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Tanz des Aufruhrs XXXIX

Tanz des Aufruhrs XXXIX,

Corona ist der beste Heimsucher und Überprüfer der Welt. Unerbittlich entlarvt er die Pestflecken der Demokratien.

Vor dem Virus sind alle Menschen gleich?

Die Reichen haben privilegierten Zugang zu Ärzten, besitzen komfortable Rückzugsorte, in denen sie vor dem Pöbel sicher sind. Die Todesrate unter den Besitzern von Inseln, Yachten und Privatjets dürfte bei Null liegen. Nach der Heimsuchung sind sie die Helden der Nation, denn sie spenden Almosen und richten Stiftungen ein. Humanität muss man sich leisten können. Wer nichts hat, hat auch seinem Nächsten nichts zu bieten.

Vor skandalösen nationalen Gesundheitssystemen sind alle ungleich. Die Systeme auf der Höhe des Fortschritts sind auf nichts vorbereitet, beherrschen die Kunst des Überraschtwerdens und wissen, dass im Falle eines Falles namenlose Pflegerinnen, Schwestern und Ärzte sich zerreißen werden, um das vollständige Chaos zu verhindern.

Eine italienische Schwester ist am Ende ihrer Kraft. Wenn sie ausgebrannt für wenige Stunden nach Hause kommt, kann sie auf Mann und Kinder nicht eingehen. Alpträume verlassen sie nicht im Schlafen und nicht … … im Wachsein. Nach kurzer Zeit steht sie wieder an der Front des Krieges. (Macron)

Kommen Katastrophen übers Land, um Langeweile und Übersättigung westlicher Paradiese mit faschistischem Tschingderassabum zu unterbrechen, können Führungsschichten sich auf das göttliche Prinzip verlassen:

„Ein Mensch, der in einer okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat – oder ihn vor Krankheit, Not und Tod nicht schützen will – dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung – oder ärztlicher Hilfeleistung zu verlangen. Er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedeck oder lebensrettende Impfung für ihn aufgelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen – indem sie unsichtbare, aber hocheffiziente Naturkörper zum Einsatz bringt. (Nächstenliebender Pastor Malthus, viral nachjustiert)

Das Helferprinzip nach Leistungs- und Einkommenskriterien ist nicht neu. Früher sprach man von Triage.

„Triage ist ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die – ethisch schwierige – Aufgabe, etwa bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderweitig Kranken darüber zu entscheiden, wie die knappen personellen und materiellen Ressourcen auf sie aufzuteilen sind. Strukturierte Triage-Instrumente werden auch in Notaufnahmen eingesetzt und dort auch als Ersteinschätzung bezeichnet.“

Ethisch schwierig ist nichts – wenn alle gleichberechtigt wären. Ersteinschätzung ist immer auch Letzteinschätzung. Gibt es zu wenig für zu viele, erhalten es immer die Besten.

Dieses Prinzip ist rein zufällig auch der goldene Kern der modernen Wirtschaft:

„Theoretische Modelle, die die Verteilung knapper Ressourcen thematisieren, werden auch unter dem Begriff der Allokation gefasst. Der Ausdruck „Allokationsproblem“ (auch: Lenkungsproblem) betrifft die Frage, wie knappe Güter verwendet werden, damit ein effizientes Wohlfahrtsergebnis erzielt wird. Jede Volkswirtschaft verfügt über einen bestimmten Bestand an Produktionsfaktoren. Diese beschränkten Faktoren stehen unbeschränkten Bedürfnissen der Individuen gegenüber. Daraus ergibt sich die Frage, welche Bedürfnisse mit den vorhandenen Ressourcen befriedigt werden sollen. Dies ist das Allokationsproblem.Lösungen des Allokationsproblems sind sogenannte Pareto-effiziente Allokationen. Sie haben die Eigenschaft, dass es nicht möglich ist, jemanden besser zu stellen, ohne jemand anderen schlechter zu stellen.

