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Tanz des Aufruhrs XLVI

Tanz des Aufruhrs XLVI,

Was, wenn Carl Schmitt Recht hätte?

„Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in der Wiederholung erstarrten Mechanik.“

Der gegenwärtige Normalfall ist Demokratie. Wie oft kokettierten deutsche Edelschreiber in den letzten Jahren mit ihrem Abscheu vor anödender Normalität. Postdemokratie war die neue Losung der Ennuyierten. Sie schauten hinüber in die Tiefen Asiens, wo fremde Systeme auf dem Sprung waren, die westlichen Systeme zu überrunden.

Am Anfang der russische Bolschewismus, der als erster mit Sputniks den Weltraum eroberte. Der erste Mensch im Weltraum trug keinen amerikanischen Namen, sondern hieß Juri Gagarin.

Dann die japanische Gefahr, die den Westen mit billigen Produkten überschwemmte.

Jetzt die Chinesen, die am gesamten Westen vorbeipreschen, selbst Amerika hinter sich lassen und zum Vorbild aller … … ehrgeizigen Nationen zu werden drohen.

China ist sogar in der Lage, mit einem unsichtbaren Bläschen die Welt aufs Kreuz zu legen. Während alle Staaten in Quarantäne gehen und sich der uralten Weisheit des Laotse unterwerfen müssen: Wuwei oder Nichtstun, steht China schon wieder auf den Beinen und folgt uralten europäischen Torheiten: Arbeiten, Beschleunigen, Machterringen.

Heißa, ein lustiges Spiel. Wir imitieren euch, ihr imitiert uns – und ihr merkt es nicht einmal.

Die Welt ist zur Arena rivalisierender Nationen, nein, rivalisierender Systeme geworden. Systeme sind Maschinen, die nicht aus Rädern bestehen, sondern aus Organismen, die sich als Menschen bezeichnen – und wie Rädchen reagieren. Gewöhnlich halten sie sich für den Inbegriff des Ungewöhnlichen, das alle Normalität übersteigt: homo sapiens, der Klügste der Klugen.

Nur der Einzelne ist der Geniale, der aus der „Wiederholung erstarrter Mechanik“ ausbricht. Kommen viele Einzelne zusammen, verklumpen sie zur Masse, die entweder einem charismatischen Führer folgt, oder sich einem Tyrannen unterwirft – oder aber sich als Gemeinschaft der Freien und Gleichen definiert: in der Demokratie ist die Verklumpung der Vielen zur Masse überwunden. Der Einzelne entfaltet seine Individualität nur als zoon politicon.

In Volksherrschaften gibt es keinen Gegensatz zwischen Einmaligkeit der Einzelnen und dem Zusammenhalt der Vielen – sagen moderne Demokratien? Denkste, sie sagen das Gegenteil, weshalb sie sich keine asiatischen Massentücher umhängen. Haben sie doch grade muslimischen Frauen die Gesichtsverhüllung verboten. Jetzt sollen sie tun, was sie unter Strafe stellten? Schande über Schande.

Längst aber ist der Unterschied zwischen totalitären und freien Gesellschaften aufgehoben: es gibt nur noch Systeme.

Menschen, die zur Bekämpfung von Notständen wichtig sind, heißen bei uns Systemrelevante, nicht Menschen- oder Demokratierelevante. Das noch immer geltende Vorbild vieler Intellektueller ist Systemtheoretiker Luhmann.

Luhmann, „der den Subjektbegriff ablehnt“, lehnt den Menschen als Gestalter seines Geschicks ab. Ein System ist eine Art Maschine, die man – nicht anders als Computer – durch Drücken bestimmter Knöpfe am Laufen hält. Maschinen funktionieren mechanisch, System-Menschen psycho-mechanisch.

