Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs XCVII

Tanz des Aufruhrs XCVII,

BILD macht sich zum Einfallstor der Trump‘schen Demokratiezerstörung.

Seit Jahren hat sich die SPD auf Donald Trump und seine Mitstreiter eingeschossen – und dabei deutsche Interessen aufs Spiel gesetzt. Frank-Walter Steinmeier schmähte Trump 2016 als „Hassprediger“. Martin Schulz beschimpfte den damaligen Botschafter Grenell als „rechtsextremen Kolonialoffizier“. Partei-Chef Walter-Borjans weigert sich, deutsche Zusagen an die Nato einzuhalten. Altkanzler Schröder kämpft für Putins Pipeline Nord Stream 2. Die sicherheitspolitisch unbewanderte SPD-Vorsitzende Esken forderte den Abzug aller nuklear bewaffneten US-Streitkräfte.“ (BILD.de)

Fände BILD einen Dieter Bohlen oder Günter Jauch, die als Plagiatoren Trumps das politische Terrain erobern wollten, würde das Blatt verbissen die Zerstörung der Republik vorantreiben. Einen Netanjahu-kritischen Artikel wie den folgenden würde BILD ums Verrecken nicht abdrucken:

„Israels rechts-religiösem Ministerpräsidenten bricht die eigene Basis weg. Auf den Anti-Netanjahu-Demonstrationen sind immer mehr Menschen zu sehen, die bisher zu seinen Anhängern gehörten. Plakate wie „Ich bin rechts und ich bin hier“ sind keine Seltenheit mehr bei den Protesten.“ (TAZ.de)

Nachdem BILD bereits Netanjahus Menschenrechtsverbrechen für sakrosankt erklärte, wird auch dessen antisemitischer Freund und Unterstützer aus Washington heiliggesprochen. Jede Kritik an dem untergehenden Cäsar der Welt – seltsamerweise nur von Seiten der Verliererpartei SPD – wird … … als Blasphemie gedeutet.

Alles, was nicht Demokratie ist, ist Faschismus – mindestens. Wenn BILD einen Demokratiezerstörer unterstützt, müsste es selbst als faschistisches Blatt an den Pranger. Gemach, Begriffe wie Faschismus sind hierzulande unbeliebt. Für Gelehrte sind solche Begriffe viel zu komplex, als dass man sie im schnöden Alltag verwenden dürfte. Mit Händen und Füßen wehren sich die Experten gegen den Missbrauch der Geschichte gegen Mahnungen an die Gegenwart.

In seiner Trauerrede für den verstorbenen John Lewis griff Barack Obama seinen Nachfolger in scharfen Worten an. Deutsche Journalisten legen Wert darauf, dass in solchen Attacken der Name des Angegriffenen nicht genannt wird:

„Obama kritisiert US-Präsidenten – ohne dessen Namen zu nennen.“ (SPIEGEL.de)

Auch die deutsche Kanzlerin wurde schon dafür gelobt, dass sie den Gottseibeiuns angriff, ohne sich an dessen Namen zu vergreifen. In der Regel kritisiert sie gar nicht. Wenn aber, dann in geziemender namenloser Dezenz. Dezenz? Nein, in biblischem Gehorsam, was besser klingt als politische Feigheit.

Wenn Gott einen Menschen bei Namen ruft, ist es eine Besitzerklärung: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Da Gott niemals zum Besitz seines Geschöpfs werden darf, heißt es für den Menschen: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnützlich führen.“

Jede Obrigkeit ist von Gott, es gibt keine, die nicht von Gott wäre. Sie muss ähnlich behandelt werden wie Der, der sie eingesetzt hat. Das gilt auch im täglichen Leben. Autoritäten erkennt man daran, dass sie andere mit Namen anreden. Untergebene scheuen sich, das Gleiche zu tun. Korrekt müssen sie den Titel nennen: Herr Professor, Herr Doktor, Ihre Eminenz. Wer getauft oder von Gott erwählt wird, verliert seinen alten Namen. Gott ruft die Seinen mit einem neuen sakralen Namen. Das Alte versinkt namenlos in der Grube.

