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Tanz des Aufruhrs XLI

Tanz des Aufruhrs XLI,

Die Stunde der Vernunft – wie lange dauert sie?

Zwei Wochen lang, bis die Infektionsrate sinken wird? Ein ganzes Jahr lang, bis Impfstoffe die Viren zur Vernunft bringen werden? Wer entscheidet, wann die Stunde wieder abtauchen muss im Fluss zeitloser Unvernunft?

In einer exponentiellen Wachstumskultur ist zeitlose Vernunft polizeilich verboten. Mit ihr die ewige Wahrheit. In einer Zeit wahrheitsloser Einzel-Augenblicke muss die Stunde der Vernunft eine absolute Ausnahme bleiben. Zu groß wäre die Gefahr einer infektiösen Ansteckung der Zeit, die von Vernunftlosen bezeichnet wurde als: Zeit-ist-Geld.

Warum tragen Menschen, die auf sich halten, immer mehr kostbare Uhren am Handgelenk? Damit sie rechtzeitig gewarnt werden vor bedrohlichen Stunden der Vernunft. Ein schriller Ton kündigt ihnen an: Vorsicht, Vernunft. Ein freudiger Ton der Entwarnung signalisiert: Edler des Augenblicks, die Gefahr ist gebannt. Ihr könnt wieder tun, was Eurer zeitlosen Freiheit entspricht. Hau drauf, Junge!

Eine Stunde der Vernunft ist in einer zeitlos-größenwahnsinnigen demokratischen Verfassung nicht vorgesehen. Dort liest man … … Unerhörtes:

„Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“

Rechtsexperten sprechen von der Ewigkeitsklausel. Das Grundgesetz ist ewig? Wer, zum Teufel, bildet sich ein, die ewige Wahrheit in ein erbärmliches Stündchen der Vernunft verkümmern und schrumpfen zu lassen?

„Dies ist tatsächlich die Stunde der Vernunft. Eine Situation wie diese war noch nie da, jemand muss Standards setzen. Somit ist es richtig, dass die Kanzlerin nun endlich die Führung übernommen hat. Führung entlastet. In der Krise droht ein Abgleiten ins Autoritäre. Die liberalen Anführer sollten sich davor hüten. Ebenso wie die Bürger aufpassen müssen, nicht durch Unvernunft das Autoritäre geradezu einzufordern.“ (SPIEGEL.de)

Es ist die Kanzlerin, die die Ewigkeitsklausel der demokratischen Vernunft brechen und ein Stündchen der Vernunft einläuten darf? Und wer ihr widerspricht, muss unvernünftig sein und eine autoritäre Führung herausfordern? Dann ist die Kanzlerin keine Führerin – die in einer Volkherrschaft ohnehin nicht vorgesehen ist – sondern eine Ver-Führerin zum Verfassungsbruch.

Führung entlastet? Soweit sind wir schon wieder?

„Wie hätte ein einzelner Arbeitnehmer jetzt entscheiden können, ob eine Dienstreise vertretbar ist? Eine Situation wie diese war noch nie da, jemand muss Standards setzen.“

Wenn jemand Standards setzt, die den Standards des Grundgesetzes widersprechen, dann ist dieser Jemand ein Verfassungsbrecher. Sonst werden Populisten, die dem Volk das Blaue vom Himmel versprechen, als Volksverderber gescholten. Jetzt schlüpft die Kanzlerin höchstselbst in die Rolle einer heilsversprechenden Populistin – und wird als kraftvolle Führerin bejubelt?

Ein „einzelner Arbeitnehmer“ – ab wie vielen Arbeitnehmern gilt Herdenintelligenz als kollektive Vernunft? – ist unfähig, eine „vertretbare Dienstreise“ zu erkennen? Dann wird er auch unfähig sein, sich über seinen Arbeitgeber ein vernünftiges Urteil zu bilden.

Das ist keine Klassengesellschaft mehr, das ist ein indisches Kastensystem. Oben sitzen die geborenen Brahmanen, Priester, Wirtschaftsweisen und Edelschreiber, unten die Berührbaren: man darf sie mit allem piesacken, vor allem mit dem Vorwurf, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.