Der Unterschied zwischen demokratischen und totalitären Systemen ist schon lange dabei, sich zu verflüchtigen. Demokratische Tastendrücker sind gewählt, despotische sind ungewählt. Da die Gewählten immer mehr vergessen – besonders in Extremsituationen wie der jetzigen Krise –, dass sie es mit autonomen Subjekten zu tun haben, bedienen sie die Systeme wie vollautomatische Maschinen, die gelegentlich ins Stottern kommen und ergo repariert werden müssen. Mit Maschinen sprechen, sich mit ihnen auseinandersetzen oder streiten, ist nicht drin.

Den Begriff Demokratie nehmen Deutsche nicht gern in den Mund. Wenn sie nicht von System sprechen, sprechen sie von Staat. System und Staat gelten für alle Regierungsarten. Demokratiespezifisch sind sie nicht. Das ist durchaus gewollt. Eine Demokratie aus eigener Kraft haben die Deutschen nie zustande gebracht. Und die, die sie zustande brachten, haben sie in Nullkommanix den Übermenschen übergeben.

Staat ist für sie lutherische Obrigkeit, weshalb sie Luther – einen glühenden Juden- und Bauernfeind, Hasser der Vernunft und Wissenschaft – ein ganzes Jahr lang feiern können, aber nicht willens sind, einen einzigen Festakt zugunsten der Aufklärung zu begehen. Vor jedem Festakt der obligatorische ökumenische Gottesdienst. Kann man sich vorstellen, dass eine protestantische Kanzlerin den Namen Kant in den Mund nimmt?

„Himmlische Einflüsse in sich wahrnehmen zu wollen, ist eine Art Wahnsinn, in welchem wohl gar auch Methode sein kann …, der aber immer doch eine der Religion nachtheilige Selbsttäuschung bleibt.“ (Kant, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)

Was sie hingegen gern zitieren, um zu zeigen, dass auch Kant ein Befürworter des radikalen Bösen war, ist der Satz:

„Aus so krummen Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann kein ganz Gerades gezimmert werden.“

Kaum ist eine Notsituation entstanden, krempeln sie die Ärmel hoch, um zu zeigen, wie sie krummes Holz grade biegen – und wenn sie das Holz zerbrechen.

Lieber rot als tot, hieß ein 68er-Studentenspruch, der alles andere als demokratisch war. Heute heißt er: lieber politisch tot bei lebendigem Leib – als wehrhaft demokratisch.

Es hätte – wie bei den vorbildlichen Schweden – eine historische Bewährungsminute werden können. Es wurde ein Rückfall in lutherische Obrigkeit.

Noch schlimmer. Im kollektiven Unbewussten spielen frei flottierende Straf- und Selbstbestrafungswünsche eine Rolle, die im Zusammenhang  mit einem misslungenen 1000-jährigen Paradies stehen. Kaum lag ihr völkerverbrecherisches Regime am Boden, waren sie schon wieder da mit VW-Wundern und schockierten ihre Befreier mit einer Wohlstandsgesellschaft, die kein Gestern mehr kannte.

Weil sie bis heute zu billig davonkamen, müssen sie sich nachträglich bestrafen und bestrafen lassen. Da kam der chinesische Emissär wie gerufen. Unter dem dröhnenden Motto: Wir müssen unsere Alten retten, dürfen ihr sündiges Luxusleben savonarolisch heimsuchen.

In der Not ist alles erlaubt. Vor kurzem noch wurde gescholten, wer von Weimarer Verhältnissen sprach. Heute warnen alle Verfassungsrechtler vor der Gefahr der Wiederholung. Unauffällig, stets im Dienst des Not-wendenden, robben wir uns an die Vergangenheit ran.

Selbst Holocaustüberlebende fühlen sich heute an ihren Lageraufenthalt erinnert. Grillen alter Menschen?

Seit wann kann ein untergeordnetes Gesetz das Grundgesetz aushebeln? Ticken die Deutschen noch ganz richtig? Zur Würde und Selbstbestimmung gibt es, Herrgottsakrament, keine Alternative. Natürlich kann es notwendig sein, sich mit ungewöhnlichen Maßnahmen zu schützen. Aber bestimmt nicht als Killer des Grundgesetzes.