Wie in der Religion, so in der Wirtschaft, wie in der Wirtschaft, so in der Medizin, wie bei Malthus, so bei Hayek:

Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, dem wird noch genommen, was er hat.

Kleine historische Anamnese, um alldeutsche Tüchtigkeit im Kampf gegen tödliche Naturkörper in Erinnerung zu rufen:

„Hitler beschrieb das „Weltjudentum“ in Mein Kampf (1925/26) als „Gegenrasse“ zur „nordischen Rasse“, die vor allem die deutsche Nation von innen durch „Blutvergiftung“ und „rassische Zersetzung“, von außen mit ideologischer Hetzpropaganda und wirtschaftlicher Macht zu zerstören trachte, um sich mit allen Mitteln die Weltherrschaft anzueignen. Dabei griff Hitler auf biologistische Metaphern zurück, wonach Juden als „Parasiten im Körper anderer Völker“, Bazillen und Blutsauger ihr „Wirtsvolk zum Absterben“ brächten.“

Wer entscheidet in Demokratien? Gewählte Repräsentanten, deren Gewissen nicht auf Gott, sondern aufs Volk zu hören hätten – sollte man denken.

In Wirklichkeit entscheiden Fraktionsbefehle und Notzeiten, die man listigerweise ins Leben gerufen hat, damit parlamentarische und öffentliche Debatten leider leider mit großem Bedauern ausfallen.

Also, wer entscheidet?

Erste Antwort: „Der Staat muss zeigen, was er kann. Die Politik muss jetzt entschieden eingreifen.“ (Sueddeutsche.de)

Der Staat? Solch ein Zombie ist in Demokratien unbekannt. Staat war Erbe der lutherischen Obrigkeit und galt für alle deutschen Herrschaftssysteme, von Friedrich dem Großen bis Hitler, den Sohn der Vorsehung.

Vom Staat wird immer gesprochen, wenn das Volk die Klappe halten soll. Wer es in einer Volksherrschaft wagt, vom Volk zu sprechen, ist ein Populist. Gegenbegriff, den es nicht gibt, wäre Elitist.

Populisten wollen das Wohl des Volkes. Wenn mit falschen Versprechungen und rhetorischen Kniffen, sollte man sie schelten. Wenn mit gerechten und humanen Absichten, sollte man sie loben. In Deutschland gibt es nur die erste Art, weshalb sie stets vom Tisch gewischt werden. Wenn Regierungen technische Utopien versprechen, sind sie keine Populisten, sondern mutige Zukunftsvisionäre.

Elitisten wollen seltsamerweise auch das Wohl des Volkes, das aus dem Triage-Allokationsverfahren abgeleitet wird. Nichts verstanden, Kamerad? Lass dich aus dem Wahlregister streichen: du bist ein paretomäßig-demokratischer Versager. Und Tschüss.

Wahre Elitistenversteher wissen, worum es geht. Zuerst muss es den Eliten besser gehen und zwar so gut, bis sie 99PROZENT alles Erarbeiteten und Erwirtschafteten im Säckel haben. Erst dann sind sie fähig, EINPROZENT vom Kuchen ins Volk durchtrickeln zu lassen.

Durchtrickeln ist die generöse Haltung der 99PROZENT, EINPROZENT ihres Einkommens – das ihnen, genau genommen, 100%ig zustünde – dem Volk zukommen zu lassen, das diesen Reichtum zwar erarbeitet, streng genommen aber nicht verdient hat.

Dumme und moralische Menschen haben es nicht verdient, an der Beute der Listigen und Bedenkenlosen beteiligt zu werden. Denn: wäre es gerecht, an der Gesamtbeute beteiligt zu werden, obwohl einem alle Ellenbogen-Brutalitäten fehlen? Also siehste! Ein bisschen gerecht muss die Welt schon sein.

