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Tanz des Aufruhrs XCVIII

Tanz des Aufruhrs XCVIII,

„Wieder stößt der Historiker darauf, dass ganze Völker niedergemetzelt wurden, weil andere deren Fisch- und Jagdgründe, deren Ackerland für sich beanspruchten. Kein Quadratmeter der USA, der nicht auch diese Geschichte erzählte. Oder auch die Gruppenvergewaltigungen in Indien, in denen nicht nur die Wut des ganz gewöhnlichen Machismus, sondern auch das vom Kastensystem gepflegte Hierarchiegefälle sich austoben. Und das ist Gegenwart und – schrecklich zu denken – auch Zukunft.“ (Berliner-Zeitung.de)

Hat die Dritte Welt der Ersten Welt schon vergeben?

Hat der christliche Westen seine Völkerverbrechen am unheiligen Rest der Welt aufgearbeitet und bereut? Hat er unter Tränen, Seufzen und Klagen bei den Nachkommen seiner Opfer um Vergebung gebeten?  

Die Weltpolitik der Gegenwart ist das Ergebnis einer fünf Jahrhunderte langen Bedrängnis, Überwältigung, Unterjochung, Versklavung und Ausrottung aller Völker der Welt, die sich den Verheißungen des Kreuzes widersetzten. Ihre natürlichen Reichtümer wurden ausgeraubt, ihre Verbundenheit mit der Natur zerstört, ihr Glaube an Mutter Natur eliminiert.

Rasender Fortschritt, futuristische Phantasien, starrer Blick nach vorne dienen einzig dem Zweck, die große, übergroße Schuld der Täter zu überdecken und den Schein zu erzeugen, alles begönne täglich am Punkt Null. Tabula rasa der Erkenntnis, die nur erkennt, was sie beherrschen kann, tabula rasa der Zeit, die keine Vergangenheit kennt, tabula rasa der Erinnerung, die … … alle Schuld verleugnet.

Der Westen hat keine Erinnerung. Die Ausrottung der Vergangenheit tilgt alle Schuld am Abend, um am Morgen von vorne zu beginnen. Selbstvergebung hat das unauslöschliche Siegel der Schuld beseitigt.

Schulden machen ohne Tilgung ist verboten, Schuld auf sich laden ohne Selbstbesinnung, Reue und Buße, ist das Geschäftsprinzip des Westens. Die Welt kann nicht von vorne beginnen, weil der Westen sein Schuldenbuch regelmäßig vernichtet.

„Gewalt und Krankheit, die Vorhut der Zivilisation: der Kontakt mit dem weißen Mann ist für die Eingeborenen auch heute der Kontakt mit dem Tode. Die Indianer unterliegen dem Fluch ihres Reichtums – das ist die Zusammenfassung des Dramas von ganz Lateinamerika. Die Kirche stand mit dem Ausbeutungssystem, das die Afrikaner ertragen mussten, in materieller Partnerschaft. Nicht weniger als die Hälfte des Grundbesitzes und des gesamten Kapitals der Kirche. Bakterien und Viren waren die wirksamsten Verbündeten. Die Europäer brachten die Blattern und den Wundstarrkrampf, Lungen-, Darm- und Geschlechtskrankheiten, das Trachom, die Lepra, das gelbe Fieber, die Zahnfäule, die den Mund zerfraß. Pater Gregorio Garcia vertrat im 17. Jahrhundert die Ansicht, dass Indianer jüdischen Ursprungs seien, dass sie gleich den Juden, „faul seien, nicht an das Wunder Jesu Christi glaubten und den Spaniern nicht für das Wohl, das diese ihnen erwiesen hätten, dankbar seien.“ Die ungestüme Flut der Habgier, des Schreckens und der Wildheit konnte sich über diese Gebiete nur auf Kosten des Völkermordes an den Eingeborenen verbreiten. Die Indios des amerikanischen Kontinents zählten nicht weniger als siebzig Millionen, als die ausländischen Konquistadoren auftauchten. 150 Jahre später waren sie zusammengeschmolzen auf dreieinhalb Millionen.“ (Eduardo Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas)

Wer erlaubte es dem Westen, die neuen Kontinente in Besitz zu nehmen?

