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Tanz des Aufruhrs XLIV

Tanz des Aufruhrs XLIV,

„Alles Glück ist dahin,
die Welt ist ins Elend gestoßen,
Ich zeige dir das Land in schwerer Krankheit,
Ich zeige dir das Unterste zuoberst“.
(Die Prophezeiungen des Neferti, Altes Ägypten)

Norman Cohn kommentiert:

„Die Zerrüttung der Gesellschaft spiegelt sich in einer zerrütteten Natur wider. Nil und Sonne sind aus den Fugen.“ (Die Erwartung der Endzeit, Vom Ursprung der Apokalypse)

Der Mensch bedroht die Natur und erzeugt die Klimakatastrophe.
Corona  erzeugt die Seuche und bedroht den Menschen.

Hängen die Sätze zusammen?

Niemals. Das wäre eine kosmische Verschwörungstheorie. Natur ist eine seelenlose Maschine.

Doch. Alles Natürliche ist göttlich, alles Göttliche Natur. (Hippokrates) Götter, identisch mit Natur, sind Bilder für den Geist.

Wäre Natur geistlos, könnten beide Sätze nicht zusammenhängen. Krankheiten wären Folgen mechanischer Ursachen, die keinen … … Geist benötigten, um realisiert zu werden.

Hätte Natur Geist, wäre der Mensch ein Teil der vergeistigten Natur, gäbe es Beziehungen zwischen Natur und ihren Geschöpfen, die durch Mechanismen nicht zu erklären wären.

In hiesigen Landen, die an einen Vater Gott glauben, wird Mutter Natur nicht geduldet. Oder für höheren Schwindel erklärt.

Was bedeutet es, an Mutter Natur zu glauben und was, an Vater Gott? Sind das folgenlose Glaubensbekenntnisse oder führen sie zu unterschiedlichen Verhaltensweisen?

Was, wenn Corona nur in einer Kultur möglich wäre, in der Gott als Vater verehrt wird, dessen Allmacht – mit Hilfe gehorsamer Männer – die minderwertige Natur verbraucht, um sie durch eine neue und bessere zu ersetzen?

Heute gibt es immer mehr Frauen in den Naturwissenschaften. Gleichwohl haben Mädchen mehr Probleme mit Mathematik und Naturwissenschaften als ihre männlichen Konkurrenten. Das liegt gewiss nicht an ihrer mangelhaften Intelligenz, sondern daran, dass männliche Wissenschaften die Natur traktieren, wie Frauen es nicht ertragen.

Ertragen sie nicht den Raubbau der Männer, warum fallen sie ihnen nicht ins Handwerk, um das Selbstvernichten der Gattung mittels Naturvernichtung zu verhindern?

Vermutung: sie trauen sich nicht, weil sie ihre eigene Überlegenheit als Hybris verdächtigen. Was bliebe von Männern übrig, wenn Frauen ihre archaische Überlegenheit wieder entdeckten und die naturverachtenden Kraftprotze beiseite räumten?

Klingen folgende Sätze nicht aberwitzig?

„Das Sanskritwort matra bedeutete wie das griechische meter gleichzeitig „Mutter“ und „Messung“. Mathematik heißt eigentlich „Mutterweisheit“. Viele Bezeichnungen für Rechenvorgänge entwickelten sich aus Stammwörtern für Mutterschaft: Metrik, Mensur, Meter, Mensis, Markierung, Merkmal, Mentalität, Geo-metrie, Trigono-metrie etc. Frauen haben schon so lange Berechnungen durchgeführt, dass nach dem Vaya purana die Männer dachten, Frauen könnten gebären, weil sie über hervorragende Fähigkeiten im Rechnen verfügten. Sie könnten selbst gebären, wenn sie diese weiblichen Fähigkeiten beherrschten.“

Über Matriarchat wird heute nicht mehr gesprochen, weil männliche Wissenschaftler in ihrem gloriosen Selbstgefühl die Entdeckung Bachofens nicht ertragen. Dabei gibt es Zeugnisse aus aller Welt, dass die Niederwerfung des Matriarchats als gewalttätiger Angriff der Männer auf die Frauen in die Mythologie einging. Männer betreiben Wissenschaft, um die Gebärfähigkeiten der Frauen zu übertreffen. Da kann es nicht verwundern, dass sie Roboterkinder zur Welt bringen, um die Kinder der Frauen überflüssig zu machen.

