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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LXVI

Tagesmail vom 31.08.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LXVI,

Merkwürdig: in der Analyse der gegenwärtigen Weltkonflikte ist das “Böse” spurlos vom Erdboden verschwunden.

Idealismus war die Abspaltung von der Religion als einem göttlich-perfekten Willen.

Was aber folgte dieser Loslösung des Subjektiven vom allmächtigen Heiligen?

Das Subjektive war die autonome Macht des irdischen Subjekts.

Was aber, wenn das Subjektive die neu auftretende Macht des Unvollkommenen war?

Mandeville, der Engländer, war der Verkündiger des bislang Unvollkommenen, welches das bislang Vollkommene ignoriert und ins Vollkommene verwandelt hatte.

„Mandevilles ökonomische Thesen dürften auch heute noch Anstoß erregen. Für ihn beruhte die Prosperität einer Gesellschaft auf der billigen Arbeit der Unterprivilegierten. So gelte, „daß in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer besteht.“ (S. 319) Es gehört zu den größten Leistungen Mandevilles, dass er die Lage des Proletariats ohne Beschönigungsversuche theoretisch zu erfassen suchte. Karl Marx nannte ihn dafür einen „ehrlichen Mann und hellen Kopf“[7] und rechnete Mandeville positiv an, dass er unendlich kühner und ehrlicher als die philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft gewesen ist.”

Was war passiert?

Das ideale Bild der Welt war verschwunden, das Realistische erschien als Teil der humanen Welt. Sagen wir’s nüchtern und religionskritisch. Wenn der Mensch seine wirkliche Heimat ohne Illusionen erfahren will, muss er das bisherige “Böse” als Gutes erleben können.

Der erwachsene Mensch muss die ungeteilte Erde als Teil des Vollkommenen erleben können.

In seiner Bienenfabel entdeckte Mandeville die bislang verbotene Einsicht, dass das Böse zum Guten der menschlichen Gesellschaft gehört.

Nietzsche hat das Neue und Verwegene so formuliert:

„Die großen Epochen unseres Lebens liegen dort, wo wir den Mut gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen. Damit war die doppelte Lehre der christlichen Schöpfung, ihre gegenteilige Trennung in Gut und Böse verschwunden.

Alles in eine dialektische Einheit – wie später Hegel seine Philosophie konstruieren wird. Der wahre Mensch lässt sich von Widersprüchen nicht foppen.

Zum richtigen Verstehen gehört das sokratische Eingeständnis unseres Nichtwissens, das zu erkennen die einzig wahre Aufgabe der Philosophie ist.

„Wer die Bibel als den einzig authentischen Kommentar der Welt betrachtete, der gehörte unwiderruflich einer versinkenden Zeit an, der war und blieb ein Reaktionär.“

In Hayeks Biografie lesen wir: “Mandeville, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts in seiner Bienenfabel satirische Verse darüber verfasste, wie durch Laster und Luxus letztlich dem Allgemeinwohl gedient werden könnte, gibt sich der Nobelpreisträger optimistisch, dass durch die Entfaltung des Marktes Tausende von Menschen die Freuden des Schnupftabaks kennenlernen könnten, die ihnen sonst vorenthalten blieben.” (Hennecke, Hayek, die Tradition der Freiheit)

Für Hayek gab es zu viele Menschen auf der Welt, die nicht alle gleichermaßen viel wert sein konnten.

„Für eine Welt, auf egalitäre Ideen gegründet, ist das Problem der Überbevölkerung unlösbar. Wenn wir glauben, dies garantieren zu können, werden wir bald nicht mehr in der Lage sein, das Versprechen zu erfüllen. Gegen Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich dass sich nur jene Völker vermehren, die sich selbst ernähren können.”

Volkswirtschaft ist die ökonomische Lehre, wie die Menschheit sich durch die Lehren der modernen Ökonomie selbst ernähren kann.

