Tagesmail vom 11.05.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben L,
„Eines zu sein mit Allem, das ist das Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.
Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Seligkeit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.
Eines zu sein mit Allem, was lebt!
Auf dieser Höhe steh ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit und meines Herzens Asyl, die ewigeine Welt ist hin, die Natur verschließt die Arme, und ich stehe, wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.
Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem. was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne.
O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtete die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
Ruhe der Kindheit! Himmlische Ruhe! Wie oft steh ich stille vor dir in liebender Betrachtung, und möchte dich denken! Aber wir haben ja nur Begriffe von dem, was einmal schlecht gewesen und wieder gut gemacht ist; von Kindheit, Unschuld und haben wir keine Begriffe.
Ja, ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe des Menschen getaucht ist.
Es ist ganz, was es ist und darum ist es so schön.
Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist Freiheit allein.
In ihm ist Frieden, es ist noch nicht mit sich selber zerfallen. Reichtum ist in ihm, es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.
Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche muss werden, wie ihrer einer, muss erfahren, dass sie auch da sind, und eh es die Natur aus seinem Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des Fluchs, dass es, wie sie, im Schweiße des Angesichts sich abarbeite.“ (Hölderlin, Hyperion)
Das war die Zeit des deutschen Träumens. Kein Besinnen, kein Nachdenken, kein Überprüfen, sondern nichts als Einswerden mit der Natur.
Da verstanden sie noch nichts von der Kunst des Welteroberns und Geldmachens, von der Konkurrenz der Nationen.
„Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiß des Menschen gegen die Allmacht der ungeteilten Begeisterung.“ (ebenda)
Fleiß ist Arbeit, kurz vor Entdeckung des strafenden Schweißes.
Begeisterung ist einhellige Freude am Dasein – ohne religiöse Strafe.
„Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“
In jener Zeit herrschte die Kindheit der Deutschen. Gottes Strafe als Rückkehr zum Staub war ihnen unverständlich.
Andere Länder vertrugen den Schweiß und begannen reich zu werden, indem sie das Gesetz der profitablen Staubarbeit kennen lernten.
„Und dieses ungeheure Anwachsen der Produktion in allen Gewerben, als Folge der Arbeitsteilung, führt in einem gut regierten Staat zu allgemeinem Wohlstand, der selbst in den untersten Schichten der Bevölkerung spürbar wird. Wer abarbeitet, verfügt über ein Leistungspotential, das größer ist als das, welches er zum eigenen Leben benötigt, und da die anderen in genau der gleichen Lage sind, kann er einen großen Teil der eigenen Arbeitsleistung gegen eine ebenso große Menge Güter der anderen oder, was auf das gleiche hinauskommt, gegen den Preis dieser Güter eintauschen. Er versorgt die anderen reichlich mit dem, was sie brauchen und erhält von ihnen ebenso reichlich, was er selber benötigt, so dass sich von selbst allgemeiner Wohlstand in allen Schichten der Bevölkerung ausbreitet.
Jetzt kommt die Sünde des neuen Kapitalismus, umgedeutet in die rationale Wohltat einer gegenseitigen Hilfestellung:
„Eigenliebe soll zu eigenem Nutzen verwendet werden, indem der Mensch zeigt, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht. Jeder, der einem anderen irgendeinen Tausch anbietet, schlägt vor:
Gib mir, was ich wünsche , und du bekommst, was du benötigst, Das ist stets der Sinn eines solchen Angebots und auf diese Weise erhalten wir nahezu alle guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Leben brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. Niemand möchte weitgehend vom Wohlwollen seiner Mitmenschen abhängen, außer einem Bettler, und selbst der verlässt sich nicht allein darauf. Mildtätige Menschen geben ihm zwar, was er zum Leben unbedingt benötigt, doch weder wollen noch können sie ihn mit allem unmittelbar versorgen, was er gerade braucht.
Wie das Verhandeln, Tauschen und Kaufen das Mittel ist, uns gegenseitig mit fast allen nützlichen Diensten, die wir brauchen, zu versorgen, so gibt die Neigung zum Tausch letztlich auch den Anstoß zur Arbeitsteilung.
Arbeitsteilung ist nicht nur Austausch verschiedener Arbeitsergebnisse, sondern bestärkt allmählich das Ausmaß verschiedener Begabungen.
„Von Natur aus unterscheidet sich ein Philosoph in Begabung und Veranlagung nur halb so viel von einem Lastträger wie eine Bulldogge von einem Windhund oder ein Windhund von einem Spaniel. Jedes Tier bleibt, allein und auf sich gestellt, darauf angewiesen, sich am Leben zu erhalten und zu verteidigen und es kann keinerlei Vorteile aus der Vielfalt der Talente ziehen, mit der Natur seine Artgenossen ausgestattet hat. Im Gegensatz hierzu nützen unter Menschen die unterschiedlichsten Begabungen einander. Die weithin verbreitete Neigung zum Handeln und Tauschen erlaubt es ihnen, die Erträge jeglicher Begabung gleichsam zu einem gemeinsamen Fonds zu vereinen, vom dem jeder nach seinem Bedarf das kaufen kann, was wiederum andere auf Grund ihres Talentes hergestellt haben.