„Es könnte eine Niederlage der ganzen Menschheit gewesen sein, die sich von einer grundlegend friedlichen Ordnung abwandte und sich in eine aggressive hierarchische Struktur verwandelte. Patriarchalische Gesellschaften gründeten sich auf Neid, Sieg und Niederlage, matriarchalische konnten auf dieses Rabaukenverhalten verzichten.“ (Walker)

Es könnte sein, dass wir unsere finalen Gattungsprobleme nicht mehr anders lösen können als durch politische Kastration: also Entmächtigung der Männer. Männer sind durchweg die Zündler und Anstifter der Weltprobleme. Die Schäden müssen vor allem die Frauen ausbaden – natürlich auch jene Männer, die gelernt haben, ihre phallischen Attitüden als lächerlich zu empfinden. Umgekehrt: Politikerinnen, die nichts Besseres zu tun haben, als die Chose der Männer zu betreiben, mögen biologische Frauen sein: von mütterlicher Naturbewahrung haben sie keine Ahnung.

Ist es Zufall, dass immer mehr Frauen an vorderster Stelle dem Gewaltregime der Männer widerstehen? Wie Deutsche meinen, Vernunft und Glauben kompromisslerisch verkuppelt zu haben, so meinen sie auch, mit einer Kanzlerin das Problem der weiblichen Emanzipation gelöst zu haben.

Für Männer ist Natur ein endloses Reich berechenbarer Gesetze. Da Geist sich aller Berechenbarkeit entzieht, sich nur bemerkbar macht im Kopf jedes Einzelnen und im Streit um die humanste Lösung, verzichten sie auf den mysteriösen Burschen, dem man durch Formeln nicht beikommen kann.

Marx-Engels sind das Beispiel für zwei ehrgeizige Burschen, die den Geist – der für sie nur als göttlicher existierte – davonzujagen, um ihn durch die Hintertür wieder zurückzuholen. Natur nennen sie Materie – die Mütterliche –, die sie zur geistlosen erklären (Moral und Ideen seien nur sekundäre Überbau-Begriffe), um sie durch unerbittliche Arbeit ebenso niederzumachen wie ihre kapitalistischen Gegner. Natur, die man als unveränderte respektieren könnte, gibt es bei echten Revoluzzern nicht. Da muss schon kräftig gehobelt werden, damit der Mann auf seine Kosten kommt.

„Gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens. Im selben Maße, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Maß wuchs seine Intelligenz.“ (Engels)

Je mehr wir lernen, die Natur zu beherrschen, desto mehr werden sich „die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, je unmöglicher wird jene widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erfahren hat.“ (Engels, Dialektik der Natur)

Richtig bemerkt Engels die christliche Herrschaft des Geistes über die Natur. Aber nur, um die Herrschaft umzudrehen und die Materie den Geist bestimmen zu lassen: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Und dies unter dem Schein der Einheit: der Mensch fühlt sich als Eins mit der Natur – obwohl er sie ebenso rücksichtslos abnagt wie sein kapitalistischer Gegner. Während Christen aus ihrer Abneigung gegen die Natur kein Hehl machen, tun Marxisten, als seien sie eine Einheit mit der Natur, um sie genauso zu foltern wie ihre Klassenfeinde.

Streng genommen, waren Christen jener Zeit in ihrer Naturaversion ehrlicher als die Marxisten, die von mütterlicher Natur sprachen, sie aber genau so erniedrigten wie ihre Klassenfeinde. Heute haben ökologisch nachgerüstete Christen die Natur lieb gewonnen – aber nur, um sie genau so skrupellos auseinander zu nehmen wie Kapitalisten.

