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Tanz des Aufruhrs XLIII

Tanz des Aufruhrs XLIII,

Als das Geräusch der Spielplätze verschwand, setzte die Verzweiflung ein“, lautet ein Zitat aus Children of Men. In intensiven Bildern wird von einer Welt erzählt, in der seit 19 Jahren kein Kind mehr geboren wurde. Weil durch das nahende Ende alles sinnlos scheint, werden Selbstmordpillen legalisiert und an jeder Ecke Anschläge verübt. Die Regierung errichtet ein totalitäres Regime und verbannt Asylsuchende in Konzentrationslager.“ (Sueddeutsche.de)

Das Geräusch der Spielplätze ist schon verschwunden. Die Erwachsenen ertragen nicht mehr das unbeschwerte Spielen der Kinder, die keine Apokalypse kennen.

„Naturereignisse spielen in vielen weiteren Endzeitwerken den Zivilisationskiller. In Zeiten, in denen die Polkappen schmelzen wie ein Vanilleeis im Hochsommer, bekommt die Menschheit zumindest im Film den Raubbau an Mutter Erde bitter zu spüren. Im japanischen Trash-Movie The Last Days of Planet Earth lassen die ökologischen Unbedarftheiten Tiere und Pflanzen zu todbringenden Wesen mutieren. Die meisten Visionen besitzen einen realen Bezug. Das gilt auch für das Motiv einer tödlichen und rasch um sich greifenden Krankheit. Schließlich beschwörten bereits die jüngsten Schreckensmeldungen zur Schweinegrippe die Gefahr einer weltweiten Epidemie. In Terry Gilliams Parabel Twelve Monkeys hat ein Killervirus die Erdbevölkerung dramatisch reduziert. Nur eine kleine Gruppe übersteht die Pandemie und gräbt sich aus Angst vor der Seuche unter die Erdoberfläche. „Die Menschen verdienen es vielleicht sogar, von der Erde gefegt zu werden“, sagt Bruce Willis im Film.“

Hollywoods Apokalypse-Phantasien sind auf allen Kanälen präsent. Die messiasgeprägte Menschheit ist gebannt von … … den Offenbarungen des Johannes, durchgespielt in vielen technischen Variationen.

Religion ist nicht tot. Sie ist Fleisch geworden und hat das gesamte Denken, Fühlen und Glauben der drei Erlöserkulturen infiltriert. Der Glaube an die Heilsgeschichte kennt zwei finale Ausgänge: Fortschritt als Anlauf zur Seligkeit, Apokalypse als Vorbotin der Verdammung.

„Letztlich ist Religion keineswegs aus der Politik verschwunden – in manchen Kreisen ist sie militanter denn je.“ (Karen Armstrong, Im Kampf für Gott)

Fortschrittler sind überzeugt von ihrer alles besiegenden Karriere über den Tod hinaus in ewige Freuden, Apokalyptiker sind starr vor Schrecken ob ihrer Verfluchung. Von panischer Furcht geprägt, klammern sie sich an den Schein des Fortschritts, der ihre Ängste reduzieren und widerlegen soll.

Kaum aber erscheint ihnen eine Hieroglyphe an der Wand als Weltenglut oder Pandemie („das ganze Volk betreffend“: gehören Eliten zum Volk?), geraten sie in Verzweiflung. Jede Reaktion auf eine Weltgefahr steht ab jetzt unter dem Verdacht a) der Panikmache oder b) der verantwortungslosen Verharmlosung.

Gibt es keine rationale Linie vorbeugender Gefahrenabwehr oder aktueller Gefahrenbewältigung?

Fragt man Fortschrittler, antworten sie: Gefahren müssen sein, ohne Gefahr keinen Fortschritt. Der Mensch muss tun, wozu er fähig ist. Ohne Rücksicht auf unvorhersehbare (Neben-)Folgen.

Ohne Risiko keinen Fortschritt. Risiko ist Vertrauen des Menschen in seine Fähigkeit, alle nicht beabsichtigten, aber unvermeidbaren Folgen seines „Aufbruchs in die Zukunft“ post mortem, pardon, post factum zu bewältigen, um den unendlichen Lauf des Fortschritts fortzusetzen. (post mortem: nach dem Tod; post factum: danach)

Wer es nicht wagt, sich am Seil des Glaubens in den Abgrund – in die „lebendigen Hände Gottes“ – zu stürzen, der bleibt ein Tropf ein Leben lang. Vertrauen in den Fortschritt ist blinder Glaube an Gott.