Dasselbe gilt für das Bilderverbot. Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen. Weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was unter den Wassern unter der Erde ist und ihnen nicht dienen.

Was für Namen gilt, gilt auch für relevante Begriffe, die durch Nießbrauch in die Hände des Pöbels fallen könnten. Was früher das  Mysterium heiliger Begriffe war, ist heute zum Komplexen, Unfassbaren geworden.

Die Folgerung ist unausweichlich: Demokratie – durch den Ersatzbegriff „Staat“ bereits hinlänglich korrumpiert – wird durch das Mysterium unerklärbarer Begriffe vollends unterhöhlt. Begriffe, die der Verständigung der Menschen dienen sollten, werden immer theokratischer und unfasslicher.

Dieser Herrschaftsmethode bedienen sich vor allem Ökonomen und Naturwissenschaftler. Ökonomen haben sich eine komplett eigene Sprache erfunden, mit der sie jede Kritik in Alltagssprache schon im Vorfeld abschmettern. Naturwissenschaftler haben sich der Normalsprache ohnehin entledigt durch die „Sprache der Zahlen und Figuren.“

Auch Geisteswissenschaften hecheln einer „Idealsprache“ hinterher, mit der sie alles, worüber jeder Mensch per Eigenerfahrung mitreden könnte, durch neue Wissenschaftsbegriffe, zumeist in fremder Zunge, so entfremden, dass niemand mehr mitreden kann. Sie „taufen“ Bekanntes mit Unbekanntem – und haben ihre Wissenschaftlichkeit unter Beweis gestellt.

Das Bilderverbot des Alten Testaments war direkt gegen die Naturerkenntnis der Hellenen gerichtet.

Der Kosmos ist erkennbar: damit begann die griechische Naturphilosophie, die durch die „sokratische Wendung“ auf den Menschen übertragen wurde.

Sie machten sich ein Bild vom Ganzen: Natur ist Wasser, Luft, Feuer, Liebe und Hass. Das Unbegreifliche wurde erklärt durch Begreifliches – oder was man dafür hielt. Am Anfang des Erkennens stand das Staunen:

„Aristoteles sieht im Staunen (griechisch θαυμάζειν „thaumazein“) den Beginn des Philosophierens.“

Für Platon war das Staunen der Anfang aller Philosophie: „Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“

Ursprünglich war Staunen die Folge einer Begegnung des Menschen mit dem Göttlichen.

Als die Götter suspendiert werden, überträgt sich das Erstaunen auf die Begegnung mit der Natur. Staunen ist plötzliches Gewahrwerden der eigenen Unwissenheit, die durch Erkennen der Natur in Wissen verwandelt werden kann – und soll. Nicht anders bei Sokrates, dessen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ kein ignoranter Dauerzustand ist (wie die Moderne behauptet), sondern das Wissen: ich muss von vorne beginnen und mein bisheriges Wissen überprüfen.

Kierkegaard und Gegenaufklärer Hamann verfälschten den Satz zur unaufhebbaren Dunkelheit des Menschen. Der weiß, dass er nichts weiß und nie etwas wissen wird, der erkennt, dass er zum Glauben bestimmt ist. Sokrates wird missbraucht zum Garanten des Glaubens.

Doch das Staunen hält sich nicht ewig in der Philosophie. Die Naturphilosophie verliert ihre jugendliche Unbefangenheit, die Stoiker müssen sich gegen Verstrickungen mit der Politik wappnen durch „staunenslose Verfassung der Seele“, wie Zenon formuliert. Im Ethischen sind alle denkbaren Positionen schon durchdacht, das primäre Erstaunen ist passé.

Staunen wäre ein Zeichen, dass man sich mit allen Eventualitäten des Lebens noch nicht vertraut gemacht hätte. Die Philosophie beginnt sich zu wappnen, um mit staunensloser Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit geschützt zu sein vor den Eventualitäten des Lebens. Nur mit „stoischer Ruhe und Gelassenheit“ kann man seine Seele vor Unfreiheit schützen und seine Glückseligkeit bewahren.

Die kindliche Zeit ungeschützten Staunens war für die Philosophie vorbei. Was nun kam in den Wirren des römischen Weltreiches, war die Immunisierung des guten Menschen gegen einen überhand nehmenden amoralischen Wildwuchs.

