Tagesmail vom 25.08.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben I,
Terra Madre ist der globale Kampfaufruf der Frauen gegen die Naturverwüstung der Patriarchen.
Es ist der weibliche Versuch, den Sündenfall rückgängig zu machen und die männliche Schöpfungsimitation in die original-weibliche zurückzuverwandeln.
Am Anfang war kein Mann, sondern ein fruchtbares Weib, das Weib war die Natur und ging ewig schwanger mit einer stets neuen und unerschöpflichen Natur.
Als sie die Natur geboren hatte, begann der Kampf des unfruchtbaren Mannes gegen die unerreichbare Natur.
Es war die Frau, die die Herrlichkeit der Natur entdeckte und auch den Mann zu ihrer Bewunderung führen wollte.
„Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.
Die erste Begegnung mit der Natur wurde zum Sündenfall, zur Urkatastrophe der Menschheit bis zum heutigen Tag.
Gott hatte das Paar davor gewarnt, die herrliche Natur zu entdecken. Doch da gab es eine echte Stimme der Weisheit, die das Paar gegen das göttliche Verbot rebellisch machte.
Im Reich der heidnischen Griechen war Weisheit die denkerische Leistung der Menschen, auf die sie stolz sein konnten.
Im Bereich der Gläubigen wurde Weisheit zur Stimme der bösen Schlange, die das Paar – man höre und staune – zur Vernunft bringen wollte:
„Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. 5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“
Die Schlange war eine echte Stimme der Natur, die den Menschen in die Pracht der Terra Madre einführen wollte.
Schon an diesem Punkt entschied sich das Schicksal der Menschen bis zum heutigen Tag.
Die Menschen hatten Angst vor den Drohungen Gottes. Gott hatte sie davor gewarnt, von den Früchten der herrlichen Natur zu kosten:
„Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
Eine schrecklichere Drohung als eine Todesstrafe kann es nicht geben.
Doch auf den ersten Blick überwanden die Beiden ihre Urangst und durchschauten die Drohung als Affentheater eines anmaßenden „Schöpfers“.
„Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. 5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“
Seltsamerweise geschah, was der totalitäre Gott prophezeit hatte: die Weisheit der Natur wurde zuschanden.
„Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren“.
Furcht vor der Nacktheit ist noch immer Angst vor der göttlichen Urstrafe.
Wer heute allerdings an die Meeresstrände schaut, könnte meinen, die Menschen seien in hohem Maße angstfrei geworden – wie sie sich nackt oder halbnackt vor ihren Mitmenschen bewegen.
Das stimmt nur zur Hälfte. Wer mit frecher Pose gegen ein Verbot verstößt, hat immer noch zu viel Respekt oder verborgene Angst vor einer schrecklichen Strafe – muss aber tun, als hätte er keine mehr.
Mitten im ersten Genuss bemerkten die beiden, dass sie nackt waren und:
„sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“
Der Feigenbaum spielt eine besondere Rolle im Revier der Männer-Schöpfung. Trägt er nicht rechtzeitig Früchte, um den Erlöser zu erfreuen, wird er von diesem zum Tode verurteilt.
„Als er am Morgen in die Stadt zurückkehrte, hatte er Hunger. 19 Da sah er am Weg einen Feigenbaum und ging auf ihn zu und fand an ihm nichts als nur Blätter. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle.“
Der Feigenbaum – gar nicht feige – hatte den Mut, den naturwidrigen Wünschen des Herrn zu widerstehen Er folgt seinen eigenen Gesetzen, den Gesetzen der Natur – und nicht der Willkür eines allmächtigen Übermenschen.
Auch Nietzsches Wille zur Macht ist jesuanischer Herkunft. Die Willensäußerungen der Mitmenschen interessieren ihn nicht. Gottgleich will er sich über die Natur erheben, um sie nach Belieben zu drangsalieren.
Der männliche Schöpfer ist ein Zyniker: er allein darf sich der Natur erfreuen, seine Geschöpfe müssen darben:
„Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens.“
Jetzt spielt der Allwissende auch noch den Unwissenden und ruft in die Natur hinein: Mensch. wo bist du?
Noch ist der Mensch ehrlich und unterwirft sich einem Gott, dem es Spaß macht, ihn vorzuführen.
Obwohl der Schöpfer auch ein Allwissender sein will, stellt er sich doof:
„Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen? 12 Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“
Gott will an nichts schuld sein, umso höher wird die Schuld seines „Geschöpfes“.
Zwischen Natur, der Schlange, und dem Menschen setzt Gott eine Riesenkluft:
„Weil du das getan hast, bist du verflucht / unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. / Auf dem Bauch wirst du kriechen / und Staub fressen alle Tage deines Lebens. 15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, / zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. / Er trifft dich am Kopf / und du triffst ihn an der Ferse.“
Im Strafen ist Gott einsame Spitze. Die Schöpfung wird in allen Variationen gezüchtigt. Hier bleibt kein Auge trocken.
„Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Nach deinem Mann hast du Verlangen / und er wird über dich herrschen. 17 Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen / und die Pflanzen des Feldes wirst du essen.“
Nur die Frau ist an allem schuld, der Mann wird zum Herrscher seines bösen Weibes. Ob das dem Mann gefällt, der sich in Liebe mit seiner Frau vereinigen soll, um Kinder zu zeugen?
Teile und herrsche. Damit Mann und Frau sich nicht zur Einheit verbünden, um ihrem zynischen Herrscher gemeinsam zu widerstehen, unterlässt Gott nichts, um das harmlose Paar gegeneinander auszuspielen.
Das Drehbuch „Soko Erde“ kennt nur Schuldige. Wie soll das Ganze endigen?
Wie ist die Strafe für die Frau?
„Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Nach deinem Mann hast du Verlangen / und er wird über dich herrschen.“
Wie ist die Strafe für den Mann?
„Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen / und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts / wirst du dein Brot essen, / bis du zum Erdboden zurückkehrst; / denn von ihm bist du genommen, / Staub bist du / und zum Staub kehrst du zurück.“
Während die Frau unter Schmerzen Kinder gebären muss, dürfen die Männer – ungeheure Erfolge im Raubbau an der Erde einfahren. Sie nennen es Kapitalismus und fühlen sich als Sieger im Wettbewerb aller gegen alle, auch wenn sie nicht mehr wissen, wohin mit ihrer unermesslichen Beute.
Den Schmerzen der Geburt können sich die Frauen nicht entziehen, die Männer aber sind listig und widerborstig: den Mühen der Strafarbeit auf dem Felde entziehen sie sich durch geniale Erfindungen. Sie erfinden den technischen Fortschritt mit Maschinen, die ihre doofen Gehirne weit übertreffen sollen.
Dass ihre überintelligente KI sie in allen Dingen übertreffen wird, sie also auch nach Belieben bestrafen kann: diese Petitesse entgeht ihnen. Sie fühlen sich schon hienieden als auserwählte Sieger im Wettbewerb der Sünder, ohne zu ahnen, dass sie von ihrem eigenen Fortschritt hinters Licht geführt werden könnten.
Und nun das Unerwartete. Nach der Strafaktion seiner Geschöpfe freut sich Gott nicht seiner bewährten Überlegenheit, sondern befürchtet vielmehr weitere Ungehorsamsaktionen der Unbelehrbaren:
„Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben. 23 Da schickte Gott, der HERR, ihn aus dem Garten Eden weg, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. Er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.“
Wie soll es dem Menschen möglich sein, den „Weg zum Baum des Lebens“ zu finden, wenn diese von Gottes Leibwache selbst bewacht wird?
Gott muss sich allerhand einfallen lassen. Er muss Zehn Gebote erfinden, perfekten Gehorsam einfordern, stets neue Propheten schicken um sie zu warnen, schließlich seinen Sohn auf die Erde schicken, der sich ans Kreuz nageln lassen muss, um das uralte Prinzip zu realisieren: sterben, um zu leben.
Sterben, um zu leben: das ist seitdem die kollektive Strafe fürs Menschengeschlecht – während der gesamten Heils-Geschichte.
Auch Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie folgt dem Motto: sterben, um zu leben. Am Ende der Sinfonie schwirren alle Beteiligten in den Höhen der Seligkeit.
Was wird kommen?
Die Frommen folgen dem Motto: alles, was Gott prophezeit hat, wird eintreffen. Allerdings: nur die Erwählten werden gerettet, die Verdammten ins höllische Feuer geworfen.
Die gottlosen Schicksalsgläubigen nehmen alles, wie es kommt: was festgelegt ist, ist festgelegt. Ändern lässt sich ohnehin nichts.
Die Autonomen werden alles unternehmen, einem heteronomen Schicksal energisch zu widerstreben.
Der irre Kampf zwischen diesen drei Fraktionen ist der unentwirrbare Inhalt der gegenwärtigen Weltkrise.
Nur wer glaubt, an seinem Schicksal mitentscheiden zu können, wird der Direktive folgen:
Was kommt, das entscheidet in hohem Maße auch eine mündige Menschheit. Je einiger, umso vorteilhafter.
Nicht der Tod ist das unvermeidbare Zwischenziel der Menschen, um eines Tages aufzuerstehen. Sondern ein menschenfreundliches Leben ist das einzige Mittel, um sich ein ebensolches Leben zu verdienen und den Tod zu missachten – solange die Natur es zulässt.
Leben, um zu leben. Der Tod – sagte Sokrates – hat kein Mitspracherecht an unserem Dasein. Zwar weiß niemand, ob uns dies gelingen wird. Das Gegenteil aber auch nicht.
„Was für ein Ende soll die Ausbeutung der Erde in all den künftigen Jahrhunderten noch finden? Und Plinius fragt: „Bis wohin soll unsere Habgier noch vordringen?“ – Totenstille bei Trump und Musk.
Fortsetzung folgt.