Es war der Vatikan unter Papst Alexander VI: „1494 teilte er durch den Vertrag von Tordesillas die Welt zwischen den beiden konkurrierenden Seemächten Portugal und Spanien neu auf.“

„Päpstliche Bullen hatten Afrika der Krone von Portugal unterstellt. Amerika war an Königin Isabella verschenkt worden. 1508 sprach eine neue Bulle der spanischen Krone auf Ewigkeit alle in Amerika eingetriebenen Zehnten zu.“

Wer erlaubte es dem Papst, die Welt als Eigentum der Kirche zu deklarieren? Der sanfte Bergprediger:

„Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ (Erdreich wird verharmlosend mit „Land“ übersetzt.)

„Und der siebente Engel posaunte; da erschollen laute Stimmen im Himmel, die sprachen: Die Herrschaft über die Welt ist unsrem Herrn und seinem Gesalbten zuteil geworden und er wird herrschen in Ewigkeit.“

„Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.“

Die Erlöserreligion: das fromme Monopoly-Spiel um die ganze Welt, in dem die Sieger von Anfang an feststehen: die Erwählten.

Durch Ablasshandel wurde der Glaube zum kapitalistischen Deal. Den Lohn des Glaubens konnte man sich durch Geld und Gold erwerben. Das Gold, das die Europäer suchten, war der Zauberschlüssel zum Paradies:

„Denn mit Gold wird man reich, und wer es hat, macht, was er will auf der Welt, und kommt so weit, dass mit Gold den Seelen der Weg ins Paradies geöffnet wird.“ (ebenda)

Seligkeit ist käuflich erwerbbar. Man muss nur reich und immer reicher werden. Unermesslich reich wird man durch Eroberung der Welt, durch Schändung der Nichtgläubigen und Raub an den Naturschätzen, die von den Beutemachern Roh-Stoffe genannt werden, damit ihre eigenen Machwerke die edlen und exzellenten sind.

Die Unterjochung der Welt durch den genialen Westen wird noch immer idealisiert. Die früheren Wanderungen der Völker wurden durch den Degen gebahnt. Der Krieg allein habe im Altertum die Welt entdeckt.

Ganz anders die Eroberung der modernen Welt durch den „Verstand und den Geist der Arbeit, die einzigen Waffen der kühnen Pioniere, die Amerika erobert haben. Ihre schnellen Erfolge haben den Vorteil des Friedens und der freien Arbeit über die Gewalttaten und das Lärmen der Waffen bewiesen.“

„Welch schönes Trugbild!“ schreibt der Historiker Georg Friederici in seinem Werk „Der Charakter der Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer“ über die Idealisierung der Neuzeit::

„Es ist schwer zu verstehen, wie ein Historiker Amerikas, verblendet durch seine Ideale, den Charakter der Entdeckung, Durchdringung und Eroberung Amerikas so missverstehen konnte. Man vergisst oder unterschlägt, dass ein Sieg nur mit der Axt des Pioniers erfochten werden konnte, nachdem durch blutige Siege und andere wenig friedliche Mittel ein großer Friedhof und eine riesige von den Eingeborenen gesäuberte Landschaft als Schauplatz für diese unblutigen Siege mit der Axt geschaffen worden waren. In der Tat haben die Anglo-Amerikaner ein ganzes Jahrhundert gegen die Eingeborenen des Landes Angriffskriege geführt. Sie haben ein Land neu besiedelt, dessen einheimische Bevölkerung sie mit der Schärfe der Waffen und anderen Mitteln ausgerottet oder sie gewaltsam entheimatet und aus ihrem Besitz weggeführt hatten.“

Auch Montaigne kritisierte die Eitelkeit der Moderne. Indem er die Kolonisation des griechischen Altertums, zumal die Zeit der hellenischen Kolonisation, mit der europäischen in Amerika und Asien vergleicht, kommt er zum Ergebnis: „So viele Städte dem Erdboden gleichgemacht“, ruft er aus, „so viele Völker ausgerottet, so viele Millionen von Menschen über die Klinge gesprungen und der reichste und schönste Teil der Welt außer Rand und Band gebracht wegen des Handels mit Perlen und Pfeffer! Mechanische Siege! Niemals haben Ehrgeiz, niemals Feindschaften der Völker die Menschen gegeneinander zu so schauerlichen Kriegen und in so elendes Unglück gebracht.“

Der eine Pol Amerikas waren die graecophilen englischen Gentlemen, die die Menschenrechte und die demokratische Verfassung Amerikas ins Leben riefen.