Marc Aurel, Philosoph auf dem Kaiserthron, übte sich im Unterscheiden dessen, wozu er fähig war – und was er in stoischem Gleichmut zu ertragen hatte:

„Hoffe auch nicht auf einen platonischen Staat, sondern sei zufrieden, wenn es auch nur ein klein wenig vorwärts geht, und halte auch einen solchen kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer kann die Grundsätze der Leute ändern? Was ist aber ohne eine Änderung der Grundsätze anders zu erwarten als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein erheuchelter Gehorsam?“

Helmut Schmidt war nicht nur Bewunderer Poppers, sondern auch von Marc Aurel. Als Nichtkaiser und Demokrat hätte er wissen können, dass Menschen in der Polis sich verändern können – wozu sie utopische Vorstellungen brauchen, wie sie sich ändern können.

In der Demokratie muss stoische Akzeptanz der Realität sich paaren mit der sokratischen Utopie, dass der Mensch als zoon politicon durch dialogische Gemeinschaft zum Menschsein überhaupt erst werden kann. Schmidt war der immer skeptischer werdende Übergang von Willy Brandt (Demokratie wagen!) zu einem aufgestiegenen Hannoveraner (ohne ihn bei Namen zu nennen!) mit dem Motto: Neoliberalismus wagen, sich an die Erfolgreichen und Starken halten und die Schwachen stäupen. Ein echtes SPD-Programm, wie man sieht.

Nicht zu vergessen: Erhard Eppler und der gerade erst verstorbene Hans-Jochen Vogel, die beiden Aufrechten der Partei, unterstützten ihn bei seiner Verwandlung der Arbeiterpartei in eine klaftertief gespaltene Aufsteiger- und Loserpartei. Was sagt uns das über die Substanz dieser Geistvergessenen? Unser Staunen wird zum Erschrecken.

Was nun bedeutet das Bilderverbot im Alten Testament? Es bedeutet Erkenntnisverbot und ist die Vorwegnahme des paulinischen Gebots: Torheit vor Gott ist besser als Weisheit in der Welt. Noch Faust, Erfindung eines „dezidierten Nichtchristen“, wandelt in den Spuren des Paulus:

„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Und sehe, dass wir nichts wissen können!“

„Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viele Weise nach dem Fleisch … sind berufen.“

Erkennen und Denken mit dem eigenen Kopf ist Weisheit des Fleisches. Fleisch ist vergänglich und stinkt vor Gott. Nur Heiliges ist unvergänglich.

Das Bilderverbot bedeutet ein „zutiefst unterschiedliches Weltverhältnis“ zu allen anderen Kulturen, die in der Natur zu Hause sind. Jahwe regierte wohl die Welt, doch ER Selbst blieb transzendent, jenseits von allem, was da kreucht und fleucht:

„Die Natur war keine Erscheinungsform Jahwes, sondern er stand ihr als Schöpfer gegenüber. Das Bilderverbot gehört zur Verborgenheit, in der sich Jahwes Offenbarung in Kultus und Geschichte vollzog.“ (Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments)

Natur muss unerkennbar bleiben, wie Gott unerkennbar bleiben muss. Staunen und Erkennen, Philosophie und Naturwissenschaft sind ausgeschlossen. Amerikanische Biblizisten, die das Wort durch Beliebigkeitsdeutungen noch nicht verfälschen, wollen von Wissenschaft nichts wissen. Wenn Trump, vorbildlicher Sünder, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Corona verlästert und verhöhnt, steht er auf dem rechten Boden der Schrift. Das Wort Staunen sucht man in der ganzen Heiligen Schrift vergeblich.

Als Paulus durch einen Akt der Offenbarung Gott erkennen darf, staunt er nicht:

„Plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel her und er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Die Männer aber, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, weil sie zwar die Stimme hörten, aber niemand sahen. Da stand Paulus vom Boden auf, obgleich seine Augen geöffnet waren, sah er nichts. … Und er konnte drei Tage lang nicht sehen und ass nicht und trank nicht.“

Drei Tage lang waren ihm Sehen, Essen und Trinken vergangen. Nur Hören konnte er noch.