Die  antagonistische Heilsgeschichte des Westens, per Imperialismus zum Geschichtsgesetz aller Völker geworden, ist Ursache des ständigen Pendelschlags zwischen Optimismus und Pessimismus. Der religiöse Glaube an den Fortschritt hat sich verbunden mit dem Glauben der Aufklärer an eine menschenfreundliche Utopie.

Beide Denkungsarten sind unverträglich, doch die Unverträglichkeit wird von beiden Seiten ignoriert, weil sich in Deutschland die Rivalen Glauben und Vernunft die Hände gereicht und „dialektisch“ miteinander verkuppelt haben. Die „Versöhnung“ ist ein fauler Kompromiss und keine durchdachte Verständigung. Der denkfaule Urkompromiss ist der schwankende Untergrund aller deutschen GaGroKo-Politik.

Fortschrittler halten ihre Gegner für apokalyptische Alarmisten, Apokalyptiker halten Fortschrittler für unverantwortliche Traumtänzer. Humane Utopisten, die sich vom technischen Fortschritt ebenso gelöst haben wie vom selbsterfüllenden Untergang, werden von beiden Fraktionen als gutgläubige, aber irre Phantasten abgelehnt.

Fortschrittler oder blinde Zukunftsgläubige beherrschen die Moderne. Nur wenn Gefahren am Horizont erscheinen, tauchen die Apokalyptiker aus der Versenkung auf und blasen in die Posaunen des Schreckens.

Regelmäßige Krisen im Lauf des Fortschritts sind unvermeidbar, denn sie sind gewollt. Beweisen sie doch die Kühnheit und Risikofreude der Zukunftsstürmer. Krisenbewältigung als prophylaktische Krisenvermeidung ist ausgeschlossen, ja verboten. Nur das Bewältigen unlösbar scheinender Probleme zeichnet den unbeirrbaren Geschichtsgläubigen aus.

Krisen müssen sein, um die zur Trägheit neigende Welt immer wieder zum Weitergehen zu animieren. Ökonomen, Konsumprediger und Verhaltenstheoretiker reden von Anreizen, Sportler und Manager von Motivation, Politiker und Wissenschaftler von Challenge and Response, Herausforderung und Antwort.

Selbst Kant wurde seinem Imperativ zum Guten untreu und plädierte für „missgünstig wetteifernde Eitelkeit“, um die „Entwicklung der Naturanlagen anzutreiben“:

„Der Mensch will Eintracht, aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist.“ Seltsame Autonomie des Menschen, wenn die Natur ihn nach Belieben zwangsbeglücken darf. Dieses Kommandoverhalten beweist für Kant „die Anordnung eines weisen Schöpfers, nicht etwa die Hand eines bösartigen Geistes.“ („Idee zu einer allgemeinen Geschichte …“)

Hier sehen wir jene Spaltung der Moral, die noch heute von Eliten propagiert wird. Im Privaten anständig („das versteht sich von selbst“), im Politischen „Unvertragsamkeit, missgünstige Konkurrenz, nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder zum Herrschen.“ Der Mensch ist nicht Herr seiner Geschichte, sondern Untertan eines weisen, aber listigen Gottes – ähnlich der Unsichtbaren Hand von Adam Smith – der ihn pädagogisch dirigiert, ohne dass es ihm bewusst wird.

Dynamisches Beschleunigen ist der Motor aller Entwicklung, Ruhe und veränderungsunwillige Freude am Leben – früher Muße genannt, nicht zu verwechseln mit Müßiggang – sind Blockaden der Aufwärtsentwicklung ins Unbegrenzte.

Krisen sind das Sine qua non jeder Entwicklung, Entwicklung ist das Gesetz der Heilsgeschichte. Da Krisen nicht verhindert werden dürfen, können sie nur gebändigt werden, wenn sie eingetreten sind.