Der andere Pol war die theokratische Schicht der Neucalvinisten, die nicht an das Volk und Demokratie glaubten. Für John Winthrop und John Cotton war Demokratie die minderwertigste und schlechteste von allen Regierungsformen. „Die Minderheit muss herrschen“, erklärte Winthrop, „weil die Weisesten und Besten nur in der Minderzahl sein können.“

John Cotton, der Gottgelahrte, konnte nicht finden, dass Gott „die Demokratie als eine passende Regierungsform angeordnet habe.“ John Adams, der zweite Präsident der USA, meinte, dass alles Vertrauen in das Volk ein Schwindel und Wahn sei. Und Schatzsekretär Alexander Hamilton erklärte, dass das Volk eine große Bestie sei. Das Gesetzbuch dieser Puritaner war die Bibel. Die einzige Richtschnur sollte nicht die Anerkennung der Menschenrechte sein, sondern biblische Gebote, die die Neigung der Puritaner zu Unduldsamkeit, Gewalttätigkeit und Grausamkeit förderten.“

Calvins Prädestinationslehre verurteilte jeden Gläubigen dazu – nicht den Himmel zu erobern (das war aus eigener Kraft ausgeschlossen) –, durch kapitalistischen Aktivismus herauszukriegen, ob man zur erwählten Schar gehört oder nicht. Die Missachtung der eigenen Kraft führte zur Überbewertung derselben, die das Nichtwissen der Wahl Gottes in eine Art Nötigung Gottes transformierte. Je mehr sich der Mensch anstrengte, umso mehr war Gott gezwungen, die Leistungskräftigsten als seine Erwählten zu akzeptieren.

Absolute Ohnmacht schlug um in Bezwingung Gottes, dem Vorbild Jakobs gemäß in jener Geschichte im ersten Mosebuch:

„Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

Das ist das Geheimnis des biblischen Erfolgs über die Welt. Scheinbare Ohnmacht besiegt die Welt. Wer sich verbündet fühlt mit dem Allmächtigen, der wächst über sich hinaus und lässt den Gottlosen keine Chance. Der Fromme kann Gott „zwingen“, sein Wünschen und Flehen zu erfüllen. Gott wird zum Erfüllungsgehilfen des Menschen, der nicht eher mit sich zufrieden ist, bis er sich die Schöpfung unter den Nagel gerissen hat.

Es ist ein falsches Bild, den ohnmächtigen Menschen dem allmächtigen Gott gegenüberzustellen. Indem der Mensch sich ohnmächtig stellt, gewinnt er Oberhand über Gott, der den Schwachen und Machtlosen helfen muss. Der Mensch mag einen Hüftschaden davon tragen: am Ende wird der Knecht zum Herrn, der Leidende zum Siegenden.

In diesem Klima wächst der moderne Kapitalismus, der es verschmäht, mit ordinären Waffen die Welt zu besiegen. Waffen verwandeln sich in technische Erfindungen, in ausgeklügelte wirtschaftliche „Gesetzmäßigkeiten“, mit denen man fairen Wettbewerb simulieren, dennoch die Konkurrenten übertölpeln kann.

Der Kapitalismus eines Benjamin Franklin „wäre im Altertum wie im Mittelalter als Ausdruck des schmutzigsten Geizes und einer schlechthin würdelosen Gesinnung verachtet worden. (Max Weber, Die protestantische Ethik)

Eine Ethik der Religion verwandelt sich in ein unveränderliches Gesetz der Natur oder der Geschichte. Geschichte und Natur schließen sich gewöhnlich aus. Bei Marx und den Neoliberalen werden sie identisch. Geschichte ist nichts als eine mechanische Erfindung der Natur, der Mensch ein Produkt der Evolution ohne Mitspracherecht bei seinem Schicksal.

