Tagesmail vom 05.09.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben IV,
Jetzt kommt China:
„Wir brauchen eine neue Art von Menschen, ein neues Bild des Menschen, der die führende Rolle bei der Entwicklung dieses Universalismus einnimmt. Ich glaube fest daran, dass China mit seiner langen Geschichte und seinem Fokus auf die Wirklichkeit über die unbegrenzte Energie verfügt, die man braucht, um diese neue Ära einzuläuten.“
„In seinen späteren Jahren sagte der britische Historiker Arnold J. Toynbee voraus, dass China eine zentrale Kultur innerhalb der Weltgeschichte würde, gestärkt durch die ökumenische Haltung, die das chinesische Volk über tausende von Jahren entwickelt hätte. Toynbee, der dem Christentum kritisch gegenüberstand, sah in der verehrungswürdigen chinesischen Tradition einen zart knospenden Kosmopolitismus, der den anderen und aggressiven Universalismus Europas zu überholen verspricht.“ (Daisaku Ikeda, Humanismus, ein buddhistischer Entwurf für das 21. Jahrhundert)
„Eine der Quellen der utopischen Version ist der leidenschaftliche intellektuelle Kampf von Konfuzius (ca. 551– 480).
„Wenn man noch nicht das Leben kennt, wie soll man den Tod kennen? Diese gewichtigen Aussagen, die an Sokrates` „Weisheit des Unwissens“ erinnern, konnten nur von einem Geist herrühren, der ebenso ausgezeichnet wie demütig war.“
„Nach Toynbee hat der Technikrausch des 20. Jahrhunderts zur Vergiftung unserer Umwelt geführt und die Möglichkeit geschaffen, dass sie sich selbst zerstört. Er glaubt, dass jede Lösung der gegenwärtigen Krise von der Selbst-Kontrolle abhängt. Die Menschen des 21. Jahrhunderts müssen lernen, den Mittelweg zu beschreiten, den Weg der Mäßigung.
Buddhistisches Denken ist im Kern eine Lehre des unveränderlichen Gesetzes, des wesentlichen Lebens, der unveränderlichen Essenz, die unter aller Vergänglichkeit des Gegebenen liegt, was alle Dinge vereint, ihnen Rhythmus gibt und die Anhaftungen des Lebens hervorbringt.
Seit ihrer Begründung wurde die buddhistische Philosophie mit Frieden und Pazifismus in Verbindung gebracht. Dies ergibt sich – so denke ich – vorrangig aus ihrer konsequenten Ablehnung von Gewalt, aus ihrer ständigen Betonung von Dialog, Diskussion und Sprache als Mittel zur Lösung von Konflikten.“
Führen wir einen echten Dialog zwischen den Kulturen? Wer heute die chinesische Sprache lernt, will der eine Verständigung zwischen Ost und West?
Das Ende des Abendlands ist angebrochen. Wo sind die Neugierigen des Westens, die sich chinesische Weisheit aneignen wollen?
Vor Jahren gab es kommunistische Studenten, die für Mao schwärmten. Was ist aus ihnen geworden?
Kann man miteinander philosophieren, wenn man die fremde Sprache hasst? Im Westen tauchen ständig neue Begriff auf, die „woke“ sein sollen, aber in kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Von „Verschwörungen und Verschwörungstheorien“ wird geplappert, kein Begriff erklärt und in wenigen Wochen sind die Neuerungen verschwunden.
Erinnern wir uns? An Roosevelt?
„Roosevelt konnte den sowjetischen Staatsführer Josef Stalin und den englischen Premier von der Notwendigkeit globaler Sicherheit überzeugen. Roosevelt strebte nach einem Humanismus im breitesten Maßstab. Heute (2012) jedoch drängen Menschen auf der ganzen Welt darauf, die UNO solle zu ihrem Gründungsgedanken zurückkehren und nochmals die Verwirklichung von allumfassender Sicherheit und Weltfrieden anstreben.“
Kann es sein, dass die abgelebten deutschen Parteien nicht mehr wissen, was die Ursprünge einer mündigen Politik sind – und sich deshalb penetrant den Schädel einschlagen? Wissen sie nicht, dass bei verschiedenen Meinungen Kompromisse unerlässlich sind – wenn der Disput mit Argumenten nicht zur Übereinstimmung führt?
Warum erklären sie der Bevölkerung nicht gleich am Anfang ihrer Regierungszeit, dass es in bestimmten Punkten noch keine gleiche Meinung gibt – und deshalb werden alle Kompromisse als faule angesehen und von der Bevölkerung abgelehnt?
