Tagesmail vom 29.08.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben II,
„Ehrfurcht vor dem Leben beruht auf Mitgefühl und Sorge für den anderen, auf Anerkennung der Autonomie und Eigenständigkeit des anderen und auf dem Bewusstsein, dass wir für unseren Unterhalt, für Frieden und Freude aufeinander angewiesen sind.
Wir, die Menschen dieser Welt, erklären hiermit unsere gegenseitige Abhängigkeit als Einzelpersonen und als Mitglieder von spezifischen Gemeinden und Nationen. Wir bevorzugen nicht einseitig die Güter und Interessen unserer nationalen und regionalen Heimaten, sondern wir akzeptieren unsere Verantwortung für das gemeinsame Wohlergehen und die Freiheit der ganzen Menschheit.
Wir verpflichten uns deshalb, nach Kräften jeder Person auf dieser Erde eine feste Basis zu geben und sicherzustellen, dass auch der letzte unter uns dieselben Freiheiten hat wie die Berühmten und Mächtigen.
Für eine sichere und nachhaltige globale Umwelt für alle. Dies ist die Grundbedingung für das menschliche Überleben. Die Kosten dafür sollen den gegenwärtigen Anteilen der Völker am Reichtum dieser Welt entsprechen.
Für die Kinder, unsere gemeinsame Zukunft. Sie brauchen spezielle Aufmerksamkeit und speziellen Schutz. Wir wollen unsere Gemeinschaftsgüter teilen, speziell die, von denen Gesundheit und Bildung abhängen.
Für demokratische Regierungsformen und Rechte. Wir wollen eine bürgernahe politische Steuerung, mit der wir unsere gemeinsamen Rechte sichern und unsere gemeinsamen Ziele erreichen können.
Für Freiräume, in welchen unsere verschiedenartigen religiösen, ethnischen und kulturellen Identitäten blühen können und wir unsere gleichwertigen, aber verschiedenartigen Leben in Würde leben, geschützt vor politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hegemonie jeglicher Art.“
Ein Manifest von Vandana Shiva aus ihrem Buch „Erd-Demokratie, Alternativen zur neoliberalen Globalisierung.“
Das Buch ist so prächtig und klar, dass man es auswendig lernen sollte. Wer immer die Interessen der gesamten Menschheit und der Natur retten will, kommt nicht an diesem Buch vorbei.
Der christliche Himmelswettlauf, der die Erde verachtet, wird das gegenwärtige Elend steigern bis zum Untergang der Welt.
Indien ist die bewundernswerte Heimat einer erd-bewahrenden Denkhaltung. Hier geht es nicht um endlose Gier nach Macht und Geld, die das Diesseits opfert, um eine jenseitige Welt im Universum zu erobern.
„Gandhis Vision der Bewegungen Swadeshi (wirtschaftliche Unabhängigkeit), Swaraj (politische Selbstbestimmung), Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit) und Sarvodaya (Wohlfahrt für alle) regt uns an, lebendige Wirtschaftsformen und lebendige Demokratien aufzubauen. In seinem Vermächtnis finden wir Hoffnung, wir finden Frieden und wir finden unsere eigene Kreativität.
Gandhi: „Solange der Aberglaube weiterbesteht, dass die Menschen ungerechten Gesetzen gehorchen sollten, so lange wird Sklaverei existieren.“
Die jetzige Globalisierung ist nichts als ein Aufzwingen fremder Interessen mit struktureller Gewalt und löst endlose, weitere Teufelskreise der Gewalt aus.
Das Universale kann nicht ein aufgezwungenes lokales Interesse sein. Es entsteht nur, wenn Menschen nach dem universalen Prinzip der Gewaltfreiheit leben – Gewaltfreiheit bringt der Natur ökologische Nachhaltigkeit und den Menschen soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit.
Gandhis und Shivas Welt sind vom Treiben der Trumpisten, Putinisten und den Diktatoren des Silicon Valley weltenweit entfernt.
Sollte Gandhi Recht haben (er hat), wären KI- Milliardäre die Schwerverbrecher dieser Welt. Sie haben nichts im Sinn als den stinkenden Luxus künstlicher Maschinisten, die nur den endlosen Fortschritt kennen, aber nicht die Bewahrung dieser Erde – für alle.