Kaum hatten die Männer ihre „Hochkulturen“ als Hierarchien eingerichtet, begannen sie mit Geschichte als Heilsgeschichte. Nicht als Heil für alle, sondern nur für Erwählte. Die Nichterwählten hatten den Erwählten zu dienen, um nach getaner Arbeit im Orkus zu verschwinden. Heilsgeschichte für Erwählte wurde zur Unheilsgeschichte für den unheiligen Rest.

Diese Faktoren sind zum Grundgesetz der Demokratien geworden: Wettbewerb, Konkurrenz, Ranking in allen Dingen, Andere besiegen und demütigen, Gesellschaft spalten zwischen Reichen und Elenden.

Kommen Wahlen übers Land, erschallt der Ruf harmoniesüchtiger Medien: der neue Mann muss die  gespaltene Gesellschaft versöhnen. Versöhnung der Gesellschaft aber ist eine Utopie, die es gar nicht geben darf.

Amerika erleidet einen desaströsen Niedergang. Die Macht des Corona-Virus infiziert in rasender Beschleunigung viele Arme und Schwache, die wegen eines maroden Gesundheitssystems nicht geschützt sind.

Als Bernie Sanders eine radikale Reform des Gesundheitssystems forderte, wurde er in Neugermanien gescholten, mit solch „utopischen Forderungen“ versöhne er nicht die Gesellschaft, er spalte sie.

Inzwischen bewies  Corona, dass Sanders Recht hatte. Eine Versöhnung der Gesellschaft kann nur gelingen als langfristige Utopie. Was, wenn Utopien nur durch Wahrheit hergestellt werden könnten? Wahrheit, auf die sich die Mehrheit der Bevölkerung verständigen kann? Versöhnung ist nicht das Ergebnis falscher Kompromisse, sondern der Überprüfung diverser Standpunkte.

Es waren Hochkulturen mit nationalen Machtrevieren, die ihre gefährdeten Domänen über die Zeit bringen wollten. Da war es geschickt, die Zeit der Ungewissheit als limitierte Heilsgeschichte zu definieren.

Auch das genügte nicht. Um die Gefahr diverser Niederlagen zu bewältigen, war es clever, sie nicht auszuschließen, sondern sie als unvermeidliche Teile der Heilsgeschichte zu betrachten – die zum endgültigen Sieg notwendig waren. Scheitern als Voraussetzung des endgültigen Siegs wurde zur Kreuzigung, die zur Auferstehung berechtigte. Golgatha und Abstieg in die Hölle, wurden zur Vorbedingung des endgültigen Siegs in der Geschichte.

In der Apokalypse sammelten sich akkumulierte Kräfte des Bösen, um gerichtet zu werden, damit sie das himmlische Finale der Guten nicht gefährden.

Das wurde zum Grundschema der abendländischen Heilsgeschichte: Inthronisation der männlichen Herrschaft, Siege über neidische Eindringlinge, allmähliche Degeneration bis zur Niederlage, die durch das Wunder der Wiederauferstehung das Nichts überwindet, um Alles zu gewinnen; danach das Paradies auf Erden oder ein Platz der Seligkeit im Himmel durch Ausschluss der Feinde in einer ewigen Hölle.

Dieses Geschichtsschema als siegreiche Strategie wurde im babylonischen Reich, in Ägypten, Persien erfunden, vom späten Israel übernommen und zur Heilsgeschichte verarbeitet, die vom Christentum akzeptiert wurde. Der Unterschied bezog sich auf Jesus, der von Juden als politischer Befreier erwartet wurde. Doch Jesus entzog sich der Politik und ließ seinen Heilsweg in den Himmel münden.

