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Tanz des Aufruhrs XL

Tanz des Aufruhrs XL,

„Wie jede Pandemie ist auch diese ein vorübergehendes Phänomen. Aber für manche Länder mache ich mir Sorgen darum, dass die Notfallmaßnahmen, wie sie nun überall ergriffen werden, dauerhaft installiert bleiben. Gesetze gegen öffentliche Versammlungen, die für einen bestimmten Zeitraum erlassen werden, könnten weiter gelten, sodass die Versammlungsfreiheit langfristig beeinträchtigt wird. Wir müssen wachsam sein und jedem Versuch mit Misstrauen begegnen, der die Maßnahmen zur Eindämmung der Krise nutzt, um Machtpositionen auszubauen und zu verfestigen. Darin sehe ich die größte politische Gefahr von Corona. Der Ausnahmezustand darf nicht zur neuen Normalität werden.“ (Richard Sennett) (TAGESSPIEGEL.de)

Noch sind es rationale Gründe, mit denen die Demokratie – von Deutschen nicht erfunden, nicht erstritten oder erkämpft – in ein künstliches Koma gelegt wird. Seltsam, wie erleichtert sie schienen, als ihre führende Pilgerfrau auf dem Sankt-Jakobs-Weg ihnen die Möglichkeit bot, durch Folgsamkeit in das Unvermeidliche das Geschenk ihrer Befreier auf dem Müll zu deponieren – vorübergehend natürlich.

Das Koma ist lästig, doch die Last überdeckt das Aufatmen: endlich keine Verantwortung mehr. Ein anderer Virus, tief im Innern der besiegten und gekränkten germanischen Seele, könnte erwachen und sagen: Demokratie, was ist das? Ist die Herrschaft der Massenseele geeignet für eine weltführende Nation? Ist nicht eine neue Zeit … … heraufkommen, eine neue Herausforderung? Müssen wir nicht umdenken, auf neue Fragen neue  Antworten finden?

Zeitloses Denken ist für Heiden; Verehrer der Geschichte glauben an den unvergleichlichen Augenblick.

Noch 1932, als das Verhängnis hätte verhindert werden können, waren aristokratische Denker skeptisch gegen Demokratie. Karl Jaspers – ein Milder im Vergleich zu seinem Freiburger Kollegen Heidegger, der philosophischer Führer seines Führers werden wollte – hielt es für Aberglauben, „Demokratie als Glaube an den gerechten Weg der Freiheit durch Majoritäten für schlechthin richtig zu halten“. (Die geistige Situation der Zeit)

Ein Jahr später rasselte der Augenblick vom Himmel, der Führer wurde zum Kairos oder zum Inbegriff der Fülle der Zeit. Kierkegaard hielt es „für unvorstellbar, dass der „Grieche“ Verständnis haben könnte für den Augenblick, der als christliche Philosophie der heidnischen ein Ende bereitet hätte.“ Der rechte Augenblick erforderte den „rechten Mann“, der die Fülle der Zeit bringen sollte.

Für primitive Heiden ist Wahrheit zeitlos. Immer und überall gilt: zwei und zwei ist vier. Für Anbeter der Heilsgeschichte gibt es keine zeitlosen Wahrheiten. Wenn der Himmel will, ist zwei und zwei knapp fünf. Der gesetzlose Gott ist keinem Gesetz, keiner Wahrheit untertan. In frommen Kreisen wechseln Wahrheiten von Tag zu Tag. Warum sollte Demokratie, diese heidnische Erfindung, zeitlos gültig sein?