Warren Buffett hat recht: den Krieg gegen die Armen werden die Reichen gewinnen. Sie sind klüger, rücksichtsloser und gieriger. Das müssen ihnen die Armen erst mal nachmachen. Wer immer nur jammert, weil er neidisch ist auf alles, was besser ist als er, der kann triage-mäßig kein Liebling der Evolution sein.

Buffett kennt nicht den deutschen Dichter Schiller. Das hält ihn nicht davon ab, dessen tiefgründiger Devise zu folgen:

„Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.“

Allokativ übersetzt heißt das: strebe immer nach Allem, kannst du aber Alles nicht kriegen, knie nieder vor jenen, die – fast – Alles haben.

Wer bestimmt? Nehmen wir mal an, mit Staat sei Regierung gemeint: bestimmt die Regierung über die Strategie gegen den Virus? Never.

Die Regierung hat die Macht abgegeben an virile Wissenschaftler oder Virologen. Frauen? Kaum zu sehen.

Wir haben ein Regime von Experten, denen die Kanzlerin vertraut. Experten sind Fachleute, die von immer weniger immer mehr wissen. Mögen die Männlichen ihr Fach beherrschen: wie aber sollen Laien beurteilen, was jene zu wissen vorgeben?

In ökologischen Fragen war es schick, den Klimaexperten zu misstrauen, ja, sie zu Fachidioten zu erklären. Jetzt, bei Corona, kein einziger Muckser. Herrschte dort blinder Unglaube, herrscht hier blinder Glaube: das ist die dialektische Charakterstruktur der Deutschen, die über These und Antithese nicht hinauskommen und die Synthese von Oben erwarten – oder von der Obrigkeit.

Moderne Demokratien leben vom Wissen der Experten und Wissenschaftler. Da es aber darauf ankommt, die Mächtigen zu überprüfen, müssten auch Wissenschaftler unter die Lupe genommen werden. Jeder Demokrat müsste beurteilen, ob die Klimaexperten den Menschen etwas vorflunkern oder nicht.

Wie aber können sie das, wenn es ihnen an nötiger Bildung mangelt? Sind deutsche Schulen in der Lage, das Volk so zu bilden, dass es Klimaforscher und Virologen beurteilen kann? Selbst gebildete Geisteswissenschaftler sind dazu nicht in der Lage.

Ergo müssen wir das Fazit ziehen; dass unsere Demokratie nur zum Schein von Politikern geleitet wird, in Wahrheit aber von anonymen Wissenschaftlern, die in Geheimgesprächen den Politikern einflüstern, was sie zu tun haben. Faktisch leben wir in einer Fachidioten-, pardon, in einer Expertenherrschaft. Das deutsche Bildungssystem muss daran scheitern, wissenschaftliche Strippenzieher verstehen und bewerten zu lernen.  

Zu den Naturwissenschaftlern gehören auch Ökonomen, die eine lingua franca entwickelt haben, die sie selbst nicht verstehen – und das Volk erst recht nicht. Das ist auch der Zweck des Ökonomie-Lateins: kognitive Dissonanz, die zur unterkomplexen Schlichtheit des Volkes führen soll. Oder: das Volk soll dumm gehalten werden und die Eliten machen lassen.

Es gäbe einen simplen Test, um die Qualifikation des deutschen Bildungssystems zu erkunden: der ganze Lehrkörper müsste einen Tag lang mit der Regierungshoheit beauftragt werden, um zu schauen, was er daraus macht. Was wissen Lehrer über die Kluft der Armen und Reichen, über die Residenzpflicht der Hartz4-Empfänger, die Warnungen der Klimaforscher, über die politische Praxis der Oppenheimer, Edward Teller, Heisenberg? Was wissen sie über abendländische Religion und den Geist der griechischen Philosophie, die sich nicht ausstehen können? Über demokratische Kompetenz ihrer Dichter und Denker? Über die Wurzeln des Antisemitismus im Neuen Testament? Über Konfuzius und Menzius?

