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Tanz des Aufruhrs XLII

Tanz des Aufruhrs XLII,

Grenze.

John Maynard Keynes schrieb vor neunzig Jahren einen Essay mit dem Titel: „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“.

Was – so meditierte er – soll aus der Menschheit werden, wenn sie ihre ökonomischen Probleme gelöst, ihre materiellen Bedürfnisse gestillt und so viel zur Verfügung hat, wie sie braucht?

Vermutlich im Jahre 2030 wird dieser Punkt gekommen sein: wir müssten nur 15 Stunden pro Woche arbeiten, um ein sicheres Leben zu führen. Die Wirtschaft hätte sich auf einem guten Niveau eingependelt.

Dann aber würde sich die große Frage stellen: Was machen wir mit unserer freien Zeit?

Erstaunliche Antwort eines Ökonomen: „Wir genießen das Leben. Wir kümmern uns um unser Wohlergehen und bringen unser Potential zur vollen Entfaltung. Verbringen Zeit mit FreundInnen und Familie, bilden uns weiter, widmen uns Kunst und Kultur.“ (zit. nach Maja Göpel, Unsere Welt neu denken)

Wir stehen kurz vor 2030. Wenn wir bis dahin nicht unsere Ökobilanz in Ordnung gebracht haben, werden wir uns nicht … … Kunst und Kultur widmen, sondern der Nötigung, uns unfreiwillig von der Erde zu verabschieden.

Das Wachsen der Wirtschaft hat Grenzen. Sie sind erreicht, wenn die Menschheit sicher und gesättigt ist. Dann kann sie ihre Dynamik beenden und statisch werden. Statisch auf der Stelle zu verharren, sich weder bewegen noch beschleunigen, ist für die herrschende Ökonomie eine Ursünde.

Kein Baum wächst in den Himmel. Doch die Wirtschaft will es der Natur zeigen und sie übertrumpfen. Eine Wirtschaft, die mehr will, als die Natur geben kann, ist keine rationale Angelegenheit, sondern eine Religion der Unendlichkeit.

Der Erlöser verlangt von einem Feigenbaum mehr, als dieser von Natur aus bieten kann. Er fordert Früchte, obgleich „nicht die Zeit der Feigen war.“ Damit überfordert er den Baum über seine Grenze hinaus.

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es.“

Seine Jünger hörten es und hören es noch heut. Wenn Natur nicht bringt, was der Mensch von ihr verlangt, wird sie zum Tode verurteilt.

Der amerikanische Nobelpreisträger für Ökonomie, Robert Solow, dementiert, dass der Mensch die Grenzen der Natur berücksichtigen und seine Wirtschaft nach ihrer Endlichkeit ausrichten müsse.

„Nach Robert Solow war es keine Katastrophe, nicht mal ein Fehler, wenn der Mensch die Natur zerstört. Er muss sie durch Technik ersetzen, dann läuft alles super:

„Solange es sehr einfach ist, natürliche Ressourcen zu ersetzen, gibt es im Prinzip kein Problem. Die Welt kann praktisch ohne natürliche Ressourcen auskommen, daher ist Erschöpfung nur ein Ereignis, keine Katastrophe.“ (ebenda)

Die Natur wird entgrenzt, dem Mann ist sie zu eng: sie muss defloriert werden. Sein mächtiger Phallus will sich von keinen weiblichen Begrenzungen einengen und erniedrigen lassen.

Der Übermächtigungswille des Mannes führte zur Vorstellung der Jungfrauengeburt. Ein begrenzter weiblicher Schoss musste einen – äußerlich begrenzten, tatsächlich aber grenzenlosen – Göttersohn gebären.

Elizabeth Stanton schrieb am Ende des 19. Jahrhunderts:

„Ich glaube, das Dogma von der jungfräulichen Geburt ist eine Verunglimpfung aller natürlichen Mutterschaft in der ganzen Welt.“ (Walker)

Das Glaubensbekenntnis: „geboren von der Jungfrau Maria“, ist die metaphorische Umschreibung der Entgrenzung und Überwältigung der Natur durch technischen Fortschritt des Mannes. Dem Mann ist die vorhandene Natur zu eng. Alle Grenzen muss er in die Luft sprengen, um seine Gottähnlichkeit zu beweisen.

