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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LXIII

Tagesmail vom 10.08.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LXIII,

Muss sie uns bleiben? Wer bestimmt das?

Liebe Nachbarn, wisst ihr es?

Wir wissen von nichts.

Was wir glauben, können wir euch vorsingen:

„Wohlauf, der Bräutigam kömmt, steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit;
ihr müsset ihm entgegengehn.” (Philipp Nicolai)

Nicolai dichtete im Jahr 1599, vor einem halben Jahrtausend.
Was ist inzwischen geschehen? Nichts Ernsthaftes.

Was lesen wir inzwischen in der Zeitung?
“Das Schicksal der BASF entscheidet sich in China.”

Wird ganz Ludwigshafen nach China auswandern müssen
Ludwigshafen als Teil Deutschlands stirbt ohnehin vor sich hin.

Was soll denn noch geschehen?

Ach, du nimmst alles viel zu ernst. Das alles sind doch nur Weltspiele.

Was sie früher Götter nannten, sind nichts als griechische Weltelemente, die sich nicht mehr langweilen wollten und heute seltsame Spiele spielen.

Ihr wisst doch, irgendwann begannen die spielbegeisterten Griechen, ihre Schicksalskräfte in dramatisches Theater umzuwandeln. Philosophie wurde zum spielerischen Disput, der in Demokratie mündete.

„Wenn Protagoras die Sophistik eine alte Kunst nennt, trifft er das Wesen der Sache. Es ist das alte Spiel des Scharfsinns, das in der archaischen Kultur, in jedem Augenblick vom Heiligen zur bloßen Belustigung abgeleitet, das einmal an die höchste Weisheit rührt, dann wieder nur nur spielerisches Wetteifern ist. Sophisten selber haben den spielhaften Charakter ihrer Wirksamkeit sehr gut begriffen. Gorgias hat sein Lob der Helena selbst ein Spiel genannt und man hat auch seine Schrift “Über die Natur” zum rhetorischen Spiel erklärt, …. Die Grenzen zwischen Spiel und Ernst können nicht scharf gezogen werden und dass “Spiel” tatsächlich das ursprünglichste Wesen von all diesem sehr gut erklärt. Wer das Bild, das Plato von dem Sophisten gibt, vergisst, dass all die spielerischen und unsauberen Züge der Kulturerscheinung, die durch den Sophisten vergegenwärtigt wird, untrennbar mit seiner archaischen Wesensart verbunden sind. Der Sophist gehört von Natur mehr oder minder an die Seite des fahrenden Volks. Er ist ein wenig Landstreicher und Schmarotzer.” (Johan Huizinga, HOMO Ludens, Vom Ursprung der Kultur im Spiel)

Im Kampf der Elemente ist nicht der Drang nach Wahrheit, sondern das persönliche individuelle Rechthaben, Richtschnur und Ziel. Es ist beseelt von der archaischen Haltung des Wettkampfes.

Wettkampf ist alles, Spiel ist alles, Wettkampf und Spiel sind alles.

Die Griechen hatten einen anderen Bezug zur Realität. Da ging nicht alles um Himmel oder Hölle. Da ging es um den Spaß des Wettbewerbs.

Spätere Christen mussten dies erst lernen. Ein Drama auf der Bühne war kein apokalyptisches Geschehen, sondern ein zwar echt wirkendes, dennoch nur spielerisches Geschehen mit Siegern und Verlierern.

Das Christentum hat bei seinem gigantischen Erfolg über das Abendland die griechische Kultur in ein höllisch-himmlisches Universalspektakel mit unaufhebbaren Ergebnissen dämonisiert.

Erst heute erkennen die Abendländer ihre Siege über die Welt als nicht mehr zu revidierende Ereignisse. Warum nur sind sie so unfähig geworden, die Warnzeichen so ernst zu nehmen?

Die Welt hat gelernt, alles, was sie tut, als heilige Spiele zu “verharmlosen”.

„Mehr und mehr drängt sich der Schluss auf, dass das spielhafte Element der Kultur seit dem 18, Jahrhundert, auf beinahe allen Gebieten, auf denen es einmal zu Hause war, seine Bedeutung verloren hat. Die moderne Kultur wird kaum noch gespielt, und wo sie zu spielen scheint, ist das Spiel falsch. In die Spielsphäre des Parlaments gehört auch der Typus des Gentlemen agreement, das zuweilen von einem der Gentlemen falsch verstanden wird. Kurzum, die Auffassung des Krieges als ein edles Spiel, die wir in archaischen Perioden überall antrafen und auf der die absolute Verbindlichkeit der Kriegsregeln zu einem guten Teil beruhte, war bis in gar nicht weit zurückliegenden Zeiten auch im modernen europäischen Krieg noch nicht ganz und gar abgestorben.“

Erinnern wir uns an Oppenheimer und seine Kollegen, die keine riesigen Probleme hatten, ihre Atombomben explodieren zu lassen – ohne klar zu wissen, ob sie die Erde zertrümmern oder nicht. Alles war Experiment, alles tödliches Spiel. Aber bitte, den Spaß dabei nicht verlieren.

Auch die modernste Naturwissenschaft hat den Charakter des Spiels noch nicht ganz abgelegt.

Huizinga endet sein Buch mit dem Satz: “Das Spiel an sich, so sagten wir am Anfang, liegt außerhalb der Sphäre sittlicher Normen. Es ist an sich weder böse noch gut.”

„Allerdings: Sobald im Entschluss zur Tat Gefühle von Wahrheit und Gerechtigkeit, von Erbarmen und Vergebung mitspielen, hat diese Frage keine Bedeutung mehr. Ein Tropfen Mitleid ist genug, um unser Tun über die Unterscheidungen des denkenden Geistes emporzuheben. In jedem sittlichen Bewusstsein, das in der Anerkennung von Gerechtigkeit und Gnade gegründet ist, kommt die Frage, ob Spiel oder Ernst, die bis zuletzt unlösbar blieb, für immer zum Schweigen.”

Uns stellt sich die Endfrage: wenn wir die Zerstörung der Natur, die Aggressionen der Völker betrachten: ist das noch Spiel oder bereits tödlicher Ernst? Sind wir schon im endlosen Fortschritt der höllischen Barbarei angekommen oder dümpeln wir noch im Monopoly von Fortschritt und Rückschritt?

Fortsetzung folgt.