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Tanz des Aufruhrs XLVII

Tanz des Aufruhrs XLVII,

die globale Seuche ist nicht nur gefährlich. Gehen wir in der Morgenfrühe über den Acker und schauen, was die Sonne an den Tag bringt. Was gäbe es nicht alles zu entdecken, das wir nie zur Kenntnis nehmen wollten? Krisen sind Lehrstunden. Und sind sie es nicht, werden sie uns vernichten.

Corona, eine altmodische Pädagogin, benutzt noch den Rohrstock. Sie kann uns krank machen und den Tod bringen, doch in vielen Dingen könnte sie uns die Augen öffnen. Erkennen aber müssen wir schon selber.

Gedenket des Todes. Nicht um zu sterben, sondern um die Freundlichkeiten des irdischen Lebens zu entdecken und nicht rüde von uns zu weisen.

Für Trump ist Corona eine Strafe Gottes, weshalb er seine Kohorten zum Beten auffordert. Beten und erkennen aber vertragen sich nicht.

Beter folgen dem Motto: memento mori. Nicht, um der Welt zu huldigen, sondern um die Erde zu ächten und ein Leben im Jenseits zu preisen: jenes Leben, auf das sie vergeblich warten und hoffen müssen. Prinzip Hoffnung, wenn es sich nicht auf Taten des Menschen bezieht, sondern auf … … eine imaginäre Geschichte, wird uns zum Narren halten.

Krisen sind Denkzeiten. Und sind sie es nicht, wird Gedankenlosigkeit uns zum Verhängnis werden.

Krisen spülen ans Land, was wir seit Jahrhunderten im Meer des Vergessens entsorgen – und das Meer nicht länger erträgt. Es speit uns vor die Füße, was wir der Natur zumuteten, ohne ihre Meinung einzuholen. Abfall, den wir auf Kosten der Natur entsorgen wollten, wird uns zum Müll der Evolution machen.

Was wir der Erde antaten, wird uns als finale Rechnung präsentiert. Krisen sind Zahltage. Die offenen Rechnungen zwischen Mensch und Natur werden uns auf dem Tablett der zirkulären Zeit serviert. Hier geht nichts verloren. Alles kommt wieder, was wir loswerden wollten. Zirkuläre Zeit ist konservativ, sie bewahrt alles, was wir ihr seit jeher zumuteten.

Fromme Menschen können nicht konservativ sein. Sie verachten das Alte und vernichten es im Glauben: jeden Tag erfinden sie sich neu. Was gestern war, existiert nicht mehr. Was morgen sein wird, weiß nur der Wind. Altlasten und Abfall verschwinden im Nichts, aus dem Alles gemacht wurde.

„Eins jedoch tue ich, ich vergesse, was dahinten ist, strecke mich aber nach dem aus, was vor mir ist.“

In einer der ersten Seuchen der Welt schaute sich ein Weib um – erstarrte zur Salzsäule. Wieder war es eine Frau, die wissen wollte. Wie ihre Urmutter, die erkennen wollte, was Gut und Böse ist. Das stehe nur Gott zu.

Noch heute halten sich Deutsche an diese Regel ihres Gottes. Gut und Böse gibt es nicht für sie. Ihr Reformator verfemte alle selbstbestimmte Moral als Werk-Gerechtigkeit: als Gerechtigkeit autonomer Taten. Was Menschen tun, sei verächtlich. Es sei Selbst-Gerechtigkeit. Alles, was der Mensch selbst durchdenken und zustande bringen will, sei abscheulich. Er müsse sein Selbst vernichten und dem Gott opfern.

„Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen von Himmel herab auf Sodom und Gomorraund kehrte die Städte um und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. Und sein Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule. Und es geschah, da Gott die Städte in der Gegend verderbte, gedachte er an den Abraham und geleitete Lot aus den Städten, die er umkehrte, darin Lot wohnte.“

Erneut wollte eine Frau wissen, was geschah – und wird vom männlichen Welterfinder aus dem Weg geräumt. Eine Frau will wissen, was war, um zu wissen, was jetzt geschieht. Denn wer Vergangenheit verleugnet, weiß nichts über die Gegenwart. Zukunft wird nur sein, wenn Vergangenheit transparent geworden ist.

Dem tumben, aber rührigen Mann hingegen gehört die Zukunft, die nichts anderes ist als neu illuminierte Vergangenheit.

Sodom und Gomorrha waren nicht Corona 1. Das begann viel früher.

„Als aber der Herr sah, daß die Bosheit des Menschen sehr groß war auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse, da reute es den Herrn, daß er den Menschen gemacht hatte auf der Erde, und es betrübte ihn in seinem Herzen. Und der Herr sprach: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, vom Menschen an bis zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe!“

Die Sünden des Menschen werden der Natur angerechnet. Das ist Sippenhaft alles Erschaffenen. Sündigt der Mensch gegen Gott, ist auch die Natur fällig. Natur ist nichts Eigenständiges, sondern Wurmfortsatz des Menschen. Die Verwüstung der Natur ist der Spiegel, in dem der Mensch seine Verworfenheit erkennen könnte.

Dieses Debakel wollte die Neuzeit tilgen, indem sie mit neu erfundenen Naturwissenschaften den Sündenfall retrograd überwinden und den Garten Eden wieder herstellen wollte.

„Und zu Adam sprach er: Weil du der Stimme deiner Frau gehorcht und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir gebot und sprach: »Du sollst nicht davon essen!«, so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen! Mit Mühe sollst du dich davon nähren dein Leben lang; Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Gewächs des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du [dein] Brot essen, bis du wieder zurückkehrst zum Erdboden; denn von ihm bist du genommen. Denn du bist Staub, und zum Staub wirst du wieder zurückkehren.“

Die gesamte biblische Heilsgeschichte ist nichts als eine Erklärung des Umstands, dass es der Natur unter der Regie des Menschen immer schlechter erging. Am Anfang stand das Sehr Gut. Eine Schöpfungssekunde danach das Sehr Schlecht. Wie war das möglich? An den Qualitäten des Erschaffers durfte es nicht liegen. Blieb – das Geschöpf, das unfähig war, die „Schöpfung zu bewahren“. Dieses Gebot war im Status der Unversehrtheit gegeben worden, um den späteren Fall des Menschen ins rechte satanische Licht zu rücken.

Die grünen Schöpfungsbewahrer haben bis heute nicht bemerkt, dass sie den gesamten Verlauf der Heilsgeschichte nicht zur Kenntnis nehmen. Heilsgeschichte ist die Erzählung des Unheils, die sich durch die ganze Geschichte hindurch zieht, bis der Schöpfer persönlich – in Zusammenarbeit mit seinem Sohn – das Debakel beenden wird. Wie kann man bewahren, was der Herr persönlich zu Abfall bestimmt hat? Gelänge es den Grünen tatsächlich, die Schöpfung zu bewahren, könnten die Theologen die Apokalypse – den letzten Teil der Heilsgeschichte – aus den Schriften streichen.

Das Drama der Grünen ist biblische Ignoranz und heidnische Ahnungslosigkeit. Wie alle Deutschen wollen sie Christen sein, ohne das Geringste über Erlöser wissen zu wollen. Von „heidnischen“ Naturreligionen oder Kosmologien haben sie keine Ahnung, weshalb ihre Botschaften in Harmlosigkeit durch nichts zu übertreffen sind.

Seine Schöpfung bewahren gelingt nur dem Schöpfer höchstselbst – indem er sie vernichtet und eine neue aus dem Ärmel zieht. Es gibt keinen einzigen Grünen, der in seinen politischen Reden je die „Schöpfungsbewahrung“ erläutert hätte. Kaum einer, der diesen Begriff überhaupt erwähnen würde.