Könnten sie sich mit Chinesen verständigen über deren grandiose Vergangenheit? Mit Eingeborenen über ihre Naturreligion? Mit schwarzen Amerikanern über die immer noch anhaltende sklavische Gegenwart ihrer Demütigungen? Fast alle Polizisten in Amerika sind weiß, fast alle Gefängnisinsassen schwarz.  

Die Deutschen überschwemmen die Welt und wissen nichts über ihre Bewohner. Wie wollen wir zusammenkommen, wenn jedes Volk für das andere eine tabula rasa ist? Die Uniformität der stählernen Weltdecke täuscht über die biografischen Verschiedenheiten der Nationen.

Warum zerbricht Europa? Weil niemand seinen Nachbarn versteht. Die Unterschiede des Gewordenseins dringen durch die Haarnadelrisse der Maschinen und zerstören die Illusionen einer Kultur, die eine homogene sein will.

Macrons philosophische Antrittsrede in Deutschland war für seine deutsche Kollegin ein intellektuelles Geschwätz. Die „nüchterne Physikerin“, von ihren deutschen Edelschreibern hoch gelobt, hält alles für Kokolores, was nicht betet und rechnet. Theologie und Physik sind für sie die einzigen Offenbarungswissenschaften, die sie auf den rhetorischen Nenner bringt: Wir schaffen das, wir tun das Notwendige, wir erledigen unsere Pflicht, ich bin völlig davon überzeugt, dass …

Was ihren deutschen Bewunderern nicht auffällt, ist, dass weder Theologie noch Physik politische Disziplinen sind, ja, Politik als minderwertiges Geschachere abgelehnt wird.

Noch nie hat Merkel bewiesen, dass sie einen scharfen Diskurs besteht. Allerdings: noch nie wurde sie von Deutschen zu einem solchen herausgefordert. Diese führen Interviews, indem sie entscheidende Fragen nicht stellen, ihre Meinung nicht unverblümt sagen. Sie wollen ihre nationale Mutterfigur schonen, die sich nicht blamieren darf.

Die medialen Muttersöhnchen wuchsen noch in einer Zeit auf, in der Mütter, verglichen mit alerten Vätern, minderwertig und dumm waren. Weshalb die Söhnchen immer erleichtert sind, wenn die Minimalsprache der Mutter den Anschein erweckt, mit Absicht schlicht zu sein. Könnte man aber hinter den Schleier der Demut blicken, welche Reichtümer würden sich da auftun!

Merkel verstehen heißt, Deutschland verstehen. Die beiden haben sich gefunden. Was die Deutschen brauchen, liefert Merkel. Was brauchen sie? Zuversicht. Merkel ist keine gestalterische Politikerin, sie ist zur Seelsorgerin ihrer Untertanen geworden:

„Am Mittwoch wirkte sie vor der Bundespressekonferenz beinahe gelassen, sogar zu Scherzen aufgelegt. Sie ließ nicht erkennen, dass sie Zweifel hat, diese Krise könne bewältigt werden. Sie spendete Zuversicht. Die Ostdeutschen wissen, dass es schnelle Veränderung gibt, wie der Verlust von Arbeit, von vertrauten Bindungen, von Vertrauen in die staatliche Ordnung sich auswirkt. Der Osten weiß, wie zersetzend das sein kann. Und dass man sich dagegenstemmen muss: mit Solidarität. Zu den spezifisch ostdeutschen Erfahrungen gehört es, dass man sich stärker half und unterstützte, als dies im Westen üblich war. Dass man nicht nur darauf achtete, was einem selbst nützt. Dieser ostdeutsche Erfahrungsschatz kann nun dem ganzen Land zugutekommen. Die Corona-Krise kann gar das Verständnis des Westens für den Osten befördern. Die Tatsache, dass eine Ostdeutsche dieses Land noch immer führt, ist ein Glücksfall.“ (WELT.de)

Wir kehren immer mehr zurück in die Epoche der Romantik. Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht. Bei den Romantikern war Orient das Heilige Land, das sich allmählich ausdehnte bis in die Tiefen Asiens. Bei heutigen Romantikern ist es der Unrechtsstaat des Ostens, der sich über Nacht zum sozialistischen Solidarparadies wandelte.