Das mündige Volk muss gefragt werden und diese Maßnahmen für richtig befinden. Keine Zeit? Lachhaft. Wie oft gab es schon vergleichbare Seuchen. Wie lange hätte man solche prophylaktischen Maßnahmen treffen können. Wenn‘s stimmt, sollen Pläne schon seit Urzeiten in den Schubladen liegen.

Wenn man sich innerhalb weniger Tage Grundgesetz-Zertrümmerungsgebote aus den Fingern saugen kann, kann man in derselben Zeit auch das Volk an die Urnen bitten. Versteht sich, dass keiner der Honoratioren auf die Idee käme, das Volk an seine souveränen Rechte zu erinnern. Man hörte einen Seufzer der Erleichterung, dass man nun legitim das Volk in Beglückungspose kujonieren darf.

Poppers Meisterleistung war es, Platon faschistische Zwangsbeglückungsmaßnahmen nachgewiesen zu haben. Von deutschen Tiefendenkern wird das bis heute nicht zur Kenntnis genommen. Noch immer träumen sie davon, vom Volk berufen zu werden, um das Volk zu schurigeln.

Gibt es etwas Traumhafteres als eine Tyrannei auf freiwilliger Basis? Das wäre eine dialektische Meisterleistung, das Unverträgliche in ein Prokrustesbett zu zwingen.

Weiß man doch, wenn man das Volk befragt, kehrt die Todesstrafe zurück.

Wenn aber das Volk seine Ikone in den Himmel hebt, heißt es: vox populi vox dei.

Quizfrage, Herr Pflaume: a) sind die Deutschen inzwischen strohdumm geworden oder b) haben die Mächtigen absichtlich auf eine prekäre Situation gewartet, um ihren Untertanen zu zeigen, wo Bartels den Most holt?

Vorsicht Verschwörungstheorie. Wenn Deutsche über Verschwörungstheorien palavern, könnte man sich das Hemd zerreißen. Religion, die Verschwörung aller Verschwörungen, wird nicht einmal genannt. Ein männlicher Gott soll alles Gute erschaffen haben, eine schwache Frau die satanische Ursache alles Bösen sein?

Die dummen Protokolle der Weisen von Zion wären nicht im Geringsten nötig gewesen, um den Judenhass der Deutschen zu entfachen. Den gibt es schon seit fast 2000 Jahren. Alle drei Erlöserreligionen huldigen ihrem Verschwörungs-Credo, dass am Ende der Tage sie das siegreiche Volk Gottes sein werden. Wenn Religionen als sakrale Verschwörungen anerkannt werden, dann gibt es tatsächlich Verschwörungstheorien.

Kapitalismus ist eine einzige Verschwörung der Erfolgreichen gegen die Loser der Geschichte. Das wusste schon Adam Smith, der den Reichen verbieten wollte, bei gesellschaftlichen Zusammenkünften in diversen Hinterzimmern zu verschwinden, um krumme Geschäfte einzufädeln. Glaubt irgendjemand, dass die gigantischen Transaktionen der Geldmänner auf den Marktplätzen der Städte stattgefunden haben?

„Tiefenpsychologisch lassen sich Verschwörungstheorien als Projektionen erklären.“

Den Verschwörern werden folgende Charaktereigenschaften unterstellt:

„Sie sind skrupellos, grausam, egoistisch, außergewöhnlich intelligent und von einer bisweilen nachgerade gottgleichen Machtfülle. Die damit einhergehende Dämonisierung ist zur Erklärung des Phänomens, dem die Verschwörungstheorie dienen soll, oft überflüssig, sie erfüllt weniger historische als psychologische Bedürfnisse. Verschwörungstheorien sagen in dieser Interpretation also vor allem etwas aus über die Fehler und die Wünsche ihrer Autoren und Leser.“ (Wiki)

Schrott! Wenn Verschwörungen bewusste Taten wären, könnten sie keine Projektionen sein. Denn diese sind unbewusst. Sollte jemand auf der therapeutischen Couch sich diese unbewussten Bedürfnisse bewusst machen, wären sie keine Projektionen mehr. Was nun?

