Tagesmail vom 08.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben V,
Auch Hitler war kein geborener Führer. Jahrelang studierte er vor dem Spiegel seine absurden Posen ein, denen die Deutschen erlagen.
„Harald Schmidt, 68, hält US-Präsident Donald Trump für einen begnadeten Unterhalter. »Trump ist ein genialer Entertainer, das muss man ganz klar sagen. Was der raushaut! Er braucht auch keinen Autor, das fällt ihm alles selbst ein«, sagte der frühere Late-Night-Talker. Trump sei vor Jahrzehnten auch immer ein toller Gast in der Show von David Letterman gewesen, sagte Schmidt. Deshalb sei es alles andere als einfach, sich als Satiriker über ihn lustig zu machen. Man müsse schon sehr genau hinschauen, um etwas halbwegs Witziges herauszuholen. Und dann auf dem Stühlchen darf ein Europäer Platz nehmen. Das ist es. »Ob Trump gut oder böse ist, spielt für mich keine Rolle.« Gelangweilt sei er auch von deutschen Feuilletonbeiträgen à la »Das ist nicht mehr mein Amerika«. Schon vor zwei Jahren hatte Harald Schmidt kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Donald Trump ein wenig bewundere. »Ich seh ihn sehr, sehr gerne. Als Medienprofi. Wie er so daherkommt, mit Mantel, langer Krawatte. Ich glaube, dass die Hälfte der Amerikaner sagt: guter Mann. Man macht sich hier in Europa kein Bild davon, wie viele dort die Art, wie er redet und auftritt, gut finden.«“ (SPIEGEL.de)
Nein, ein Hitler ist Trump noch nicht. Aber ein Faschist schon lange – oder? Wie lange dauert es durchschnittlich, Herr Schmidt, bis ein Faschist zu Hitler wird?
„Man muss es so deutlich sagen: Die USA sind auf dem besten Weg in den Faschismus, der autoritäre Umbau des Staats ist in vollem Gange. Trump setzt sich über US-Recht und Gerichtsentscheidungen hinweg und übergeht das Parlament, in dem er ohnehin eine Mehrheit hat. Er übt Druck auf die Medien und Universitäten seines Lands aus, bedroht politische Gegner und schüchtert sie ein, lässt Behörden und die Armee säubern und greift die US-Notenbank an.“ (TAZ.de)
In biblischer Tradition ist der Antichrist nicht nur ein Bösewicht. Er kann auch gute Werke vollbringen.
Mephisto: ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Wenn der Schöpfer nicht nur Gutes tut, muss sein knechtischer Antipode auch eine Lichtgestalt sein.
„… der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bins, der Herr, der dies alles wirkt“.
Einem Meister-Satiriker sieht man nicht an, ob er ein hinterfotziger Bösewicht ist oder ein paradoxer Gutmensch. Gut und Böse sind für ihn Spielbälle, die er gleichmäßig in die Luft wirbelt, um sein Publikum zu ergötzen wie zu verwirren.
In einer moralischen Gesellschaft ist das Jonglieren mit gleichberechtigten guten oder bösen Begriffe verboten – es sei denn, sie werden auf einer satirischen Bühne zur verwirrenden Belustigung des Publikums vorgetragen. Das war einst der Job von Harald Schmidt – den er nun zur politischen Gesamtbewertung verwenden will.
Bei Trump ist es so, dass seine Taten keinerlei Zweifel an seinen faschistischen Motiven lassen. Oft genug hat er seinen Hass gegen die Demokratien geäußert, vor allem gegen die europäischen.
Die Faschisten der Welt – das zeigt Trump unverblümt – scheint er besonders sympathisch zu finden.
Doch an der realen Frage, ob Trump ein echter Faschist ist oder nicht, sind Altsatiriker anscheinend nicht interessiert. Die gesamte Weltpolitik ist für den amerikanischen Präsidenten zur glamourösen Weltbühne geworden.
Schmidt bewundert ihn: „Wie er so daherkommt, mit Mantel, langer Krawatte. Ich glaube, dass die Hälfte der Amerikaner sagt: guter Mann. Man macht sich hier in Europa kein Bild davon, wie viele dort die Art, wie er redet und auftritt, gut finden.«
Damit ist die Welt zur Weltbühne geworden, auf der die besten Satiriker die Menschheit unterhalten, indem sie offen lassen, ob sie es ernst meinen oder nicht. Und solange das Publikum jubelt, geht Trump in seinem täglichen Geschäft ungestört seinem realen faschistischen Vorhaben nach.
In der Tat: genial. „Ob Trump gut oder böse ist, spielt für mich keine Rolle.“
Somit hätten die schlüpfrigsten Gut-und-Böse-Jongleure sich als die gefährlichsten Politiker des Westens entpuppt. Indem sie dem moral-überdrüssigen Publikum vorspielen, was es zu seinem wahren Vergnügen benötigt, führen sie mit demokratiefeindlichen Taten die Welt ins Verderben.