Eva übertrat das Gebot des Schöpfers und vergriff sich am paradiesischen Urbaum, um zu erfahren, was gut und böse ist.

Der Mann vergreift sich am Baum des Lebens, nicht um zu wissen, was gut und böse ist, sondern um Gott zu zeigen, dass er die Schöpfung aus Nichts sprengen kann, um eine neue an ihre Stelle zu setzen. Gut und Böse sind dem Gottebenbildlichen gleichgültig. Er will die Welt nicht in ihren Grenzen ordnen und humanisieren, sondern sie entgrenzen, koste es, was es wolle.

Das Weib will Eintracht mit der Natur, der Mann will sie seinem grenzenlosen Willen unterwerfen. Das Weib will Endlichkeit, der Mann Unendlichkeit:

„Dass der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere auf Erden lebende Wesen.“

Diese alle natürlichen Grenzen sprengende Unendlichkeit des Ich ist die „Subjektivität der Moderne“ – die bei Descartes philosophisch beginnt: Ich denke, also bin ich. Da Denken ein kreativer Akt ist, der die Natur nach Belieben formt, ist Denken das Erschaffen einer neuen Natur.

Wirtschaftshistoriker behaupten, der Wille, alles Endliche zu sprengen, um das Unendliche anzustreben, habe – in der Wirtschaft begonnen. Die Gier nach immer mehr habe beim Kaufmann angefangen, um dann den Handwerker zu prägen:

„Der unendliche Wille des Kaufmanns, mehr zu erhalten, ist damit ein Wille zur Macht. Die Überlagerung des Handwerkermodells durch das Denkmodell des Kaufmanns ergibt die Grundstruktur der neuzeitlichen Wissenschaft.“ (Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie)

Die beginnende Naturwissenschaft hielt sich ursprünglich an die Berechenbarkeit der endlichen Natur. Doch bei Francis Bacon begann bereits die Unterjochung der Natur per Berechnen ihrer Gesetze. „Wer die Natur beherrschen will, muss zuerst lernen, ihr zu gehorchen.“

Hegel lernte von Bacon, dass der Knecht, durch Überlegenheit seiner instrumentellen Vernunft, seinen Herrn beherrschen werde.

Wer Natur beherrschen will, darf ihre Grenzen nicht tolerieren. Das Berechenbare muss er nutzen, um es zu übersteigen und ein Neues und Unvorhergesehenes zu erzeugen. Das Helle rationaler Gesetze muss überstiegen werden durch das Unbekannte eines übermächtigen Dunklen. Das Element des Dunklen kam von der Wirtschaft:

„Das dunkle oder irrationale Element in der Wirtschaft ist aktiv als Kreativität zu verstehen, passiv als jene Unsicherheit, die entsteht, da wir nie wissen, was „die anderen“ in einer Wirtschaft mit unabhängigen und dezentralen Handlungen tun werden. Das Dunkle, in einem Wort, ist die menschliche Freiheit, die sich der Rationalität nicht fügt.“ (ebenda)

Wir erhalten zwei Freiheitsbegriffe. Der eine, den man rational nennen kann, hält sich an Gesetze der Natur und Regeln der Menschen. Der andere – oder irrationale – bricht alle Normen und berechenbaren Verlässlichkeiten, um seine übermenschlichen Gewalten unter Beweis zu stellen.

Die erste Freiheit ist Freiheit der Gerechtigkeit, die sich an soziale Regeln hält. Nennen wir sie soziale Marktwirtschaft. Die zweite will keine Gerechtigkeit, sondern das Maximum für sich selbst, die anderen soll der Teufel holen. Sprechen wir von Neoliberalismus.