Heilsgeschichte ist eine Geschichte sich ständig wiederholender Apokalypsen.

„Allgegenwärtig durch Jahrhunderte, erfüllte Apokalyptik – eine abendländische Sinnformation – die Geschichte Europas und prägte seine geistige, soziale und materielle Kultur. Sie weckte Angst und Hoffnung, evozierte Tod, Katastrophen, Qualen jeder Art, verhieß aber auch das Neue Jerusalem, ewiges Leben und höchste Seligkeit. Diese Sinnsuche ließ in Plagen und Finsternissen, in Erdbeben und Sternenfall, in Kriegen, Seuchen und Hungersnöten, im Wüten der Elemente Gottes Wort ertönen für die, die zu hören verstanden.“ (E. Fried)

Da Heilsgeschichte eine festgelegte Unheilsgeschichte ist, wird der Mensch gezwungen, das Drehbuch auszuführen. Defekt muss er sein, damit die defekte Geschichte eine Ursache hat. Er ist Handlanger eines determinierten Plans, Exekutor des göttlichen Willens.

Doch nun das Unerwartete. Der Plan liegt fest – und wird doch nie eingehalten. Alle Prophetien und Verheißungen fallen ins Wasser. Ständig soll der Herr kommen, kommt aber nie. Er soll die Zeit erfüllen, erfüllt sie nie. Wie oft glaubten die Frommen, das Ende sei gekommen, doch das Ende verzieht ins Grenzenlose.

„Der Untergang, der stets zu kommen schien und nie tatsächlich kam, das von Gott verheißene, immer wieder verkündete Ende, inszenierte sich als fortwirkende, eschatologische Erfahrungsbereitschaft, als Omnipräsenz apokalyptischer Deutungsmuster, als ein nie gestilltes finales Deutungsbedürfnis. Keineswegs bloß in Krisenzeiten. Die Zeit war erfüllt, so lautete die Botschaft, aber noch nicht vollendet. Dieses Noch versetzte in Sorge.“ (ebenda)

Fini la guerre. Die Zeit war erfüllt – und kam dennoch nie zur Erfüllung. Die Moderne bildete den Begriff Prokrastination (Verzögerung), ohne zu merken, dass der Begriff zwielichtig ist: die Zeit ward erfüllt – ohne dass sie erfüllt werden durfte.

Seit 2000 Jahren steht die Kirche unter der Unglaubwürdigkeit, die Wiederkehr des Herrn zu prophezeien, ohne die Prophezeiung wirklich werden zu lassen. Das erklärt die atemlose, sich ständig beschleunigende Hetze des Fortschritts ins – Unbekannte, Unbegrenzte.

Alles drängt nach dem Ende, doch das Ende kommt nur, wenn Natur oder suizidale Menschen es wollen. Es verzieht ins Endlose. Um die Unglaubwürdigkeit des Glaubens zu kaschieren, musste Europa einen Fortschritt inaugurieren, der den Eindruck erweckte, er werde das Ende selbsterfüllend herbeiführen. Diesen Eindruck musste er ununterbrochen steigern.

Doch wenn es wieder so weit ist, verschiebt sich das erhoffte und befürchtete Ende erneut ins Endlose. Die Spannung wird zur Tortur, die sich gelegentlich entladen muss, ohne zum Orgasmus zu werden. Die Fülle der Zeit bliebt uner-füllt. Der Untergang des Abendlandes wird verkündet – und bleibt aus. Unaufhörlich steigt die Spannung, ohne zur Erfüllung zu kommen.

Am Anfang war die verziehende Parusie, die sich dann in technischen Fortschritt verwandelte, der das Ende erzwingen sollte. Je mehr sich das Ende verzieht, umso mehr wird das „Noch-Nicht“ beschworen. Christliche Heilslehre ist ein geniales Meisterwerk. Alles, was sie verheißt, wird so diffus und ambivalent formuliert, dass sie nicht falsifiziert werden kann. Was auch immer geschieht, sie hat recht.