Und damit wären wir auf religiösem Urboden gelandet. Denn ein Gott, der als Schöpfer der Welt sowohl gut wie böse sein will, der ist ebenfalls ein Satiriker.
Gläubige, die sich dem Willen ihres Gottes fügen wollen, werden somit in die Irre geführt: der Schöpfer spielt mit ihnen ein satirisches Spiel und sie können nicht wissen, was er wirklich von ihnen will.
Hier rebellierte Luther gegen den katholischen Glauben, der so tat, als wüssten die Popen exakt, was ihr Schöpfer von ihnen will. Bei Unstimmigkeiten entscheidet der Papst unfehlbar, was der wirkliche Wille des Himmels ist.
Luther wusste es nicht und er tat auch nicht, als wüsste er es. Das war der Grund seiner Lehre von der Rechtfertigung des Menschen ohne des Gesetzes Werke.
„So halten wir nun dafür, dass der Mensch durch den Glauben gerechtgesprochen werde ohne Werke des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Juden Gott?“
Wie Gott mit seinen Gläubigen umgeht, wird an dieser berühmten Stelle deutlich: die Rechtfertigung ist eine metaphysische Satire. Der Wille Gottes wird zur unerkennbaren Heils-Satire. Der Mensch muss glauben, ob der Schöpfer ihm gnädig ist. Ergründen und beweisen kann er es nie. Denn Gott ist ein Satiriker, der sich in seinen wirklichen Motivationen vor dem Menschen versteckt, ewig schwankend zwischen Gut und Böse.
Nie kann ein Frommer zweifelsfrei beweisen, dass Gott ihm vergibt, wenn er bußfertig vor Ihm kniet. Immer muss er blind der unergründlichen Gnade vertrauen. Das war der berühmte lutherische Glaube.
Hier haben’s die Katholiken besser, die dem sakramentalen Akt des Vergebens vollständig vertrauen können.
Dieses Nichtwissen der Lutheraner führt zwangsläufig zur Prädestination Calvins. Können wir auf Erden schon nicht genau wissen, ob wir auf Erden erlöst sind oder nicht, dann können wir es überhaupt nicht wissen. Dann müssen wir es selbst herauskriegen, indem wir unser ganzes Leben überprüfen, ob unsere irdischen Werke den Segen Gottes haben oder nicht.
Hier entstand der calvinistische Glaubenseifer, mit übereifrigen Werken die ursprüngliche Segnung des Herrn herauszufinden. Mit ihrem neu-erwachten Eifer stürzten die Calvinisten auf die Wirtschaft und wollten mit kapitalistischem Erfolg die Welt von ihrer Prädestination überzeugen.
Der Calvinismus wurde ein zwiespältig Ding aus katholischer Werkgerechtigkeit und lutherischem Glauben. Ob Gott dir wohl will, das siehst du an deinem Erfolg in der Welt. Als Faulenzer kannst du nie selig werden.
Der deutsche Katholizismus ist zu einer trüben Mischung aus Calvin, Luther und päpstlicher Unfehlbarkeit geworden.
Ein Satz wie der aus dem 2. Thessalonicherbrief:
„Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen“,
ist ein absoluter Widerspruch zu Luther. Er ist rein katholisch oder calvinistisch. Die Gefahr hingegen, dass Lutheraner zu Faulenzern und dennoch selig werden, war bei den untertänigen Deutschen ausgeschlossen.
Sie schufteten, als müssten sie mit täglicher Arbeit ihr Heil erarbeiten.
Wenn eine religiöse Lehre in ihren metaphysischen Grundlagen ambivalent ist, sodass ihr Gott seine Sünder nach Belieben annehmen kann oder nicht, dann wird ihre Praxis – ohne es zu merken – zur satirischen Dauerposse. Durch beliebige Auslegungskunst können die Frommen der Welt nach Belieben beweisen, was der Wille Gottes angeblich sein muss. Das Christentum hat sich nie auf Eindeutigkeiten festlegen lassen. Es will seine satirische Freiheit bewahren – unter dem Deckmantel des ernsten Glaubenseifers.
Kommt der Sünder bußfertig zu seinem Schöpfer und bittet Ihn, ihm zu vergeben, weiß er nie, ob die wahre himmlische Gnade über ihn kommt oder ob er sich nur alles einbildet. Er muss Gottes Gnade völlig vertrauen. Letzthinnige Gewissheit wird es erst im Jenseits geben, wenn er persönlich vor dem himmlischen Thron stehen wird.
Ein gerissener Satiriker wird niemandem verraten, ob seine Posse politisch real gemeint war oder nicht. Das Publikum muss mit seiner Ungewissheit auskommen und sich mit seinen Vermutungen zufrieden geben. Mit dieser unklärbaren Ungewissheit muss er sich begnügen. Deshalb ist dem Lutheraner der Glaube so wichtig, der sich bedingungslos an die Gnade Gottes festklammert.