Übertragen auf Politik ist grenzenlose Freiheit die Selbstermächtigung der Starken, moralische Gleichheit für Schwachsinn zu halten. Gerechtigkeit ist für sie, wenn jeder erhält, was ihm durch seinen Willen zusteht. Dem grenzenlosen Willen steht Grenzenloses zu, dem willenlosen Schwachen das, was übrig bleibt und durchtrickelt. Bleibt nichts übrig, soll die Evolution ihn von der Bühne entfernen.

Hayek gehörte zu den wenigen Mutigen, die es wagten, die Ratio des Endlichen zu verabschieden und sich zum Dunklen der entgrenzten Gier zu bekennen:

„Der Rationalist, der alles der menschlichen Vernunft unterordnen will, ist mit einem wirklichen Dilemma konfrontiert. Der Gebrauch der Vernunft zielt auf Kontrolle und Vorhersehbarkeit. Der Prozess des Fortschreitens der Vernunft hingegen beruht auf der freien Unvorhersagbarkeit der menschlichen Handlung.“

Die Wirtschaft darzustellen, als sei sie berechen- und vorhersehbar, ist Unfug und Rosstäuscherei. Regelmäßige Krisen und Zusammenbrüche sind keine Beweise des Versagens ihrer Rationalität, sondern rauschhafte Zeugnisse ihrer irrationalen Dunkelheiten. Das Berechenbare ist ordinär und trivial, die Magie des Dunklen ist der faszinierende Kern der Wirtschaft.

Alles, was wir begreifen, berechnen und kontrollieren, ist minderwertig. Alles, was sich unserer minderwertigen Ratio entzieht, ist übermenschlich und göttlich. Regelmäßige Zusammenbrüche beweisen die Überlegenheit der Unvernunft über die Mediokrität der Vernunft. Krisen sind Peitschen, mit denen die Unbegreiflichkeit der Evolution die sklerotisierten Verhältnisse durcheinanderwirbelt, um ein neues Kapitel des Fortschritts in die Wege zu leiten.

Wirtschaft ist nicht kontrollierbar. Das ist der Adel ihrer wilden Unbeherrschbarkeit.

„Längst ist der Traum des Keynesianismus von einer lenkbaren Marktwirtschaft ausgeträumt.“ (Brodbeck)

Der Krieg als Durcheinanderwirbler hat dieselbe Funktion im Denken der Deutschen wie die Konkurrenz im Denken der Angelsachsen. Insofern ist Neoliberalität für die Wirtschaft dasselbe wie Krieg für die Fortentwicklung der Völker:

„Selbst der Krieg, wenn er mit der Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich und macht die Denkungsart des Volkes … nur umso erhabener, je mehreren Gefahren er ausgesetzt war. Dahingegen ein langer Frieden den bloßen Handelsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und die Denkungsart des Volkes zu erniedrigen pflegt.“ (Kant)

Kant war ein Vertreter des ewigen Friedens. Das hielt ihn nicht davon ab, gelegentliche Kriege im Dienste des Fortschritts als sinnvoll zu betrachten. Was schottischen Kapitalismusgründern der egoistische Wettbewerb, war dem königsbergischen Nachfolger schottischer Einwanderer der Krieg, um einen ehrgeizlosen Stillstand zu verhindern.

Der neuzeitliche Subjektivismus begann – im frühen Mittelalter. Bei Augustin, der Gott nicht in der Natur suchte, sondern in seiner Innerlichkeit.

„Gehe nicht nach draußen, kehre in dich selber ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“ (Augustin)

Doch Vorsicht: Innerlichkeit ist keine Entsagung göttlicher Allmacht. Im Ich des Gläubigen wohnt – Gott. Seelenergründung ist Gottesergründung. Im Grund der Seele sieht Augustin den Schöpfer, dessen Schöpfung inbegriffen. Innerlichkeit ist kein Rückzug, sondern Teilhabe an Gott.

Gott und die Seele verlange ich zu erkennen. Sonst nichts? Nein, sonst nichts“.

