und ihnen aufsässig ist wie eine Bremse einem edeln, aber trägen Pferd.
Das Schmerzhafte, was die Leute empfanden, bestand darin, dass Sokrates ihnen die Gedankenlosigkeit und Verkehrtheit ihres bisherigen Lebens zu Bewusstsein brachte. Der in Unwissenheit sich verstellende Sokrates besaß ein wirkliches Wissen: „dass das Unrechttun und der Ungehorsam gegenüber dem Besseren, sei es ein Gott oder ein Mensch, ein Übel und böse ist.
Die falschen Güter sind die äußeren, materiellen Güter, die wahren dagegen die geistig-sittlichen Werte, zu jenen gehören Reichtum und Ehre, zu diesen Wahrheit und Besonnenheit. Diese Überzeugung ist nicht nur eine Erkenntnis, sondern auch eine Kraft: der gute Mensch ist stärker als der böse und dieser kann daher jenem keinen wirklichen Schaden zufügen.
Die sokratische Ethik ruht auf zwei Pfeilern: der Autonomie und der Autarkie.“
(Alle Zitate aus Nestle, Griechische Geistesgeschichte)
An diesen Zitaten ist klar zu erkennen, wie weltenweit wir bei Sokrates entfernt sind vom amoralischen Geifer der Moderne nach Macht, Erfolg und Mammon, den politischen Zielen Trumps und seiner Milliardäre. Gehörte Kirk dazu?
Hören wir eine nähere Analyse seiner Reden:
„Charlie Kirk vertrat kontroverse Thesen. Aber er war jemand, der diskutieren und auch den Widerspruch wollte. Nun wurde er ermordet. Kirk glaubte, dass Jesus Christus mit seiner Liebe für alle Menschen, seiner Offenheit allen Meinungen gegenüber und seiner Gewaltlosigkeit der wahre Weg ist. Das erklärte er immer wieder. In einem Interview mit dem britischen Journalisten Ben Leo auf GB News in diesem Jahr erklärte er, was unser Problem hierzulande ist: Man verliert hier den christlichen Glauben und ersetzt ihn mit einer Ersatzreligion, nämlich der Anbetung der Natur. Man verliert den christlichen Glauben und ersetzt ihn stattdessen mit Anti-Rassismus. Man verliert den christlichen Glauben und dann – sogar noch gefährlicher – ersetzt man das Säkulare mit dem Islam, weil man denkt: Wir müssen doch an irgendetwas glauben. Und damit bringt man eine zu unseren westlichen Werten komplett gegensätzliche Ideologie hier hinein. Was er allerdings übersah, war die Diskrepanz zwischen seinen eigenen christlichen Werten und dem Charakter seines Präsidenten Donald Trump. Dieser äußert sich zum Beispiel mit Genuss über die grausame Art der Festnahmen und Deportationen von katholischen (also ebenfalls christlichen) Einwanderern aus Mittel- und Südamerika. Er war sehr wahrscheinlich in die üblen Machenschaften des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein verwickelt und: Trump verhilft Amerika mit seiner Wirtschaftspolitik nicht zur versprochenen Größe. Aber bei aller Heldenverehrung unterschied sich Charlie Kirk doch von anderen MAGA-Anhängern. Bei seinen Diskussionen mit Studenten ging es immer wieder um seinen persönlichen Glauben, und immer wieder betonte Kirk „Jesus Christ is King“. (Berliner-Zeitung.de)
Sokrates berief sich auf keinen Gott, jeder musste selbst herausfinden, welcher Stimme er folgen will. Kirk aber war ein gläubiger Christ, der seine Landsleute zum lebendigen Glauben zurückbringen wollte. Kann Kirk deshalb ein Sokratiker sein?
Es gibt Stimmen in der deutschen Medienlandschaft, die Kirk sokratische Methoden zuschreiben, mit denen er sein Publikum zu Trump bringen wollte.