Merkel wird zunehmend verherrlicht. Wenn die Coronakrise überstanden sein wird, ohne dass die Deutschen aussterben, wird sie endgültig zur Heiligen erhoben. Sie muss Zuversicht spenden, nicht durch Darstellung komplizierter Zusammenhänge oder mit moralischen Forderungen, sondern mit säkularen Segensformeln. Denn die Deutschen, sie brauchen zwar eine mütterliche Priesterin, wollen aber partout nicht wahrhaben, dass Mutter tatsächlich Priesterin ist. Im christlichen Deutschland ist christlicher Glaube das verschwiegenste Tabu.

Die Verleugnung geht so weit, dass die „Nüchternheit“ der Kanzlerin keine fromme Ergebenheit sein darf, sondern stoischer Gleichmut. Aus frommer Demut wurde heidnisch-kosmische Gelassenheit. Die Schreiber schrecken vor nichts zurück:

„Wenn der Urheber der Krise, das Virus, noch nicht besiegt werden kann, so gilt es, die Sache und die Lage zu bessern, bis es so weit ist. Dem muss alles dienen, was getan wird; denn ohne Zweck soll man nichts tun. Die Vertreter dieser Führungsart sind wohlbekannt: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Olaf Scholz. Deren Stoizismus, verbunden mit Rationalismus und dem Vertrauen auf die Wissenschaft, ertüchtigt sie, unliebsame und unwillkommene Gedanken nicht zurückzuweisen, sondern sie zu Ende zu denken, ohne die Lage zu verschärfen, sondern die Gemüter durch Handeln Schritt für Schritt zu beruhigen.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Das ist die Spitze deutscher Geschichtsverfälschung. Was sie aus dem Bereich heidnischer Autonomie benötigt, wird hemmungslos geraubt und zum eigenen Besitz erklärt. Die Stoa war rational, denn sie war kosmopolitisch; von außen musste ihr kein Rationalismus hinzugefügt werden. Ihr Vertrauen beruhte nicht auf wissenschaftlicher Naturbeherrschung, sondern auf geistiger Eintracht mit dem Kosmos.

Corona beschert uns einen vollständigen Rückzug in die Kinderstube: Demokraten infantilisieren sich zu Untertanen, die an der Hand der starken Mutter und des unbeholfenen, aber sachlichen Vaters den biblischen Plagen Ägyptens entkommen. Die komplette Entmündigung einer zum Volk Gottes gescheiterten Nation, welche die göttliche Versuchung im Glauben überstehen will, sich aber trotzig weigert, die Formel zu sprechen: Und führe uns nicht in Versuchung.

Corona ist in Deutschland keine wissenschaftliche, sondern eine religiöse Herausforderung. Weshalb die Deutschen in Reih und Glied zum Gang durch das geteilte Meer antreten. Vor kurzem bellten sie noch: Freiheitsentzug, wenn sie auf der Autobahn langsamer fahren sollten. Es ging ja nur um die Rettung der heidnischen Natur.

Heute geht’s um die Rettung des heiligen Volkes, hier darf nichts unterlassen werden, um Gott gnädig zu stimmen. Vor kurzem noch klatschten sie jede Moral an die Wand und brüllten alle Besserwisser nieder. Heute folgen sie virilen Besserwissern wie Lämmchen und ermahnen ihr Publikum wie Kanzelprediger:

Das muss aufhören. Hamstern ist nicht anständig. Nicht sozial. Und auch nicht notwendig. Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir uns später mal füreinander schämen müssen. Bleiben wir anständig.“ (BILD.de)

Der Chef aller Amoral-Keulen-Schwinger zergeht in Verehrung moralischer Helden und Heldinnen. Nie zuvor hätte er sich für eine bessere Bezahlung der Schwestern eingesetzt. Jetzt geht er über zur klerikalen Strategie, alles, was er nicht verhindern konnte, als eigene Erfindung auszugeben. Er setzt sich an die Spitze der gegnerischen Bewegung – und lobt, was er in deutscher Not nie mehr verhöhnen darf. Er folgt dem altbewährten Prinzip: Wer lobt, ist selbst lobenswürdig.