Folgerecht votierten die Gläubigen für den Führer des rechten Augenblicks:

Die gegenwärtige Stunde kann für uns nicht im Zeichen der Worte stehen, ihr einziges, ihr beherrschendes Gesetz ist das der raschen, aufbauenden und rettenden Tat. Und diese Tat kann nur geboren werden in der Sammlung. Die Partei des katholischen Zentrums, die den großen Sammlungsgedanken schon seit langem und trotz aller vorübergehenden Enttäuschung mit Nachdruck und Entschiedenheit vertreten hat, setzt sich zu dieser Stunde, wo alle kleinen und engen Erwägungen schweigen müssen, bewusst und aus nationalem Verantwortungsgefühl über alle parteipolitischen und sonstigen Gedanken hinweg. […] Im Angesicht der brennenden Not, in der Volk und Staat gegenwärtig stehen, im Angesicht der riesenhaften Aufgaben, die der deutsche Wiederaufbau an uns stellt, im Angesicht vor allem der Sturmwolken, die in Deutschland und um Deutschland aufzusteigen beginnen, reichen wir … in dieser Stunde allen, auch früheren Gegnern, die Hand, um die Fortführung des nationalen Aufstiegswerkes zu sichern.“

Sprach Ludwig Kaas, Begründer jener Partei, aus deren giftigen Eierschalen nach dem Krieg die CDU schlüpfen sollte. Was ist dagegen die SED?

„In dieser Stunde, der gegenwärtigen Stunde, im Angesicht der Not, im Angesicht der riesenhaften Aufgaben“: das sind Umschreibungen des Augenblicks. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 (heute haben wir den 20. März) ist Archetypus des heutigen Corona-Augenblicks. Wenn Gott selbst interveniert, hat der Mensch zu schweigen und zu gehorchen. Wenn der Frühling kommt und die Knospen zu blühen beginnen, tritt der Augenblick durch die Tür.

Wie damals, soll auch heute das deutsche Volk zusammenrücken, paradoxerweise durch soziale Distanz. Sammlung war das Wort jenes Augenblicks. Heute wird „Solidarität“ zweckentfremdet, ausgerechnet jene Solidarität, die man in kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen vergeblich sucht. Was ist das für eine Solidarität, wenn ehrenamtliche Helfer ihr Tun einstellen, die Tafeln schließen müssen?

Befreundeter Völker wird nicht gedacht, schon gar nicht jener Flüchtlinge, die in barbarischen Lagern dahinsiechen sollen. Heureka, das Asylproblem ist gelöst. Niemand wird eingelassen, solange die gelbe Pest wütet. Die Ultrarechten sind besiegt – durch Überbietung ihrer lächerlichen Forderungen.

Das christliche Volk zeigt seine antinomische Flagge: heute hui, morgen pfui, heute Segen, morgen Fluch. Was Religionsgegner übersehen: Christen können ihrem Glauben nie untreu werden. Ihr Credo umfasst alles, von Feindesliebe bis zur Feindvernichtung. Oder kurz: Liebe ist Leben, Liebe ist Tod. Der Herr gibt, der Herr nimmt, der Name des Herrn sei gepriesen.

Was für Heiden ein Widerspruch, ist für Gläubige identisch: Gott steht über allen Widersprüchen, er lacht über menschliche Vernunft.

Wiederholt sich denn Geschichte? Warum sollte sie sich wiederholen, wenn sie sich immer gleich bleiben muss? Nicht in empirischen Zufälligkeiten, sondern im Geist, der die Zufälligkeiten durchseucht.

Seit Gründung Europas ist der Kontinent sich gleich geblieben. Die Kosmosverehrung der Griechen, ihr rationaler Erkenntniswille, ihre selbstbestimmte Moral, ihre zeitlose Wahrheit und ihre Menschenrechte und Demokratie: alles wurde am Boden zerstört.

