Tagesmail vom 27.07.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LXI,
Gibt es eine gemeinsame nationale Trauer?
Ja – aber nur, wenn die Nation eine wirkliche Gemeinschaft wäre: eine automatische Verbundenheit aller fühlenden Seelen – die keine pompösen Rituale nötig hätte, um das identische Mitempfinden herzustellen.
Solche großen, in Denken, Fühlen verbundenen Seelen kann es in modernen Gesellschaften nicht geben. Denn diese sind seit vielen tausenden Jahren innerlich getrennt und feindlich voneinander geschieden: in Klassen, Macht- und Reichtumskohorten.
Nur bewusstes Denken und Miteinandersprechen hat noch die klare Aufgabe, die verlorenen und zerschnittenen Seelenverbindungen durch Reden und Debattieren äußerlich wieder herzustellen.
Moderne Gesellschaften sind automatisch zerstörte Gesellschaften, die sich bemühen müssen, durch künstlich hergestellte Geist-Kulturen sich wieder einander anzunähern.
Religiöse Mythen hatten die Aufgabe, die Trennung der Urgesellschaften durch Eingriffe himmlischer Mächte zu erklären und durch Erlösungsfabeln wieder zu “heilen”. Heilung war Wiederherstellung ursprünglich vereinter Seelen auf freiwilliger Basis.
„Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seinem Weibe an und sie werden ein Leib. Und die beiden, der Mann und sein Weib, waren nackt und schämten sich nicht.”
Urscham oder Urschuld ist seit jenen Tagen das Trennungsgefühl aller Gesellschaften, die ihre emotionale Einheit zerschnitten haben.
Man könnte sagen, an diesen Bruchstellen der Gesellschaften entstand der Kapitalismus, der es den Menschen ermöglichte, ihre Zerrissenheit durch egoistisches Raffen und mitleidloses Konkurrieren verständlich zu machen.
Modern formuliert „verursachte die Industrielle Revolution die drastischsten Veränderungen der Lebensweise auf dem Land. Sie verwandelte den Großteil der Menschen in Maschinen-Bediener. Sie zerstörte die Würde der Arbeit und die Freude an der Kreativität. Sie verdammte Millionen von Menschen zu einem Leben unter schrecklichen Bedingungen in den Slums der Großstädte. Ebenso begann sie, die Lebenssysteme unseres Planeten zu bedrohen, und sollte es so unkontrolliert weitergehen wie bisher, wird sie ihn zweifellos zerstören – oder zumindest das Leben auf ihm, einschließlich unseres eigenen.” (John Seymour, So helft ihr doch)
KI-Gläubige verteidigen den Fortschritt und werfen die Unglücksfeuer der bloßen Dummheit und Unachtsamkeit der Menschen in den Schoß.
„Die allermeisten Feuer in Wald, Busch und Wiesen entstehen, weil Menschen sie entzünden, meist unabsichtlich. Weniger als zehn Prozent werden auf natürliche Weise durch Gewitterblitze entfacht. Von allen geklärten Waldbränden im vergangenen Jahr in Deutschland konnten 96 Prozent auf Menschen zurückgeführt werden. Im Sommer lodern die meisten Feuer, weil dann besonders viele Menschen in der Natur unterwegs sind – hat es lange nicht geregnet, steigt das Brandrisiko (übrigens auch im Winter).” (BILD.de)
Fehler der Menschen, die schon so weit gediehen sind, dass sie die Existenz der globalen Menschheit gefährden, sind keine Banalitäten. Sie gehören zu den gewollten Risiken der Menschheit, die eines Tages durch Fortschritte der Technik überwunden werden.
Vergessen wir nicht: Fortschritt ist Auseinandersetzung zwischen unsystematischer Verbesserung und gewollter Überwindung der Fortschrittsfehler.
Mit meinen algorithmischen Künsten – spricht der unerbittliche Fortschritt – wird es mir wohl gelingen, das schwöre ich euch, ihr Fortschrittsbezweifler – meine zufälligen Malaisen wieder auszurotten.