Die wahren Helden aber sind für mich die Krankenschwestern und Pfleger. Sie sind es, die unsere Hand halten, wenn wir Angst haben vor einer schmerzhaften Behandlung, die uns aufmuntern, wenn wir vor einer Operation in düstere Gedanken sinken, die uns trösten, wenn wir alleine auf der Station liegen und uns einsam fühlen. Ich verneige mich vor allen Krankenschwestern und Pflegern.“ (BILD.de)

In der Corona-Krise wird die Wissenschaft bewundert, obwohl sie sich von den Ereignissen überrumpeln ließ. Ihre fahrigen, oft widersprüchlichen Erklärungen wurden nirgendwo zur Kenntnis genommen und debattiert.

Boris Johnsons Virologen predigten das Gegenteil ihrer kontinentalen Kollegen. Sie empfahlen das Bad in der Menge, um Herdenimmunität zu produzieren. Dazu kein Satz in den Gazetten.

Wissenschaftler verwechseln szientifische Kompetenz mit politischer Überlegenheit. Seit dem Siegeszug der Naturwissenschaft sind ihre Koryphäen selten durch politisches Engagement aufgefallen. Erst die ökologische Bewegung der 60er und 70er-Jahre brachte eine Wende – die aber auch kollabierte, weil die Mehrheit der Wissenschaftler sich von militärisch-industriellen Komplexen bestechen ließ.

Von bewundernswerten Ausnahmen abgesehen, ist Wissenschaft noch lange nicht ihrer politischen Unmündigkeit entkommen. Wissenschaftler verachten die mangelnde Rationalität der Politik, ohne zu verstehen, dass ihr eigenes Schicksal von dieser machiavellistischen Disziplin abhängt. Rechnen ist einfach, politische Moral schwer, nicht umgekehrt.

Virologen sind Mediziner, die nur das Körperliche sehen, die Psyche oder den Geist aber ignorieren. Weshalb sie auf mechanische Atomisierung und zukünftige Erfindung von Medikamenten setzen. Zuviel der Ehre für einen geistlosen Soma.

Warum wurde Hippokrates zum Begründer der abendländischen Medizin? Warum gibt es in China eine bewundernswerte Ganzheitsmedizin? Weil in beiden Kulturen der ganze Mensch in den Blick genommen wurde. Eine wehrhafte Seele verspricht einen wehrhaften Körper. Solche Aspekte werden weder von Virologen noch von seelenlosen Politikern erwähnt. Die Kanzlerin tröstet, ohne an die geistige Stärke des Einzelnen zu appellieren. Das ist Trost als unverdiente Gnade.

Bei Hippokrates herrscht „die Ehrfurcht vor der Natur. Der Arzt muss von ihr lernen. „Denn die Natur findet selbst ihren Weg ohne Überlegung; die Natur ist wohl unterrichtet: von selbst, ohne es gelernt zu haben, tut sie das Notwendige“. Lauter Sätze, in denen die bescheidene Vorstellung von der Macht der ärztlichen Kunst und ein großes Zutrauen zur Heilkraft der Natur zum Ausdruck kommt. Indem der Arzt an den Willen des Kranken appelliert, berücksichtigt er die seelische Seite des Krankseins.“ (Nestle)

Zum Gesundwerden gehören innere Ruhe und eine „ausgeglichene Seelenhaltung“. Der Begriff des Richtigen wird in die Natur hinein verlegt. Der Mensch kann nur „richtig“ werden, wenn er den Spuren der Natur folgt.