Demokratische Normalität ist Herrschaft des Volkes. Gelegentlich aber muss das Volk zur Seite treten und FührerInnen des Augenblicks, der außerordentlichen „Stunde der Vernunft“ das Ruder übergeben? Wenn das Volk klug ist, wird es im heiligen Augenblick seiner Entmachtung und Entrechtung selber zustimmen?

Im Dritten Reich nannte man das völkischen Massenwahn. Nein, wir sind noch lange nicht dort angekommen, aber wir nähern uns in exponentieller Beschleunigung.

Wenn eine Demokratie Führung braucht, ist sie am Ende. Es gibt nur eine Instanz, die führt: das Volk. Dieses Volk wählt seine Repräsentanten  nicht zum Zweck der Entmündigung der Wählenden, sondern um den Willen der Wählenden durchzuführen. Nicht als Marionetten, sondern als Mitdenkende, die, wenn sie den Willen des Volkes für falsch halten, mit dem Souverän – dem Volk – in den Clinch gehen müssen.

Können sich die beiden Seiten verständigen, führt die Regierung den Willen des Volkes durch, weil es ihr eigener Wille ist. Können sie sich nicht verständigen, müssen die Gewählten das Ruder des Schiffes verlassen und dem Volk überlassen, ihre Nachfolger zu wählen.

Es gibt keine Instanz, die sich erkühnen darf, eine „Situation“ auszurufen, eine „Stunde der Vernunft“, in der die Verfassung ausgehebelt werden darf, weil sie stört oder unfähig ist, die Herausforderung einer krisenhaften Situation zu bestehen.

Es gab einen deutschen Rechtsgelehrten, der tatsächlich behauptete:

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.

Dieser Gelehrte hieß Carl Schmitt und war ein Wegbereiter des nationalsozialistischen Ausnahmezustands als Dauerzustand.

„Der Souverän schafft und garantiert in Schmitts Denken die Ordnung. Hierfür hat er das Monopol der letzten Entscheidung. Souveränität ist für Schmitt also juristisch von diesem Entscheidungsmonopol her zu definieren („Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“), nicht von einem Gewalt- oder Herrschaftsmonopol aus. Die im Ausnahmezustand getroffenen Entscheidungen (Verurteilungen, Notverordnungen etc.) lassen sich aus seiner Sicht hinsichtlich ihrer Richtigkeit nicht anfechten („Dass es die zuständige Stelle war, die eine Entscheidung fällt, macht die Entscheidung […] unabhängig von der Richtigkeit ihres Inhaltes“). Souverän ist immer derjenige, der den Bürgerkrieg vermeiden oder wirkungsvoll beenden kann.“

Und das soll kein Herrschaftsmonopol sein, wenn man die „Richtigkeit seiner Entscheidungen nicht anfechten“ kann? Wer auch immer den Wiki-Artikel verfasste: er beweist die noch immer existierende Sympathie deutscher Gelehrter für einen Rechtsexperten, der ein Feind der Demokratie und Sympathisant eines Führer-Regimes war. Führer war, wer es verstand, die Verfassungsordnung aufzulösen, um eine selbstdefinierte Gefahr zu bewältigen. Schmitt sprach von Bürgerkrieg. Europäische Verfassungsbrecher sprechen von Krieg gegen Corona.

Das ist deutsche Uraltideologie: Not kennt kein Gebot. In der Not zeigt sich erst der Mann – heute die Lieblingsfrau der Deutschen, zugleich die Gesandte des Himmels. Und schon steigen wieder die Werte der CDU. Wenn‘s hart auf hart kommt, braucht man bewährte Gebetsgesichter an der Front.

„Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in der Wiederholung erstarrten Mechanik.“ (Schmitt)

Ausnahme ist Rebellion der Deutschen gegen die „berechenbare Normalität“ der Vernunft. Schmitt beruft sich auf französische Gegenaufklärer wie de Maistre oder de Bonald.

„Der Hass gegen die Autorität ist die Plage unserer Tage, das Heilmittel gegen dieses Übel liegt nur in den heiligen Maximen, die man Euch vergessen gemacht hat. Archimedes wusste wohl, dass er einen Punkt außerhalb der Welt brauchte, um die Welt emporzuheben.“ (De Maistre)

Der Punkt außerhalb der Welt unterminiert die normalen Regeln der Welt. Außerhalb der Welt ist Gott, der die sündige Ordnung der Welt nach Belieben aushebeln kann.