An ihre Stelle traten klerikale und feudale Theokratien, endlos wechselnde Wahrheiten des Augenblicks, Vernichtung der Vergangenheit als Zerstörung des Alten und Bewährten, futuristisches Opium als Vorspiel der Übernatur, Selektion der Menschheit in Erwählte und Verworfene, Fortschritt ins Unendliche, um das Endliche zu zertrümmern, endlose Machtakkumulation, um die Welt zu besiegen und gottgleich zu werden:

„Was ist doch der Mensch, dass du seiner gedenkst? Du machtest ihn wenig geringer als Engel, mit Ehre und Hoheit kröntest du ihn. Du setztest ihn zum Herrscher über das Werk deiner Hände, alles hast du ihm unter die Füße gelegt. Schafe und Rinder allzumal, dazu die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels, die Fische im Meer, was da die Pfade der Fluten durchzieht.“

Das ist die gesamte Geschichte des Westens in eins-dreißig. Der Fortschritt vergrößerte die Quantitäten ins Unbegrenzte, die Qualitäten der Menschen – und Erdfeindschaft blieben konstant und unveränderbar.

Seit 2000 Jahren ändert sich fast nichts. Erst als in der Frührenaissance uralte Bücher auftauchten, in denen der Kosmos und der selbstbestimmte Mensch dem mittelalterlichen Grab entstiegen, wurde Europa menschenfreundlicher.

Doch den Erdfeinden gelang es immer wieder, das Humane zurückzudrängen und zu regredieren zum Ungeist der Weltbeherrschung. Nehmen wir an, der Kampf zwischen Mensch und Gott stünde im Patt.

Abriegeln, Leben in atomisierten Lagern. Die unbehauste Menschheit zieht durch die Geschichte wie ein wanderndes Volk Gottes, das nicht weiß, wohin es will: in den Garten Eden oder in den Abgrund.

Weltenwende. Je mehr die Menschheit glaubt, sich ändern zu müssen, je mehr entlarvt sie die Verblendungen ihres bisherigen Daseins.

Sie will moralisch werden? Also war sie lasterhaft.
Sie will naturfreundlich werden? Also hasste sie die Natur.
Sie will zusammenrücken? Also versuchte sie, sich gegenseitig zu vernichten.
Sie will ihren Luxus beenden? Also versank sie im Überfluss.
Alles, was sie ändern muss, ist eine schonungslose Selbstkritik an ihrem bisherigen Leben.

Dennoch tut sie, als könne alles beim Alten bleiben. Sie will sich ändern und sich gleich bleiben, will eine menschliche Wirtschaft und ihre alte fortsetzen, will zusammenarbeiten und ihre nationale Eitelkeit verstärken.

Zeitenwende. Der Zeitgeist ändert sich, die Medien passen sich an – und tun, als wären sie gleich geblieben. Dreist plädieren sie für Vernunft und moralische Regeln, wo sie bislang jede Regel als Bedrohung ihrer Freiheit und  Moral als Besserwisserei geächtet haben:

„Corona-Partys, gemeinsames Abhängen im Park, drängelnde Rentner im Supermarkt: All das spielt mit dem Leben anderer und gefährdet die Schwächsten. Die Freiheit des Einzelnen kommt auch für radikale Liberale dort an ihre Grenzen, wo sie andere in Gefahr bringt.“ (WELT.de)

Früher klang das so:

„Wenn wir nach der Verstaatlichung und den Verboten auch noch eine Umverteilung einleiten, sind wir noch schneller in Venezuela. Die Verbotsdiskussion wird von Milieus geführt, die von der Freiheit überfordert sind. Ökologie wird als Argument genutzt, anderen Menschen seine Art zu leben überzustülpen. Das finde ich schwierig. Für mich steht Freiheit über allem.“ (GRÜNE.de)

Wenn es Deutschen gut geht, fühlen sie sich von Gott verlassen, müssen über die Stränge schlagen und alle moralischen Spießer in die Pfanne hauen – damit es ihnen wieder schlecht geht.

Geht es ihnen schlecht, fühlen sie sich von Gott geliebt und tun, als hätten sie plötzlich die Moral erfunden: wen Gott liebt, den züchtigt er. Über das Glücksstreben der Angelsachsen zerreißen sie sich seit 200 Jahren das Maul.