Die Gläubigen des Fortschritts sind Cartesianer. Ihre mechanistische kartesianische Weltsicht lässt es zu, dass dem anderen eine Position mit Gewalt aufgezwungen wird, in der Überzeugung, dass diese zum Wohle dieses anderen geschieht.
„Die Bewegung für eine lebendige Demokratie beruht auf der Erkenntnis, dass wir da beginnen können, wo wir gerade sind und dass wir unseren Alltag mit den kühnsten Visionen und höchsten Werten angehen können.“
Sehen wir auf die andere Seite der heutigen Weltpolitik. Gogarten, der Theologe, und Hayek, der Neoliberale, vertreten das pure Gegenteil Gandhis.
„Friedrich Gogarten, der einflussreiche protestantische Theologe, hat immer von neuem die individuelle Freiheit und die Autonomie des Menschen als die Grundübel unserer gesellschaftlichen und politischen Ordnung angeprangert. Der Grundbegriff seiner neuen politischen Ethik (die gar nicht neu, sondern original-lutherisch war) war bemerkenswerterweise die Hörigkeit, die er als „Freiheit der Verantwortung“ umschrieb. Er meinte damit die Gebundenheit an den anderen, aber auch die Unterordnung unter den souveränen Staat. Nicht das Individuum darf frei und souverän sein, nur der Staat ist von Gott dazu ausersehen. Die ethische Freiheit sei nicht die eines souveränen, sondern die eines hörigen Wesens. Wahre Freiheit ist die Unterordnung unter das Ganze. Der als Freiheit verbrämte Dienst des einzelnen für das Ganze sichert erst die wahre Freiheit des Ganzen.“
Das ist die Auslegung von Römer 13:
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit[1], die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. 2 Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“
Deutsche Lutheraner, auch lutherische Pastorentöchter, kümmern sich nicht mehr um diese Stelle. Was christlich ist, bestimmen sie durch haltlose Deutungen beliebiger biblischer Stellen. Jeder deutet, was er und wie er will. Kein „neutraler“ Medienvertreter befragt die Ex-Kanzlerin nach ihrer biblischen Rechtfertigung. Haben sie doch selbst keine Ahnung mehr von der biblia sacra.
Der andere Widersacher Gandhis ist Hayek, der Vertreter des Neoliberalismus.
Hayek wendet sich gegen die in der UNO-Menschenrechtsdeklaration verankerten sozialen Grundrechte. Die Absurdität und Unerfüllbarkeit sozialer Rechte im Sinn eines Anspruchs aus Freiheit von materieller Not zeige sich, so Hayek in unverhülltem Sarkasmus, an universellen Grund- und Menschenrechten, die dem Landarbeiter, dem Eskimo, und vermutlich auch dem Yeti regelmäßigen bezahlten Urlaub zusichern wollen. Mit scharfen Argumenten geißelt er die UNO-Menschenrechtsdeklaration als einen „Ausdruck platonisch-totalitären Gedankenguts.“ (Hennecke, F. A. von Hayek, Die Tradition der Freiheit)
In einem Interview behauptete er, „ein vernünftiger Diktator könne persönliche Freiheit garantieren. Es gebe durchaus historische Situationen, in denen autoritäre Regime die Freiheit besser zu schützen wüssten als demokratische Regime. In einem TIMES-Leserbrief schrieb er 1978: begrenzte Demokratie sei die beste Staatsform.
Zum Bericht des „Club of Rome“ fiel sein Urteil knapp und vernichtend aus. „Es ist ein Beispiel jener Arroganz der Intellektuellen, dass sie glauben, sie können – oder müssen – voraussagen, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln werden. Das Verlangen, dass wir wissen sollen, wie die Welt in 100 Jahren ausschaut, ist einfach absurd.“
Bei einem Treffen beim Papst rief Hayek zu intellektueller Bescheidenheit auf und betonte, es sei die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft, vor der zunehmenden Zerstörung durch wissenschaftlichen Irrtum zu warnen.
Hayek, Freund Poppers, verließ sich auf Poppers Falsifikationsthese, die vor „wissenschaftlichen“ Polit-Voraussagen warnte. Solche, in Wirklichkeit unwissenschaftlichen Visionen, seien nichts als schwärmerische Prophezeiungen, die keinerlei grundlegenden Überprüfungen standhielten.