Natürlich sind Projektionen keine realen Wahrnehmungen – und Verschwörungen können nur Vermutungen sein, die man zu beweisen hätte.

Jeder Reporter, der eine kriminelle Tat recherchiert, beginnt mit einer Verschwörungstheorie, ergo mit einer Vermutung. Kann er sie beweisen, verwandelt er die Vermutung in Gewissheit. Wie viele Milliarden Verschwörungen gibt es täglich rund um den Globus. Wär‘s anders, wäre der Neoliberalismus längst kollabiert.

Jüngstes Beispiel: Wer hätte gedacht, mit welch intriganten Kollaborationen die deutsche Waffenherstellerin Heckler & Koch ihre Produkte in Mexiko einschleusen konnte, obgleich deutsche Gesetze dies verbieten?

Was projektiv sein soll, muss durch Konfrontation mit der Wirklichkeit bewiesen werden. Ist ein Mann überzeugt ist, dass eine fremde Frau ein brünstiges Auge auf ihn geworfen habe, bleibt nur eins: er muss die Frau kennen lernen. Kein Therapeut kann ultimativ deklarieren: das ist Projektion. Er muss die Bedürfnisse und Ahnungen seines Patienten mit der Realität konfrontieren.

Kein Mensch wäre lebensfähig, wenn seine Projektionen nur absolute Täuschungen wären. Sie können in schrecklicher Weise daneben liegen. Entstanden aber sind sie als reale Erfahrungen – die der Geschädigte als psychische Last mit sich herumtragen muss, um sie in neuen Verhältnissen „wiederzuerkennen“.

Die Erkenntnistheorie der Moderne ist eine reine Projektionstheorie. Wir erkennen, was wir herstellen; wir erkennen, was wir der Natur imprägnieren.

Wie erkennen wir, ob wir recht haben? Indem wir wiederholbare Experimente erfinden. Haben Naturwissenschaften die Projektionen der einzelnen Forscher nicht verlässlich als wahr erwiesen oder aber widerlegt?

In gewisser Hinsicht ja. Sonst gäbe es keine technischen Erfolge, kein Motor würde laufen, keine Rakete auf dem Mond landen. Aber. Schauen wir genauer hin, müssen wir klären, wie es dem Menschen gelang, die Natur zu liquidieren. Wie können wir sagen, wir hätten etwas von der Natur wahrgenommen, wenn wir sie per Erkenntnis guillotinieren? Das wäre ausgeschlossen, wenn unser Erkenntnisapparat die Natur erkennen würde, wie sie ist.

Bliebe nur die Erklärung: wir erkennen Spurenelemente der Natur, die wir zur Erkenntnis des Ganzen hochprojizieren.

Beispiel: ich lerne einen Menschen kennen, der gerne Schach spielt. Da ich schon lange einen gewieften Schachspieler gesucht habe, versuche ich, ihn als Freund zu gewinnen. Aus lauter Freude übersehe ich, dass jener nichts anderes im Kopf hat, als an mein Geld zu kommen, um mich anschließend im Rhein zu versenken. Ich erkannte einen winzigen Teil der Wirklichkeit, ohne das Ganze zu erkennen.

Wer jemandem Verschwörungstheorien unterstellt, glaubt, automatisch auf der Seite der Wahrheit zu sein. Absurd. Hier beginnt erst die Arbeit. Er muss seine Gegen-Projektionen, die er als pure Wahrheit betrachtet, nach denselben Regeln beweisen wie sein projizierendes Gegenüber. Die zwei müssen in den Clinch. Das kann zu einem edlen Wettstreit um die Wahrheit werden, zu einem Gemetzel im Gerichtssaal oder zu einem zermürbenden politischen Wahlkampf.

Jeder, der etwas vermutet, projiziert seine Gedanken in die Welt. Sei es, dass Schuldige gesucht oder Ursachen aufgespürt werden sollen. Ob der Vermutende Recht hat, muss er beweisen. Die Regeln des Beweisens müssen von den Menschen erstritten werden.