Dieses Gesetz gilt nicht nur für Merkel, sondern für alle christlichen Staatenlenker des Westens. Vor allem für die angelsächsischen. Nehmen wir die Analyse der Politik Blairs und Dabbelju Bushs von John Gray.

„Wie Bush, so glaubte auch Blair, in der Geschichte einen sich entfaltenden Plan der Vorsehung zu erkennen. Grundlegend für das Weltbild beider ist die Vorstellung, dass der Plan der Vorsehung nur für diejenigen sichtbar ist, die an ihn glauben. Subjektive Gewissheit genügt ihm, um die richtige Handlungsweise zu bestimmen.“ (Gray, Politik der Apokalypse)

Lasst fahren dahin eine allgemeinen Vernunft. Der aufgeklärte Westen wird bestimmt von Religion, nicht von rationaler Verständigung.

Das ist die Kernspaltung des Westens, die durch Schwammerlbegriffe wie „europäische Werte“ überdeckt wird. Amerika und England folgen dem Neuen Testament, Europa ist gespalten. Deutschland gibt sich aufgeklärt, fühlt sich Frankreich nahe. Doch im Urgrund folgen die Deutschen dem Heilsplan des Neuen Testaments, der sie mit den Angelsachsen verbindet.

Warum sind fromme CDU-Frauen wie von der Leyen und die Kanzlerin unfähig, dem Diktator Orban die Leviten zu lesen? Weil der Ungar ein überzeugter Christ ist. Polen wird immer katholischer, Moskau immer orthodoxer, Israel immer ultraorthodoxer.

Die gegenwärtige Regression ins Fremdenfeindliche, Nationalistische und Aggressive entspringt der anwachsenden Überzeugung, ein auserwähltes Volk zu sein, das in der finalen Auseinandersetzung die Oberhand behalten wird.

Was die meisten Deutschen nicht verstehen: christliche Politik ist kein nächstenliebendes Säuseln, sondern ein Kampf um Sein oder Nichtsein. Sie ist gnadenlose Machtpolitik à la Machiavelli. Der Italiener folgte zwar dem Griechen Thukydides, doch ohne zu bemerken, dass dessen Naturrecht der Starken die vorweggenommene Antinomie der christlichen Heilsgeschichte war.

Göttliche Strategie unterwirft sich weder einer Wahrheit noch einer Moral, die sich menschlichen Maßstäben unterwirft. Seine Allmacht spottet aller menschlichen Begreifbarkeiten. Sein Wille ist unergründlich. Sollte Er sich einer aristotelischen Logik, einer sokratischen Moral unterwerfen? Lachhaft.

Das gilt auch für Gottes treue Diener auf Erden.

„Blair nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Überhaupt besitzt er keinen eingebürgerten Begriff der Wahrheit. Wahr ist für ihn, was der Sache nützt. Greift er zu Täuschungen, handelt er lediglich im Vorgriff auf die neue Welt, die er hervorzubringen hilft. In gewöhnlicher („spießiger“) Sicht mag er unaufrichtig handeln. Er selbst aber ist überzeugt, dass gängige Maßstäbe für ihn nicht gelten. Was dem Fortschritt dient, kann keine Irreführung sein. Für Blair sind Unwahrheiten keine buchstäblichen Lügen. Sie sind prophetische Vorgriffe auf den künftigen Lauf der Geschichte. Deshalb wurde Lügen unter seiner Führung zum tragenden Element seines Regierens. Eine Kombination aus einfältiger, tief empfundener Religiosität und einem militantem Glauben an den Menschheitsfortschritt sind sowohl Bushs wie Blairs Weltbild.“ (Gray, Politik der Apokalypse)

Blairs Lügen konnte man in kritischer Distanz bemerken. Merkel ist viel geschickter. Sie formuliert derart in wachsweicher Nullsprache, dass sie kaum widerlegt werden kann. Was nicht widerlegt werden kann, gilt als bestätigt.