Nein, hierzulande kennt man nicht den Unterschied zwischen logischem Streiten und gütlichem Verständigen?
Bei einem Kompromiss gebe ich mich nicht einfach einer konträren Meinung geschlagen, sondern sage: Okay, du hast nachgegeben, ich gebe nach, schauen wir, wie weit wir damit kommen.
Nach gemeinsamer Erfahrungszeit muss erneut gestritten werden: auf der Basis neuer Erfahrungen.
Konnten wir gemeinsame Erfahrungen erleben, können wir im nächsten Schritt erneut neue Erfahrungen sammeln, die unsere widersprüchlichen Meinungen allmählich auflösen.
Was ist das Kennzeichen einer vernünftigen Politik?
Argumentieren, sich annähern, praktische Erfahrungen sammeln, die man ohne Kompromisse nie gesammelt hätte. Den ersten Kompromissen müssen weitere folgen auf der Grundlage erster, standfest gewordener Übereinstimmungen.
All diese Grunderfahrungen gibt es bei uns nicht. Dialoge mit scharfer Logik sind bei uns unbekannt. Jeder hält Predigten mit blitzschneller Zunge. Wer am längsten palavert hat, will gewonnen haben.
Talkmeister sind keine logischen Überprüfer, sondern subjektive Rechthaber. Die Streithähne gehen von dannen und haben sich in praktischer Politik um kein Jota genähert.
„Hat Merkel gehalten, was sie versprochen hat?“
Eine absurde Frage. Politiker versprechen uns nichts – und wenn doch, sind sie Volksverführer und keine rationalen Demokraten, die nur ihre Meinungen vorschlagen können, um dann das Volk debattieren zu lassen.
Welcher Meinung das Volk mit Mehrheit zustimmt, die darf ans Werk gehen.
Was denken überhaupt die Konfuzianer über die Politik der Menschheit? Ist die Frage nicht irreführend, denn der Maoismus hat die uralte Tradition des chinesischen Reiches zertrümmert?
Wenn wir an Konfuzius glauben, müssten wir dann nicht Mao aus dem Wege räumen und an die modernen Chinesen appellieren, zurückzukehren zu ihren alten Traditionen?
Ku Hung-Ming, ein chinesischer Denker vor Mao, schrieb in seinem Buch „Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen“ (1917) die Sätze:
„Die Lehre des Konfuzius setzt fest, dass Menschen und Nationen ihr Herz nicht an Reichtum, Macht und materielles Wohlergehen hängen sollen. Nach Konfuzius muss ein Herrscher niedrig hängen den Besitz von weltlichen Gütern und moralische Eigenschaften hochschätzen. Aber die neue Wissenschaft des modernen Europas lehrt, dass die Grundlage für eines Menschen Erfolg im Leben und die Größe einer Nation im Besitz von Reichtum, Macht und materiellem Erfolg zu finden sind.
Als Menzius einst von dem König von Liang gefragt wurde, ob er etwas habe, womit man die Interessen des Landes fördern könne, antwortete dieser: „Warum von Interessen reden? Wir wollen lieber von Sittlichkeit und Gerechtigkeit reden.“ Aber die modernen Christenmissionare würden, wenn die Mandarine sie bäten, ihnen von der Gerechtigkeit im Christentum zu erzählen, antworten: „Warum von Gerechtigkeit reden? Wir wollen lieber von Eisenbahnen reden und wo China die vorteilhaftesten Anleihen aufnehmen kann.“
Es war selbstverständlich, dass die frömmsten Christen keinen Augenblick an ihre himmlische Ethik dachten, sondern stets an ihre Erfolge. Schon damals war es wie heute: um Gotteswillen keine Moral. Das lässt der Wettbewerb der Völker nicht zu. Heute spricht die frömmste Kanzlerin nur von Wohlstandsmehrung. Alles andere ist ihr Jacke wie Hose,
Wie vertragen sich diese beiden Kulturen? Die eine will eine moralische Kultur sein, die andere will nichts als Erfolg haben und den ökonomischen Wettbewerb der Völker gewinnen. Wer die Mächtigsten und Reichsten geworden sind, dessen Ruhm wird im Universum verkündet.
Gibt es bei dieser endlosen Konkurrenz überhaupt noch dialogischen Streit über die humanste Moral? Kannste vergessen.
