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Tanz des Aufruhrs XXXVIII

Tanz des Aufruhrs XXXVIII,

Retardierendes Moment. Ein Virus macht die Welt zum Kunstwerk – mit welchem Ausgang?

„Das retardierende Moment bezeichnet eine Szene im Handlungsverlauf eines Dramas, die nach dem Höhe- und Wendepunkt das Ende der dramatischen Handlung hinauszögert, indem sie kurzzeitig einen anderen Ausgang als erwartet möglich oder wahrscheinlich macht. Dadurch steigt die Spannung vor dem unweigerlichen Ende erneut an.In der Tragödie bezeichnet das retardierende Moment ein Ereignis, welches dazu führt, dass man die trügerische Hoffnung auf die (noch denkbare) Rettung des Helden erhält. In der Komödie bezeichnet das retardierende Moment ein Ereignis, welches das sich scheinbar in greifbarer Nähe befindliche glückliche Ende hinauszögert.“

In den Oberammergauer Festspielen steht der Held fest. Der Retter muss zuerst getötet werden und die Menschheit in Panik fallen, bevor sie befreit aufatmen darf.

Der Kairos des Corona-Virus ist phänomenal: erst Karfreitag, dann Osterjubel – oder doch nicht? Wir … … wissen es nicht mehr. Der Glaube an den finalen Triumph beginnt sich zu verabschieden.

Es muss spannend bleiben, als hätte der Weltgeist ein Golgatha-Stück theatralisch inszeniert. Solche Spannungen zu ertragen nennt man Glauben, der in der Epidemie eine schwere Prüfung zu bestehen hat.

„Prüfet die Geister, ob sie von Gott sind. Prüfet, was das Beste sei. Prüfet, was da wohlgefällig sei dem Herrn. Ein jeglicher prüfe sein eigen Werk. Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben seid. Prüfet, was der Wille Gottes sei.“

„Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert“: das war der selbstkritische Geist des Sokrates, der Maßstab der Heiden, der von Gottesfürchtigen übertroffen werden musste.

Zuerst musste Gott den Frommen prüfen:

„Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden.“

Dann die Gegenprüfung. Selbst der Frömmste lässt sich von seinem Gott nicht alles gefallen:

„Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin? Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in den Staub legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.“

Schwere Geschütze: Du willst allmächtig sein und vergreifst dich an meiner Wenigkeit? Nach Allmacht sehen deine unfairen Glaubenstests nicht aus. Du wirst es nötig haben, Dich mit meiner Winzigkeit zu vergleichen, damit Du Dich aufblasen kannst.

Hiob ist ein spannendes Buch. Wer Gott vertraut, der behandelt ihn, wie Jener ihn behandelt. Der misst Ihn mit demselben Maßstab, wie Jener sein Geschöpf misst. Das wäre – in modernen Begriffen – als ob Abiturienten ihre Lehrer testeten, bevor sie sich von ihnen testen ließen.

Doch die gegenseitige Prüfung endet in einem Desaster:

„Der HERR antwortete Hiob und sprach: Wer da meint, alles besser zu wissen, sollte der mit dem Allmächtigen rechten? Wer Gott zurechtweist, der antworte! Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach: Siehe, ich bin zu gering, was soll ich dir antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun. Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“

Hier lag fühlbar ein Autonomie-Virus in der Luft:

„Wegen der Nähe zum Kynismus waren die Redenautoren eventuell mit hellenistischer Kultur vertraut.“

Hiob erkannte nicht, dass ein allmächtiger Gott nicht zusammenpasst mit einem autonomen Gottüberprüfer. Das Streitgespräch musste er verlieren:

„Es ist ja nicht so, dass Gott an irgendein Recht gebunden wäre, sodass es womöglich einen Schiedsmann gäbe, der bei einem Streitfall zwischen Gott und Mensch beide Partner zu einem Modus verpflichten könnte. Er ist so frei und mächtig, dass er das Recht selbst setzt und gegen den Menschen immer recht behält.“ (Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments)

Die absolute Niederlage vor Gott war Vorbedingung zur Entwicklung des christlichen Glaubens. Der beginnt mit jener Niederlage, mit der Hiob endet. Aus dem kühnen Streitgespräch wird ein Buß- und Gnadenereignis.