Verteidiger des heutigen Kapitalismus geben sich überzeugt, dass Reichsein glücklich macht. Der Antrieb, glücklich zu werden, wäre demnach das treibende Element der Milliardäre, denen es gelingt, ihre Glücksträume zu realisieren. Schwachen und Erfolglosen bleibt nichts als Neid, um ihrer Unterlegenheit den Schein des gerechten Kampfes zu verleihen. Gerechtigkeit ist eine ethische Illusion, Neid ein empirisch nachweisbarer Charakterdefekt.

Max Weber sieht das anders. Das höchste Gut der kapitalistischen „Ethik“ ist: „Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung allen unbefangenen Genießens“, weit entfernt von aller Glücks- oder Lustsuche. Erwerb wird zum Selbstzweck, als sei er etwas Transzendentes oder schlechthin Irrationales.

„Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens – das Erwerben nicht zum Zweck der Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse bezogen.“ Unbefangenen Geistern mag dies als sinnlose Umkehrung des natürlichen Sachverhalts erscheinen; anderen Kulturen mag dies fremd vorkommen. Doch die Frommen wissen, was sie mit dieser Umwertung aller Werte bezwecken:

„Siehst du einen Mann rüstig in seinem Beruf, so soll er vor Königen stehen.“ Erfolg vor dem König, Erfolg vor Gott ist Lohn für Fleiß und Menschenerniedrigung. Glück als Eintracht mit sich und der Welt ist nicht vorgesehen. Ein natürlicher Sachverhalt wird auf den Kopf gestellt. Kapitalismus ist Verzicht auf natürliches Glück, das durch berufliche Tüchtigkeit ersetzt wird.“

Beruf wird zur Berufung vor Gott.

„Jeder bleibe in dem Beruf, in den er berufen wurde. Bist du als Sklave berufen, so mache dir keine Sorge, sondern wenn du auch frei werden kannst, so bleibe umso lieber in deinem Stand. Wer im Herrn als Sklave berufen worden ist, der ist ein Freigelassener des Herrn.“

Heute will die Kirche nicht nur die Demokratie erfunden haben, sondern auch die Abschaffung der Sklaverei. An solchen Mätzchen ist der Herr der Geschichte nicht interessiert. Denn der wahre Stand des Menschen ist ersichtlich nur aus der Perspektive Gottes. Was die Menschen sehen und empfinden, ist belanglos. Der menschliche Sklave ist, wenn erwählt, in Gottes Sicht freier als der Freie in menschlicher Sicht.

Die Berufungslehre ist eine absolutistische Rechtfertigung des Bestehenden, kein Stimulans zur Rebellion oder Revolution. Sie entspricht der paulinischen Obrigkeitslehre: Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Alles bleibe, wie es ist. Ohnehin ist es belanglos, wie in der kurzen Zeit bis zur Wiederkehr des Herrn die irdischen Verhältnisse sind. Die wahre Rangordnung wird sich erst im Jenseits herausstellen. Das irdische Leben ist kurz, ungerecht und unglücklich.

Das gilt nur für den einfachen Gläubigen. Seit Francis Bacon aber hat sich eine neue Wendung angebahnt. Wissenschaft kann sich jene Macht erwerben, mit der sie die Folgen des Sündenfalls ungeschehen machen und den Menschen befähigen kann, sich mit Hilfe der Naturgesetze den Garten Eden zurückzuerobern. Die „nüchterne, sachliche und objektive Wissenschaft“ wird zur ancilla theologiae, zur Magd der Theologie, die dem Menschen vorgaukelt, noch auf Erden den Vorgeschmack des Paradieses zu kosten.

In Alteuropa überwiegt der apokalyptische Schrecken, in Amerika der Vorschein des Paradieses. Versteht sich, dass Europa ein trüber Gast auf Erden bleibt. Wenn hier dennoch Endzeitvisionen auftauchen, dann nur mit Methoden des blutigen Schwerts, des Völkerverbrechens. Während in Amerika Wirtschaft und gleißender Fortschritt bis zum Exzess getrieben werden. Die überlegene Macht der Christen besteht weniger in traditionellen Waffen, sondern in der Überlegenheit ihres ökonomischen und technischen Genius.