Das gelingt ihr, indem sie stets das Moment des guten Vorsatzes betont – ohne ihn sachlich zu konkretisieren.

„In der Videobotschaft gab Merkel den Bürgern ein persönliches Versprechen: „Was ich Ihnen sehr wohl versprechen kann und versprechen will, das ist, dass Sie sich darauf verlassen können, dass die Bundesregierung und auch ich persönlich tatsächlich Tag und Nacht darüber nachdenken, wie wir beides schaffen können: also sowohl den Gesundheitsschutz für alle als auch einen Prozess, mit dem das öffentliche Leben auch wieder Schritt für Schritt möglich wird.“ (WELT.de)

Eine persönliche Versicherung ist mehr wert als ein politischer Amtseid? Das ist das Ende demokratischer Politik zugunsten subjektiver Versprechungen, die Destruktion der „heidnischen“ Polis zugunsten einer göttlichen Zusage an Einzelne und Erwählte: Gott hat dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein. Das Wort einer Magd Gottes wiegt mehr als das einer gewählten Demokratin. Voller guter Vorsätze, tut sie gewissenhaft ihre Pflicht. Doch wem gegenüber? Ihrem Vater im Himmel. Nicht einer räudigen Untertanenmasse. Pflichtbewusste machen im preußischen Untertanenstaat lediglich, was ihnen höhere Autoritäten auferlegen. Einen selbstbestimmten Willen kennen sie nicht. Dass es zur Pflicht gehört, der eigenen Stimme der Vernunft zu folgen: das ist Untertanen nicht beizubringen.

In Erlöserreligionen geht es um ewige Seligkeit von Einzelnen, in der heidnischen Demokratie um das irdische Wohl von Gemeinschaften.

Merkels singuläre Flüchtlingsaufnahme war ein samaritanischer Akt. Mit politischer Humanität hatte er nichts zu tun. Wie stets, ließ sie sich überraschen, um unter Zugzwang ihre Entscheidung als singuläre Erleuchtung zu drapieren. Kaum hatte sie ihre Tat vollbracht, machte sie kehrt und schloss sich den Flüchtlingsfeinden an. Seitdem handelt sie im Widerspruch zu ihrer „geschichtsträchtigen“ Tat.

Ihre deutschen Untertanen handeln d’accord. Sie beurteilen sie nicht nach der Logik ihrer Taten, sondern nach ihrem „gelassenen, entspannten“ Auftreten und ihren Redekünsten. Kommt sie nach langem Versteckspiel auf die Bühne, um ihre erwartete Rede zu halten, entscheidet sich ihr Image anhand ihrer rhetorischen Fähigkeiten, die in eindringlichen Worten – Nichts zu sagen haben. Die Reaktion der Presse ist garantiert: wieder einmal hielt Merkel eine „denkwürdige Rede“, um die Nervosität der Menge zu entspannen. Was sie sagt, ist belanglos, nur wie sie es sagt, ist wichtig. Widersprüche zu vergangenen Taten, zu gesprochenen Worten? Mit solchen Petitessen gibt sich die deutsche Presse nicht ab.

Ohnehin ist Vergangenheit passé. Wie man sich ständig neu erfindet, so neu muss man auch von anderen empfunden werden. Das ist der Sieg der Rhetorik über die Wahrheit des Dialogs. Heidnische Rhetorik wurde zur christlichen Predigt und zur heutigen „Kommunikations-Rhetorik“. Wer kein mitreißender Redner ist, kann hierzulande einpacken. Und wenn er noch so Bedeutendes zu sagen hätte. Inhalt belanglos, Form und Darstellung entscheiden.