Geschichte als Erzählung. Warum benutzen deutsche Intellektuelle so gern den Begriff des Narrativs? Weil narratio Heilserzählung bedeutet. Wenn sie Geschichten erzählen, wollen sie private Heilsgeschichten wiedergeben. Literatur wurde zur Erbin biblischer Offenbarung aus vielen Perspektiven erwählter – oder verworfener – Menschen.

Der erste biblische Autor mit apokalyptischer Gesamterzählung war Daniel, der vom persischen Zarathustra beeinflusst war.

„Die Weltreiche haben einen Ursprung, ein Wesen und ein Ziel und es entfaltet sich in ihnen das, was von Anfang an ihn ihnen angelegt war. Die Bewegung der Weltgeschichte zeigt ein Anwachsen des Bösen. Es muss in der Weltgeschichte ein negatives Ziel erreicht, nämlich das Maß des Frevels erfüllt sein. Die Weltgeschichte führt einem Abgrund, einem großen Untergang entgegen.“ (Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments)

Apokalyptische Erzähler sind strenge Deterministen. In der Geschichte geschieht nichts Neues. Ihre prophetischen Vorläufer sahen noch das Unerwartete in Gottes Handeln. Doch je mehr sich das Leid der Geschichte häufte, umso unerbittlicher mündete es in einen Tag des Schreckens – der die Menschheit endgültig in Erwählte und Verworfene trennte.

Während Juden noch die Hoffnung hegten, mit einem politischen Messias Rom zu besiegen, hatten Urchristen diese Hoffnung längst aufgegeben. Ihre ersehnte Polis verlegten sie in den Himmel. Aber auch das war nur Taktik, um Rom eine Weile zu besänftigen: gebet dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist. Das klang nach taktischem Status quo. In Wirklichkeit entschied immer mehr das radikale Motto: Du kannst nicht zween Herren dienen.

Die Christen gewannen die Elenden und Schwachen durch ihre Gemeindearbeit, in der alle Mitglieder – Christen, Juden, Griechen, Sklaven und Frauen – gleichberechtigt schienen. Kaum hatten sie die Macht errungen, stand die Gleichheit nur auf dem Papier. Frauen wurden zu Dienerinnen der Männer, die Kirche besaß jahrhundertelang Sklaven, bis die englischen Quäker begannen, sich für ihre Freilassung einzusetzen. Der Mann war das Haupt der Frau oder stieg zum gottberufenen Leiter der Gemeinde auf.

Triage, das bevorstehende Problem der Corona-Krise: wer – bei knappen Hilfsmitteln – gerettet werden soll, ist das urchristliche Problem der Selektion. Das Christentum, das die universelle Gleichheit der Menschen erfunden haben will, spaltet die Gattung a priori in diese und jene.

Während Juden als auserwähltes Volk alle Gojim als Verworfene betrachteten, änderte Jesus das Auswahlprinzip. Erwählt war, wer seiner Stimme folgte, gleich aus welchem Volk oder Rasse er stammte.

Jesus, der Hirt, geht hin, um ein Schaf seiner Herde zu retten. Was den 99 anderen geschieht, ist ihm gleichgültig. Ein Sünder ist wertvoller als 99 Gerechte. Gerechte waren rechtgläubige Juden, die glaubten, jedes der vielen Gesetze zu befolgen, um Gott zu nötigen, die Vertragsbedingungen des Bundes einzuhalten.

Jesus hielt die „Selbst-Gerechten“ für Heuchler und Pharisäer, weil sie Gottes Gebote nur äußerlich hielten. Er sei gekommen, nicht, um das Gesetz Gottes aufzulösen, sondern zu erfüllen. Liebe ist Erfüllung des Gesetzes. Aus Selbst-Gerechten sollten Fremd-Gerechte werden, Gerechte als zerknirschte Sünder, die die Gnade des Herrn empfingen. Den Juden warf Jesus vor, den Buchstaben der Gesetze zu folgen, das wichtigste aber – die Menschen zu lieben – zu vernachlässigen.