„Sonst nichts“ ist identisch mit – Allem. Gott hat seine Stützpunkte in der Seele seiner Frommen. Als die Deutschen – aus Gründen politischer Erfolglosigkeit – den Weg in ihre Innerlichkeit suchten, entsagten sie nur zum Schein der weltlichen Macht. In Wirklichkeit zogen sie sich zurück in die Zitadelle ihrer Innerlichkeit, um ihren bevorstehenden Aufbruch zur Eroberung der Welt in aller Stille vorzubereiten. Ihre Demut war das Gegenteil dessen, was sie scheinen wollte.

„Demut ist unsere Vollkommenheit selbst.“ Das Niedrigste wird zum Höchsten, die Demut zur Herrlichkeit des Menschen. (Humilitas wird Superbia) Wie der Herr durch schändliche Kreuzigung himmlische Hoheit erlangte, so erhält der Demütige den Glanz der Erwählung. (Ähnlichkeiten mit der demütigen Kanzlerin und ihren gleichgesinnten Medien wären rein zufällig.)

Die Grenze der unbegrenzten Natur soll bezwungen werden: der Heros des Fortschritts will den Tod überwinden:

„Unsterblichkeit ist zweifellos eine Ansage, schließlich ist es jene Utopie, von der Menschen seit Jahrtausenden träumen. Der bekannte US-amerikanische Informatiker und Zukunftsforscher Raymond Kurzweil, der seit etwa einem halben Jahr in den Diensten von Google steht, ist dennoch überzeugt, dass dieser Traum in den nächsten zehn bis 20 Jahren in Erfüllung gehen könnte.“ (winfuture.de)

Kurzweil erhält Unterstützung vom israelischen Historiker Yuval Noah Harari:

„Harari beginnt seinen Vortrag mit der Nachricht, dass der Homo sapiens vor dem Ende stehe. Alles sei vorstellbar: dass wir mithilfe von Biotechnologie nicht nur unsere DNA verändern, unser Hormonsystem und unser Gehirn, sondern bald schon verschmelzen mit unorganischer Software. Und dass wir eines vielleicht gar nicht so fernen Tages künstliches Leben entwickeln. Es wäre die Geburt einer neuen Gattung: des Homo Deus. Der Mensch mit göttlicher Allmacht.“ (SPIEGEL.de)

Harari ist ein wiedergeborener Prophet. Ihm geht es um Vorausschau künftiger Dinge, die vom Menschen nicht aufgehalten werden können. Der Mensch ist Befehlsempfänger der Geschichte, politische Selbstbestimmung ausgeschlossen. Es gibt keine Wahrheit, jeder Machthaber kann seine eigene Wahrheit verkündigen.

„Nichts hat einen ewigen Kern. Nichts ist perfekt. Und: Akzeptiere die Welt so, wie sie ist. Die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, das entspricht nicht den westlichen Vorstellungen eines politisch mündigen Bürgers.“

Die Entwicklung der KI werde Demokratie überflüssig machen. Der Mensch sei zu langsam und stupide, um mitzuhalten mit dem Tempo künstlicher Intelligenz.

„Langwierige Gesetzgebungsprozesse halten schlicht nicht mehr Schritt mit der technologischen Revolution. Die Demokratie ist eine „veraltete Technologie“, wie der mächtige Investor Peter Thiel verbreitet.“ (politik-kommunikation.de)

Die Zukunft des Menschen ist grenzenlos, denn es ist nicht seine Zukunft, sondern die seiner Supermaschinen. Sehenden Auges schafft sich die Menschheit ab, um ihren technischen Nachfolgern Platz zu machen. Gemeinsam mit der Natur soll der Mensch abgeschafft werden. Die Zukunft gehört entgrenzten Robotern.

Doch jetzt schlägt die Natur zurück. Mit Corona. Bislang war sie langmütig, freundlich und von großer Güte. Jetzt hat sie das Ende ihrer Geduld erreicht. Das Maß ihrer Toleranz im Ertragen permanenter Verwundungen und Demütigungen ist überschritten. Sie kann nicht mehr. Sie erträgt diesen homo faber nicht mehr, der nicht müde wird, sie zu strangulieren. Nicht, dass sie ihn hasste, sie muss reagieren, um selbst davonzukommen.