Wie oft bewies man im Mittelalter, dass Hexen vom Teufel besessen waren. Der Gottesbeweis sollte es zeigen. Warf man die Frau, die nicht schwimmen konnte, ins Wasser, ging sie unter: Gott hatte ihre Schuld bewiesen. Konnte sie sich wundersamerweise retten, hatte der Himmel sie frei gesprochen.

Kein Mensch ist frei von irrationalen Erkenntnisfehlern, keiner tappt völlig im Dunkeln. Poppers Kritik an der Psychoanalyse war berechtigt: es gibt keine Seelendoktoren, die jede Kritik ihrer Patienten als Projektionen zurückweisen können. Das ist anmaßende Immunität oder Unfehlbarkeit. Wir sind allemal Sünder und ermangeln des Ruhmes, um es schief zu formulieren.

Was wir in der gegenwärtigen Krise erleben, ist ein reziprokes Projektionsspiel. Kein Spiel, sondern ein Verhängnis. Die Oberen schlagen drauf, dass die Fetzen fliegen, weil sie projizieren, die Untertanen seien zu dumm oder renitent, um ihre weisen Maßnahmen zu akzeptieren.

Die Untertanen sind – ganz im Gegenteil – erstaunlich willig, sich täglich widersprechenden Geboten zu beugen. In Bayern gilt, was in Berlin nicht gilt. Der föderale Überbietungswettbewerb beschädigt die Gleichheit vor dem Gesetz.

Wie reagieren die Obertanen? Anstatt erfreut zu sein über den verständigen – oder lammfrommen – oder erschöpften Pöbel, misstrauen sie der Menge und schlagen noch härter zu.

Anstatt die Bevölkerung zu loben und mit baldiger Aufhebung der Maßnahmen zu belohnen, geschieht was? Die Strafmaßnahmen werden ins Unbegrenzte ausgedehnt.

„Auch wenn die Beschränkungen bald gelockert würden, rechnet Andreas Geisel mit lang anhaltenden Abstandsregeln.“ (ZEIT.de)

In erster Linie geht es nicht um Regeln. Sondern um den Ton, um die psychische Atmosphäre, die verbreitet wird.

Die Untertanen spüren, sie können machen, was sie wollen, den Autoritäten ist nichts gut genug. Die Obertanen vermitteln: ihr könnt so lammfromm daherkommen, wie ihr wollt, uns führt ihr nicht hinters Licht.

Der faschistische Gefühlsuntergrund der Deutschen, alles andere als aufgearbeitet, meldet sich zu Wort.

Achtung Verschwörungstheorie: hätten superlistige Zeitgenossen den angeblichen Virus – ein Fake-New globaler Schlitzohren – zu einem gigantischen Milgram-Experiment benutzt: was wäre dann?

Der amerikanische Psychologe Milgram wollte nachweisen, wie leicht normale Menschen – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – dazu gebracht werden konnten, sich wie  grausame Faschisten zu verhalten.

„Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich dazu dienen, Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären.“

Den Deutschen wird erzählt, wie gefährlich alles sei. Und dies mit windigen Daten, mit ständigen Übertreibungen – schon liegen sie flach vor der scheinbaren Notwendigkeit und versuchen, sich mit Demokratieverletzungen ans Ufer zu retten.

Was Faschismus ist, dazu gibt es hierzulande nicht die kleinste Übereinstimmung. Ohnehin ist der Begriff spurlos verschwunden. Müsse man sich doch, aus Wettbewerbsgründen, jenen Systemen nähern, die alles andere als demokratisch sind.

Demokratische Korrektheit ist dämlich. System ist System. Auch das amerikanische Silicon Valley ist alles andere als vorbildlich demokratisch. Also lasset uns wendig sein, damit wir gewappnet sind für die Anforderungen, die auf uns zukommen.