Das Normale und Vernünftige der Aufklärung – oder Sittlichkeit genannt – wurde von den Romantikern als Heuchelei verabscheut:

„Die romantische Ethik in ihrem Kampf gegen die Scheinsittlichkeit verirrt sich zum Trotz gegen die Sitte, in welcher sie nichts als die hohle Larve der Unsittlichkeit erblicken will. Die romantische Ethik in ihrem Kampf gegen Scheinbildung verbündet sich mit dem Zynismus, die erste Regung der wahren Sittlichkeit sei „Opposition gegen die positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit“, und eine grenzenlose Reizbarkeit des Gemüts. Heftige Naturen könnten freilich zu folgenschweren Ausschweifungen fortgerissen werden, aber nur der Pöbel halte die für Verbrecher oder Exempel der Unsittlichkeit, „welche für den wahrhaft sittlichen Menschen gehören.“ (R. Haym, Die Romantische Schule)

Im Sturm und Drang, der ersten Rebellionswelle gegen die „mechanische“ Vernunft, beginnt die Verehrung des Genies, das sich an keine Regeln halten muss. Das Genie schwebt oberhalb und außerhalb aller bürgerlichen Vernunftregeln. Es beginnt die Ironie, die sich durch nichts mehr gebunden fühlt – die romantische Ironie. Hegel, durchaus kein Spießer, hasste das ironische Geniegetue der neurotischen Jüngelchen:

„Ironie soll darin bestehen, dass alles, was sich als schön, edel, anlässt, hintennach sich zerstöre und aufs Gegenteil ausgehe.“

Politik war ein Spiel der Regeln. Als die Deutschen sich von der Französischen Revolution abwandten und der vernünftigen Politik den Rücken kehrten, begannen sie die Verehrung des ästhetischen Genies. Politik wurde geniale Kunst, Richard Wagners Gesamtkunstwerk zur Offenbarung eines jungen Linzer Möchtegernkünstlers, der Politik als Show und seine rhetorische Show als Nonplusultra der Politik betrachtete.

Als das Genie in die Jahre kam, verschmolz Genie mit Wahnsinn. Das Bewunderte wurde zum Faszinierenden, das anzieht und abstößt.

Hitlerbiografen der Nachkriegszeit wurden nicht müde, dem Führer nachzuweisen, dass er kein Genie, sondern ein Kretin war. Misserfolg war es, der Genie und Wahnsinn pathologisierte: in Scharlatanerie und Teufelsbesessenheit.

Heute wird unterdrückt, dass der Führer sich seinem Herrn und Heiland verpflichtet fühlte. Bevor er Künstler und Politiker werden wollte, wollte er Priester werden. Priester sind göttliche Synthesen aus charismatischer Kunst und Politik.

Just dieser Heiland machte die Regel der Liebe und die Ausnahme des Hasses zur antinomischen Urregel, in der sich Liebe und Hass als konträre Seiten derselben Medaille bedingten. Wer sich der Liebe des Heilands nicht ergab, den traf der Fluch. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Dilige et fac, quod vis, liebe und tu, was du willst. Gott &Sohn stehen über den Normen des Guten und Bösen, ihr Wille entscheidet und ist keiner Tugend untertan.

„In grenzenloser Liebe lese ich als Christ und Mensch die Stelle durch, die uns verkündet, wie der Herr sich endlich aufraffte und zur Peitsche griff, um die Wucherer, das Nattern- und Otterngezücht hinauszutreiben aus dem Tempel.“ (Hitler)

Jesus war es, der die heuchlerischen Regeln der Juden aus dem Hause Gottes trieb, um seinen außerordentlichen, über allem Guten und Bösen stehenden Voluntarismus an die Stelle einer spießigen und verlogenen Moral zu setzen. Voluntarismus ist die Lehre vom allmächtigen Willen, der aller menschlichen Moral spottet. Jesus, das heilige Genie, musste die Scheintugenden der Juden vernichten, um die Überlegenheit seiner alles erlaubenden und nichts verbietenden neuen Moral zu beweisen. „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ (Scholder, Die Kirche und das Dritte Reich)

Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit schliddern wir in die Ausnahme, zum ersten Mal hebeln wir das Grundgesetz aus. Mit der heiligmäßigen Devise: Not kennt kein Gebot, keine Regel, kein Gut oder Böse. Alles ist erlaubt, alles geboten, was die Not zu beheben verspricht.