Während der Genius der Deutschen vom Sturm und Drang bis zur Romantik im Verfassen poetischer Gedichte, schwärmerischer Musik, ergreifender Dramen bestand, (zusammengefasst im Gesamtwerk Wagners), suchte der Genius der Neuen Welt nach handfesteren Methoden der Machterringung: nach Überlegenheit durch wissenschaftlichen Nutzen und überlegenen Reichtum.

Auch Reichtum und Nutzen sind nur Hilfsmittel zu einem noch höheren Zweck: der Macht des Menschen über die Zeit. Wer Zeit manipulieren kann, hat die Macht, den Heilsplan Gottes zu beschleunigen oder zu bremsen. Wer sie beschleunigen kann, ist fähig, die Wiederkehr des Herrn vorzuziehen.

Franklins Urgebot, abgeleitet aus dem Neuen Testament, lautete: „Bedenke, dass die Zeit Geld ist.“ Im Neuen Testament heißt es: „Kaufet die Zeit aus.“ Wer jede Sekunde der Zeit zur Anhäufung seines Reichtums ausnutzt, der gibt Gott die Ehre. Er erwirbt Macht über die Schöpfung und erweist sich als treues Ebenbild Gottes.

Geld ist für Puritaner keine seelenlose, unnatürliche Materie, sondern ein Teil der Natur. Im Gegensatz zur aristotelischen Verachtung des Geldes: Geld heckt nicht – behauptet Franklin:

„Bedenke, dass Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur ist. Geld kann Geld erzeugen, die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort. Wer ein Mutterschwein tötet, vernichtet dessen ganze Nachkommenschaft bis ins tausendste Glied. Wer ein Fünfschillingstück umbringt, mordet alles, was damit hätte produziert werden können: ganze Kolonnen von Pfunden Sterling.“ (in Max Weber)

Hier ist der flagrante Unterschied zwischen griechischem und christlichem Denken mit Händen zu greifen. Geld ist für Aristoteles keine Natur, es ist unfähig, sich autonom fortzuzeugen. Es ist ein leblos Ding, das vollständig der Regie des Menschen untersteht.

Für Franklin ist Geld Natur, die keinem Reglement des Menschen unterliegt und – je nach Glaube und Geschicklichkeit – viele Früchte bringt. Je gläubiger, umso mehr. Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden beweist die natürliche Fruchtbarkeit des Geldes. Je getreuer der Knecht, je lukrativer seine Früchte. Der Kleingläubige vergräbt sein Geld im Acker und beschimpft den Geldgeber:

„Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.“

Eine solche Attacke gegen Gott kann nur in Verdammnis enden. Der göttliche Geldgeber rastet aus vor heiligem Zorn:

„Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Was Natur ist, bestimmt der Herr – und nicht der Mensch. Wenn der Glaube Berge versetzen kann, kann er auch mechanisches Geld fruchtbar werden lassen. Der verfluchte Knecht verweigert sich dieser hohlen Magie. Er sieht, was er sieht. Das Menschengemachte ist keine Natur und unfähig, sich in dieselbe zu verwandeln. Der Knecht attackiert den Herrn, der sich als Gott der Natur ausgibt. Das ist Blasphemie gegen Mutter Natur. Auf dieser Blasphemie beruht der Erlöserglaube an den allmächtigen Mann.

Der christliche Westen überfiel die heidnische Welt, um deren Natur zu schänden und ihre eigenen Machenschaften – Geld, Produkte und Maschinen – als wahre fruchtbare Natur zu etablieren. Der globale Erfolg schien den Eroberern lange Zeit recht zu geben. Doch jetzt hat sich alles aufsummiert zur schrecklichen Bilanz: die Verkehrung der Natur in Konsum-Müll und des Konsum-Mülls in göttliche Natur hat die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht.