Was hat Hiob mit dem Corona-Virus zu tun? Wie Hiob Gott herausforderte, fordert der Mensch die Natur heraus. Wie Gott antwortete, indem er den Menschen in den Staub zwang, so antwortet die Natur, indem sie den Menschen, nein, nicht in den Staub zwingt, sondern in einen übernationalen Hausarrest.

Dieses Wegsperren aus der Öffentlichkeit, dieser undemokratische Vorgang, ist eine Vorahnung dessen, was auf die Menschheit noch zukommen könnte: in der Ökodiktatur.

Aus „Schutzgründen“ werden mündige Gesellschaften ihrer Rechte beraubt. Demokratie war einst der Sieg der öffentlichen Meinung über feudale Herrschaft und private Feigheit (Idiotie). Der Demokrat war ein zoon politicon, dessen Bewusstsein entstand als „eines vom privaten getrennten, unabhängigen öffentlichen Bereichs der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Bleicken, Die athenische Demokratie)

Kein Getümmel, Athener: muss es nicht möglich sein, aus Notgründen die Demokratie kurzfristig lahmzulegen?

In einer Volksherrschaft ist alles möglich, was das Volk für sinnvoll hält, um seine Polis zu retten. Hat das Volk den Notstandsgesetzen zugestimmt?

Seit Januar weiß man, dass der Virus in der Welt ist. Nichts geschah, schon gar keine Debatte, was zu tun wäre, wenn er unbefugt die Grenze überträte, was hochwahrscheinlich war? Warum wurde das Volk nicht angemessen informiert und befragt, ob es im Falle eines Falles sich Fußfesseln anlegen lässt? Das wäre das Mindeste gewesen, was der Respekt vor dem Volk geboten hätte.

Voraussetzung einer freiwilligen Selbstkasteiung wäre eine öffentliche Debatte mit der Regierung. Doch mit wem soll man streiten, wenn eine Kanzlerin streitunwillig ist? In keiner Sondersendung musste die Kanzlerin dem Volk Rede und Antwort geben.

Aus Selbstschutz- oder Selbstbeglückungsgründen dem Volk seine Rechte zu entziehen, nennt man Faschismus. Aus eben diesen Gründen unterstellte Platon seinen idealen Staat der Herrschaft derer, die sich für unfehlbare Experten hielten: den Weisen.

Oh doch, es gibt einen Unterschied zwischen Platon und dem Berliner Entmündigungsregiment. Der Unterschied steht im Artikel 20 des Grundgesetzes:

„(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Welch andere Abhilfe soll es geben, wenn alles verboten ist: vom Demonstrieren auf der Straße bis zur Bildung kritischer Gruppen mit mehr als fünf Teilnehmern (österreichische Verhältnisse)?

Während ökologische Verbote zur Abwendung der Klimagefahr von vielen „Liberalen“ als Ökodiktatur gebrandmarkt wurden, gibt es im ganzen Land nicht den geringsten Widerstand gegen die Corona-Diktatur.

Es scheint, als empfände das Volk eine innere Befreiung, wenn es in kleine Wohnungen gezwungen wird. Wohnungen neigen immer mehr zu sargähnlichen Minimalhöhlen, in denen man übernachten, essen und trinken und auf sein Smartphone starren kann. Wie ist die Selbstentmündigung möglich geworden?

Die Demokraten haben es offenbar satt, ihren politischen Rechten und Pflichten nachzukommen. In den letzten Jahren erlebten sie, dass sie in Klimafragen versagt haben. Und schon kommt die nächste von Gott geschickte Plage: und sie sind erleichtert, dass der Staat sie ratzfatz in ihren Monadenhöhlen einpfercht.