Wenn junge Leute Corona-Partys feierten, so taten sie genau das, was in den letzten Jahren Nachfolger des genialen Zynismus als grenzenlose Freiheit priesen. Zuerst werden andere infiltriert, dann die Infiltrierten attackiert, während man sich selbst aus dem Staube macht.

Begründet wird die Aushebelung des Grundgesetzes mit einer Gefahr. Das Bekämpfen einer Gefahr kann die Ewigkeitsklausel der Verfassung außer Kraft setzen: nur die Ausnahme kann die Verletzung der Regeln legitimieren?

Schauen wir zurück. Die athenische Demokratie erwuchs aus der Erfahrung der Griechen, dass Zusammenhalt die Gefahren von außen und innen besser überwinden konnte als eine autoritäre Adelsherrschaft oder eine Tyrannei. Der Logos der neuen Volksherrschaft war keine Schwäche, sondern die Stärke wehr- und standhafter Demokraten. Der Geist der Polis wuchs durch Bewältigen der Probleme in der Gemeinschaft der Gleichen.

Bei uns völlig anders. Kaum werden wir von einer nationalen Gefahr bedroht, fällt den Oberen nichts Besseres ein, als das Volk zu entmündigen und hart zu bestrafen, wenn die Entmündigten nicht spuren. Kaum ist eine Krise im Land, tut sich eine Kluft auf, die Obrigkeit erklärt den Untertanen das Misstrauen und legt sie mit lächerlichen Geboten an die Kette. Die Braven und Guten schwimmen oben, der ungehorsame Rest dümpelt im Brackwasser.

Seit Januar war die Gefahr bekannt. Zwei Monate verstrichen tatenlos, verharmlosend und beschönigend: keine Panik, es ist nur eine Grippe. Entweder waren die Eliten zu dämlich, um die Gefahr zu erkennen oder ihre Verharmlosung war eine Strategie, um Zeitknappheit herzustellen, die nichts anderes mehr zulässt als die Ausnahme der Entmündigung.

Sie hätten nur nach China schauen, mit den dortigen Experten reden müssen, um sich kundig zu machen für die innenpolitische Prophylaxe. Doch Deutsche lernen nicht von anderen. Das ist unter ihrer Würde. Wie sie die ganze Welt fluten, aber keine Erkenntnisse anderer Völker mit nach Hause nehmen, um sich anregen und bereichern zu lassen, so auch in diesem Fall.

So behauptete die Kanzlerin, dass alle Nachbarstaaten exakt das Gleiche täten wie die Deutschen. Falsch: die Schweden appellieren an die Vernunft der Menschen. Auch Südkorea ging andere Wege, die ziemlich erfolgreich waren. Der lernende Blick auf Andere ist für deutsche Geniedarsteller eine Sünde wider den Geist.

„Das Land hat es geschafft, die Verbreitung des Virus einzudämmen, ohne drakonische Maßnahmen zu ergreifen. In Südkorea gibt es weder Ausgangssperren noch Veranstaltungsverbote. Restaurants und Läden sind geöffnet, der öffentliche Nahverkehr rollt.“ (WELT.de)

Haben die Verantwortlichen sich von Experten abhängig gemacht? Fast in allen Dingen der arbeitsteiligen Moderne sind Politiker abhängig von Fachgelehrten. In Wirtschaftsdingen leben sie in babylonischer Gefangenschaft der Ökonomen, deren Wort ihr Evangelium ist.

Die Kunst der Regierenden besteht darin, das Wissen und die Ratschläge der Experten mit politischer Vernunft zu durchleuchten und zu überprüfen. Für diesen Job werden sie gewählt.

Was taten sie? Nichts. Erst all die Sachverständigen Alarm schlugen, benachbarte Nationen die ersten Toten zu beklagen hatten, erhoben sich die Saturierten aus ihrer weich gepolsterten Routine, um umzukippen in Hektik und dissonante Propaganda.