Brutaler Wettbewerb ist für moderne Ökonomen ein unverhoffter Segen, um die Vielzuvielen so weit auszuradieren, dass alle Geschöpfe überleben können.

Brutaler globaler Wettbewerb ist keine Plage, sondern ein Segen für die Menschheit.

Ist Goethe deshalb ein Freund jener Wissenschaften, die stets die Vorteile der Menschheit im Auge haben, auch wenn sie “böse” sind?

Keineswegs.

Oder so: Ist Goethe ein Freund der Demokratie?

Goethe und Schiller hatten sich von einer anfänglich leidenschaftlichen Hingabe an die Revolution abgewendet und begannen, sich von der Vernunft der Rationalisten zu lösen und sich der Bewunderung der Kunst zu widmen.

Für Meinecke war diese neue Wendung anerkennenswert.

„Machtpolitik und Krieg sind nicht nur zerstörerisch, sondern aus ihnen kann aus Bösem Gutes, aus Elementarem Geistiges emporwachsen. Nicht eine List der Vernunft, sondern eine OHNMACHT der Vernunft zeigt sich in ihr. Sie bringt wohl reines Feuer vom Altar, aber was sie entzündet, ist keine reine Flamme. Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme, hat Goethe dazu gesagt, der über aller Offenbarung der Gottnatur doch niemals ihre dunklen, dämonischen Tiefen vergessen hat. Er wusste: “Der Handelnde ist immer gewissenlos. Mit der falschen Idealisierung der Machtpolitik muss auch die falsche Vergötterung des Staates, die seit Hegel im deutschen Denken nachwirkt, aufhören. Zwar muss man sagen: “Der Staat soll sittlich werden, und nach der Harmonie mit dem allgemeinen Sittengesetz streben, auch wenn man weiß, dass er sie nie ganz erreichen kann, dass er immer wieder sündigen muss, weil die harte Naturnotwendigkeit ihn dazu zwingt.” (Meinecke, Die Staatsraison)

Goethe bemühte sich wahrlich, ein guter Staatsmann zu sein, aber er sah klar, dass ihm natürliche Grenzen gezogen waren.

„Hatte Goethe nicht recht, wenn er der vermenschlichten und und zugleich versachlichten Monarchie die innere Widerstandskraft gegen den elitären und revolutionären Geist der Zeit absprach?” (Meinecke)

„An dieser Stelle der Entwicklung geschah nun das Neue und Ungeheure, dass der Machiavellismus eingegliedert wurde in den Zusammenhang einer idealistischen, alle sittlichen Werte zugleich umfassenden und stützenden Weltanschauung, während er früher sein Dasein immer nur neben dem sittlichen Kosmos geführt hatte. Es war fast die Legitimierung eines Bastards, was hier geschah.” (Meinecke).

„Damit wurde nach Hegels Wort nun auch „die Wahrheit, die in der Macht liegt” entdeckt und die Politik befreit von den Satzungen der gewöhnlichen Moral und von den idealen Ansprüchen der Individuen.”

Hier sind wir in der moralfreien Moderne angekommen, in der nur angebliche wissenschaftliche Gesetze herrschen.

Das ist – ihr dürft raten – das neue Reich der KI, in dem nichts Menschliches einen Platz hat.

Das Abendland, das sich vor der Welt seiner Moral rühmt, hat die Moral in den Müll geworfen.

Die Zeitungen schreiben: ab Goethe war Demokratie ein lässiger Kampf zwischen Himmel und Hölle.

Machiavelli und Mandeville, die Verfechter des Bösen im angeblichen Dienst des Guten, sind rehabilitiert. Heureka, die verruchte Staatsraison hat global gewonnen.

Hitler war das unbekannte Ziel der geschichtlichen Entwicklung, war jene angebliche Vervollkommnung des Menschen durch das finale Böse. Er selbst der Messias als Höhepunkt der apokalyptischen Vollendung.

Fortsetzung folgt.