Die Griechen erkannten die Wahrheit des Kosmos durch Sehen. Theorie heißt Schauen. Christen erkannten die Wahrheit ihres Gottes durch Hören, bei dem ihnen paradoxerweise Hören und Sehen vergingen.

Die beiden Welten: Denken und Glauben, Vernunft und Offenbarung, Griechentum und Christentum, stoßen sich ab – bis heute. Die Unvereinbarkeit der beiden Welten allerdings muss unter der Decke bleiben. Weshalb es unzählige faule Kompromisse zwischen beiden Welten gibt, die niemand bemerken darf.

„Schöpfungsbewahrung“ gilt als Gebot der Naturerhaltung, obgleich die ganze Schöpfung von Gott selbst vernichtet werden wird – damit er eine neue errichten kann. Gottes Heilsplan hat keine Grünen vorgesehen. Gott will nicht, dass seine Geschöpfe sich anmaßen, wider seinen Willen die Welt zu retten.

Die moderne Naturwissenschaft ist eine Missgeburt aus griechischem Naturerkennen und christlicher Anwendung der Erkenntnisse: Natur muss in vorauseilendem Glauben vernichtet werden.

Seit Francis Bacon ist die moderne Wissenschaft weniger an der Erkenntnis interessiert, als an der praktischen Verwendung der Erkenntnisse. Die eigene Macht über die Natur mag manchen schrecken, doch das Erstaunen über das Wissen um des Wissens willen verschwindet aus der Arena.

„Gleichzeitig hatte sich die menschliche Haltung gegenüber der Natur aus einer kontemplativen in eine pragmatische verwandelt. Man war weniger interessiert an der Natur, wie sie ist, sondern man stellte die Frage, was man aus ihr machen kann. Die Naturwissenschaft verwandelte sich in Technik: welcher praktische Nutzen kann aus diesem Wissen gezogen werden?“ (Heisenberg, Physik und Philosophie)

„Der wissenschaftliche Mensch ist bedrückt darüber, dass seine Forschungsergebnisse eine akute Bedrohung der Menschheit mit sich gebracht haben, nachdem die Früchte dieser Forschung in die Hände seelenblinder Träger der politischen Gewalt gefallen sind. Er ist sich bewusst, dass dies zur Konzentration der wirtschaftlichen und politischen Macht in den Händen kleiner Minoritäten geführt hat, von dessen Manipulationen das Schicksal der amorphen Völker abhängig geworden ist. Er sieht mit aller Klarheit, dass diese Konzentration zur Vernichtung aller führen muss. Er erniedrigt sich so weit, dass er auf Befehl die Mittel für die Vernichtung der Menschen weiter vervollkommnen hilft.“ (Einstein, Mein Weltbild)

„Den Atomphysikern ist nicht erst seit gestern bei ihrer Gottähnlichkeit bange geworden. „Das kann doch Gott nicht wollen!“ soll Otto Hahn schon am Beginn dieser Entwicklung ausgerufen haben. „Wir haben die Arbeit des Teufels getan“, rief J. Robert Oppenheimer, der „Vater der Atombombe“. Das änderte nichts an seiner grundsätzlichen Einstellung zum „technically sweet“. Fast gleichlautend Enrico Fermi: „Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik.“  Die Brüder Alsop schrieben: „Die Anwendung der tiefsten Schöpfungsgeheimnisse zu Zwecken der Zerstörung ist eine entsetzliche Tat.““ (in Rüstow: Ortsbestimmung der Gegenwart)

In der gegenwärtigen Presse wird die Berichterstattung über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse geprägt vom Sensationsvirus. Sensation ist übertriebenes Nachäffen des Staunens, zu dem niemand mehr fähig ist angesichts der technischen Verwüstung der Welt. Krampfhaft werden digitale Erkenntnisse bewundert, Erkenntnisse, die bereits ein halbes Jahrhundert alt sind und nur aus Machtgründen praktisch verwertet werden.