Dazu kam die paradoxe Intervention überforderter Autoritäten: sie blinken nach rechts und fahren nach links. Sie wollten sich anschauen, wie die Deutschen die Regeln der Distanz einhalten: dann wollten sie entscheiden. Was geschah?

„Wir wissen nicht, ob Helge Braun – oder wer ist „wir“? – an diesem Sonnabend wirklich genau hingeschaut hat. Wenn, dann wird er gesehen haben, dass die meisten Menschen sich an die Beschränkungen gehalten haben. Selten war die Stadt an einem sonnigen März-Samstag so leer. Jetzt, da ein neues Kontaktverbot gilt, wissen wir: Genau so schwierig ist es offenbar, sich auch nur zwei Tage lang an das zu halten, was man vorher gesagt hat.“ (Berliner-Zeitung.de)

Wegen einer winzigen Minderheit wird die ganze Nation mit Sanktionen bedroht. Die Kindlein waren brav, aber leider nicht brav genug, dass die Gewaltigen ihre zwangsbeglückenden Machtbedürfnisse unterdrückt hätten. Ein beschämendes Schauspiel.

Was hätten die Mächtigen tun müssen, wenn sie ihre Untertanen nicht als unmündige BürgerInnen betrachtet hätten?

Sie hätten – vor laufenden Kameras – sofort alle relevanten Experten in strenger Rede und Gegenrede überprüfen müssen. Jeder Virologe hätte seine Position darlegen, hierauf die kritischen Fragen der Politiker beantworten müssen.

Gewöhnlich dozieren die Experten über ihre Sache hinter verschlossenen Fraktionstüren. Das Wichtigste in Demokratien: die öffentliche Prüfung der Meinungen und des Expertenwissens geschieht in verborgenen Kammern. Der transparente Diskurs, das Gespräch auf dem Marktplatz, findet nicht statt.

Nach den geheimen Vorgängen die unvermeidliche Lüsternheit der Medien nach Sensationen. Sind Söder und Laschet sich tatsächlich an die Gurgel gegangen? Das weiße Rauschen verborgener Vorgänge ist wichtiger als die sachlichen Ergebnisse ihrer Streitigkeiten. Anne Will will nichts anderes als die Debattenteilnehmer mit solch sadistischem Schabernack zur Weißglut zu treiben. Die Sache ist für sie nur nützliche Dekoration.

Dass die TV-Kanäle ihre Programme kurzfristig auf Politik umstellen konnten, beweist, dass sie könnten, wenn sie wollten. In Klimafragen, die durch Corona völlig aus dem Bewusstsein gestrichen wurden, konnte der Untergang der Welt drohen: abends kam die gewöhnliche Ekelmaische aus Jux, Wissensmüll und psychischen Demütigungen. Natürlich wurde gestern das ins Programm geschobene Illner-Gespräch parallel zu Anne Will gesendet, damit es auf keinen Fall zum unmittelbaren Vergleich kommen kann.

Nach Prüfung der Sachverständigen, nach Lernvergleichen mit anderen Ländern hätte die Kanzlerin vor die Öffentlichkeit treten und sagen müssen: Sie wissen nicht weniger als ich. Als mündige Gesellschaft frage ich Sie: was sollen wir tun, um das Virusproblem zu lösen? Zuerst müssen wir uns darauf einigen, welche wissenschaftlichen Einsichten uns am plausibelsten erscheinen, dann müssen wir die praktischen Folgerungen bewerten. Ich hoffe, dass wir uns auf die besten Vorschläge einigen können. Dann sind wir alle gefragt, die Vorschläge in Wirklichkeit zu übersetzen. Wir, die Regierenden, sind nicht befugt, die Befolgung der Ratschläge mit Sanktionen zu erzwingen.

Was bedeutet das? Wir werden die Probleme der Pandemie so gut lösen, so gut wir die erarbeiteten Maximen in die Tat umsetzen werden. Je vernünftiger wir handeln, je gesünder werden wir bleiben. Ich wünsche uns allen viel Besonnenheit, dass wir unsere theoretische Vernunft in praktische verwandeln können.