Deutsche lieben Prophetie: Was kommt auf uns zu? Weniger interessant ist die politische Frage: Was sollen wir tun, um das Unerwünschte zu verhindern? Was wollen wir? Was müssen wir tun, um Menschen zu bleiben?

„Wir lieben aber zu sehr die Prognose. Den Seher. Den einen leuchtenden Pfad. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten mehr in Alternativen denken.“ (SPIEGEL.de)

Sollte Corona ein gigantisches Milgram-Experiment mit uns durchgeführt haben: wir hätten auf der ganzen Linie versagt. Die erste Bewährungsprobe in Notzeiten – und wir werfen das Grundgesetz auf den Müll. Kein Bedauern, keine Debatte, kein Widerspruch.

Pardon, doch Widerspruch – von jenen, die an Ostern unbedingt um die Welt düsen müssen. Das wäre pubertierender Protest aus Luxusgründen. Was unser Wohlstand erlaubt, müssen wir der Welt unter die Nase reiben. Wir tun etwas, weil wir es können. Was wir können, das müssen wir. Gesetz der Einheit von Wahn und Tat.

Alles übertrieben? Hören wir eine Ärztin:

„Die Internistin Stefanie Holm zeigt sich besorgt, dass der aktuelle Umgang mit Corona die Menschen „zu sehr verängstigt“. Wie viele ihrer Kollegen beobachtet die seit 20 Jahren in Hannover praktizierende Ärztin bei vielen Patienten eine „irrationale Panik“. Die Menschen fürchten, am Coronavirus zu sterben – obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für die meisten Deutschen gering ist. Holm hält es für nötig, dass die Behörden bald aussagekräftige Zahlen veröffentlichen. Es müsse das Ziel sein, dass die Menschen realistisch und ruhig ihr eigenes Risiko einzuschätzen lernen. Sie wünscht sich, dass der „Shutdown“ so kurz wie möglich gehalten werden kann, um über die Rückkehr zur Normalität den Stress in der Bevölkerung abzubauen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Täglich werden die Regeln verändert, sodass niemand mehr durchblickt. Vorgestern durfte niemand einsam auf der Bank sitzen und lesen, niemand eine Decke ausbreiten. Heute darf man es wieder.

Niemand dürfe „grundlos“ das Haus verlassen. Grundloses Handeln gibt es überhaupt nicht. Höchstens könnte man fragen, ob man seine Gründe wirklich kennt.

Ein Virologe kritisierte scharf, dass der Eindruck erweckt werden sollte: in der frischen Luft sei es gefährlicher als in der dumpfen Stube. Umgekehrt werde ein Schuh draus.

Diese aufgedrungenen Assoziationen entsprechen der uralten religiösen Weltverdächtigung: überall lauert das Böse. An solchen Stellen wird ersichtlich, wie erfolgreich der christliche Religionsunterricht war.

Was zur Verschärfung der Gesamtatmosphäre gehört: auch Abiturienten sollen nicht zu billig davonkommen. Angst und abnorme Anspannung? Papperlapapp. Abitur muss sein. Versteht sich, dass die Jugendlichen selbst nicht befragt werden, was sie wollen. Das wäre ja staatliche Helikopter-Pädagogik. Auch die Medizinstudenten sollen, zum Dank für ihren vorzeigen Einsatz an der Front, verschärfte Prüfungen ablegen. Gelobt sei, was hart macht.

Gewisse Formulierungen legen gar nahe, dass man Polizisten, die einem von der Bank holen, nicht widersprechen dürfe. Durch Verletzung der Meinungsfreiheit sollen Krankheiten abgewehrt werden?

Zum verharmlosenden Gesamtbild gehört der Aufsatzwettbewerb mit dem amerikanischen Thema: „Ich habe einen Traum.“

Der amerikanische Traum ist just das, was in Deutschland verboten ist, wofür aber die Amerikaner bewundert werden: Traum als Utopie. Natürlich in der ersten Person Singular: mein Traum. Dass aber niemand auf die Idee komme, den Traum politisch zu missbrauchen. Bei uns darf jeder für sich selbst träumen: Liberalismus und Individualismus sind Nachkömmlinge des religiösen Seligkeitsegoismus.

