Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs XCVI

Tanz des Aufruhrs XCVI,

Was ist das Gerät des Mannes? Nun wehrt sich die Frau:

„Und was zeigt die Unschuld so schlicht, so rührend und unwiderstehlich wie eine nackte junge Frau? Auch wenn langes, gewelltes blondes Haar nicht zu sehen ist, ergänzt man es unwillkürlich. Hier tritt eine Eva-Gestalt auf den düsteren Plan, eine Venus wie von Botticelli gemalt, ein abendländisches Urbild der Verletzlichkeit und der Anbetung, eine Verkörperung des paradiesischen Naturzustands und des Schönsten, was der erwachsene Mensch repräsentieren kann. Sich hieran zu vergehen, wäre ein unverzeihlicher Frevel.“ (SPIEGEL.de)

Was ist das Gerät des Mannes – womit er das Universum erobert?

„‹Einmal›, sagte der wohl perfekteste Gentleman Hollywoods über die Erfahrung, die in den Fünfzigerjahren sein Leben änderte, ‹sah ich mich als gigantischen Penis, der von der Erde abhob wie ein Raumschiff.›“ (SPIEGEL.de)

Was ist das Gerät des Mannes? Nun schlägt die Frau zurück:

„Arbeit versklavt dich, Leben befreit dich. Bei klassischen Pornofilmen geht es immer nur um den Mann – seine Lust und seine Befriedigung. Die Frau wird zum Objekt. Wir nehmen uns viel Zeit füreinander. Ich würde ethische Pornos bevorzugen – denn es geht darum, dass sich alle wohlfühlen. Mehr als ihr Schwanz wird bei klassischen Pornofilmen nicht gefilmt. Es geht tatsächlich nur um „das Werkzeug“. Er ist wie Sex auch: seltsam, lustig, großartig, alles gleichzeitig. Viele Pornos zeigen genau das nicht, mich macht da nichts an. Die Industrie reproduziert immer nur die gleiche langweilige Idee vom Rein-Raus. Was aber einen Porno wirklich gut macht, ist der Blick der Darsteller – wenn ich in ihren Augen ihre Lust lesen kann, dann funktioniert der Film.“ (bento.de)

Was ist die Urwaffe des Mannes, mit der er das Weibliche ver-sächlicht und die Natur defloriert? Sie besteht aus sklavischer Arbeit, langweiliger Mechanik, Degradierung der Frau zum Objekt, chaotischer Lust, in der sich … … niemand wohlfühlt.

„Der Bub, der ist ein Säugetier,
Gefärbt von roter Tinte.
Hat hinten ein Kanonenrohr
Und vorne eine Flinte.
Darunter hängt der Pulversack,
Gefüllt mit zwei Patronen.
Das steckt er nun zum Zeitvertreib
Uns Mädels in den Unterleib.“    
(zit. in Ernest Bornemann, Die Umwelt des Kindes im Spiegel seiner „verbotenen“ Lieder, Reime, Verse und Rätsel)

Was geschieht, wenn der Mann mit seinem militanten Gerät die Welt zur Minna macht?

Zur Minna machen: „Diese Redensart ist über 100 Jahre alt und hat ihren Ursprung in einem Benimmbuch. Darin wurde den Töchtern in feinen Häusern empfohlen, die häufig wechselnden Dienstmädchen einfach nur mit „Minna“ anzureden. Da Mägde und Dienstmädchen oft schlecht behandelt wurden, wurde der Ausdruck „zur Minna machen“ im Laufe der Zeit gleichbedeutend mit erniedrigen, wie Dreck behandeln, demütigen.“So behandelt der männliche Mensch Sein und Seiendes, Welt, Kosmos, „Schöpfung“, Pachamama, die weibliche Natur.

Morgen früh um sechs
Kommt die kleine Hex.
Morgen früh um sieben
Passt auf auf eure Rüben!
Morgen früh um acht
Wird das Kind geschlacht!  (ebenda)

Welche Synonyme gibt es für das Gerät des Mannes?