Die zweite Gruppe, die Jesus verfluchte, waren heidnische Philosophen, die ihre autonome Moral aus eigener Kraft verwirklichten.

Jesus wurde zum großen Selektor der Menschheit.

„Das Himmelreich gleicht einem verborgenen Schatz …“ Der Finder des Schatzes verkauft alles, was er hat, um den Schatz zu erwerben. Alles andere wird ihm unwichtig.

„Das Himmelreich gleicht einem Netz, das ins Meer geworfen wird, um allerlei Arten zu fangen. Ist es aber voll, so ziehen sie es heraus an das Ufer und lesen die guten in ein Gefäß; die faulen zum Abfall. Also wird es auch am Ende der Welt gehen: Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Was bedeutet das Gleichnis? „Sie werden uns an das Ufer ziehen, das ist vor den Richterstuhl des allmächtigen Gottes. Wie der Seefahrer zum Ufer strebt, so ist der Richterstuhl Ziel und Ende für alle, die in dieser Welt treiben.“ (in Johannes Fried, Aufstieg aus dem Untergang)

Jetzt sind wir in der Gegenwart angekommen. Die Geschichte nähert sich ihrem apokalyptischen Ende. Die Ängste der Christen, verborgen unter der Decke des Wohlstands, lassen sich nicht länger verdrängen.

Es beginnt ein circulus vitiosus, ein Teufelskreis. Je schlimmer die Ängste werden, je häufiger sehen sie Gefahren kommen. Je häufiger sie Gefahren sehen, je schlimmer werden die Ängste vor dem Endgericht.

Das klingt zu passiv, das muss aktiver formuliert werden. Je ängstlicher sie werden, umso mehr Gefahren produzieren sie selbst. Sie selbst sind es, die Ängste und Gefahren erzeugen und wachsen lassen. Außer ihnen gibt es niemanden, der ihre Geschichte bestimmen könnte. Geschichte ist eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine autonome Lenkung des eigenen Geschicks weiß, was sie will, was sie erreicht hat und was sie noch lernen muss. Eine selbsterfüllende Prophezeiung fühlt sich als Opfer einer höheren Geschichte, die sie selbst in Bewegung gesetzt hat.

Einerseits will der Mensch sein eigener Herr sein und sein Geschick selbst bestimmen, andererseits hat er Angst, zu versagen, will aber an seiner Niederlage nicht schuldig sein. Also steckt er seinen Kopf unter die Decke, will nicht sehen, was er tut und fühlt sich als Opfer einer übermächtigen Geschichte. Der Mensch will alles höheren Mächten zuschreiben, obgleich er selbst der Täter seiner Taten ist.

Nehmen wir die Corona-Krise – die der Mensch verursacht hat. Würde er sich begnügen mit dem Vertrauten, nicht ständig weiter ins Revier der noch unberührten Natur vordringen, keine Tiere essen, deren Gefährlichkeit er nicht einschätzen kann – gäbe es keine regelmäßig auftretenden Seuchen. Einerseits.

Andererseits spielt seine Psyche eine gewichtige Rolle. Das wurde in der Medizin verdrängt: es ist die seelische Gesamtlage des Menschen, die seinen Körper mitbestimmt. Natur ist kein empfindungsloser Klotz, sondern besitzt eine psychophysische Dialogstruktur: Körper bestimmt Psyche, Psyche den Körper.

In SPIEGEL-Bento gibt es einen Bericht über Großeltern, die keine Vernunft annehmen wollen:

„Sie gehen arbeiten, im Familienbetrieb, einer Bäckerei, wo jeden Tag mehrere hundert mögliche Virenträger ein- und ausgehen. Mein Opa arbeitet in der Backstube, meine Oma hinter der Theke. Sie ignorieren damit jede Warnung der Virologen. Aber sie kennen es nun mal nicht anders.“ (bento.de)

Der Enkel meint es gut wie alle, die die Alten retten wollen – indem diese zur trostlosen Einsamkeit verurteilt werden. Neulich gab es einen frechen Song über eine Oma, die Umweltsau. Große Aufregung, so was tut man nicht. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, ist hingegen koscher. Die Erwachsenen fühlten sich von der FFF-Anklage getroffen, dass sie die Zukunft der Kinder auf dem Gewissen hätten.