„Für Arthur Schopenhauer ist die Tatsache „daß wir da sind, um glücklich zu sein“ der angeborene Irrtum des Menschen.“

Ethik darf mit Glück nichts zu tun haben:
„Gern dien ich den Freunden, doch thu ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.“ (Schiller über Kant)

Tugend ist Leid, Glück ist Verdorbenheit. Das ist die Perversion von Glück und Tugend. Denn Glück muss amoralisch und demokratiefeindlich, Tugend muss Not und Leid werden. Wo immer man beginnt, das krumme Holz zurechtzubiegen, schnellt es zurück und versetzt dem Idealisten einen Schlag.

Diese Charakterstruktur ist gespalten und auf beiden Seiten krank. Der Glückliche muss zum Verbrecher werden, der Moralische fühlt sich von Gott belohnt, wenn er von Ihm bestraft wird. Wie soll der Deutsche ein ausgeglichener Charakter werden, der sich wohl fühlt in seiner Haut, wenn er verbunden ist mit Mensch und Natur?

Was immer er beginnt, wohin er auch kommt, er verbreitet Missbehagen, das er für genial hält, und schrille Zerworfenheit, die er für ehrlich hält. In deutschen Filmen gibt es mondartige Glücksgesichter, zu einfältig, um die Abgründigkeit des Daseins zu erahnen oder lauernde Unzufriedenheit, die alles Glück als Selbstzufriedenheit verabscheut. Wen Gott nicht züchtigt, den präpariert er für die Hölle.

Nichts Schlimmeres kann man einem Deutschen nachsagen als: er ist glücklich. Das klingt wie: er ist dumm und langweilig geworden.
Oder: er ist Moralist. Das klingt wie: er ist noch dümmer geworden und hat die Krätze am Hals.

Nein, man kann es nicht beweisen und dennoch weiß es jedes Kind, dass nur ein humanes Leben ein glückliches Leben sein kann. Den Beweis kann jeder nur in seinem Inneren finden. Eben das ist die Autonomie des Geistes.

Garantie gibt es keine. Denn zum gelungenen Leben gehören auch gelungene Umstände, die nur minimal in der Macht des Einzelnen stehen. Besser Unrecht erleiden als Unrecht tun: wer dem sokratischen Motto folgt, muss stark sein, um das innere Glück des Rechttuns gegen das äußere Unglück des Unrechterleidens zu verteidigen.

Selbst unter der Folter sei der Weise glücklich, vervollständigte die Stoa, eine Schule im Bann des zum Tode verurteilten philosophischen Märtyrers. Nirgendwo spielt er in der Gegenwart auch nur die geringste Rolle. Denn der Glaubensmärtyrer Jesus wurde von der Kirche benutzt, um das griechische Vorbild  verschwinden zu lassen.

Warum schwanken die Demokratien wie Rohre im Wind?

Weil die Erlöser das Bubenstück vollbrachten, sie auf Grundsätze ihrer biblischen Religion zurückzuführen.  

Da gibt es die These, Demokratie beruhe auf westlichen Werten, doch diese seien gar nicht westlich:

„Diese westlichen Werte sind viel älter als „der Westen“. Sie stammen aus dem Osten, aus dem Alten Orient, dem Alten und dann dem Neuen Testament. In beiden heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (WELT.de)

Der Erlöserblock hat es geschafft, die griechischen Grundlagen der Demokratie aus dem Gedächtnis der Moderne zu tilgen. Was bedeutet, niemand ist fähig, das Original kennenzulernen, um die moderne Demokratie an ihrem Urbild zu messen.

Die Ethik der Erlöserreligion ist theokratisch, auf den zufälligen Einzelnen beschränkt, unpolitisch auf ein Jenseits ausgerichtet und vor allem: antinomisch. Sie kennt kein klares Gut und Böse. Im Namen des Herrn ist alles gut, selbst wenn es böse ist. Der Fromme freut sich, wenn er in seinem Herzen spürt: Du hast mich bei meinem Namen gerufen.