„Schaft, Bolzen, Dödel, Lümmel, Riemen, Rohr, Rute, Schniedel, Schniedelwutz, Schwengel, Schwert, Stößel, Zauberstab, Zumpferl.“

Mechanische Werkzeuge als der Männer höchste Lust. Das Gerät des Mannes wird zur Maschine – Lust als Orgasmus des Untergangs und des Todes. Der Tod aber ist verschlungen in den Sieg, nur durch den Tod gewinnen wir das Leben:

„Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“

Das wahre Leben eröffnet sich durch den Tod des Natürlichen. Der Kuss der Liebenden wird zum Judaskuss des Verrats.

„Der gemeinsame Tod der Liebenden gehört, vom „Fliegenden Holländer“ bis zur „Götterdämmerung“, zu Wagners Mytheninventar. Den Sterbenden verheißt er, was ihnen auf Erden verwehrt war, die ersehnte „Erlösung“. War von seinem Tod die Rede, griff Hitler unweigerlich zu dieser Denkfigur, die den Tod nur als Durchgangsstadium zu einem besseren Leben. „Ich sterbe mit freudigem Herzen“, diktierte er am Vortag seiner Selbsterlösung, im Vertrauen auf die „strahlende Wiedergeburt der nationalsozialistischen Bewegung“ und damit Verwirklichung einer wahren Volksgemeinschaft. Wagners strahlender Held, der sterbende Siegfried der „Götterdämmerung“, wies ihm den Ausweg aus der Untergangskatastrophe. An ihm hatte der Bayreuther das Wunder der Verklärung im Tod, die Hitler als „herrliches Mysterium des sterbenden Heros“ bezeichnete. Nur durch den Tod, so die mythische Logik der Wagner-Welt, war Unsterblichkeit zu erringen, nur wer als Kämpfer unterlag, hatte Anspruch auf Wiedergeburt – und sei es, so Hitlers testamentarische Variante, als Märtyrer einer Volksreligion der Zukunft. Als Heiland würde er dereinst seinem Volk die Erlösung bringen, zwar nicht schon morgen, aber irgendwann, vielleicht im nächsten Jahrtausend, „so oder so“, wie sein Testament verhieß. Nur aus der Götterdämmerung des Nationalsozialismus und aus der Asche seines Scheiterhaufens würde die Morgenröte kommender Herrlichkeit aufgehen. Vor dem Tod aber kam, wie bei Jesus und Siegfried, der Verrat, kein Sterbegesang ohne Hagens Speer, keine Gethsemanestunde ohne Judaskuß.“

Der Großteil der deutschen Historiker beharrt zäh und störrisch auf dem Heidnisch-Germanischen der Hitlerbewegung: sie wollen ihr Christentum retten, ihren vertrauten, gänzlich unbekannten Konfirmandenglauben. Sie, die heute mit Wut auf dem Neuen beharren, auf Zerstörung des Alten, zementieren sich im Bestehenden, um das Alte zu retten.

Disruption? Zivilisationsbruch – wie Dan Diner meint?

„Indem Menschen der bloßen Vernichtung wegen vernichtet werden konnten, wurden auch im Bewußtsein verankerte Grundfesten unserer Zivilisation tiefgreifend erschüttert – ja gleichsam dementiert.“ (Diner)

Das Gegenteil ist richtig. Wagner und Hitler befinden sich im Einklang mit der christlichen Tradition auf dem Heilsweg von Golgatha, der – aus welchen Gründen auch immer – in die germanische Mythologie eindrang. Wenn das Germanische sich im Christlichen findet, müssen beide Religionen doch wohl wahr sein! Bayreuth war Kreuzigung und Auferstehung des Heilands im Gewande der Germanen:

„Hitler war, was keiner außer ihm selbst ahnte, das Opfer jenes schicksalhaften, von Wagner in Musik gesetzten Automatismus, der alle Welterlöser – solange es das Böse gibt – verschlingen wird. Gerade diesem „Bösen“ hatte Hitler seit Anfang seiner politischen Laufbahn den Kampf angesagt. „Sie wissen sehr vieles nicht“, raunte er an seinem letzten Tag einem Vertrauten ins Ohr. „Sie werden noch manches erfahren, was Sie wundern wird.“ Sprachs, dankte und ging in den Tod. Das Bild von der Kreuzigung drängte sich ihm auf. Schon in den zwanziger Jahren, seiner sogenannten Kampfzeit, hatte Hitler das deutsche Reich von den Juden ans Kreuz geschlagen gesehen – wie sein Idol Wagner sich selbst ein halbes Jahrhundert zuvor. „Ich hänge“, so hatte der Meister tiefsinnig verkündet, „gleichsam am Kreuze des deutschen Gedankens“, angenagelt von niemand anderem als den traditionellen Heilandsmördern. Besessen von der Wahnvorstellung, das „Weltjudentum“ trachte ihm nach Leben und Werk, sann Wagner über Möglichkeiten nach, dem zuvorzukommen. Nun war Hitler in die Verantwortung getreten … und bereitete sich nun, in treuer Nachfolge, auf den vorgezeichneten Passionsweg vor.“
(Alle Zitate in Joachim Köhler, Wagners Hitler: Der Prophet und sein Vollstrecker)

Sterben wollte er allerdings von eigener Hand. Er wolle „nicht Feinden in die Hände fallen, die zur Erlustigung ihrer verhetzten Massen ein neues, von Juden inszeniertes Schauspiel benötigen.“

Nicht nur Wagner, auch Friedrich der Große, war in gewisser Hinsicht sein Vorbild: in der Frage, wie man „gegen eine erdrückende Übermacht das Kriegsglück erzwingen kann. Beim Gedanken daran, wie in Preußens höchster Not der plötzliche Tod der Zarin die wundersame Rettung herbeigeführt hatte, traten Hitler im Bunker „die Tränen in die Augen“. Als ihn die Meldung erreichte, der amerikanische Präsident sei gestorben, verfiel er, aus verfehltem Analogieschluss, in Hochstimmung. Für Jahre, die in die Geschichte eingingen, hatte sein Heiland die Deutschen herrlichen Zeiten entgegen geführt. Nun saß der einstige Erlöser selbst in einer Zelle fest, umgeben von einer feindlichen Übermacht.“

Alles neue Erkenntnisse, die noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen sind? Im Gegenteil:

„Lange hatte man „nach einem neuen Siegfried“ gesucht, wie der spätere Bundespräsident Theodor Heuss schon 1932 wusste, „der mit Wagner und Chamberlain das deutsche Volk erlösen könnte“; man hatte, wie Wolfgang Wagner, der heutige Festspielleiter in Bayreuth, bestätigte, die „Einsetzung“ eines „arischen Messias“ erhofft. Was mit erhabenem Schweigen über seine Anfänge als Erlöser begann, führte zur chronischen Lüge über die Endlösung. … nur als Massenmörder bewährte er sich als Heiland. Hitlers Selbstüberschätzung wirkte ansteckend, führte in Deutschland zu einer Art religiöser Epidemie, verbunden mit einer Applausekstase, wie sie sonst nur bei Festspielen üblich war. Hitlers metaphysische Sendung wurde zum nationalen Dogma erklärt. Vor die Zukunft der Heldenrasse hatten Walhalls Götter den Untergang ihres „Todfeindes“ gesetzt.“

Ein SPIEGEL-Artikel über ein pastorales Ehepaar, das im Dritten Reich dem Führer anhing, nach dem Krieg seine Vergangenheit verschwieg und zu Dietrich Bonhoeffer, einem der wenigen aufrechten Widerständler, überlief, bestätigt die Führer-Messias-Euphorie der Eschatologen:

„«Führertum gibt Kraft. … Deutschland lässt sich nichts mehr gefallen … Ich vertraue dabei fest auf Hitler. Er wird mit Gottes Hilfe unser Volk den rechten Weg führen». Mutter Margarete heißt als junge Frau alles gut, was die Nazis treiben. «Mit heißer Anteilnahme und Freude» verfolgt sie im März 1939 den Einmarsch deutscher Truppen in Böhmen und Mähren. «Ach dabei sein können!» Christians Bruder Helmut ist bei diesem Einmarsch bereits als Offizier beteiligt. Stolz berichtet er Margarete: «Ich führte eine selbstständige Einheit … Der Jubel der Deutschen war unbeschreiblich … Das deutsche Volk ist das größte der Welt!» … «Es ist doch Tatsache, dass auch wir lieber Tote als Gefangene machen. Diese machen viel zu viele Scherereien. Besonders mit den Juden wird es nicht so genau genommen. Und ich sehe ein, dass es nötig ist.»  … «Im Westen kämpfen wir gegen die Neger, im Osten gegen die Bolschewisten und Mongolen und überall gegen die Juden.»“ (SPIEGEL.de)

Wieder einmal bewiesen die Kirchen ihre Lügen-, pardon, Wandlungsfähigkeit, sich auf der Stelle um 180 Grad zu drehen und an die Spitze der bisherigen Gegner zu stellen. Hier wurden die Grundlagen der Nachkriegsparanoia gelegt, die noch heute das nationale Psychogramm bestimmen. Wenn schon Kanzelprediger um des Himmelreichs willen lügen und betrügen: warum sollten ihre Kirchenschafe sich an die Wahrheit halten?

Fast ausnahmslos haben die deutschen Holocaust-Historiker sich an die Schwarmlügen der Popen gehalten und die Mär verbreitet, der christliche Glaube sei von der NS-Elite als Propagandamittel missbraucht worden.

Das christliche Credo und die Pastorentochter haben eins gemeinsam: stets sind sie unschuldig. Weswegen man endlich aufhören sollte, Gott für alle bösen Dinge in der Welt anzuklagen, wie Bischof Bedford-Strohm unwillig den Deutschen vorhält. Natürlich meinte der Dauerlächler die Kanzlerin, die er aus Gründen verbotener Menschenanbetung nicht zu nennen wagte.

Wir aber scheiden mit dem Wissen: wenn Gott am Bösen nicht schuldig sein kann, dann auch die Magd Gottes nicht. Jüngstes Beispiel: als Deutschland an der Anti-Corona-Front vorbildlich schien: wem gebührte das Verdienst? Wem wohl? Sollte das Land aber in bestürzender Weise seinen obersten Rang verlieren: wer wird daran schuldig sein? SIE nicht. Deutschland ist zur beliebtesten Nation der Welt, die Kanzlerin zur Weltenkönigin aufgestiegen. Wie ist dieses Wunder zu erklären? Der Herr der Geschichte hat – auf inständiges Bitten seiner Magd – alle in Frage kommenden Rivalen so abstürzen lassen, dass nur noch die Eine übrig blieb. Das ist kein Beispiel für eine positive Verschwörungstheorie, das ist prophetische Vorsehung.

Womit wir wieder bei Hitler, dem Sohn der Vorsehung, angekommen wären. Warum ist der verdiente österreichische Historiker Friedrich Heer hierzulande unbekannt? Weil Heer in seinem Buch: „Der Glaube des Adolf Hitler“ penibel nachwies, dass Hitler jeden germanophilen Unfug ablehnte. Als junger Heranwachsender in Linz wollte er Priester werden. Er wurde Priester – als politischer Führer, der civitas terrena und civitas dei im 1000-jährigen Endreich zur ursprünglichen Einheit zusammenfügte.