BILD betont seinen Jesu-Glauben:
„Er stand kompromisslos zu christlichen Werten, zur Freiheit und zu Israel. Die Ukraine unterstützte er nicht. Das Besondere: Er sprach mit jedem, der anderer Meinung war, und forderte ihn auf: „prove me wrong“ („beweise, dass ich Unrecht habe“). Das machte ihn zum Herzblut-Demokraten.“ (BILD.de)
Die SZ nähert sich dem Ziel:
„So provokant die Clips sein mögen, die nun von Charlie Kirk im Umlauf sind, so deutlich zeigen sie, dass mit ihm auch die Kernpositionen der Trump-Bewegung aufs Podium fanden, nicht nur im Pöbelton des Präsidenten, sondern auch im Duktus der Vernunft. Die Sprache der Gewalt, die das nun zerstört hat, der Mord an einem 31-jährigen Vater und extrem erfolgreichen Aktivisten machen einen Diskurs unmöglich. Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Auf allen Seiten. Barack Obama und Hillary Clinton waren unter den Ersten, die kondolierten. Denn der Tod kennt keine politischen Lager. Charlie Kirk hingegen war kein reiner Provokateur. Er war ein Mensch der Debatte.“ (Sueddeutsche.de)
Einer echten Debatte – oder einer rhetorischen Scheindebatte? Deutsche Schreiber assoziieren ins Blaue, sie analysieren nicht.
Das klingt wesentlich mehr nach Sokrates, nennt jenen aber nicht bei Namen, das Wesentliche wird verfehlt.
Die BZ ist klarer: „Während der christliche Nationalismus in den USA ein schreckliches Phänomen ist, nämlich der Glaube, die wahren (und besseren) US-Amerikaner seien weiße Christen, gibt es doch auch einen biblischen Evangelikalismus. Diesem gehörte Charlie Kirk an. Er glaubte, dass Jesus Christus mit seiner Liebe für alle Menschen, seiner Offenheit allen Meinungen gegenüber und seiner Gewaltlosigkeit der wahre Weg ist: Man verliert hier den christlichen Glauben und ersetzt ihn mit einer Ersatzreligion, nämlich der Anbetung der Natur. Man verliert den christlichen Glauben und ersetzt ihn stattdessen mit Anti-Rassismus. Man verliert den christlichen Glauben und dann – sogar noch gefährlicher – ersetzt man das Säkulare mit dem Islam, weil man denkt: Wir müssen doch an irgendetwas glauben. Und damit bringt man eine zu unseren westlichen Werten komplett gegensätzliche Ideologie hier hinein.“ (Berliner-Zeitung.de)
Jetzt kommt der deutlichste Artikel, auch aus der BZ:
Aber Demokraten hassten Kirk nicht nur, weil er Studenten und Schüler mit seinen öffentlichen Diskussionen zu Republikanern machte. Er brachte ihr Blut auch zum Kochen, weil er kompromisslos den Dialog ins Zentrum seiner Strategie stellte. Nie ließ er sich zu Beleidigungen oder Gewaltaufrufen hinreißen. Sie konnten ihm keine Hass-Rede vorwerfen. Zwar ist die in den USA durch den Ersten Verfassungszusatz geschützt, aber Menschen zu bedrohen oder zu Verbrechen aufzufordern, ist auch in den Vereinigten Staaten verboten. Es war diese grobe, aber saubere und vor allem effektive sokratische Methode, bei der er durch dauerndes Nachfragen sein Gegenüber mit Widersprüchen der eigenen Haltungen zu konfrontieren und damit Einstellungen zu ändern suchte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass auch der griechische Philosoph sterben musste, weil er angeblich die „Jugend verdorben hatte“.“ (Berliner-Zeitung.de)
Kirk starb nicht für die Gesellschaft, er wurde hinterrücks ermordet. Für Sokrates war persönliche Freiheit die Grundlage jeder Moral, für Kirk stand sein kirchlicher Glaube fest. Sokrates hatte sich von allen Göttern und himmlischen Autoritäten gelöst. Die demokratische Gesellschaft war die streitbare Symbiose seines ganzen Lebens.
Kirks rhetorische Methode war scheinbar sokratisch, doch sein Inhalt war das pure Gegenteil.
Die abendländische Entwicklung war ein übel gärender Kompromiss aus Sokrates und Jesus. Amerika hat mit Kirk, im Gegenteil zum dumpfen Europa, den Extrakt dieses Kompromisses wieder ausgegraben.
Gäbe es ein Wunder und Amerika würde tatsächlich sokratisch werden, müsste es seinen giftigen Kompromiss vollständig aufheben und eine kompromisslose Zukunft suchen.
Das wäre eine neue Geschichtsepoche und der Beginn einer humanen Gesellschaft.
Fortsetzung folgt.