Demokratie hat das Kunststück fertig gebracht, jeden Einzelnen einzubetten in eine Gemeinschaft gleichberechtigter Einzelner. Erlöserreligionen kennen keine gleichen Menschen. Bei ihnen gibt es nur die Spaltung der Welt in Spreu und Weizen, in Berufene und Verworfene. Das ist das absolute Gegenteil jeder demokratischen Gleichwertigkeit aller Individuen.

Und dann kommt der Eklat: die hochgerühmte Nächstenliebe ist untauglich zum politischen Leben. Denn dort gibt es viele Feinde. Und gibt es mal keine, muss man sich welche verschaffen.

Das begann, in der jüngeren Geschichte, beim amerikanischen Präsidenten Reagan, der die Welt in ein Reich des Bösen und des Guten teilte. Der Westen war das Reich der Guten.

Ohne Feinde kann der westliche Erlöserblock nicht leben. Ergo ist seine Nächstenliebe für die Katz, wenn es um Sein oder Nichtsein geht. Was aber bleibet? Das Militär. Stolz zu sein auf seine Ethik, um sie lässig über Bord zu werfen, wenn man sie bräuchte, das ist messerscharfe Erlöserlogik:

„Jesus sagt in der Bergpredigt: „Liebet eure Feinde.“ Das Gebot gilt. Doch leider ist es nicht wörtlich und wirklich umsetzbar, weil und wenn das Leben von Menschen bedroht ist und geschützt werden muss. Eben durch Militär.“

Die Folgen dieser Sätze kann man leicht an der Politik der jeweiligen Staaten erkennen. Je theokratischer sie sind, je undemokratischer werden sie. Siehe Trump, Putin, Orban, Erdogan, Netanjahu oder den Ajatollah.

Auch bei uns wird alles frömmer von Tag zu Tag. Die Symbiose der Magd Gottes mit ihren Schäfchen kann inniger kaum noch werden. Nach ihrer Rede, die zur besten aller Zeiten gekürt wurde, ist der letzte Zweifel gewichen, dass die Kanzlerin die Treuhänderin des Augenblicks ist. Zur rechten Zeit verkündet sie das rechte Wort. Das kann nur sie.

„Angela Merkel ist, über den Umweg einer ungewohnt persönlichen Ansprache, genau dieses Kunststück einer dilemmabewussten Krisenkommunikation gelungen. Sie hat in ihrer Rede die gefahrenbewusste, warnende Achtsamkeit mit der nötigen Portion Besonnenheit kombiniert, dies schon durch Gestik und Mimik. Sie hat nichts bagatellisiert, sondern eindringlich und in einer einfachen, klaren Sprache informiert. Sie hat gewarnt, aber eben auch keine Panik geschürt.“ (ZEIT.de)

Auch Merkel ist eine Gebenedeite des Augenblicks. Alles, was sie tut, ist wohlgetan. Die einen nennen es sachlich, die anderen sehr persönlich. Das Sachliche aber ist das Gegenteil des Persönlichen, es klammert das Subjekt aus. Wurde ihr vorgehalten, sie sei nicht präsent, entpuppt sich ihr Entzug als Kunst des Kairos: zum richtigen Augenblick, just in time, spürte sie, dass sie das Wort an ihr Volk richten muss.

Wenn sie dasitzt und redet wie eine Statue, die ihre Innerlichkeit mit starrer Körpersprache verdeckt, so gilt das als mimische und gestische Besonnenheit. Ihr ängstliches Zittern hat man vergessen. Angst haben ist kein Defekt, wer aber seine Angst hinter einer starren Maske verbirgt, um souverän zu wirken, ist Schauspieler.

Gewöhnlich bescheiden sich Edelschreiber mit der Schilderung dessen, was vor Augen ist. Ins Innere des Menschen könne niemand blicken. Weshalb sie die Formel benutzen: der Porträtierte gibt sich … kämpferisch, gelassen, unberührt.