Stattdessen getarntes Misstrauen, Vorenthalten der Diskurse zwischen Wissenschaft und Politik, eine Atmosphäre wie vor nationalen Abiturprüfungen. Endlich kommt die strenge Rektorin mit stampfenden Schritten auf die Rampe und verkündet die pharisäischen, sich oft widersprechenden und unklaren Anstandsregeln.

„Ab sofort werden alle Bürgerinnen und Bürger angehalten, die Kontakte zu anderen Menschen außerhalb des eigenen Haushaltes „auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren“.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Was ist ein absolut nötiges soziales Minimum, wenn gleichzeitig zu solidarischem Verhalten aufgefordert wird? Geht es um Isolierung als Selbstwert oder um Vermeidung der Tröpfchenansteckung?

Hier wurde besonders getrickst und getäuscht – oder bewusstseinslos Schwachsinn geredet. Die Infizierung mit Corona kann verhindert werden, wenn die Übertagung per Tröpfchen verhindert wird. Das geht durch nötigen Abstand und Mundschutz:

„Die Forscherin rät für solche Fälle, einfach einen Schal vor Mund und Nase zu ziehen, bevor man zum Beispiel einen Laden betritt. „Schon allein damit“, sagt sie, „können wir uns selbst und die anderen ein wenig schützen.“ Auch der Virologe Drosten kann der Idee des Mundschutzes für die Allgemeinheit etwas abgewinnen. Wenn wir alle einen trügen, sagte er in seinem Podcast, würden wir das Virus nicht mehr so leicht durch feuchte Aussprache verbreiten – man könne sich so ein Stück Mundschutz ja auch selbst nähen, und gern „aus einem bunten Stoff“, das wäre vielleicht sogar „ganz schick“.“ (SPIEGEL.de)

Gerade dieser Mundschutz wurde anfänglich voller Verachtung weggewischt: bringe nichts, sei nichts als psychologische Show. Heute gilt das Gegenteil: verhindert unsere feuchten Emissionen per Mundschutz und die Hauptsache ist getan.

Es kommt nicht auf schwer erträgliches soziales Einbunkern an, sondern auf geschütztes soziales Verhalten. Der soziale Faktor wäre jener seelische Faktor, der die Menschen tüchtiger macht, um sich gegen körperliche Gefahren zu immunisieren.

Erkenntnisse der psychosomatischen Medizin werden von Virologen und Politikern kooperativ untergepflügt. Der Mensch besteht nicht nur aus Körper, sondern aus selbstbestimmtem Geist. Dieser Geist ist das Subjekt mündiger Demokraten. Anstatt diesen Geist anzusprechen und zum Widerstand zu ermuntern, werden die Menschen zu somatischen Maschinen erniedrigt. Eine Degradierung der Gesellschaft zu geistlosen Zombies.

Wie immer in den letzten Jahrhunderten geht es um Zerstückelung der Familie. Im Frühkapitalismus wurde der Vater der Familie entzogen, dann kamen Mutter und Kinder dran. Mütter wurden in den Arbeitsmarkt gezwungen, um ihre Minderwertigkeit zu überwinden, ihre Kinder synchron in entfremdete Kitas. Das genügt den Herrschern noch immer nicht. Sie wollen bindungslose Monaden, die sie nach Belieben in alle Richtungen dirigieren können.

Dieses Mal sind Enkel und Großeltern dran. Um „unsere“ Alten zu schützen, werden sie noch isolierter, als sie ohnehin schon sind. Die Kinder sollen sich rechtzeitig dran gewöhnen, dass sie als frei flottierende Atome die besten Aufstiegschancen haben. Was ist mit alleinerziehenden Müttern, die froh sind, wenn sie wenigstens auf Eltern zurückgreifen können? An die Schwächsten der Schwachen wird in der Regierung der demütigen Kanzlerin am wenigsten gedacht.