Wer das ganze Einschüchterungstheater hinterfragt, wird als vaterlandsloser Geselle gebrandmarkt:

„Ob diese Maßnahme verhältnismäßig ist, danach fragt keiner mehr. Ob sie etwas im Kampf gegen Corona bewirkt, ist zweitrangig. Vielmehr setzt man sich dem Vorwurf aus, mit einem solchen Verhalten am Tod von Menschen schuldig zu werden. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Totschlagargument, das jeden Diskurs abwürgt.“

Denn in Deutschland wird jetzt mit Billigung, ja sogar mit Genugtuung einer großen Mehrheit in der Bevölkerung und eines Teils der Medien exekutiert – getreu dem Motto, dass in der Not die Stunde der Exekutive schlägt und nicht die der wachsamen Demokratinnen und Demokraten. „Es ist die Zeit der Denunzianten. Ordnungsämter und Polizei sind nicht zimperlich bei der Umsetzung der Maßnahmen, wie ein Blick in die Nachrichten der letzten Wochen zeigt.“ (SPIEGEL)

Ex-Verfassungsrichter Papier erhebt schwere Anklagen:

„Es werden ja Alternativen diskutiert, etwa mehr Tests, Atemschutzmasken, Ausrichtung auf die Schutzbedürftigen. Es wäre fatal, wenn wir wegen offensichtlicher Mängel in der Ressourcenbeschaffung länger auf extreme Eingriffe in die Freiheit aller angewiesen sein sollten und den Menschen keine anderen Mittel anbieten könnten, die weniger tief in ihre Freiheit einschneiden. Da sehe ich eine vermeidbare Gefahr der Erosion des Rechtsstaats. Das Grundgesetz kennt eine Notstandsregelung – für den Verteidigungsfall, nicht für eine Pandemie. Aber selbst in Kriegszeiten werden die Grundrechte nicht angetastet, ebenso wenig das Bundesverfassungsgericht. Das muss in der jetzigen Notlage erst recht gelten.
Der Entwurf des Epidemie-Gesetzes in Nordrhein-Westfalen, wonach Ärzte und Pfleger zu bestimmten Arbeiten verpflichtet werden können, ist fragwürdig. Denn in Artikel 12 des Grundgesetzes steht, niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden. Jedes Leben ist gleichrangig und gleich wertvoll, es genießt den gleichen Schutz. Und es geht nicht an, dass dann jemand entscheidet, dieses oder jenes Leben ist vorzugsweise zu schützen oder zu retten.“ (SZ)

Keine Kanzlerin weit und breit, die zu solchen Einwänden Stellung bezöge. Es wird sogar behauptet, mit der Härte der Maßnahmen wollte sie eine destabilierende Debatte verhindern.

Was unterscheidet Merkel von Trump? Politisch nichts, sie inszeniert sich nur anders. Sie trägt eine demütige Mundschutzmaske, während der Rabauke aus Washington ehrlich ist. Seine Ehrlichkeit besteht darin, die ganze Pracht seiner Verworfenheit zu zeigen, die durch die Gnade seines Herrn vergeben ist.

Merkels fromme Maske lieben die Deutschen, genau das brauchen sie: die moralische Bemäntelung ihrer exponentiell wachsenden Nationalegoismen und Brutalitäten. Auch Deutschland und Kanzlerin nehmen immer weniger Rücksicht auf schwächere europäische Partner, doch sie tun, als seien sie die Brävsten:

„Die apokalyptischen Zustände in Italien, aber auch in Spanien und bald mit höchster Wahrscheinlichkeit anderswo in der Union, fordern Europa nicht zuerst als Wirtschafts-, sondern als menschliche Gemeinschaft heraus. Unverzeihlich ist, wie langsam die gegenseitige Hilfe angelaufen ist. Es fällt auf, dass die Kanzlerin die von ihr selbst den Bürgern eindrücklich erklärte Ausnahmesituation bislang nicht auf ihr europapolitisches Gebaren zu übertragen scheint. Sie folgt ihrem gewohnten Impuls, zunächst einmal Zeit zu gewinnen.“ (SZ)