Das ist der Abtrennungs-Text der englischen Aufklärungsepoche von der doofen Bergpredigt, die keinen Wert auf Weiterentwicklung des Marktes legt. In einer christlichen Gesellschaft könnte es viel Nächstenliebe und dennoch noch immer wirtschaftliche Mängelbildungen geben.
In einer rationalen Gesellschaft, in der die Vernunft des Gebens und Nehmens erkannt worden ist, ergänzen sich die eigenen Talente mit denen des Nachbarn. Bornierten Egoismus kennt man hier nicht.
Frage: wenn die moderne kapitalistische Gesellschaft so sinnreich eingerichtet ist, wie kam es dazu, dass die frühesten Früharbeits-Verhältnisse so jämmerlich waren wie Engels sie geschildert hat?
Die Freunde des Kapitalismus wollen noch heute immer nicht zur Kenntnis nehmen, wie Engels die schreckliche Not der Arbeiter schilderte.
Inzwischen sind die Kapitalerträge der Erfolgreichen ins Unendliche gestiegen – und dennoch krepieren in aller Welt Millionen von Menschen an Unterernährung und Sinnlosigkeit.
Wie viele Menschen konnten ihre Urtalente nicht so entwickeln, dass sie einen selbstbewussten Beitrag zum Markt der Gesellschaft beitragen konnten.
Vor allem: wenn die Entwicklung der Marktgesellschaft so rational und ausgeglichen vonstattengehen soll, woher kommen dann die schrecklichen Zukunftsphantasien der „Genies“, mit denen sie die Erdbevölkerung drangsalieren wollen?
Nach Vorstellungen Alexander Karps, eines Schülers des deutschen Philosophen Habermas, wird die Gesellschaft der Zukunft eine rassistische Despotie sein. Die Superreichen denken nicht daran, die Nöte ihrer Mitmenschen so auszugleichen, dass sie sich emanzipieren könnten.
Vor allem: warum wollen immer mehr deutsche Jugendliche das Land verlassen, weil sie sich eine andere Zukunft für sich vorstellen?
„Die jungen Menschen in Deutschland orientieren sich laut einer Studie zunehmend ins Ausland. Jeder Fünfte hat bereits konkrete Umzugspläne. Was sind die Ursachen?
Ganz vorne steht das mangelnde Vertrauen auf eine gute Zukunft in Deutschland. Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt wegen hoher Steuern und zu teurem Wohnraum. Oder Angst aufgrund des wahrgenommenen Rechtsrucks.“ (TAGESSPIEGEL.de)
„Aber viele junge Menschen haben das Gefühl, ein System mitzutragen, das sich zu lange nicht ausreichend reformiert hat. Daraus entstehen Belastungen – etwa durch hohe Abgaben und zu geringe Investitionen in Infrastruktur für junge Menschen, die besonders sie betreffen.“
Die Sehnsucht der deutschen Jugendlichen ist nicht von gestern. Schon ab der Romantik zog es die Nachkommen des 30-jährigen Kriegs vor allem über die Alpen ins Land des lichtvollen Südens. Sie sahen keine Zukunft für sich im zertrümmerten Land der Mitte.
Was wollten sie in der weiten Welt? Nein, sie hatten noch keine klaren Perspektiven. Sie suchten nach der Blauen Blume, dem Inbegriff einer glorreichen Zukunft. Novalis schrieb in seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“:
„Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fernab liegt mir alle Habsucht, aber die Blaue Blume sehn ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn und ich kann nicht anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist als hätt ich vorhin geträumt oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte sich da um Blumen gekümmert und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab ich damals nie gehört.“
Für die Engländer war die kapitalistische Zukunft ein endloser Fortschritt durch die Vernunft der Menschen, die durch den Kapitalismus erweckt wurde.
Für die Deutschen war die Zukunft ein paradiesischer Traum von Blumen und erblühter Natur.
Adam Smith hatte Abschied genommen von den Frommen, die ihre heilige Schrift immer noch wörtlich nahmen.
„In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt. Statt jener ausdrücklichen Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger und wohlwollender Männer.“ (Novalis)
Die Deutschen brauchten noch mindestens ein halbes Jahrhundert, um aus der blauen Blume eine mächtige Nation in der Mitte Europas zu bilden. Der Verfall der Theologie stand ihnen noch bevor. Wie immer schauten die Theologen zu, stritten sich um jede Kleinigkeit der Dogmatik – aber taten nichts.
In dieser Leere versanken die neuen Gelehrten – und warteten auf die Führer, die ihre neuen Untertanen energisch an die Leine nahmen, um sie zu terrorisieren. Das Ergebnis war eine weltweite Katastrophe, deren kriegerische Fortsetzung wir heute immer noch erleben, ohne zu wissen, was geschieht.
Fortsetzung folgt.