Was ist die Ursache des menschheitsbezwingenden Virus? Merkwürdig, dass hierzulande niemand diese Frage stellt. Ursachenerforschung ist im Lande Robert Kochs nicht mehr vorgesehen. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sie gestellt und sich herum gehört. Dabei ist sie fündig geworden:

„Laut Dennis Carroll, einem weltweit führenden Experten für Infektionskrankheiten der US-Bundesbehörde für Krankheitsprävention, ist diese Pandemie eine von vielen, die bereits aufgetreten sind und mit denen wir in Zukunft öfter rechnen müssen. Der Grund sind in seinen Worten „zoonotische Infektionen“ (zoonotic spillover) durch den zunehmenden Kontakt zwischen tierischen Pathogenen und Menschen. Zu diesem kommt es, weil Menschen immer weiter in bislang unzugängliche Ökozonen eindringen. Die jetzige Krise ist der Preis, den wir für die mangelnde Aufmerksamkeit der Politiker bezahlen: Unsere Gesellschaften waren zu sehr damit beschäftigt, nach Gewinn zu streben, Land und Arbeit auszubeuten, wo immer sie konnten. In einer Welt nach Corona werden wir zoonotische Infektionen und chinesische Schlachtermärkte zu einem Problem der Völkergemeinschaft machen müssen. Wenn sich das iranische Nukleararsenal überwachen lässt, gibt es keinen Grund, warum wir nicht eine internationale Überwachung der Quellen zoonotischer Infektionen fordern sollten. Die Unternehmerschaft auf der ganzen Welt wird vielleicht endlich begreifen, dass es erst einmal eine Welt geben muss, bevor man sie ausbeuten kann. Im Gegensatz zu Voraussagen über die Wiederkehr der Grenzen glaube ich, dass nur eine koordinierte internationale Reaktion dazu beitragen kann, diese neuen Gefahren zu bewältigen. Die Welt ist unwiderruflich verflochten, und wir werden eine internationale Kooperation neuer Art brauchen. Und vor allem werden wir den gewaltigen Reichtum, den private Akteure angehäuft haben, in öffentliche Güter reinvestieren müssen. Das wird die Voraussetzung dafür sein, dass wir noch eine Welt haben.“ (Sueddeutsche.de)

Zoonosen (von altgriechisch ζῶον zōon „Tier“ und νόσος nósos „Krankheit“) sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten.“

Wer hier nicht erschauert, wird nimmermehr klug. Der Mensch, Corona der Schöpfung, ist kein gottgleiches Wesen über der Natur. Er gehört zur Natur wie Pflanze und Tier und kann von Tieren angesteckt werden. Wie einst christliche Europäer in fremde Völker eindrangen, ihre Krankheiten mitbrachten, um die Ureinwohner dahinzuraffen, so gelingt es der tierischen Natur, die Menschheit in ihre platonischen Höhlen zurückzujagen oder zu töten. Was erlauben Natur?

Da der Mensch keine Grenzen mehr anerkannte und immer dreister und destruktiver in die unberührten Reviere der Natur eindrang, musste die Natur zum letzten verzweifelten Mittel greifen.

Warum respektieren die Menschen keine Grenzen? Weil sie den Hals nicht voll kriegen. Weil sie fürchten, ihren Überlegenheitswahn zu verlieren, wenn sie diese rückständige Natur nicht zu ihrer unendlichen Schöpfung erheben können.  

Der Kapitalismus, der Unendlichkeit zum ersten Mal in Praxis verwandelte, hat die Natur auf dem Gewissen. Er respektiert nicht die Domäne der Natur, wo sie mit sich alleine sein will. Er muss sich die Erde restlos untertan machen.

In der Natur gibt es keine alleinregierenden Tyrannen. Jedes Geschöpf ist mit jedem verbunden. Die symbiotische Struktur der Natur wurde von Gottesmännern in ein Hauen und Stechen verwandelt, um sich die Legitimation zu verschaffen, selbst hemmungslos dreinzuschlagen.

Die Größten sind von den Kleinsten abhängig, selbst das Töten ist kein Mittel, um eine einzelne Gattung zum Tyrannen des Daseins zu küren.