Wir erleben eine verhängnisvolle Selbstfaschisierung mit offenem Ausgang. Wer garantiert, dass die omnipotent gewordenen Obrigkeiten zurückkehren zur demokratischen Normalität? Rechte Regierungen werden alle Tricks benutzen, um ihre Sonderrechte auszubauen.

Und jetzt scheint alles konfliktlos zu laufen. Schuldvorwürfe gegen Populisten und Ultrarechte sind über Nacht verschwunden. Die AfD als Sündenbock ist überflüssig geworden: wohltemperierte Grausamkeiten gegen Flüchtlinge und Asylbewerber sind zur alltäglichen Realität geworden.

Alle Grenzen werden dichtgemacht, selbst gegen Nachbarn, mit denen man bislang freundschaftliche Beziehungen pflegte. Sollte auf der Insel Lesbos der Virus eindringen, wird niemand mehr wissen wollen, welche Katastrophen eintreten werden.

Niemand muss vor einem Rechtsruck der EU warnen. Unter dem Vorwand eines legalen Selbstschutzes ist er möglicherweise schon Wirklichkeit geworden. Das Verhängnisvollste sind nicht die Maßnahmen, sondern die Lethargie, ja die Erleichterung, mit der man sie akzeptiert hat.

Wie oft wurde Merkel gescholten, weil sie zu ihrer Mitläuferpolitik keine Alternativen zuließ. Was wäre die Alternative zur Räumung aller öffentlichen Straßen und Plätze vom kranken Pöbel? Eine Therapie gegen die Pandemie, die darin bestünde, dass jeder selbstbestimmt täte, was nötig wäre, um den Virus unschädlich zu machen.

Selbstbewusste Kranke müssen nicht gezwungen werden, ihre Pillen zu nehmen. Sie tun freiwillig, was ihre Einsicht empfiehlt. Erst das Christentum hat zwischen Erkennen und Tun die Barriere der Sünde eingepflanzt. Seitdem gibt es endlose Gründe für das Scheitern des Tuns aus eigener Kraft.

Der Philosoph R. D. Precht hatte die deutsche Politökonomin Maja Göpel zum Gespräch über die Mängel der Klimapolitik eingeladen. Auffallend das Tempo des Sprechens und die Benutzung von Abkürzungen und Fachtermini, meistens in englischer Sprache. So misslingt Aufklärung, selbst wenn der Inhalt der Beiträge fachgemäß gewesen wäre.

Früher brillierten die Eliten mit Latein und griechischen Fremdwörtern, heute wird ihr Sprechtempo immer rasanter gemäß dem Motto: Zeit ist Geld. Mit einer einladenden Atmosphäre zum Mitdenken hat das Ganze nichts zu tun. Precht will weniger wissen, was seine Gäste zu sagen haben. Er will  mitteilen, was er selbst zu bieten hat. Seine Sendung ist weder ein knallhartes Streitgespräch noch ein behutsamer Dialog zur Erkundung verwickelter Erkenntniswege der Gesprächspartner.

Soll man auf Einsicht setzen, um die Unfähigkeit vieler Deutscher zu einer rationalen Klimapolitik zu beheben, war eine der wichtigsten Fragen Prechts. Keine der beiden nahm diese Frage ernst, niemand stellte die Frage, wie autonome Handlungen ohne Einsicht möglich sein sollen. Wer nicht aus Einsicht handelt, folgt den Einflüsterungen von Medien und Politikern und unterwirft sich dem dominanten Zeitgeist.