Indem es dem Westen gelang, die ganze Welt mit Kapitalismus zu überziehen, gelang es ihm, die wahre Natur mit pekuniärer Falschnatur zu überlagern. Die zweite, von Menschen erdachte Natur, wurde zum Nessushemd für die erste, die von ihr vergiftet und erstickt wird. Der Kapitalismus und alles, was er als zweite Natur ausgibt, ist keine Ersetzung der Natur durch eine bessere, sondern Erstickungsvorgang der primären weiblichen Natur.

Die Globalisierung der Welt wäre ein sinnvolles Unterfangen, wenn sie zur Vernetzung einer gleichberechtigten Menschheit geführt hätte. Das  Wettbewerbssystem aber verwandelte die angebliche Fairness der Ökonomie in hinterlistigen Betrug. Die Schwachen wurden immer schwächer, auch wenn die Eliten der Schwachen ihren Reibach machen konnten.

Dieses Unrechtssystem der Welt will die „Feministische Außenpolitik“ mit aller Kraft bekämpfen.

„Traditionelle Außenpolitik geht davon aus, dass die Welt in Anarchie lebt, weil es keine supranationale Regierung gibt. In dieser Welt wollen alle Staaten ihre eigene Macht vergrößern, das funktioniert vor allem durch die militärische Unterdrückung anderer Akteure. Feministische Außenpolitik dagegen stellt die menschliche Sicherheit in den Mittelpunkt und will das internationale Machtgefüge so ändern, dass die Bedürfnisse aller Gruppen gesehen werden und Menschenrechte prioritär behandelt werden. Die Vorstellung einer Gesellschaft, in der Rechte, Ressourcen und Macht fair verteilt sind, ist eine Utopie. Das ist die feministische Vision. Wir müssen uns fragen, wie wir vom Status quo, in dem in Deutschland jeden dritten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin tötet, zur Utopie gelangen. Das ist generell eine Katastrophe in Deutschland. Es ist nicht in Ordnung, wie die Macht im Berliner Politikbetrieb verteilt ist. Die meisten Waffen werden im globalen Norden produziert, führen aber vor allem zu Konflikten im globalen Süden. Beim Feminismus geht es darum, bestehende Machtdynamiken infrage zu stellen. Um diese Dynamik aufzubrechen, müssen wir die Demilitarisierung vorantreiben.“ (SPIEGEL.de)

Eine verheißungsvolle feministische Initiative, um der Welt eine Wirtschaft zu bringen, die weiß, was Gerechtigkeit ist und fähig wäre, die Klimagefahren zu reduzieren. Während die führenden Männer des Globus ekelhafte Machtspiele treiben, sind es vor allem Frauen, die an einer lebensfähigen Natur arbeiten.

Auch Naomi Klein kritisiert die Männerphantasien, die mit technischen Mitteln das Natürliche und Menschliche ersetzen wollen.

„Das Silicon Valley hatte schon vor Corona die Agenda, möglichst viele unserer persönlichen körperlichen Erfahrungen durch technologische Vermittlung zu ersetzen. Also etwa persönliches Lernen durch virtuelles Lernen, persönliche Arztkontakte durch Telemedizin und Zusteller durch Roboter. Jetzt wird uns all das als berührungslose Technologie angepriesen, um etwas zu ersetzen, was als Problem dargestellt wird, nämlich das Problem der Berührung. Und doch ist das, was wir auf persönlicher Ebene am meisten vermissen, Berührung. Warum stellen wir nicht im großen Stil Lehrer:innen ein? Warum lassen wir nicht doppelt so viele Lehrer:innen in halb so großen Klassenzimmern unterrichten und überlegen uns, wie wir den Unterricht nach draußen verlagern können? Es gäbe so viele Möglichkeiten, auf diese Krise zu reagieren, ohne dass wir zu einem Status quo zurückkehren, wie er vor Corona war, nur schlechter, mit mehr Überwachung, mehr Bildschirmen und weniger menschlichen Kontakten.“ (der-Freitag.de)

Natur an die Macht! Frauen an die Macht! Jugend an die Macht! Jede maskuline Kultur, die Natur ersetzen und zum Verschwinden bringen will, muss selbst zum Verschwinden gebracht werden.

Fortsetzung folgt.