Auch Kathrin Hartmann verweist auf die Übergriffigkeit des Menschen über die Natur, besonders des Westens.

„Wie die industrielle Tierhaltung für die wachsende Fleischproduktion dafür sorgt, dass sich Erreger auf Nutztiere und Menschen übertragen und ausbreiten können, beschreibt der britische Biologe Rob Wallace in seinem Buch Big Farms Make Big Flu: „Durch Züchtung genetischer Monokulturen von Nutztieren werden alle eventuell vorhandenen Immunschranken beseitigt, die die Übertragung verlangsamen könnten. Eine große Tierpopulation und -dichte fördert hohe Übertragungsraten. Solche beengten Verhältnisse beeinträchtigen die Abwehrkräfte des Immunsystems der Tiere. Ein hoher Durchlauf von Tieren, der Teil jeder industriellen Produktion ist, versorgt die Viren mit ständig neuen Wirtstieren, was die Ansteckungsfähigkeit der Viren fördert. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Wildtieren – sogenanntem Bushmeat –, dem Ausbruch von Krankheiten und dem Konsum reicher Länder. So wird laut der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ebolavirus durch Fangen, Schlachten und Verzehren von infizierten Primaten auf den Menschen übertragen. Weil chinesische, japanische und auch europäische Fangflotten die Küsten Westafrikas leer fischten, waren die Menschen dort vermehrt dazu gezwungen, Wildtiere in den Wäldern zu jagen. Europa und insbesondere Deutschland spielen eine fatale Rolle in diesem ungerechten Spiel. Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten der Länder im globalen Süden wie die EU. Sie beansprucht für ihre Grundnahrungsmittel und andere Konsumgüter aus landwirtschaftlicher Produktion anderswo in der Welt eine Fläche, die mit 6,4 Millionen Quadratkilometer eineinhalb mal größer ist als alle 28 Mitgliedstaaten zusammen.“ (Freitag.de)

Auf Kosten anderer Völker leben ist keine humane Globalisierung. Unter dem Stichwort allgemeiner wirtschaftlicher Vernetzung verstehen westliche Staaten die stillschweigende Ausbeutung schwächerer Staaten.

Doch die Überlegenheit des Westens ist dahin. Die einst unterentwickelten Staaten haben den imperialen Westen überholt. Welche Schande für Deutschland, dass ein Landrat Hilfe aus China erbetteln muss.

Da will ein CDU-Ministerpräsident harte Strafen verhängen gegen Übertreter der Ausgehverbote. Welche Strafen müsste man gegen sie verhängen, die zuerst die Gefahren nicht zur Kenntnis nahmen und dann verharmlosten? Es zeigte sich an allen Ecken und Enden, dass sie nicht vorbereitet waren.

Wie lang schon gibt es Forschung zum Corona-Virus, wie lang wurde sie stiefmütterlich vernachlässigt? Weder gab es Interesse an der Forschung noch Gelder, um diese zu unterstützen. Aus Profitgründen wurden Krankenhäuser geschlossen und Fachpersonal entlassen. Ganz Deutschland ist eine strukturelle BER-Baustelle.

Versteht sich, dass die Hauptverantwortlichen sich auf die Schulter klopfen. Denn die Deutschen, ein verängstigtes Volk, das seine Ängste mit verkniffener Überheblichkeit kompensiert, brauchen Tröster für ihr Seelenheil, keine Politiker, die dem Volk furchtlos die Wahrheit sagen.