Nicht so bei der Emissärin des Himmels, die so lauter ist, dass ihr Inneres vollständig ihrem Äußeren entspricht. Die deutschen Beobachter kennen ihre Mutter genau. Ihr können sie ins Herz schauen, weshalb sie sich nicht bemühen muss, eine Show abzuziehen. Es wäre auch vergeblich.

Just das ist der Unterschied zwischen einer Mutter- und einer Vaterfigur. Väter sind hinterlistige Machiavellisten, denen man kein Wort glauben darf. Weshalb Beobachter gezwungen sind, ihre Strategien zu durchschauen: worauf will er hinaus? Was verbirgt er hinter schillernden Worten?

Nicht so bei Mütterchen, deren Herzensgüte zur absichtlichen Irreführung gar nicht fähig wäre.

Männliche Beobachter, die sich schuldig fühlen, ihrer eigenen Mutter nicht gerecht geworden zu sein, müssen bei der nationalen Mutter ihren Fehler wieder gut machen – und die Kanzlerin als Muster der emanzipierten und doch herzensguten Frau darstellen.

Deren Rede aber betonte die solidarischen Fähigkeiten der Menschen eben nicht, sondern nur das Gute der Deutschen.

„Von europäischer Solidarität war in den vergangenen Wochen wenig bis nichts zu spüren. In der Corona-Ansprache der Bundeskanzlerin fiel das Wort Europa am Mittwoch kein einziges Mal. Und keiner ihrer Gedanken ging an die Freunde in Italien, in Frankreich, in Spanien. Wenn die Krankheit kommt, gilt: Germany first.  Aber während aus Paris, Barcelona, Mailand Geisterstädte geworden sind, wird auf Berliner und Hamburger Straßen und Wiesen noch immer gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Die Lage sei ernst, sagt Angela Merkel. Aber die Bilder und die Worte passen nicht zusammen.  Wie so oft stellt sich aus der französischen Ferne das Gefühl ein, Deutschland fühle sich überlegen, besser gerüstet, in gewisser Weise unbesiegbar.“ (WELT.de)

Sollte der französische Eindruck stimmen, wäre Merkel nicht anders als Trump. Zwei unvereinbare Perspektiven: hier die lautere und herzensgute Mutter, dort die eitle und machtbewusste Egoistin, die nur an das Wohl der eigenen Nation denkt: Germany first, Deutschlands Interessen über alles, das heilige Vaterland unbesiegbar.

Das aber würde bedeuten, dass der gesamte Auftritt der Kanzlerin eine Show gewesen wäre, auf welche deutsche Schreiber hereinfallen, weil sie selbst so eitel sind, dass sie in Merkel – sich selbst wahrzunehmen glauben.

Merkel: das sind sie. In ihrem Bild wollen sie sich selbst erkennen. Merkel macht niemandem Vorwürfe; das ist die Exculpation des Priesters im Beichtstuhl. Mit dem kleinen Unterschied: die Selbstentschuldung zwischen der Kanzlerin und ihren Untertanen ist reziprok. Weil Merkel über alle Sünden hinweg schaut und segnet, schauen ihre Untertanen über alles Missliche hinweg und adeln sie zur Unfehlbaren.

„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“: diese Worte werden als Kern der Rede empfunden.

Unterschiedlich sehen es englische und amerikanische Beobachter:

Timothy Garton Ash, britischer Historiker und Schriftsteller, auf Twitter: „Eine bemerkenswerte TV–Ansprache von Angela Merkel – eine Lehre über Demokratie, Solidarität und individuelle Verantwortlichkeit, vorgetragen mit Klarheit, Stärke und wirklicher Wärme.“ (SPIEGEL.de)

Ist es inzwischen etwas Extraordinäres, in einer Demokratie für Demokratie einzutreten? Angelsachsen empfinden Merkel als vorbildlich, weil sie zur Kontrastfigur zu Trump, Johnson & Co geworden ist. Die mimischen Darstellerkünste der Pastorentochter bleiben Ausländern meist verborgen.