Plötzlich sind sie da, jeder ist verwundert und erschreckt. Niemand durfte voraussehen, was der Zeitgeist geplant und vorprogrammiert hatte. Da das Volk au fond moralisch fühlt, muss es sein schlechtes Gewissen sein, das ihn davon abhält,  wahrzunehmen, was es den ganzen Tag getrieben hat. Von seinen eigenen Machenschaften muss sich der Mensch überraschen lassen. Er darf nicht sehen, dass die „unbeabsichtigten Nebenfolgen“ unbewusste, aber beabsichtigte Folgen seines Tuns sind.

Er will moralisch sein, ergo muss er seine immer noch vorhandene Amoral einem verschlagenen Gott in die Schuhe schieben. Damit ist die theologische Schuldverteilung auf den Kopf gestellt. Der Schöpfer hat Himmel und Erde perfekt erschaffen. Schuld an der Zerstörung des Vollkommenen ist der böse Mensch, der, wenn er nicht bereut und auf die Knie fällt, für alle Zeit in das Inferno muss.

Aufklärer Kant bleibt milde mit Gott, der dem Menschen Zwietracht und gieriges Habenwollen auferlegt. Gott ist nicht böse, sondern weise und clever, seine Pädagogik mag rau erscheinen, doch in seinem Innen ist er gut. Kein geringer Fortschritt Kants über den gnadenlosen Rachegott des Christentums hinaus.

Fortschritt zum Heil und Unheil ist lineare Geschichte, die in sich keinen Ruhepunkt kennt: das absolute Gegenteil zur zyklischen Zeit der Griechen, für die Bewegung Unruhe und wahrheitsloses Chaos bedeutet. Nunc stans, das stehende Jetzt, war Erfüllung der Zeit für die Griechen, die die Wahrheit im Bann regungslosen Staunens sahen. Wahrheit konnte nur kontemplativ geschaut werden, sie war die erkennbare Botschaft einer in sich ruhenden Natur.

Der griechische Philosoph war passiv Schauender – so sahen es später die Modernen –, und doch nicht passiv. Denn er war selbst Teil der Natur, die er im Akt der Wiedererinnerung erblickte. Erkennen war Wiedervereinigung der Gleichen.

Ganz im Gegensatz zur christlichen Moderne. Zwar waren Mensch und Natur ins Böse gefallen, dennoch war es der Mensch als Krone der Schöpfung, der die Natur mit sich gerissen hatte – und sie eines fernen Tages durch geistliche Erneuerung dem Bösen entreißen sollte. Der Sündenfall war es, der Mensch und Natur auseinander gerissen hatte und sich gegenseitig entfremden ließ. Sie konnten zueinander nicht kommen, der Graben war viel zu tief. Und doch gab es eine Hoffnung.

Mit Hilfe der griechischen Wissenschaft ging die frühe Neuzeit daran, die Natur zu entdecken. Wie aber kann man etwas erkennen, was einem gänzlich fremd ist? Erkennen kann man nur, was einem selbst in irgendeiner Weise ähnlich ist. Naturerkenntnis gehörte zur Weisheit der Welt, die für Gott eine Torheit war. Wie war das Problem zu lösen?

Hier beginnt der Subjektivismus der Moderne, der die Feindschaft zur Natur nicht beendet, sondern durch Erkennen die Natur prägt und bezwingt, ja, bei Fichte aus eigener Kraft erschafft, um seine Gottähnlichkeit zu beweisen.

Bei Augustin hatte das imperiale Erkennen der Welt als subjektiver Akt begonnen. Indem der Kirchenvater Gott in seinem Innern entdeckte, Gott als Schöpfer aber identisch war mit der Welt, bedurfte es nur der Selbsterkenntnis, um die Welt zu erkennen. Der Mensch in seiner Gottebenbildlichkeit konnte die Welt erkennen, weil er sie ebenso aus Nichts erschuf wie sein Schöpfer.

Das war der entscheidende Hinweis für Descartes, Vico, Kant und Fichte. Das Ich denke wurde zum: denkend präge ich die Welt. Vico wird deutlicher: der Mensch erkennt nur, was er herstellt.