Die Klimakatastrophe bestraft die Jugend. Jetzt wird die Altengeneration zurückbestraft – von den mittleren Generationen, die über alles bestimmen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Natürlich unter dem Siegel des Gegenteils. „Unsere Alten“ sollen gerettet werden, indem sie von ihren Lieben getrennt und mit asozialer Einsamkeit bestraft werden.

An die Psyche der Beteiligten wird nicht gedacht. Gefragt werden sie nicht. Ihre renitenten Antworten scheint man a priori zu kennen. Alles wird von somatischer Medizin bestimmt: der Mensch ist eine Maschine.

Der Bäckerenkel fragt sich nicht: was würde passieren, wenn meine Großeltern plötzlich unterließen, was sie ein Leben lang stabilisierte?

Sie könnten das tun, wovor ihr Enkel sie bewahren wollte: sie könnten sterben. Weil der Sinn ihres Lebens, die Tradition, die sie am Leben hielt, ihre Kunden, für die sie arbeiteten, mit einem Schlag verschwunden wären. Das könnte ein Schock sein, den sie nicht verkraften. So geht es vielen Alten, die noch Lebensmut haben, weil sie gebraucht werden und an ihren Lieben hängen.

Weg mit diesen Sentimentalitäten, schnarren die neupreußischen Zwangsbeglücker, die am besten wissen, wie man Leben rettet.

Wie kann man das Grundgesetz, unantastbarer Kern unserer Verfassung, aufheben, nur weil ein untergeordnetes Seuchengesetz es so will? Gewiss, es gibt gute Gründe zur Einführung kollektiver Schutzmaßnahmen. Es gibt aber keinen einzigen Grund, die Maßnahmen als Verstöße gegen das Grundgesetz einzuführen.

Wie lange war die Gefahr bekannt? Wie lange schauten Sachverständige und Politiker weg und unterließen alles, was die heutigen Torturen überflüssig gemacht hätte? In keinem einzigen Punkt war der „Staat“ auf dem Laufenden. Vom anonymen „Staat“ wird geredet, um die Verantwortlichen nicht bei Namen zu nennen.

Der Fisch stinkt vom Kopfe her? Nicht in Deutschland. Hier wird der Kopf wie eine Heiligenfigur verehrt. Im Presseclub reden 5 Journalisten ständig in WIR-Form. Um die Schuld der Mächtigen zu verschleiern, werden wir alle in einen Topf geworfen. Geht’s aber um Vorbildliches, kann der Name der sachlichen, gelassenen und entspannten Kanzlerin nicht oft genug erwähnt werden.

Dann der deutsche „Narzissmus“. Unser Gesundheitssystem ist das allerbeste. Wir haben die niedrigste Totenrate, Italien, Frankreich können nicht mithalten. Dass es Schäuble und Merkel waren, die Italien zwangen, viele Krankenhäuser wegzurationalisieren, blieb unerwähnt. Wie Merkel mit ihrem italienischen Kollegen umspringt, zeigt der folgende Satz:

„ESM ist ein sehr gutes Instrument. Am Ende wird es darauf hinauslaufen. Sei nicht so kritisch. Wenn Du auf Corona-Bonds wartest, so werden sie nie kommen“ (TAGESSPIEGEL.de)

Das Wörtchen Ich kommt nicht vor. Die Kanzlerin redet als anonyme Vollzugsbeamtin des göttlichen Willens, den sie im täglichen Gebet erfährt.