Eben die Einsicht des eigenen Kopfes wäre zur Therapie der pandemischen Krankheit nötig. Dass es hierzulande keinerlei Widerstand gab gegen den Entzug vieler Freiheitsrechte, entlarvt die Republik als kraft- und saftlose Mitläuferdemokratie. Man will angestoßen werden, weil man keine Kraft mehr besitzt, selbst einiges anzustoßen. Die Deutschen sind erschöpft, wie ihre Politeliten in Routine erstarrt sind.

Solange Politik als automatisch laufende Maschine funktioniert, müssen die Politiker nichts anderes tun als sich den „objektiv erforderlichen“ Bewegungsabläufen anzupassen. Es genügt, das Räderwerk regelmäßig zu ölen und die knirschenden Rädchen zu koordinieren, damit der gigantische Mechanismus sich unbeirrt in die Zukunft frisst.

Kaum zeigen sich krisenhafte Anzeichen, verfällt der staatliche Leviathan in Panik: Schuldzuweisungen an andere, aggressive Begriffsverwirrungen, keine Ursachenerforschungen, die Dominanz politischer Kompromissverschlingungen.

Grundlagenkrisen offenbaren die Schädlichkeit der Dauerkompromisse. Das Schema: wie du mir, so ich dir, geht in die Irre. Es geht den Dingen nicht auf den Grund, sondern tut, als ob alle Probleme nach Art des Deals ausgekungelt werden müssten. Wenn beide Streitparteien ihre Vorteile hätten, könne die Lösung des Problems nicht falsch sein.

Kompromisse auf Gegenseitigkeit können den Karren eine gewisse Zeit lang in Bewegung halten. Wenn aber die Räder streiken, der Karren zusammenbricht, ist die Zeit der Kompromisse vorüber. Nun hülfe nur noch – Denken: Wohin wollen wir? Sind wir uns einig über das Ziel unseres Tuns? Welchen Karren brauchen wir? Kommen alle Menschen auf ihre Kosten?

Die herrschenden Politiker sind es gewohnt, Ideen und Begriffe allein unter dem Blickwinkel ihrer kompromisslerischen Akzeptanz zu betrachten. Käme jemand mit dem Vorschlag, die Wirtschaft grundsätzlich zu reformieren, würden sie blitzschnell die rote Karte erheben: ausgeschlossen, krieg ich nicht durch. Utopien können wir nicht brauchen.

Utopien sind für sie der Himmel, den man auf Erden holt, um die Hölle zu erreichen.

Was ist das Ergebnis dieser desorientierten Ziellosigkeit? Das, was wir jetzt besichtigen können: das Gegenteil der Utopie, die Dystopie. Fundamente zerbrechen, Völker geraten in Panik, Eliten hassen alles, was sie nicht selber sind, wiegeln ihre Untertanen auf und füllen sich ihre Kassen. Hayeks Verdikt stellen sie auf den Kopf. Wer keinem klaren Ideal folgt, folgt dem Gegenteil: er bringt das Inferno auf die Erde.

Das Inferno trägt momentan zwei Namen: ökologische Verwüstung und Pandemie. Eigenartig, dass die leidende Natur sofort verdrängt wird, wenn eine andere Katastrophe an Deck erscheint. Beide Phänomene sind – Krankheiten. Krankheiten sind Schäden, die man sich durch Zwietracht mit der Natur zuzieht. Sie sind selbstverursacht, denn sie könnten vermieden werden, wenn die Menschen mit der Natur kooperierten.

Genau das tun sie nicht. Das Klima wird geschädigt, weil der Mensch mit seiner Ökonomie die Menschheit nicht ernähren, sondern seinen Willen zur Macht über die Natur exekutieren will. Würde er einträchtig mit der Natur zusammenleben, hätte der Virus keine Chance, den Planeten zu erobern. Krankheiten sind keine bloß somatischen Erscheinungen, nur erfassbar durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern sind körperlich-geistige Angelegenheiten.