Kant geht einen Schritt zurück: der Mensch erschafft nicht die Welt, die ihm als eigenständige unerkennbar bleibt. Aber sein Denken ist so stark, dass es die Knetmasse der Welt prägen, sein Geprägtes erkennen kann. Was er an der Natur erkennt, ist jene Struktur, die er der Natur aufoktroyiert hat. Die Natur an sich erkennt er nicht, nur die Natur für ihn. Fichte geht noch einen Schritt weiter. Sein Ich ist so grandios, dass es die Natur geradezu erschafft („konstituiert“). Das kann selbst Hegel nicht mehr übertreffen. Ihm bleibt nur die schwäbische Ordnungskunst, Subjektives und Objektives zur Einheit zu verschmelzen: An sich und Für sich verschmelzen zum An und Für sich. Oder: These und Antithese werden zur Synthese.

Mit anderen Worten: die Schöpfung Gottes war nicht perfekt. Sie war work in progress, eine unaufhaltsame Entwicklung aus dem Nichts ins Vollkommene. Der Mensch wurde, indem er diesen Prozess erkennt, zum Mitarbeiter Gottes.

Menschlicher Fortschritt bringt zustande, was dem Schöpfer nur potentiell gelang. Aus der Potenz oder Möglichkeit musste der Mensch Wirklichkeit werden lassen. Der deutsche Idealismus, eine Denkerleistung von Theologen und Pastorensöhnen, die sich durch Aufklärung prägen ließen, ohne ihrem Glauben Ade zu sagen, stellten sich – durch ihre Synthese aus Vernunft und Offenbarung – auf gleiche Augenhöhe mit Gott.

Mehr ging nicht, weshalb Hegel die Weltgeschichte in Berlin enden ließ. Was auch immer noch geschehen würde, es wären belanglose Einzelheiten. Da hatte Hegel nicht mit der Dynamik der Amerikaner, dem unerbittlichen Wissenwollen der Wissenschaft und dem Gestaltungswillen der Techniker gerechnet.

Erst musste die Welt vollständig erobert, die Natur untertan gemacht und die Unendlichkeit des Menschen technisch möglich gemacht werden – bevor Klimagefahr und Corona, die Kehrseiten des Fortschritts, die Oikumene betreten konnten.

Dem seligen Blick ins Unendliche steht der grässliche Blick in die Apokalypse des Menschen entgegen. Wer wird den Clinch gewinnen?

Deutschland, dem Mundschutz abhold, trägt einen Denkerschutz vor seinem Kompromissgehirn. Da es der Meinung ist, mit seinem christlichen Erbe per Aufklärung an die Spitze des Weltgeistes gelangt zu sein, sieht es keinen Grund, an dieser Synthese ein Tüttelchen zu ändern.

Doch jetzt die Krise durch einen chinesischen Virus, den der messianische Westen nicht bändigen kann. Und selbst wenn, was ist mit dem Klimaproblem? Bislang konnte der babylonische Turm des Fortschritts die Müllberge des Abfalls mühelos in den Schatten stellen. Doch jetzt scheint es, als ob die akkumulierten Pestilenzhäufen den Turm ins Wanken bringen könnten.

Vor wenigen Jahren noch war es schick für Medien und Intellektuelle, Warnungen als hysterischen Alarmismus abzufertigen. Apokalypse war ein Begriff, der platt gemacht werden musste. Da Apokalypse eiserner Bestandteil fundamentalistischer Glaubensbekenntnisse in Amerika war, war ihre Verhöhnung zugleich ein Akt der Rache an den einstigen Befreiern. War es doch ein klarer Beweis, dass die Verlierer geistig ihre Besieger – pardon, ihre Befreier – besiegt hatten. Hatten einst die unterlegenen Griechen nicht auch ihre römischen Besieger geistig besiegt? Mit solch mythischem Kram geben sich hochaufgeklärte Neugermanen nicht ab.

Die Folge aber dieser eschatologischen Blindheit ist fatal: das Land der denkfeindlichen Autohersteller steht in der Zirkuskuppel: ratlos. Nun stehen sie im viral auferlegten Nunc Stans und wissen nichts mit der verordneten Muße anzufangen. Versteht sich, dass Thomas von Aquin das Nunc Stans zur christlichen Erfindung verfälschte. Deutsche wissen nichts mit sich anzufangen, wenn Industrie und Politik ihnen nicht in plärrendem Ton Befehle erteilen.

Was aber, wenn tatsächlich Apokalypse wäre? Nein, nicht als Intervention des Himmels, den es nicht gibt. Aber als selbsterfüllende Prophezeiung einer 2000 Jahre alten Religion? Schon 2000 Jahre lang verzieht der Herr. Das hält weder Ochs noch Esel aus. Die Zeit drängt, die Zeit kommt, der Kairos steht vor der Tür, schon rammt er sie mit Corona ein.