Auch Gottesdienste sind verboten – und dies auf dem Boden christlicher Werte. Das Ende der Religion? Im Gegenteil. Ein schlauer Schachzug, um den Höchsten vor weltweiter Blamage zu retten. Gott wäre genötigt worden, seine Allmacht zu beweisen, indem er die Gläubigen rettet. Wäre nur ein einziger Frommer angesteckt worden, hätten alle Gottlosen triumphiert: wo ist euer Gott?

Und ach, das arme Amerika, dem Schlimmes bevorsteht. Trumps Einflüsterer reden von amerikanischer Auferstehung. Und der Gesalbte des Herrn ordnet an, dass in zwei Wochen die Kirchen wieder gefüllt sein sollen.

Und was ist mit Silicon Valley, dem Mekka der KI, die alle Probleme dieser Welt mit links löst?

„Warum hat in all diesen Tech Companies, die so wild Daten sammeln und Algorithmen nutzen um herauszufinden, was die Menschheit gerade braucht, warum hat ausgerechnet in dieser Branche, die sich mit exponentiellem Wachstum und viraler Verbreitung auskennt wie keine andere, niemand rechtzeitig gemerkt, was aus China auf die Welt zurollt?“ (WELT.de)

Warum gibt es noch keine Möglichkeiten, mit digitaler Intelligenz einem chinesischen Virus den Eintritt in den Westen zu verwehren? Gibt es in Amerika keine Hamsterkäufe mit Klopapier? Warum kann man mit einer passgenauen App den eigenen Hintern noch nicht digital säubern? Amerika hat das Universum seinem militärischen Kommando unterstellt und fliegt demnächst auf den Mars: doch ein sinnvolles Gesundheitssystem bringt die mächtigste Nation der Welt nicht zustande.

Die deutsche Regierung wird gerühmt, obgleich sie in allen Punkten versagt und das noch gefährlichere Klimaproblem vollständig in den Sand gesetzt hat:

„Die Opfer des Klimachaos sind vor allem die ärmsten Menschen auf der Erde, insbesondere im Globalen Süden. Das Corona-Virus dagegen macht vor den Schranken von Klasse und Nationalität nicht Halt. Auch reiche weiße Männer in den Industriestaaten sind gefährdet. Während Kameras rund um die Uhr Bilder von Corona-Intensivstationen senden und uns ein Gefühl von Weltuntergang vermitteln, schert sich um die vielen Millionen Bewohner:innen des Mekong-Deltas, denen bereits jetzt das steigende Salzwasser ihre Ernten zerstört, kaum ein Mensch.“ (TAZ.de)

Was geht uns die Welt an, wenn wir selbst betroffen sind? Trump ist ein Waisenknabe gegen unsere kalte Kanzlerin mit den warmen Worten.

Bleibt? Die allerhöchste Wissenschaft zur Erforschung des Weltalls. Was eigentlich will die Naturwissenschaft noch wissen und wozu?

„Bis zu der vermuteten Grenze, bis zum möglichen Abbild des Urknalls wird es freilich blicken können, und damit zurück in die Zeit der Schöpfung. In die Alltagssprache übersetzt: Falls wirklich alles gut geht, wird Webb eine Sternstunde der Menschheit.“ (WELT.de)

Wir setzen unsere Existenz aufs Spiel, zerstören Mensch und Natur, sind unfähig, unsere irdischen Probleme zu lösen. Aber wir sind entzückt, wenn wir dem All in die Gedärme schauen können. Das nennt man zweckfreie Wissenschaft, Wissen um des Wissens willen. Wahre Wissenschaften lassen sich zu niedrigen Zwecken der Selbstrettung nicht instrumentalisieren.

Es war der Kybernetiker Norbert Wiener, der – angesichts der atomaren Bedrohung der Welt – die Forderung erhob, nicht länger das Know how – die Fähigkeit, Erfolge zu erzielen – zu erforschen. Stattdessen sollte das Know what ergründet werden: das Wissen, was zu tun sei, um der Menschheit zu nützen.

Fortsetzung folgt.