Eine Pastorentochter muss in ihrem Leben eine Menge Predigten über sich ergehen lassen. Da die Schrift alles und nichts fordert, alles und das Gegenteil für richtig hält, haben deren Interpreten freien Lauf. Hier liegt die Bibel, dort liegen Schriften beliebiger Deutung, aus denen sie sich bedienen können. Werden sie auf ein befremdliches Wort angesprochen, verweisen sie auf nachträgliche Zeitgeistdeutungen. Werden sie auf Beliebigkeit angesprochen, verweisen sie auf das Trutzwort des Reformators: das Wort, sie sollen lassen stahn. Die christliche Lehre hat bereits so viele Scharmützel durchgestanden, dass sie keine angreifbare Stelle mehr enthält. Sie ist perfekt, unangreifbar und lässt alles an sich abtropfen.

Merkel hat es nicht nötig, eine wohldurchdachte Politik vorzulegen, die Vergangenes bedenkt, um aus Fehlern zu lernen, und die Zukünftiges vorausdenkt, um ihre Wähler zu überzeugen. Alles läuft, wie es läuft. Sie ist Mitläuferin der Heilsgeschichte. Stimmt der Wohlstandsindex, gibt es nichts zu ändern.

Ein Lieblingsausdruck Merkels: Dies ist nicht die Stunde, in der … In der wir darüber nachdenken müssen, ob … Das führte zum Spruch: Wir fahren auf Sicht. Vergangenheit vorbei, Zukunft ungewiss, das Gesichtsfeld begrenzt. Was wir gestern sagten, gilt heute nicht mehr. Widersprüche sind unbekannt, ständig verändern sich die Augenblicke. Der Kairos wechselt von Minute zu Minute. Wir müssen den Impulsen von Oben folgen, die sich keiner heidnischen Logik fügen. Zeit ist erfüllt, auch wenn sie noch nicht ganz erfüllt ist. Logik und Vernunft sind für Ungläubige, die sich ihrer irdischen Vernunft rühmen.

„Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.  Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme,sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.“

Das ist es, was Deutsche lieben: eine Naturwissenschaftlerin, die sich ihrer Überlegenheit nicht rühmt, sondern sich der Sprache der Törichten bedient, um die Weisen der Welt zuschanden zu machen.

Merkel macht dieselbe Politik gegen Fremde, Flüchtlinge und Nachbarn, wie Trump sie vormacht. Eiskalt lässt sie europäische Partner absaufen, sei es, was medizinische Hilfe, sei es, was finanzielle Unterstützung betrifft. Hunderte von Fachleuten fordern Euro-Bonds, wie reagiert Berlin? „Solange ich lebe, wird’s keine Eurobonds geben.“ Wenn TV- Kanäle diese Nachrichten bringen, sprechen sie stets von Berlin, das Nein sagt. Der Name Merkel wird nicht erwähnt, wenn es um Negatives geht. Er wird immer an erster Stelle genannt, wenn es um gute Nachrichten geht.

Merkel und die Deutschen schützen sich gegenseitig. Wie Merkel die Schwächen der Deutschen nie erwähnt, so wollen die Deutschen nichts hören von den Schwächen ihrer Kanzlerin. Ein Duo infernale, das sich blindlings aufeinander verlassen kann.

Vor Tagen sprach Merkel von 10 Tagen, heute spricht sie von 14 Tagen, in denen sich die Zahlen der Angesteckten verdoppeln dürfen. Über Erleichterungen will sie gar nicht sprechen, denn dies ist nicht die Stunde, über solche Weinerlichkeiten nachzudenken. Im Nationenvergleich will sie auf ihr Volk stolz sein können.