Heute wird jeder der Esoterik beschuldigt, der unter Natur nicht nur geistlose Materie versteht. Der geisthassende marxistische Materialismus, einst angetreten, um den göttlichen Geist des Westens zu bekämpfen, hat den Westen überwältigt und den materialistischen Kern des religiösen Geistes offengelegt.

Materie ist Natur, Natur ist nicht geistlos. Der Mensch ist kein Doppelwesen aus Körpermaschine und frei flottierendem Geist. Sondern eine Einheit aus natürlichem Geist oder geistiger Natur. Was bedeutet das für Corona?

Kein Virus hätte Gewalt über die Menschen, wenn diese ihre natürlich-geistige Einheit gefunden hätten. Im Kapitalismus kann sie nicht gefunden werden, denn der will jede Einheit zerstören und den Menschen zum Tyrannen der Natur erklären. Dadurch gerät er in Feinschaft mit der Natur und verliert seine Balance aus Geist und Natur, Psyche und Soma. Das bedeutet, er hat seine Immunität verscherzt und wurde zum Opfer einer beschädigten Natur, die sich zur Wehr setzte.

Der Westen betrachtet den Menschen als naturwissenschaftliches Wesen, andererseits als geistige Krönung (Corona) der Natur. Er bemerkt nicht, dass beide Aspekte sich ausschließen. Der Mensch ist mehr als die Summe naturwissenschaftlicher Gesetze, aber er ist keine unsterbliche Krönung der Natur, die sich ihrer beliebig bedienen kann. Sein Geist ist fähig, sich der Gesetze zu bedienen, ohne die Natur zu beschädigen. Die Natur liefert ihm keine individuelle Balance. Die muss er sich selbst erarbeiten, um aus eigener Kraft den Frieden mit der Natur zu finden.

Ökologie und Pandemie sind zwei Seiten derselben Medaille. Pandemien erhalten nur eine Chance, weil der Mensch die Natur fürchtet. Würde er die Tiefen seines Unbewussten erforschen, wäre ihm klar, dass er Natur durch Technik malträtiert. Also fürchtet er sich vor dem Zurückschlagen der misshandelten Natur.

Das Auftreten des Virus ist eine selbsterfüllende Schreckensprophetie. Je mehr der Mensch die Natur zertrümmert, je mehr ängstigt er sich vor der Revanche der Malträtierten.

Zum Schutz gegen den Virus verwandeln die Mächtigen die Welt in eine surreale Schauerbühne, sodass Künstler bekennen müssen: womit wir auf der Bühne dem Publikum einen Schock versetzen, das vollbringt die Politik bewusstseinslos als erdumgreifende Dehumanisierung.

Aristoteles sprach von Furcht und Schrecken, mit denen Tragödiendichter die Menschen zum Nachdenken bringen wollten. Den Politikern der Gegenwart ist es gelungen, die Welt in ein surreales Gesamtkunstwerk zu verwandeln – ohne jeden Erkenntniswert.

Die Kunst nach Schiller, der noch Gleichheit und Soziabilität vermitteln wollte, lehnt es ab, die Menschheit mit Moral zu belehren. Sie wollen sich keiner Tugend unterwerfen, ihre Freiheit, identisch mit der des Neoliberalismus, will nur die Darstellung ihres eigenen Genies. Folgenlose Kreativität ist die Devise der surrealen Kunst.

Das habe der Spießer nie verstanden, der von der Kunst tugendhafte Überheblichkeit fordere, höhnt der elitäre Kunstkenner:

„Aus den hohen Idealen der Schillerzeit bezieht der spätere Bildungsphilister sein selbstgerechtes Urteil. Von der Kunst verlangt er, dass sie unverwandt das Moralische, Gefällige, das Angenehme und sittlich Erhebende preise. Was der Philister verlangt, ist platteste Verständlichkeit. Vom Künstler verlangt er „bleibende, allgemein gültige Werte“. (W. Hofmann, Grundlagen der Modernen Kunst)

Die Welt ist zu einem Ort  monadischer Höhlen geworden, einem Kunstwerk, das dem Menschen jede Erkenntnis verweigert. Er fühlt sich entlastet, weil er nichts entscheiden muss und spürt, dass die Entlastung nichts ist als Selbstentmündigung. Eine selbstentmündigte Menschheit hat keine Chancen, ihre Klimaprobleme mit Entschlossenheit und Leidenschaft anzugehen.