Die Deutschen – zwischen Papst, Luther und Calvin – schwanken noch heute bei ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit zwischen calvinistischer Hetze, lutherisch-unklarer Gnade und katholischer Werkgerechtigkeit.
Folgen wir der Definition des Spiels von Johan Huizinga, ist der Kapitalismus schon lange zum verluderten Spiel verkommen. Aus dem vergnügten Spiel der Lebenslustigen wurde ein verbissener Kampf um Erfolg, Macht und Geld.
„Der Handelswetteifer gehört nicht zu den ursprünglichen, uralten und heiligen Spielen. Er kommt erst auf, sobald der Handel beginnt, in Betätigungsfeldern, in denen einer suchen muss, den anderen zu übertreffen und zu überlisten. … Es konnte nicht ausbleiben, dass der Begriff des Rekords, der im Sport aufkam, sich auch im wirtschaftlichen Denken einbürgerte. Die vergleichende Handels- und Produktionsstatistik brachte es von selber dazu, dass dieses Sportelement in das wirtschaftliche und technische Leben einbezogen wurde: der höchste Tonnengehalt eines Ozeandampfers, das Blaue Band für die kürzeste Überquerung des Meeres. (Homo ludens, vom Ursprung der Kultur im Spiel)
Das ursprüngliche Spiel in der Antike war damit zuschanden geworden.
„Die Haltung des Berufsspielers ist nicht mehr die richtige Spielhaltung; das Spontane und Sorglose gibt es nicht mehr bei ihm. Nach und nach entfernt sich in der modernen Gesellschaft der Sport immer mehr aus der reinen Spielsphäre. Das Spiel ist allzu ernst geworden, die Spielstimmung ist mehr oder weniger aus ihm gewichen. Mit Handbüchern und Systemen, mit großen Meistern und Berufstrainern ist es eine Sache von tödlichem Ernst geworden. Um wirklich zu spielen, muss der Mensch, solange er spielt, wieder Kind sein. Der Handelswetteifer gehört nicht zu den ursprünglichen uralten und heiligen Spielen. Er kommt erst auf, sobald der Handel beginnt, Betätigungsfelder zu schaffen, in denen einer suchen muss, den anderen zu übertreffen und zu überlisten.“
Hier beginnt der konkurrierende bittere Ernst das Spiel vollends zu zertrümmern. Hier waltet kein Funke des vergnügten Spiels mehr, sondern nur der Wettbewerb um Sein oder Nichtsein. Wer wirtschaftlich verliert, wird gnadenlos an die Leine gelegt. Das erlebt man in den TV-Übertragungen des Sports jeden Tag.
Wettbewerb ist kein Feld mehr, um seine Kräfte zu erproben und Spaß zu haben an seiner Tätigkeit, die keineswegs nur das zahlenmäßige Fazit kennt, sondern die vergnügte Freude an der Tätigkeit an sich.
Im Wettbewerb gibt es heute in allen Sparten nur Kampf ums Dasein. Die Wirtschaft hat dabei die besten Karten. Sie brüstet sich, das Wohl der Nation besonders zu hüten – indem sie alle anderen zwingt, die Mängel des Systems auf sich zu nehmen.
Demokratie ist zur Arena von mündigen Bürgern und wetteifernden Kapitalisten geworden. Schon lange haben die geifernden Erfolgsmilliardäre das Zepter des Staates in der Hand, obwohl sie von keiner Stimme gewählt werden. Insbesondere der Neoliberalismus wähnt sich berechtigt, das Leben der Nation wirtschaftlich zu bestimmen.
Im Vergleich zu Athen ist die heutige Dominanz des Geldes ein schrecklicher Abfall der demokratischen Gleichberechtigung. Nicht mehr der Bürger zählt, sondern nur seine finanzielle Reputation.
Eine Kultur mit einem Gott, der sowohl Gutes und Böses satirisch vorgaukelt, hat durchaus gewisse Reize. Aber nur, wenn der Einzelne die Freiheit besitzt, selbst zu entscheiden, ob er gut oder böse handeln will.
Das war das Recht des mündigen Bürgers in Athen und wurde zur autonomen Motivation der ersten Demokratie der Welt.
Selbstbestimmung ist das Privileg des Freien und Gleichberechtigten. In der neoliberalen Gesellschaft wird dieses Privileg an die Kette der Wirtschaft gelegt. In einer religiösen Gesellschaft muss Gott entscheiden und tut es nur in satirischer Grausamkeit.
Die Griechen nannten den einen Sklaven, der gegen Lohn bei anderen tätig sein musste. Für sie war Selbstbestimmung in allen Dingen der Triumph ihrer Demokratie.
Nicht Arbeit war schändlich bei den Griechen, wie es heute ständig kolportiert wird, sondern schändliche Arbeit: die abhängige Arbeit bei anderen.
Selbstgewählte Arbeit hingegen war identisch mit der Muße, die von Aristoteles gerühmt wurde.
Fortsetzung folgt.