Polizisten müssen für die Einhaltung der Verbote sorgen, die beliebig deutbar sind. Ein Experte bemängelte erfolglos die Deutungswillkür:

„Die Anfragen bei der Polizei machen deutlich, wie groß die Verwirrung um die strengen Regeln zu Ausgehverboten sind. Das Werk sei zu kompliziert, kritisiert der Berliner Professor für Polizeirecht, Michael Knape: «Je mehr Regeln aufgestellt werden, desto problematischer und schwieriger wird es für diejenigen, die sie kontrollieren müssen», sagte der frühere Direktor beim Polizeipräsidenten der Berliner Zeitung. Als Beispiel nannte Knape in der Verordnung die Formulierung, dass die Gründe für ein Verlassen der Wohnung gegenüber der Polizei und den zuständigen Ordnungsbehörden „glaubhaft“ gemacht werden müssten. Eine Glaubhaftmachung sei ein unbestimmter Rechtsbegriff, den Beamte unterschiedlich interpretieren können. Darf man auch Eltern besuchen – auch wenn sie weder „alt“ noch hilfsbedürftig sind?“ Die Polizei meinte: «Laut Verordnung wäre dies nicht möglich. Nicht unbedingt notwendige Kontakte sollen ja gerade dadurch eingeschränkt werden. Sie dürften Ihren Eltern allerdings bei den Einkäufen helfen. Kontrollen innerhalb von Wohnungen wird es nicht geben.»“ (Berliner-Zeitung.de)

Jogger dürfen an die frische Luft, Mütter mit Kindern müssen zu Hause bleiben. Eine Frau saß auf einer Bank und las: sie musste gehen. Das pittoresque Bild könnte Gruppen anziehen. Bewegung und Beschleunigung sind immer gefragt, Ruhe und Nachdenklichkeit verboten.

Lesen, spielen, sich mit Kindern beschäftigen: alles, was in coronafreien Zeiten gerühmt wurde, wird aus dem öffentlichen Leben verbannt. Es ist, als hätte der Virus die tiefenpsychologische Fähigkeit, das Imponiergehabe der Gesellschaft mit der Schnüffelsonde zu entlarven. Unter der Knute der Seuche zeigt sich die wahre Verfassung der Gesellschaft: was nicht dem Profit dient, muss weggesperrt werden.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Schiller) Gibt es etwa untergründige Beziehungen dieses Schiller-Satzes zu eingezäunten Spielplätzen und dem Verbot spielender Kinder?

Den ganzen Irrwitz des Wegsperrens hätte die deutsche Politik sich sparen können, wenn sie nach Korea geschaut hätte. Dort wurde flächendeckend getestet: die Gesunden können ihr normales Leben führen, nur die Verdächtigen müssen in Quarantäne.

Bei uns wird das Testen verweigert. Das hochtechnisierte Land war nicht vorbereitet. Die gravierenden Fehler der Eliten müssen die Kleinen ausbaden. Wer wird die wirtschaftlichen Schäden bezahlen? Dieselben, die schon einmal die gigantischen Defizite der Reichen blechen mussten.

Ökonom H. J. Bontrup warnt:

„Dies alles darf nicht wiederholt werden! Es wird aber wiederholt, wenn die unvermeidliche Krisenlast wieder auf das Konto Staatsverschuldung gebucht wird. Am Ende wird uns für die notwendig ausgereichten Hilfen die Rechnung präsentiert werden. Es ist unglaublich, wie naiv mit dieser, nach der Krise zu finanzierenden großen Last bisher umgegangen wird. Zum Abbau der Staatsverschuldung, der öffentlichen Armut, wurden letztlich die herangezogen, die nichts hatten. Mehr Widerspruch geht nicht. Renten wurden beschnitten, Sozial- und Gesundheitshaushalte gekürzt, den Schulen und Hochschulen genauso Sparhaushalte aufgezwungen wie den Rathäusern in den Städten und Gemeinden. Die öffentliche Infrastruktur verfiel und nicht zuletzt wurde die Umwelt weiter mit Füßen getreten.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Die Natur zeigt dem Menschen das ultimative Warnzeichen. Bis hierher und nicht weiter! Meine Grenze ist deine Grenze!

Der Virus ist ein schrecklicher Lehrmeister. Seine Warnung ist vermutlich die letzte vor dem Finale und zeigt uns, wie wir die Klimakatastrophe bewältigen könnten: durch Achtung der Grenze.

Naturam expellas furca, tamen usque recurret. Man mag die Natur mit der Mistgabel austreiben: dennoch wird sie zurückkehren.

 

Fortsetzung folgt.