Wer heute solche Gedanken äußert, wird zum Schamanen erklärt. Man will es nur mit einer Natur zu tun haben, die sich der mechanischen Gewalt des Menschen unterwirft. Dass der Mensch selbst ein Naturereignis ist, kommt im Vokabular „nüchterner Physiker und medizinischer Mechanisten“ nicht vor.

Dem Einzelnen wird jede Kompetenz abgesprochen, sich durch geistigen Widerstand zu immunisieren. Ein Skandal für die subjektlose Medizin, ein Skandal für die seelenlose Politik. Der wirtschaftliche Exportweltmeister kennt nur Zahlen und Figuren. Es ist dieselbe Nation, die auf ihre abendländischen Werte stolz sein will. Dass es hier Widersprüche gibt, fällt einer Nation nicht auf, die in Widersprüche vernarrt ist.

Vor kurzem noch verachteten deutsche Medien den Begriff der Wahrheit. Jetzt ist er wieder da:

„Die Schwere dieser Krise entlarvt Nationalisten und Populisten als das, was sie sind – gefährliche Scharfmacher, die sich allein auf kommunikativen Bullshit stützen, sich nicht um die Wahrheit scheren und genau deshalb folgenschwere Fehler machen.“ (SPIEGEL.de)

Kann man von einer Wende der Medien sprechen? Vieles scheint in Bewegung. Das postmoderne Gefasel ist perdu. Doch Vorsicht ist geboten. Handelt es sich wirklich um selbstbestimmte Erkenntnisprozesse oder um Anpassungen an einen neuen Zeitgeist? Bestimmt der Mensch den Zeitgeist oder wird der Mensch vom Zeitgeist bestimmt?

Wir brauchen neue Medien, die nicht dem flüchtigen Tag huldigen. Und nicht verdrängen, was sie gestern schrieben. Jour-nalisten darf es nicht mehr geben. Wir brauchen ehrliche Anamnesten, die wissen, was sie gestern schrieben und fähig sind, zu erklären: gestern irrte ich, heute beginne ich zu ahnen.

Ähnliches gilt für Historiker, die ihre historischen Erkenntnisse nicht in den Dienst der Gegenwart stellen wollen. Mit dem Argument, Vergangenheit habe uns nichts mehr zu sagen. Irrtum: nichts ist vergangen. Alles, was unsere historische Entwicklung betrifft, betrifft auch unser heutiges Leben.

Es ist ein fluchwürdiger Begriff von Bildung, wenn ihre Inhalte mit der Gegenwart nichts zu tun haben dürfen. Vergangenheit ist Gegenwart, die uns prägt, ohne dass wir es wissen wollen.

Die Beschneidung fast all unserer Grundrechte mag technokratisch noch so begründet sein: sie bleibt eine Zwangsbeglückung, die durch Gehorsam nicht weniger selbstgefährdend wird. Wenn sie nicht zuverlässig aufgehoben wird, werden die Deutschen bei ihrem Lieblingsphilosophen landen, dem Popper eine Expertendiktatur bescheinigte. Damals waren Philosophen die Experten, heute sind es Virologen.

„Platon hasste das Individuum und seine Freiheit. Das Individuum ist für ihn das Böse. Platon verwandelt die Lehre des Thrasymachos – Macht ist Recht – in die barbarische Lehre, dass Recht ist, was Stabilität und Macht des Staates fördert.“ (Popper, Der Zauber Platons, Bd.1, Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde)

Im Sauseschritt wird Corona zum Alibi jener Politik, über die ultrarechte Menschenfeinde nur jubeln können:

„Im Kampf gegen die Corona-Pandemie nimmt die Bundesrepublik vorerst keine Flüchtlinge mehr auf. Die humanitäre Aufnahme sei „bis auf Weiteres ausgesetzt“, gab das Innenministerium laut einem Medienbericht bekannt.“ (SPIEGEL.de)

Fortsetzung folgt.