Inzwischen wird unsere Sprache immer religiöser. Statt selbstkritisch zu sein, wird Demut empfohlen. Statt dialogischer Streitkultur, in der die besseren Argumente obsiegen sollen, wird autistische Beschränkung auf das eigene Selbst gefordert:

„Die im Ausland oft bewunderte Disziplin vieler Deutscher hat auch in Corona-Zeiten eine Schattenseite: Die Neigung mancher Mitbürger zu Belehrung, Maßreglung, Denunziation. Wir sollten im Umgang mit „den anderen“ mehr Gelassenheit wagen. Weil es eine Illusion ist, zu glauben, man verbessere die Welt, indem man andere ständig belehrt. Dabei haben wir durchaus die Macht, der Pandemie ihren Schrecken zu nehmen: Indem sich jeder vor allem um die Person kümmert, auf deren Handeln er den größten Einfluss hat: Auf sich selbst.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Demokratie ist eine schwarmintelligente Lerngruppe, in der jeder jeden belehren kann – und soll. Das setzt voraus, sich selbst zuerst zu belehren – was man Denken nennt. Denunziation ist keine Belehrung; Belehrung keine Maßreglung. Kritik setzt Selbstkritik voraus. Ohne Selbst- und Fremdkritik keine Auseinandersetzung auf der Agora.

Deutsche Disziplin wird im Ausland bewundert? Dann kann es nicht mehr lange dauern, bis der deutsche Untertan wieder gefürchtet wird. Demokratische Fähigkeiten scheinen nicht mehr gefragt.

In den immer religiöser werdenden Staaten gewinnen charismatische Politiker wie Trump, Merkel, Johnson, Netanjahu umso mehr an Ansehen, je eigensüchtiger sie ihre Staaten durch die Krisen steuern. Seligkeitsegoismus, übersetzt in machtgestützte Eigensucht, wird zum Heiligenschein der Gotterwählten.

Warum haben wir Mühe, eine Pandemie zu verstehen? Antwort eines Psychologen:

„Wir Menschen, sagt der Psychologe Daniel Kahneman, hätten deshalb Mühe, eine Pandemie zu verstehen, weil wir exponentielles Wachstum nicht erfassen könnten; wir sähen, was da ist, und nicht, was da sein wird. Stellen wir uns also einen See vor, der von einer tödlichen Alge attackiert wird, die sich täglich selbst verdoppelt: Noch am vorletzten Tag schimmert der halbe See unversehrt im Abendlicht. Gehen wir morgen schwimmen?“ (TAGESSPIEGEL.de)

Warum fällt hier nicht der Begriff Neoliberalismus? Exponentielles Wachstum ist kein Begriff der Psychologie, sondern der Ökonomie. Warum wird die Unfähigkeit des Einzelnen getadelt und nicht die gottähnliche Gigantomanie derer, die den Rachen nicht voll genug kriegen können?

Nicht zuletzt schämt sich ein Journalist, ein Journalist zu sein. Weil er kein Mediziner ist, der Notleidenden helfen kann. Die kritische Selbstempfindung ehrt den Journalisten. Doch sie müsste ausgeweitet werden zur generellen Kritik an seiner Zunft. Schreiben, was ist, genügt nicht mehr. Die Medien müssen ihre neutrale Beobachterposition verlassen und  endlich scharfe Position beziehen, wie die Welt sein soll, damit unsere Kinder noch eine Chance erhalten.

Thomas Gebauer von medico international sagt es in schlichten Worten, die heute verpönt sind:

„Gerade die Corona-Krise macht deutlich, wie dringend stattdessen eine Solidarität auch mit Fremden nötig ist, eine kosmopolitische Solidarität, die sich auch in transnationalen Institutionen niederschlägt, die für einen globalen Ausgleich sorgen.“ (TAZ.de)

Corona teilt uns mit, dass Globalisierung kein Überbieten und ökonomisches Ausbluten sein darf. Eine humane Globalisierung würde Schluss machen mit den jetzigen nationalen Absperrungen und Ausschließungen. Auch genügt es nicht, Europa zur Nation zu erweitern.

Die Pandemie entlarvt die Ungleichheiten der Völker, indem sie alle der gleichen Hinfälligkeit und Sterblichkeit unterwirft.

Fortsetzung folgt.