Ich werde mich als jene Macht erweisen, die dem Planeten das Gesetz aufzwingt.
Könnten wir die Mängel des Fortschritts nicht dadurch überwinden, dass wir alle Schöpfungsmythen ad acta legen?
Diese Meinung vertritt der Dalai Lama in einem Gespräch mit Franz Alt:
„Ethik ist wichtiger als Religion. Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren. Immer häufiger spricht er über “eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen“.” (Der Appell des Dalai Lama)
Wenn jene Religionen der Menschheit überwunden werden, die sie “schuldlos” in Erwählte und Verworfene teilen, kommen wir den ethischen Grundgefühlen der Menschheit auf den Grund.
„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Denn alle Religionen und Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Wir bräuchten deshalb eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden.”
Sollte die Menschheit fähig werden, ihre Ur-Gemeinsamkeiten wieder zurückzugewinnen, kann sie durch Selbsterforschung ihre verlorene seelische Verbundenheit ebenfalls wieder zurückgewinnen.
Dann wird sie mit Sicherheit wieder fähig werden, ihre seelischen Grundfähigkeiten erneut in gemeinsame Politik zu verwandeln.
Bei dieser Wiedergewinnung des Gemeinsamen ist die Rolle der Frauen besonders wichtig. Denn sie verfügen in besonders hohem Maß über die gemeinsamen psychischen Elemente der Menschheit.
In Offenbarungsreligionen ist ethische Nächstenliebe eine zufällige Gnade.
In seelischen Gemeinsamkeiten der Menschen ist Gnade überflüssig. Denn die Menschen fühlen genau, was ihre Mitmenschen mit ihnen fühlen und was sie gemeinsam politisch machen können.
Für den Dalai Lama ist die Vorstellung, Probleme mit Gewalt zu lösen, ein verheerender Irrglaube. Krieg ist in unserer sozial zerrissenen Welt nicht mehr zeitgemäß und widerspricht aller Vernunft und Ethik.
Der Irak-Krieg, den Dabbelju Bush begann, war ein Desaster.
Dieser Krieg ist heute wieder ausgebrochen und wird zu keinem Ende führen, wenn nur Waffen und hinterlistige Taktik beteiligt sind.
Nur allgemeine Abrüstung wird uns in die Lage versetzen, einen weltweiten Frieden hervorzuzaubern.
Abrüstung von Hass, Vorurteilen und Intoleranz, das ist das Gesetz des gegenwärtigen Kriegsalarms.
Wie wir nur eine Friedensmöglichkeit durch eine gemeinsame seelische Grundlage finden werden, so auch die Möglichkeit des gemeinsamen Fühlens in nationalen Trauertagen.
Die Gewalttaten der Muslime können wir nur verstehen, wenn wir nachfühlen, wie sie die Gewalt der christlichen Religionen durchschaut haben.
Die einseitige Partnerschaft mit Israel ist uns nur möglich durch unser einseitiges Mitfühlen mit den Opfern des Holocaust. Fälschlich glauben die Deutschen, mit einseitiger Politik die Brutalitäten der Nazis auszugleichen.
Solches kann man nur glauben, wenn man sich unter die Politik Netanjahus bückt.
Friedenspolitik ist die Frucht eines allgemeinen seelischen Friedens. Die Deutschen müssen sich zu allen Völkern in gemeinsamem Sinn friedlich verhalten. Solange sie sich zu Israel friedlich, zu deren palästinensischen Gegnern aber militant verhalten, wird der uralte Streit endlos werden.
Enden wir mit einem Zitat Augsteins aus dem Buch von Pankai Mishra; “Die Welt nach Gazah”:
„Das Holocaust-Mahnmal stieß in Deutschland auf einigen Widerstand. Rudolf Augstein, Gründer und Herausgeber des Spiegel, bemerkte 1998, man habe es geschafft, den Wünschen von Eliten an der amerikanischen “Ostküste” zu genügen.”
Fortsetzung folgt.