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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LVIII

Tagesmail vom 06.07.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LVIII,

Doch, es gab sie: Aufbruchszeiten in Deutschland.

Deutschland, Mutter Europas. Die Franzosen, mitten in der abflauenden Revolution, waren von der urgermanischen Mutter in der Mitte Europas begeistert.

„La vieille Allemagne, notre mere a tous, Mutter für uns alle, das bekannte Gerard de Nerval für eine junge französische Generation, die sich um 1820 als “Junges Frankreich” an deutschen und englischen Dichtern bildete. “Europa war im 19. Jahrhundert vom deutschen Denken fasziniert. Michelet nannte Deutschland l`Inde de L`Europe, das Indien Europas.” ( F. Heer)

Nicht alle Deutschen hatten die Koffer gepackt, um übers große Wasser zu fliehen. Mitten im Schwabenland erlebte der blutjunge Hegel den Geist aus dem Osten Europas, um im Westen unterzugehen. Für ihn ging der Geist im Osten auf, im Westen ging er unter.

Heute ist die Zeit der Fabeln vorbei. Nach dem Untergang des Stalinismus gibt es keinen Osten mehr, aus dem das Licht des Geistes in die Welt dringen könnte.

Im neuen Amerika hieß das Motto der massenhaften Einwanderer: Gen Westen. Der Westen endete an den Ufern des Pazifiks.

Nur die junge aufgewühlte Generation fast 200 Jahre später wagte den Sprung über den Pazifik nach Indien. Doch das Abenteuer währte nicht lange. Nach einer flüchtigen Gruppenneurose schwappte fast alles zurück – und es begann die Epoche der omnipotenten Maschine in den Garagen der Eltern.

Jetzt gelang der große Umbruch: aus allwissenden Kirchen in allwissende Algorithmen.

Es war die Rückkehr des Wilden Westens zur großen Entdeckung des aufbrechenden neuen Europa: zum Messen und Rechnen, zum heiligen Lineal. Vom allwissenden Popen und der Einzelbeichte zu Newton und Galilei, Kepler und den kolonialen Segelschiffen, die rund um die Welt die Völker eroberten.

Die Macht Englands und Frankreichs bestand aus Waffen und neuen Maschinen. Aber nicht mehr aus heiligen Predigten.

„Mag ich zur Hölle fahren, aber solch ein Gott – wie der der alten Religion – wird niemals meine Achtung erzwingen”, das war Miltons Abschied von Old Europe.

Das war ein Abschied von der eisernen Waffengewalt Europas, aber nicht von den Allmachtsträumen der Aufklärung.

Zuerst aber musste aufgeräumt werden mit den heiligen Büchern und ihrer endlosen Deutungsbreite – auf die sich alle neuen Religionen beziehen konnten.

Adam Smith war noch ein Frommer mit genereller Vernunft, der die Religion in allgemeine Moral verwandeln und alle Menschen mit Verstand gewinnen konnte.

Aus welchen Quellen stammte der ökonomische Eroberungsgeist, mit der die unbekannte Erde an die neuen Börsen gelockt und gezwungen werden sollte?

Vornehmlich aus den zwei Quellen: a) dem antiken Forschen und b) dem eschatologischen Endzeit-Geist heiliger Bücher – wie dem Alten und Neuen Testament.

„Denn Gott hat – wie in der puritanischen Literatur sehr oft hervorgehoben – niemals befohlen, dass man den Nächsten mehr lieben soll als sich selbst, sondern wie sich selbst. Man hat auch die Pflicht zur Selbstliebe. Wer etwa weiß, dass er selbst seinen Besitz zweckmäßiger und also mehr zu Gottes Ehre verwendet, als der Nächste es könnte, ist durch die Nächstenliebe nicht verpflichtet, diesem davon abzugeben.” (Max Weber, Die protestantische Ethik)

Dahinter steckt die ständige Frage: gibt es im Neuen Testament die Pflicht zur Nächstenliebe, die im Kapitalismus zum globalen System werden sollte?

Juli Zeh hat in einem Interview Auskunft gegeben über das Prinzip der Gerechtigkeit, über das heute niemand mehr sprechen würde:

Noch immer würden heute vor allem männliche Autoren als „ernsthafte“ Schriftsteller wahrgenommen werden. Frauen dürften nur mit Krimis erfolgreich sein. „Ein männlicher Autor, der wie ich gesellschaftsrelevante Romane mit hohen Verkaufszahlen veröffentlicht, würde in die Tradition der großen deutschen Erzähler gestellt werden. Für eine Frau kommen solche Kategorien nach wie vor eher nicht infrage.” (Sueddeutsche.de)

Gerechtigkeit liebe Frau Zeh, ist nicht nur feministisch, sondern betrifft alle Menschen, ja die gesamte Population der Welt.

Von Beginn an gab es in Athen Streitigkeiten über Gerechtigkeit in wirtschaftlichen Fragen. Aus diesen Fragen entstand das philosophische Streiten über Moral, samt allen demokratischen Politfragen.