„Da Schulen und Kitas schon seit Tagen geschlossen haben, ist die Not gerade für Familien groß. Aber mit den Kindern für kurze Zeit und in der Nähe der eigenen Wohnung nach draußen zu gehen, bleibt auch in den Bundesländern erlaubt, in denen Ausgangsbeschränkungen gelten. Parks und Spielplätze sind jedoch in der Regel abgesperrt. Auch Familien sollten sich nicht mit anderen Familien treffen.“ (ZEIT.de)

Zwar darf man mit Kindern raus, aber Parks sind geschlossen? Geht’s noch sadistischer? Jogger dürfen in die Natur, Kinder aber sollen zu Hause bleiben? Ihre psychische Entwicklung durch Kontakt mit anderen – sonst in der Werbung für Kitas das Hauptargument – spielt plötzlich keine Rolle mehr. Dass Kinder ihre Großeltern brauchen wie umgekehrt: keine einzige Bemerkung zu diesem Thema. Es handelt sich ja nur um erwerbsunfähige Randbewohner der Gesellschaft. Man merkt, dass die Regierenden keinen Schimmer haben von der Lebenswirklichkeit ihrer kapitalistisch zerstörten Familien.

Im Fernsehen werden Kinder gezeigt, die sagen müssen: Oma, weil ich dich lieb habe, besuche ich dich nicht. Kinder werden zu potentiellen Mördern ihrer Großeltern instrumentalisiert. Geht’s noch absurder und inhumaner? Auch die Großeltern werden nicht gefragt, ob sie lieber geschützt werden oder bei den Kindern bleiben wollen. Wer wird denn schon solche sentimentalen Fragen in petto haben.

Seit kurzer Zeit wird Sterbehilfe nicht mehr mit Sanktionen bedroht. Von Sterbehilfe spricht man, um das leidige Wort „selbstbestimmter Tod“ zu vermeiden. Fromme Kommentatoren sprechen von einem monströsen Fehlurteil aus überzogener Autonomie.

„Das Gericht führt das alles an. Es sagt sogar, die Angst vor der gesellschaftlichen Normalisierung des Suizids sei nachvollziehbar. Aber diese Besorgnisse werden in der Urteilsabwägung angesichts eines völlig überhöhten Autonomiebegriffs nicht mehr berücksichtigt. Der Lebensschutz wiegt nichts. Die Waage neigt sich bis zum Anschlag in Richtung uneingeschränkter Autonomie.“ (Sueddeutsche.de)

Noch immer hatten Kirchen und Gottesmänner so viel Einfluss auf die Gesellschaft, dass sie den Menschen vorschreiben konnten, die Last ihres sündigen Lebens so lange wie möglich zu tragen. Das Leben ist dem Sünder nicht zur Lust gegeben, sondern zur lebenslänglichen Strafe.

Und jetzt soll auf dem Umweg der Coronafürsorge den Menschen schon wieder vorgeschrieben werden, wie lange sie zu leben haben? Wo bleibt der freie Wille, die Selbstbestimmung des Menschen? Die Würde des Menschen ist seine Selbstbestimmung. Diese Würde wird den Alten geraubt: unter dem heuchlerischen Vorwand, ihr Leben zu retten.

Und jetzt soll auf dem Umweg der Coronafürsorge den Menschen schon wieder vorgeschrieben werden, wie lange sie zu leben haben? Wo bleibt der freie Wille, die Selbstbestimmung des Menschen? Die Würde des Menschen ist seine Selbstbestimmung. Diese Würde wird den Alten geraubt: unter dem heuchlerischen Vorwand, ihr Leben zu retten. Ja noch mehr. Die Alten gelten als störrisch, wenn sie mit der plötzlichen Trennung nicht einverstanden sind.

„Familien ringen um den richtigen Umgang mit dem Corona-Risiko. Besonders konfliktträchtig: Gespräche mit uneinsichtigen Älteren. Und nun auf einmal sollen sie zu Hause bleiben, sich von der Fürsorge ihrer Kinder abhängig machen und sind nicht einmal mehr als Bezugspersonen für ihre kleinen Enkel gefragt. Das schürt die im Alter verbreitete Angst, eben doch kaum mehr zu etwas nütze zu sein.“ (SPIEGEL.de)

Hätten die Widerständler im Dritten Reich ihre Widerstandsaktionen nicht lassen müssen, um ihr bloßes Leben zu retten? Schon was von Sokrates gehört? Dessen Maxime lautete:

Besser in Würde sterben als ein würdeloses Leben führen.

Fortsetzung folgt.