In New York klingt es dramatischer:

New York Magazine: „Die Anführerin der freien Welt hält eine Rede – und bringt es auf den Punkt. … ‚Es ist ernst‘, sagte sie – und diese drei nüchternen Worte haben mehr Kraft als eine Höllenpredigt. … Kein Deutscher kann ihren Aufruf zur Selbstdisziplin anhören, ohne daran erinnert zu werden, dass sie in Ostdeutschland unter der Beobachtung der Stasi aufwuchs.“

Auch hier: ex oriente lux. Was kann aus Nazareth – oder der minderwertigen DDR – Gutes kommen? Es ist eine Predigt: das haben die Amerikaner durchschaut, die es nicht nötig haben, ihre christlichen Assoziationen zu verdrängen. Keine normale Predigt, sondern eine apokalyptische: es geht um Alles oder Nichts, es geht um den Kairos. Wer eine Situation ernst nennt, hat inhaltlich nichts über sie gesagt.

Besonnenheit, Sachlichkeit und Schlichtheit der Merkelrede wären demnach nichts als Maskeraden einer Frau, die es für effizient hält, die Pose der Demut einzunehmen, um ihre persönliche Bedeutung im Geschichtsbuch nicht zu gefährden.

Worauf lauern deutsche Schreiber am meisten? Auf exzellente Worte, die im Gedächtnis bleiben. Und sie sind es, die objektiven Protokollanten, die die Spitzenplätze im Geschichtsbuch verteilen. Vielleicht sogar den Heiligenschein. Die Medien haben die charismatische Rolle des Klerus übernommen.

Merkel sagt ihrem Volk: Ihr seid die Besten. Zusammen sind wir ein unschlagbares Team. Wer, wenn nicht wir, kann der Welt zeigen, wohin es gehen soll?

Mitten im Elend, mitten im Entzug der Demokratie, signalisieren sich Volk und Kanzlerin, dass sie nicht zu schlagen sind. Made in Germany ist Made auf heiligem Boden.

Die Höchstnote gilt nicht nur für die politische Gegenwart, sie gilt auch für die deutschen Dichter und Denker. Hölderlin soll die Deutschen in den griechischen Olymp gehoben haben:

„Zu Hölderlins großem Erfolg vor und während des Ersten Weltkriegs trug nicht unerheblich bei, dass sein Facelifting auch das Vaterland und die Deutschen verschönte: „O heilig Herz der Völker, o Vaterland“ beginnt sein „Gesang des Deutschen“. In ihm werden die Deutschen als wirkliche Erben des antiken Griechenlands weniger geschildert als vielmehr angestoßen, sich endlich so zu sehen und entsprechend zu handeln.“ (Berliner-Zeitung.de)

So verblendet sind die Deutschen geworden. Ihr Sieger-Gen macht sie blind für schlichte Wahrheiten. Hölderlin litt darunter, dass die Deutschen unfähig waren, das Erbe der Griechen zu übernehmen. Er flehte sie an, ermahnte sie, verlockte sie mit Gedichten und seinem unvergleichlichen Hyperion. Vergeblich. Warum wurde er verrückt und musste 40 Jahre in den Turm?

Ein Feuilletonist muss das Ende des Hyperion unterschlagen haben:

„So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten – Wie anders ging es mir! Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Handwerker, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen! Ein vernichtendes Urteil.

Doch gottlob, wir haben eine Priesterin. Die muss nur einmal in 16 Jahren eine Predigt halten – und Hölderlin würde staunen über unsere menschliche Republik. In Sack und Asche würde er seine Worte bereuen:

„Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.“

Um deinetwillen, bester Hölderlin, haben die Deutschen ihr Mäkeln und Nörgeln eingestellt. Heute klopfen sie sich auf die Schulter: welches Volk kann es mit uns aufnehmen?

Fortsetzung folgt.