Der sokratisch-konfuzianische Dialog ist passe. Philosophie ist out. Streiten mit geschliffenen Argumenten – Quatsch mit Soße.
Pankaj Mishra, einer der verdienstvollsten Kritiker der kapitalistischen Doppelmoral erzählt in seinem Buch „Aus den Ruinen des Empire, Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ von Swami Vivekanandas Meinung über den Westen:
„Vergiftet vom rauschenden Wein neugewonnener Macht, furchterregend wie wilde Tiere, die den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht kennen, von Kopf bis Fuß von Alkohol getränkt, ohne jede Norm rituellen Verhaltens, unrein, materialistisch, von materiellen Dingen abhängig, mit allen Mitteln nach Grund und Reichtum anderer Menschen greifend … der Körper ihr alleiniges Ich, nur auf Erfüllung ihrer Begierden bedacht – das ist das Bild des westlichen Dämons in indischen Augen.“
Ein Afghane verglich die Briten mit „einem Drachen, der 20 Millionen verschlungen und die Wasser des Ganges wie auch des Indus getrunken hat, aber immer noch nicht satt ist und auch den Rest der Welt verschlingen und die Wasser des Nil und des Oxus trinken will.“
Wie soll es zwischen diesen beiden absolut verschiedenen Kulturen zum Gespräch kommen? Schon im christlichen Westen gibt es keine Debatten zwischen Theologen und Industriellen.
Die CDU hat ihre fromme Vergangenheit längst in der Nordsee versenkt.
Von der SPD wollen wir gar nicht reden, sie weiß nichts mehr von den Kämpfen ihrer Urgiganten. Lassalle, Bebel, Bernstein, Engels. Den Begriff Moral kennen sie nicht, denn Moral ist Geist und Bewusstsein der Menschen, bei Marx und Engels ist alles Bewusstsein eine Sache der Materie.
In den Augen der östlichen Welt ist der Westen bis ins Mark verdorben.
„Der Westen ist nicht länger Quelle guter und schlechter Dinge, reich an materiellen Vorzügen, aber seicht im spirituellen Bereich, er muss vielmehr gänzlich verworfen werden. Zwei verheerende Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise hatten ernste Mängel der politischen und wirtschaftlichen Modelle des Westens aufgezeigt. Die Dekolonisierung untergrub die politische Macht der westlichen Länder noch weiter und verzweifelte Versuche, sie zurückzugewinnen, zerstörten die letzten Reste politischer und moralischer Autorität.“
Die östlichen Länder versammeln sich, um von ferne den unerträglichen Westen zu begraben.
Wäre es nicht an der Zeit, einen grundsätzlichen Dialog zwischen den Machtblöcken zu initiieren? Wer soll das Gespräch führen, wenn niemand mehr weiß, was Logik und Argumente sind. Vergessen wir nicht, der Osten ist längst gezwungen, mit dem Reichtum, der Macht und der Technik einigermaßen Schritt zu halten.
Käme heute ein Kenner der östlichen Philosophie, um mit Chi ein tiefgründiges Gespräch zu führen, wäre das eine internationale Lachplatte.
„Denn bis heute gibt es keine überzeugende universalistische Antwort auf westliche Vorstellungen von Politik und Ökonomie, obwohl beides immer fiebriger wirkt und gefährlich ungeeignet für weite Teile der Welt erscheint. Gandhi, ihr schärfster Kritiker, ist heute selbst in Indien vergessen. Der Marxismus-Leninismus ist diskreditiert, und obwohl Chinas Herrscher immer häufiger auf konfuzianische Harmonievorstellungen anspielen, bleibt Chinas Vermächtnis in politischer Ethik weitgehend unerforscht.“
So droht die Gefahr immer größer zu werden, dass die Umwelt ökologisch zerstört wird und ein gewaltiges Reservoir an nihilistischer Wut und Enttäuschung bei vielen Hundertmillionen Habenichtsen entsteht.
Gibt es einen einzigen Politiker des Westens, der diese Gefahr erkannt hätte und sich daran machte, die gedanklichen Wurzeln des Ostens zu ergründen? Vom Westen weiß ohnehin niemand etwas.
Was ist das Fazit Mishras?
„Bis zu einem Drittel der Inder leben in extremer Armut. Mehr als die Hälfte der unter fünfjährigen Kinder in Indien sind unterernährt. Im letzten Jahrzehnt haben Missernten und Schuldenspiralen mehr als 100 000 Bauern in den Selbstmord getrieben.“
Fortsetzung folgt.