Gerechtigkeit ist eine moralische Riesenfrage. Hier muss jeder seinen eigenen Kopf benutzen, um seine Meinung auf dem Marktplatz einzubringen.

Politik habe nichts mit Moral zu tun – so ist heute eine weit verbreitete Meinung bei Streitigkeiten über alle Geldfragen.

Wenn aber dieser Urstreit nicht lösbar ist, so bleiben alle Tagesstreitigkeiten über Geld für immer ungelöst.

Gerechtigkeit ist eine moralische Frage. Keine Moral ist eine simple Aufgabe. Jeder muss sich anstrengen – und damit der ganze Demos, um sich peu a peu einem unbekannten Ziel – das aber immer genauer erforscht werden muss – zu nähern.

Politische Arbeit ist unermüdliche Annäherungsarbeit an ein unbekanntes, aber immer genauer zu formulierendes Ziel. Streiten ist kein Tagesgeschäft, sondern ein unbekannt langes Geschäft aller politischen Volksgruppen. Demokratie ist eine “endlose Schwatzbude”, mit immer genauer zu bezeichnenden Zielen.

Wer von Zielen der demokratischen Tagesarbeit spricht, ohne genau anzugeben, wie diese Ziele aussehen sollten, bleibt ein Schwätzer oder ein Demagoge.

Heute werden die Ziele des Kapitalismus in Silicon Valley bestimmt. Auf Gerechtigkeit pfeifen die KI-Athleten, sie wollen reich und immer reicher werden, letztlich mit ihren technischen Superleistungen in unbekannte kosmische Fernen vorstoßen.

Die Menschheit ist ihnen dabei immer gleichgültiger, ihr Traum ist die Vorstellung, immer gottgleicher zu werden, einige Auserwählte mitzunehmen und für immer davonzudüsen.

Moral ist für sie Macht und sonst nichts. Für Hayek ist wirtschaftliche Macht nichts anderes, als das, was von Oben erlassene Gesetze ehern bestimmen.

Das klingt nicht nur so, das ist identisch mit der Religion der Auserwählten, die nichts anderes tun, als gehorsam den Urregeln des Universums zu folgen.

Für das AfD-Mitglied Björn Höcke gilt als Urarbeit der Demokratie das, was Freud als Therapie beschreibt. Jeder Mensch muss so gut wie möglich sein verwüstetes Selbst bearbeiten, um dem Staat das zu geben, was er braucht:

Harmonie des sozialen Gefüges.

Im alltäglichen Gewühl des Tages wird zumeist verdrängt, wie jeder Einzelne unter seinen Mängeln leidet, indem er an sich selbst leidet. Doch die Arbeit an sich selbst erfordert eine harmonische Beziehung zwischen Patient und Autorität. Genau das fehlt in der täglichen Politarbeit, weshalb Höckes Vorschläge sinnlos bleiben. Therapeutische Arbeit ist keine demokratische.

Ein ganz wichtiger Konfliktpunkt beim Streit um den Kapitalismus ist der Kampf um das Böse, das unbedingt nötig ist, um das Gute zu vollbringen.

Es geht um die Tradition des holländisch-englischen Arztes Mandeville, der Mephistos Selbstbeschreibung in Form einer berühmten Bienenfabel veröffentlichte.

Goethes Mephisto war sich seiner bösen Sache sicher:

Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Ein böseres Buch als die Bienenfabel habe er noch nie gelesen, schrieb eine britische Autorität jener Zeiten. Doch die Entgegnung von Mandeville war unerbittlich: ohne Böses in der Welt könne nichts Gutes geschaffen werden.

„Die Kräfte der Natur erscheinen uns als antagonistische Wirkungen.”

Deshalb sei das Böse in der Welt das einzig fruchtbare Prinzip in der Welt.

Aus diesem Grund könne es nur ein Wirtschaftssystem ohne Moral geben. Denn gäbe es kein Böses, dann könne es auch keine Frucht des Kapitalismus geben.

Hat Juli Zeh dieses durch das Böse befruchtete Gerechtigkeitssystem gemeint? Eine absolute Verteilungsgerechtigkeit kann es in der Menschheit nicht geben, aber eine Verteilung, die alle Menschen zur Genüge versorgt.

Wir sehen: es liegt noch eine Masse Gedankenarbeit vor uns, um die elementarsten Prinzipien des Kapitalismus nur zu formulieren, geschweige zu durchdenken und durchzustarten.

Die Bibel ist kein philosophisches Grundbuch für nichts, sie ist immer manichäisch, d.h. immer von schärfster Widersprüchlichkeit. Manichäische Systeme mit Gott und Teufel lassen sich nie vereinbaren.

Das interessiert die Gegenwart in keinster Weise. Sie will Reiche immer reicher und Arme immer ärmer machen.

Der heutige Kapitalismus enthält immer das Böse, weshalb es ein böses und menschenfeindliches System sein muss. Böse Systeme aber ruinieren uns mit Bestimmtheit, seien es die Gesellschaften, sei es die zerbrechliche Natur.

Fortsetzung folgt.