Die Kanzlerin ist eine perfekte Kairosgläubige. Auf die Frage, wann die jetzigen Ausgehverbote gelockert werden, antwortete sie: dies ist nicht die Stunde … Medien übersetzten den Satz mit der Formulierung: Merkel verbittet sich …

Doch langsam: Merkels Befehlskunst besteht nicht darin, ordinäre Befehlstöne zu schnarren. Stattdessen verwies sie auf den heiligen Augenblick, der noch nicht gekommen sei: „Dies ist nicht die Stunde …“ Das ist wahre Kunst einer Zeitendeuterin, die nicht in eigener Kompetenz spricht, sondern im Namen des göttlichen Fahrplans.

Dasselbe galt für marxistische Proleten, die auch nicht nach Jux und Tollerei eine Revolution anzetteln durften. Sie mussten auf die Vordenker der Partei warten, die nach genauer Geschichtsdeutung ein Signal geben mussten. Geschichte muss den Aktivisten entgegenkommen, formulierte Habermas.

Es ist Endzeit, beschloss das biblische Lager in Gods own country. Also ist Endzeit. Denn Trump ist Wortführer der Endzeit-Biblizisten. Als unter Reagan die Neoliberalen und Neokonservativen begannen, den humanen UN-Klamauk der Völker zu beenden, neigte sich das Pendel der Weltgeschichte von der gottlosen zur kairosgläubigen Seite. Was hatte die Glock geschlagen? Endzeit, Apokalypse:

„Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem anderen.“

Im Dritten Reich geschah nichts anderes als heute, nur im begrenzten Bereich Europas und mit unvorstellbarer Brutalität. Dank globaler Naturverwüstung ist jene militärische Brutalität heute nicht mehr nötig. Corona, von der Menschheit aufgescheucht und gereizt, ist ingeniös genug, um die Völker viral aufs Kreuz zu legen.

„Denn diese Zeit ist nur wert, vernichtet zu werden. Der Deutsche freut sich seiner Untergänge, weil sie Verjüngung sind; er geht gelassen durch seine Niederlagen, da sie nichts anderes als seine kommenden Siege verbürgen.“ (Heinz Schauwecker in Armin Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland)

Endzeitmilitaristen sind sich nicht einig, wie der Messias kommt. Fällt er abrupt vom Himmel und macht Schluss mit einem apokalyptischen Donnerschlag – oder errichtet er zuerst ein Neues Kanaan auf Erden, bis er endgültig das Oberste Gericht etabliert?

Amerika und Nazideutschland bevorzugen ein 1000-jähriges Paradies, bevor sie Schluss machen mit dem theatrum mundi und die Erwählten in selige Wonnen, die Verfluchten in die höllische Unterwelt schicken.

Die Deutschen sprechen von Säkularisation und behaupten, die Welt werde von Mal zu Mal areligiöser. Karen Armstrong, eine englische Religionswissenschaftlerin ist anderer Meinung:

„In Amerika hat die Religion schon lange die Haltung zur Regierung geprägt. Geht es nach den Frommen, werde die moderne Ketzerei der Demokratie abgeschafft, die Gesellschaft nach strengen biblischen Grundsätzen neu geordnet. Jedes einzelne Gesetz der Bibel werde wortwörtlich in die Praxis umgesetzt. Die Sklaverei werde wieder eingeführt, Geburtenkontrolle verboten, Ehebrecher und Gotteslästerer würden alle hingerichtet. Ungehorsame Kinder werden gesteinigt, das Wirtschaftssystem werde streng kapitalistisch sein, Sozialisten und Linke seien Sünder vor Gott; Gott stehe nicht auf der Seite der Armen. Es gebe eine enge Verbindung zwischen Armut und Niedertracht. Steuern sollten nicht für Sozialprogramme verschleudert werden, denn die Unterstützung von Faulpelzen sei nichts anderes als die Unterstützung von Bösen. Dasselbe gelte für die Dritte Welt, die sich ihre wirtschaftlichen Probleme selbst zuzuschreiben habe, weil sie sich an moralische Verderbtheit und Heidentum klammere. Im Kampf gegen den säkularen Humanismus wolle man eine christliche Theokratie errichten, endgültig den Satan besiegen und das 1000-jährige Reich einläuten. Gott werde den modernen Staat mittels einer schrecklichen Katastrophe zu Fall bringen.“