Offenen Auges rennen wir ins Verderben: in eine total überwachte Welt. China marschiert voran, der Westen auf leisen Pfoten hinterher. Kaum eine westliche Regierung, die sich dem Unheil entgegenstellte. Theoretisch nicht, praktisch schon gar nicht:

„Wir wissen, dass die sozialen Medien ein mutwillig gelegtes Feuer sind – und die Welt brennt. Aber es ist wie mit der Pandemie. Wir wissen in etwa, wie schlimm die Dinge werden könnten. Doch wir bleiben hoffnungslos menschlich. Uneingeschränkt optimistisch. Natürlich glauben wir, dass es einen Impfstoff geben wird. Weil es ja einen geben muss – oder? Im Fall von Facebook ist das Schlimmste bereits passiert. Wir haben nur einfach nicht geschafft, das zu erkennen. Und wir haben dabei versagt, mit Facebook abzurechnen. Dabei wird es in dieser Sache keinen rettenden Impfstoff geben.“ (der-Freitag.de)

In welchem Maß sich Wissenschaft dem Geld der Mächtigen unterworfen hat, will niemand wissen. Genauso wenig, wie der normale Wissenschaftsbetrieb lügt und betrügt.

„«Wissenschaft ist wie eine Religion geworden. Sie hat ihre eigenen Götter, Wissenschaftler, um die alle herumtanzen». Die wichtigste Währung in der heutigen Forschung sind Publikationen. Ihre Zahl, die Länge der Liste und welche Journale dort genannt werden, entscheidet über Berufungen oder darüber, wer einen „Schlüsselvortrag“ bei einem Kongress halten darf. Kurzum: über Forscherkarrieren.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Die ältesten Kirchenväter machten kein Hehl aus der Unverträglichkeit von Athen und Jerusalem:

„Die Apostolische Lehre enthält ausdrückliche Vorschriften, „sich der heidnischen Bücher vollkommen zu enthalten. Was hat ein Christ mit diesen Irrtümern zu tun? Was hat er noch nötig, wenn er das Wort Gottes besitzt? Die Bibel genügt nicht nur für das übernatürliche Leben, sondern auch für die Bedürfnisse der Bildung. All jene fremden und teuflischen Schriften muss man energisch von sich weisen.“ (Henri-Irénée Marrou: Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum)

Amerikanische Fundamentalisten stehen immer noch auf dem Boden dieser Urväter. Creationismus und Intelligent Design ersetzen alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Evolution. Atheistische Bücher werden aus den Schulbibliotheken entfernt. Die gesamte moderne Welt, einschließlich der Demokratie, sind Kreationen des Teufels. Trumps Aufstand gegen die Welt ist ein Aufstand der unfehlbar Erleuchteten über die gottverlassene Welt. Diesen christogenen Ursprung der Trump‘schen Empörung wider die Welt wollen die meisten Politanalytiker nicht zur Kenntnis nehmen.

Am Beginn des glaubenden Erkennens steht kein Staunen, sondern ein Überwältigt werden, eine Degradierung und Demütigung. Glauben geht nicht über sinnliches Sehen, Denken mit scharf definierten Begriffen, öffentliches Debattieren und Überprüfen, sondern über blindes Hören und Befolgen göttlicher Befehle, passives Vernehmen höherer Weisheiten, die nie bezweifelt werden dürfen.

Die Postmoderne knüpfte unmittelbar an diese Epoche der Minderwertigkeit des eigenen Denkens an mit ihrem Kampf gegen klare Begriffe. Alles Verlässliche und Objektive wurde zerstäubt in subjektive Vagheiten. Jeder konnte Begriffe nach Belieben verwenden. Eindeutigkeiten waren geächtet, wer sie einführen wollte, machte sich totalitärer Umtriebe verdächtig.

Das paulinische Denkverbot macht sich bemerkbar an der zentralen Rolle der Erkenntnistheorie in der modernen Philosophie. Wichtiger als Erkennen ist das Erkennen des menschlichen Erkenntnisapparats. Kant will Vernunft als Instrument der Erkenntnis durchschauen. Die Natur an sich bleibt unerkennbar. Wie aber kann er sagen: Natur an sich ist unerkennbar, wenn er sie gar nicht erkennt? Was er hingegen erkennt, ist das, was seine Vernunft der Natur rechthaberisch und herrisch  vorschreibt. Sie erkennt nicht das ganz Andere, sondern nur – sich selbst. Es handelt sich um eine autistische Spiegelung, nicht um eine bereichernde Begegnung mit einer Fremden, mit der man einst identisch war: mit der Natur.