Trügerische Ruhe liegt über dem Land. Retardierendes Moment: Wo geht die Reise hin? Versteht er, was er sich mit dem menschenfeindlichen Gesamtkunstwerk eingebrockt hat? Schauen wir in das geniale Mekka der Welt, nach Silicon Valley. Wie reagieren die digitalen Genies, die die Welt mit ihren intelligenten Maschinen beherrschen?

„In seiner Reaktion auf die Coronakrise zeigt der Start-up-Gründer zwei typische Charakterzüge des Silicon Valley: hemmungslose Alarmiertheit bei gleichzeitigem Machbarkeitsoptimismus. Das Problem ist riesig, aber es lässt sich technisch lösen, mit Visionen und Milliarden, und zwar schnell. Paranoia einerseits, Pathos andererseits. Tesla-Chef Elon Musk noch am 6. März einen Satz, der auch von Donald Trump hätte stammen können: „Die Coronavirus-Panik ist dumm.“ (SPIEGEL.de)

Silicon Valley ist nicht lernfähig. Alle Probleme werden dem Geist des Menschen entrissen, weil sie sich angeblich durch Technik lösen lassen. Gewiss, Technik bringe auch kleinere Probleme. Doch die werden so nebenbei gelöst, wenn Technik unermüdlich fortschreitet. Der Geist des Menschen soll zur Strecke gebracht werden. Das ist doppelte Selbstüberlistung.

Gelänge es dem Menschen, einer Maschine superintelligentes Problemlösen beizubringen, warum gelingt es ihm dann nicht, sich diese Fähigkeiten selbst beizubringen – die er doch beherrschen müsste, wenn er sie anderen beibringen will.

Könnte er es ihnen aber beibringen, weil Maschinen ihre Erfinder in den Schatten stellen und eine ganz neue Spezies werden könnten: dann hieße es, die Genies wollten die Menschheit überflüssig machen. Und das lässt sich die Menschheit gefallen? Dann braucht sie sich nicht zu wundern, dass sie das Ruder ihres Schicksals längst aus der Hand gegeben hat.

Der Coronavirus zeigt blitzartig die Lähmung der Menschheit. Offenbar wird sie irre am glücklichen Ausgang ihrer Zukunftsbesoffenheit und hofft auf den Erlöser. Gleichzeitig traut sie immer weniger den Helden und Göttern aus der Maschine und versteckt sich in den Höhlen ihrer Unwissenheit und Unmündigkeit.

 Der Virus springt von Mensch zu Mensch, um die Gattung  in ängstliche Starre zu versetzen. Doch es ist kein Partikel der Natur, der diese Lähmung vollbringt: es ist der Mensch selbst, der sich seiner Vernunft entledigt, um sich in eine unscheinbare Stachelkugel zu verwandeln. An seinem Schicksal wäre er für immer unschuldig.

Dem müssen wir vorbeugen, indem wir unsere Höhlen verlassen:

„Klarer ist, was der Virologe Alexander Kekulé zu einer möglichen weitgehenden Ausgangssperre sagt. Er lehnt sie ab: „Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation“, sagt er. Spaziergänge im Park mit der Familie hielte er sogar für vernünftig.“ (SPIEGEL.de)

Die Politeliten berauschen sich in rasendem Tempo an ihrer neu entdeckten Macht, das störende Volk wegzusperren. Dem müssen wir uns widersetzen; mit körperlichem Abstand und in geistiger Verbundenheit.  

Fortsetzung folgt.