Tagesmail vom 08.06.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben LIV,
Noch immer besitzt die Menschheit keine Chance, mit der Wahrheit davonzukommen: zu siegen oder mit der Lebenslüge unterzugehen.
Zur Zeit führt sie zum endlosen Male einen chaotischen Überlebenskampf um Sein oder Nichtsein, um Wahrheit oder Lüge.
Die Wahrheit soll siegen, die Lüge untergehen.
Was sind das für Kampf- oder Entweder-Oder-Begriffe, wenn es um bloßes Dasein geht?
Genügt es nicht, wenn das Leben schlicht und einfach ist, also vorhanden ist? Wer oder was will ihm an den Kragen?
Wer hat dem Sein das Kreuz wie ein Fallbeil über den Kopf gehalten?
Wer hat ihm jede Naivität geraubt und jeden Tag zum Überlebenskampf erklärt?
Wer hat ihm in schärfstem Ton entgegengeschleudert: Entweder-Oder? Entweder du kämpfst und siegst – oder du verschwindest von der Erdoberfläche?
Muss das Leben ein endloser Kampf sein? Ein unbarmherziger Konflikt Tag für Tag?
„Nichts möge der Christ in dieser Welt liebevoll besitzen, kein Vergnügen soll er bei vergänglichen Dingen suchen”, schrieb Gregor, Bischof von Rom.
Wie konnte es kommen. dass das normale Leben gnadenlos in der Mitte zerschnitten wurde, um den “Überlebenskampf” siegreich zu bestehen?
War das Sein nicht etwa der harmonische Kosmos, den man dankbar genießen sollte?
Und plötzlich, mit der neuen Religion, hörte und sah man höllische Blitze über dem Erdenrund aufleuchten, denen man ausweichen musste, um das “Sein” zu bestehen?!
Das hier z.B. war die bisherige Lehre:
„Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest in dem Lande, das der Herr, dein Gott dir geben will.”
Kein Kind wäre auf die Idee gekommen, sein Leben in zwei Teile zu teilen, die im höllischen Entweder-Oder miteinander liegen.
Und plötzlich wird’s noch schlimmer:
„Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.”
Dieses Wort Jesu konnte Familien zerstören.
Bis dahin war die intakte Familie der innige Kern des Daseins.
Seit dem Erscheinen eines jenseitigen Erlösers war die familiäre Einheit des irdischen Lebens vorbei.
Nicht mehr das sichtbare Leben war das wahre Leben der Menschen, sondern das jenseitige, überirdische Leben, das man schon hienieden für wahr halten musste – gleichgültig, ob man Zweifel hatte oder nicht. Es wurde zum Leben im Jenseits, das man schon jetzt vorzubereiten hatte.
„Die Sehnsucht nach der wahren Heimat führte einige Christen dazu, das Ende der Welt herbeizuschreiben oder zu versuchen, es herbeizuführen, ob sie nun am Großen Brand Roms 64 beteiligt waren oder nur nachträglich die Schuld der Brandstiftung auf sich
nahmen.“
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt”, hatte der Erlöser gepredigt. Und seine Gläubigen folgten ihm blindlings.
Christen lebten hierzulande nur ein vorläufiges Leben. Endgültiges Ziel ihres Daseins war das Jenseits.
„Liebet nicht die Welt noch das, was in der Welt ist”, hieß es im Johannesbrief.
Der Christ ist ein Fremdling in dieser Welt, er ist ein Bürger des himmlischen Jerusalem. So erhielten die Christen ein doppeltes Leben.
Damit hatte die Einheit der Familie, der Polis, ein Ende gefunden. Seitdem ist das Abendland in zwei Teile gespalten.
Zwar blieb das Ziel des Christen die Vereinigung mit Gott. Da diese aber auf Erden nicht leicht erreichbar war, predigten manche Kirchenväter ein “fremdartiges Leben, eine fremdartige Lebensführung“.
Jetzt verstehen wir vielleicht schon manches in der Moderne. „Wo bin ich, bin ich allein in der Welt, wo ist meine wahre Heimat, wenn sie nicht auf Erden ist?“
Die Entfremdung der Moderne, an die heute niemand mehr glauben kann, deren archaische Gefühle aber immer noch vorhanden sind, kommt aus dem Glauben an die Verdoppelung der Welt, die wir nur noch „als ob“ traktieren dürfen.
Das ist das Erbe der christlichen Verdoppelung der Welt, die zu glauben heute niemandem mehr zuzumuten ist. Doch zur Erklärung der seltsamen Momente der Moderne wäre es vielleicht sinnvoller, zu tun, als ob man glaubte. Wir leben in einer virtuell doppelten Welt, deren Reststücke uns noch plagen, obgleich wir wie Idioten davor stehen.
Halten wir fest: „Das Ziel des Christen – oder des Als-Ob-Christen – bleibt die Vereinigung mit Gott. Da diese auf Erden nicht erreichbar ist, predigten manche Kirchenväter „ein fremdartiges Leben, eine fremdartige Lebensführung“.
Zu diesen Praktiken gehörten das Fasten, das Auf-der-Erde-Schlafen, sowie das sich Lossagen von Heimat, Verwandten, Gütern und Besitz. Das führte zum Begriff: „Die Mönche kreuzigen sich selbst in der Welt.“
(Alle Zitate aus Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die Alte Welt)
In diesen Mönchen müssen wir die Genies von Silicon Valley erkennen. Sie erfinden eine jenseitige Welt, die schon jetzt unsere Welt bestimmt, aber nur probeweise, ohne dass wir Beweise für ihre volle Realität bringen könnten.
Das also ist unsere heutige Welt, deren Doppeltheit wir als merkwürdig und unverständlich, wenn auch hochinteressant finden, deren reales Dasein wir nicht leugnen, sie sogar technisch anwenden wollen, aber nicht wissen, wohin das Ganze führen soll. Der endlose Fortschritt führt ins Abgründige, aber nicht in die Harmonie der Terra Madre, in der der Mensch sich wohlfühlt.
Was sind die begehrtesten Ähnlichkeiten des Jenseits im Diesseits? Die weit entfernten Schönheiten der Urlaubsorte. Das ist Jenseits im Diesseits.
Prantl’s Definitionsversuche von Vernunft und Wahrheit liegen daneben. Nichts wirklich Jenseitiges ist überprüfbar: Das empirisch Überprüfbare muss – nach Popper – per Nachmessen quantitativ und logisch falsifizierbar sein. Die Vernunft kann mit Vermutungen beginnen, muss aber knallhart falsifizierbar sein.
Das wirkliche Jenseits ist in keiner Weise nachmess- und nachvollziehbar. Der Glaube ans wirkliche Jenseits verliert allmählich an Wohlwollen und Glaubwürdigkeit.
Fortsetzung folgt.