Die Deutschen wundern sich, warum Trump ausgerechnet von den Schwachen gewählt wird, die er durch Unterstützung der Reichen noch mehr ausplündert. Ohne Kenntnis des Fundamentalismus ist diese selbstschädigende Paradoxie nicht zu verstehen. Die Armen sind überzeugt, dass sie, nach ihrer Leidensphase, von Gott belohnt und zu den wahren Siegern in Neu-Kanaan gehören werden. Trump kämpft für sie den heiligen Krieg gegen gottlose Demokratien.

Deutschland stellt sich blind und taub. Die Bibel nehmen sie nicht zur Kenntnis, vom Unterschied zwischen zyklischer Zeit und linearer Heilsgeschichte haben sie keinen blassen Schimmer. Das zeigt ein SPIEGEL-Artikel über die Zeit von Heraklit bis zur Gegenwart. Darin kein Wort über griechische Wiederkehr des Gleichen und biblische Einbahnstraße in Seligkeit und Verderben. Über Augustins Zeitvorstellung lesen wir:

„Die bei Augustinus deutlich gewordene Psychologisierung der Zeit wurde erst im 18. Jahrhundert gründlich erweitert.“ (SPIEGEL.de)

Sollte Psychologisierung bedeuten, Zeit sei nur ein belangloser Vorgang im Innern des Menschen, wäre das eine typisch neudeutsche Fehlleistung. Zeit ist objektive Heilsgeschichte, die in der Apokalypse endet.

Augustin wollte die Apokalypse nicht bei Namen nennen, damit niemand den Christen den Vorwurf machen konnte, sie hätten den Untergang Roms verschuldet. Im Übrigen war ihm der Untergang des heidnischen Kloakenstaates gleichgültig. Schon träumte er von einer weltbezwingenden römischen Kirche.

Das totalitäre Handlungsprogramm hatte er schon formuliert. Nachdem er als junger Bekehrter keinen missionarischen Zwang anwenden wollte, forderte er im Alter: Compelle intrare, nötigt sie, hereinzukommen, auf Deutsch: zwingt sie zum Glauben. Das war die Legitimation der ersten christlichen Staatskirche unter Konstantin, die heiligen Stätten der Heiden zu planieren und die Massen in die Kirche zu zwingen. Deren künftige Devise lautete: Außerhalb der Kirche kein Heil. Im Prinzip gilt das bis heute.

Die Krise ist nicht das letzte Wort der Menschheit. Trotz wachsenden Leids in aller Welt erleben wir, zu welch fabelhaften humanen Taten die Menschen fähig sind. Und nicht als Ausnahme. Es ist richtig, dass man die Politik auffordert, die Schwestern, Pflegerinnen, Sanitäter, Kassiererinnen besser zu bezahlen. Dass Beklatschen und Beloben nicht ausreicht.

Dennoch: Heroen der Menschlichkeit verrichten ihre Arbeit nicht um des Geldes willen, sondern: weil sie es für ihre moralische Verpflichtung halten. Geld ist kein Äquivalent für eine aufopfernde Tätigkeit.

In Deutschland gibt es nur Helden der Schlacht oder der Arbeit. Helden der Mitmenschlichkeit? Was für sentimentale Phrasendrescherei. Um dieser Heuchelei die Luft abzudrehen, erfand man sogar ein Fremdwort: Postheroismus. In kapitalistischen Gesellschaften gibt es nur Helden der Spekulation, der technischen Naturverwüstung oder genialer Maschinenerfindungen, mit denen man die Menschen überflüssig machen kann. Helden der Menschlichkeit sind hierzulande unerwünscht.

Was bleibt? Albert Camus, der die Rettung des Menschen keinem Gott oder übermenschlichen Kräften überlässt, sondern dem Herzen und der Vernunft des Menschen:

„Nur durch solidarisches Handeln kann die Menschheit überleben. Das Gegengewicht zum Absurden und Bösen in der Welt bildet die Gemeinschaft der Menschen, die dagegen ankämpfen.“ (Die Pest)

Fortsetzung folgt.