Hier ist die Quelle jener Warnung vor ökologischen Katastrophen, die bei den milliardenschweren Besitzern der Ölquellen, oder in rechten Medien wie in WELT und BILD bis heute ihren Unfug treiben.
Ökologische Voraussagen müssen schon seit mehr als 50 Jahren nicht mit quantitativer Präzision ausgesagt werden. Jeder wache Demokrat kann sich – bei aufmerksamer Betrachtung der Weltlage – ein gediegenes und weltweit überprüfbares Urteil über den Verwahrlosungszustand der Natur machen.
Diese Beurteilung durch die Berichte der Völker ist zwar keine mathematische, aber dennoch eine politisch höchst verlässliche Erkenntnis. Hier hat Popper ein schwerwiegendes Fehlurteil gefällt, indem er strenge Naturwissenschaft mit menschengemachter Geschichte verwechselte.
Das war die Entstellung der Geschichte in eine Naturwissenschaft. Wer hätte im Jahre 1918 das Dritte Reich Hitlers mit mathematischen Methoden voraussagen können?
Hayeks Übernahme der Popper’schen Falsifikationsthese war eine willkommene Gelegenheit, die Menschen jeder Erkenntnis politischer „Voraussagen“ zu berauben. Nein, keiner Erkenntnis mit göttlicher Allwissenheit, sondern einer Vorausschau mit gesundem Menschenverstand.
Mit Ausnahme der KI-Genies, die genau wissen, dass sie in wenigen Jahren unsterblich auf dem Mars ankommen werden, gibt es niemanden, der über prophetische Visionen verfügen und dennoch – bis zu einem gewissen Grade – erkennen könnte, was morgen oder übermorgen auf Erden passieren wird.
Hier ist die akkurate Naturwissenschaft in einen selbstgegrabenen Abgrund gestürzt. Sie hat nicht gelernt, dass wir zwischen unfehlbaren historischen Prognosen – die es nicht geben kann – und vernünftigen Betrachtungen der Weltlage – wozu wir keine Quantenphysik benötigen – unterscheiden müssen.
Oppenheimer wusste nicht, was geschehen wird, wenn er zum ersten Mal in der Geschichte den schrecklichen Knopf betätigen würde. Hier überließen sich die neuen Wissenschaftsheroen dem blinden Glauben an das wohltätige Regiment eines Gottes.
Wenn sie aber ein vernünftiges Urteil mit endlos vielen Fakten in prophylaktische Politik verwandeln, sind sie plötzlich visionäre Verbrecher der Menschheit.
Sie sprechen gern vom „Münchhausen-Syndrom“, wonach sich die Menschheit kraft ihrer Vernunft selbst aus dem Sumpf ziehen wolle.
Sollen sie etwa blind und unbeweglich auf Gottes Eingreifen warten – oder sollen sie tun, was ihnen und der vernünftigen Menschheit plausibel erscheint? Und selbst, wenn ihre Erkenntnisgrundlage falsch wäre, so könnte ihre praktische Politik dennoch ein Segen für die Menschheit sein.
Hayek war kein gottloser Religionsfeind. „Er bekennt sich ausdrücklich zu den zentralen moralischen Positionen des Christentums, in denen er jene Merkmale wiederfindet, die auch für eine freie, spontane Gesellschaft grundlegend sind.“
Wie oft zitiert Hayek das Alte Testament? Nur um zu beweisen, dass er nichts davon hält?
„Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück.“
Welchen Grund sollte es für den Katholiken Hayek gegeben haben, diese Verse aus dem Prediger zu zitieren, wenn nicht den, Gott die Ehre zu geben?
Nein, Hayeks Neoliberalismus ist eine theologische Ökonomie, der die Menschen folgen müssen, wenn sie nicht ins höllische Elend abstürzen wollen.
Überlassen wir Vandana Shiva das letzte Wort:
„Wir fordern eine Welt zurück, die sich gefährlich nah am Abgrund bewegt. Wir werden nicht aus Arroganz aktiv, sondern bleiben bescheiden und lassen Ungewissheit zu. Es ist unser Geben, das zählt, nicht unser Erfolg. Aber im selbstlosen Geben sind wir siegreich. Und durch die alltäglichen Taten weben wir das Netz des Lebens neu.“
Fortsetzung folgt.