Nicht nur, dass alles an ihr abprallt: sie empfängt den neuen Diktator Orban wie einen vertrauten Freund:

„Zur Wahrheit gehört auch: Feige und ausweichend im Umgang mit Orbán agieren auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Chefs von CDU und CSU, Annegret Kramp-Karrenbauer und Markus Söder. Wenn sie Orbán ein Ultimatum setzen würden, dann lenkte dieser womöglich ein – oder er fliegt eben raus“ (SZ)

Je ungerührter sie durch Dick und Dünn stampft, je mehr wird sie von den Deutschen geliebt. Welche Rolle spielt sie? Die Rolle der Mutter, die für ihre Kinder alles tut, ob recht oder unrecht. Zuerst die eigene Brut.

Man könnte auch sagen, sie spielt die Rolle der Chefsekretärin, die ungerührt ihre Pflicht tut, gleichgültig, welch dubiosen Herren sie dienen muss. Weiß sie doch, ihr eigentlicher Chef lebt nicht hienieden, ihr Vaterland liegt im Himmel. Die Machenschaften auf Erden lassen sie gleichgültig.

Sie ist eine lutherische Untertanin, die der Regel folgt, ihrem Berufstand treu zu bleiben und ihrer Arbeit nachzukommen. Gleichgültig, ob ihr Tun einem satanischen Reich oder ihrer geliebten Kirche gilt.

Einer ihrer heftigsten Verehrer hat sie treffend mit einem nicht kaputtbaren Auto verglichen:

„Um Angela Merkel gerecht zu werden, muss man sich nicht die bröckelnden letzten Jahre von Adenauer oder Kohl anschauen, sondern einen Werbefilm aus dem Jahr 1963, und zwar nicht wegen des schnarrend männlichen Tons, in dem die Werbung damals vorgetragen wurde, sondern wegen des genialen Inhalts: Man sieht einen VW-Käfer von hinten, der fährt los, fährt immer weiter und weiter; dazu kommentiert der Sprecher: „Er läuft … und läuft … und läuft. Sie macht, was sie immer gemacht hat: Sie regiert, sie tut es fleißig, manchmal schlecht, manchmal recht, aber immer zuverlässig und mit der Detailakribie, die sie auszeichnet.“ (H. Prantl, SZ)

Alle Welt dachte, die letzten Tage des alten VWs seien angebrochen. Denkste. Sie hat keine Konkurrenten, die ihr das Wasser reichen könnten. Ihr himmlischer Vater hat ihr noch die Corona-Krise beschert, um dem deutschen Volk klar zu machen: sie ist unersetzbar. Nein, sie wird sich nicht selbst zur eigenen Nachfolgerin ausrufen. Sie wird sich von ihrem Volk rufen lassen:

„Während Spar-Weltmeister Deutschland (Staatsverschuldung 61 Prozent) mit Milliarden-Hilfen seine Wirtschaft stützt, stürzt die Corona-Krise vor allem südliche EU-Staaten wie Italien (135 Prozent), Griechenland (181 Prozent), Spanien und selbst Frankreich (beide 98 Prozent) in den Abgrund. Ein ranghoher CDU-Mann sagt ohne Umschweife, dass diese Staaten die Krise wirtschaftlich nicht überleben und der Euro daran zerbrechen könne. Europa als Scherbenhaufen – alles zerstört, wofür Merkel in Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise gekämpft hat. Dieses Szenario könnte zu einem vorzeitigen Rückzug führen, heißt es. Sie werde sich nicht um ihre eigene Nachfolge kümmern, hat Angela Merkel immer wieder erklärt.“ (BILD)

Deutschland & Merkel beenden die Schülerrolle der Nation und machen sich auf, als auserwähltes Volk in die Zukunft zu schreiten.

Fortsetzung folgt.