Nicht nur abstraktes Denken darf die Weisheit der Natur nicht erkennen, auch sinnliche Erkenntnis muss ständig über den Trug der Sinne klagen. Vom Trug der Sinne zum Trug des Denkens und wieder retour: das ist das endlos labyrinthische Herumirren der abendländischen Philosophie. Und immer wieder das zwanghaft-quälende Bemühen um die Erkenntnistheorie, das Mittel des Erkennens, mit dem man nichts erkennen kann. Was der Mensch erkennen darf, ist just das, was er der Natur als Herrscher vorschreibt. Alles andere bleibt im Dunkeln.

Es gibt nur einen Philosophen, der diese Selbstbefriedigung, die sich nie an das Objekt der Begierde herantraut, durchschaut hat. Er heißt Leonard Nelson. Nicht zufällig forderte er die sokratische Hebammenkunst als Unterrichtsmethode:

„In der Schrift „Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie“ vertrat Nelson die Auffassung, dass eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie nicht möglich sei. Denn es lasse sich die objektive Gültigkeit von Erkenntnis nicht begründen, ohne diese Gültigkeit selbst bereits vorauszusetzen. In seinem bekanntesten Vortrag „Die sokratische Methode“ aus dem Jahr 1922 empfahl Nelson eine modifizierte sokratische Unterrichtsmethode für den Philosophieunterricht wie auch als Methode zur Wiederbelebung der philosophischen Forschung.“

Sokratische Hebammenkunst braucht keine künstliche Erkenntnistheorie, die sich arrogant über das Objekt der Erkenntnis erhebt. Sie findet den Weg der Erinnerung zurück zu den Urmüttern, zur Mutter Natur. Sie ist eine Einheit von instinktiver Erinnerung und schärfster logischer Auseinandersetzung. Wer schwimmen will, muss ins Wasser, hatte Hegel Kant vorgeworfen, der schwimmen lernen wolle, indem er krampfhaft am Ufer bleibt und übers Schwimmen theoretisch schwadroniert.

Im biblischen Glauben darf niemand die Welt erkennen. Er hat sie blindlings als Schöpfung zu loben und zu preisen. Würde er die Schöpfung durchschauen, würde er Gott durchschauen – und somit beherrschen. Wer jemanden bei Namen rufen darf, wer sich ein Bild von ihm machen kann, der hat ihn durchschaut. Der kennt ihn durch und durch. Weshalb nur Gott den Menschen ansprechen darf und nicht umgekehrt.

Historikern ist es nicht erlaubt, ihre Erkenntnisse zur Lösung politischer Probleme einzusetzen. Was nicht bedeutet, dass ihre Erkenntnisse um der Erkenntnis willen da wären.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse könnten auf technische Praxis verzichten. Das würde ihre technisch missbrauchten Erkenntnisse in Wahrheitssuche transformieren. Geistige Erkenntnisse hingegen sind eine theoretisch-praktische Einheit – oder sollten es sein. Glaubt der Mensch, das Gute gefunden zu haben, muss er es in humanes Tun verwandeln – andernfalls bliebe er ein Heuchler oder Schwätzer.

Zeit ist zerschnitten in endlos-unverbundene Augenblicke, wie Historiker und Medien zu propagieren pflegen. Deshalb machen sie es BILD leicht, den Trump‘schen Faschismus zu importieren. Könne doch niemand wissen, was Faschismus wirklich ist.

Doch wer kümmert sich um BILD? Wer leistet energischen Widerstand, damit Deutschland nicht auf die abschüssige Bahn seines bisherigen Vorbilds gerät?

Niemand. Wer wird sich denn – so die Seriösen unter den Gazetten – die Finger schmutzig machen beim Kampf mit einer räudigen Postille? Bleibt die obligate Endfrage: Was sagt die Kanzlerin?

Sie urlaubt und schweigt.

Fortsetzung folgt.