„Adolf Hitler distanziert sich in „Mein Kampf“ nachdrücklich von allen völkischen, neuheidnischen, germanischen Bewegungen. Er rühmte die patriotische Leistung eines katholischen und evangelischen Klerus zur Erhaltung der Widerstandskraft an der Front und in der Heimat im Ersten Weltkrieg. „Dem politischen Führer haben religiöse Lehren und Einrichtungen seines Volkes immer unantastbar zu sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll Reformator werden. Eine andere Haltung würde Deutschland in eine Katastrophe führen.“ Das ist eine deutliche Absage an Ludendorff und seine Gattin, an die Bünde, denen Rosenberg, Himmler, Hess nahestehen.“

Hitler begann mit einem hohen Lob der Juden. Über 2000 Jahre lang hätten sich die Juden im zähen Selbsterhaltungstrieb unverändert erhalten. „Welch ein unendlich zäher Wille zum Leben, zur Erhaltung der Art spricht aus diesen Tatsachen!“

Doch im Verlauf der Zeit habe sich Grundlegendes verändert:

„Die Synagoge hat keinen rechten Glauben mehr, die Kirche ist nun das wahre Israel. Aller Glaube ist vom „alten Gottesvolk“ – durch Jesus – auf das neue Gottesvolk übergegangen. In dieser theologischen Enteignung wurzelt im Letzten die staatsbürgerliche, wirtschaftliche, menschenrechtliche Enteignung der Juden – zuletzt ab 1935. Hitler: der Jude ist ganz diesseitig, er besitzt keinen Idealismus, keinen Glauben an das Jenseits. Die arische Religion ist hingegen Glaube an das Fortleben nach dem Tode. „Des Juden Leben ist nur von dieser Welt“. Der eigentümliche „Johanneismus“, der uns in Hitlers Predigt-Reden immer wieder begegnen wird, zeigt sich hier im Kern: der Jude gehört der bösen Welt an. Deshalb hatte Jesus die Peitsche ergriffen gegen die Juden im Tempel – dafür wurde Christus ans Kreuz geschlagen. „Der Jude ist religionslos, glaubenslos – und strebt als Ungläubiger, als Antichrist, die Weltherrschaft für seine Rasse an.“ Berauscht von der „Götterdämmerung“ Wagners, sieht Hitler fasziniert der Menschendämmerung, der Zeit, in welcher der Bazillus Mensch die Erde verlassen haben wird, und der Judendämmerung entgegen: der „Endlösung“ der Menschenfrage.“ (Friedrich Heer)

Eben dies war auch Hitlers Mission: die Reinigung des Tempels von den Juden.

Um seiner Vorbereitung auf das göttliche Endreich gerecht zu werden, sprach Hitler die pathetischen Worte: „er sei bereit, sich kreuzigen zu lassen.“

Das deckte sich mit der Sicht der Theologen beider Konfessionen, für die seit 1918 eine große Umwälzung begonnen hatte. „Den Beginn der industriellen Revolution und eines nachkopernikanischen Zeitalters konnten sie nur als apokalyptische Endzeit verstehen: als Entscheidungskampf zwischen Christ und Antichrist, wobei Hitler den Christ mit dem arischen Menschen – und den Antichrist mit dem ewigen Juden identifiziert.“

Hier zeigt sich eine überraschende partielle Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Juden – und ein grundlegender Unterschied.

Die Attacke Hitlers gegen die – säkularen – Juden, sie seien religionslose Fanatiker, süchtig nach der irdischen Herrschaft der Welt, ähnelt dem Vorwurf der Charedim gegen die Zionisten, sie seien von Geboten der Thora abgewichen, um der bloßen irdischen Macht willen.

„Die Verantwortung der Gerechten für das Schicksal aller Juden ist eines der tragenden Säulen des Judentums. Diese Auffassung bewegt die religiösen Juden, sich gegen die Verletzungen der Thora zu erheben, von denen der Zionismus ihrer Meinung nach eine der schlimmsten ist, weil er zwangsläufig zur Abwendung von der Thora führe.“ (Rabkin, Im Namen der Thora)

Nun aber der riesige Unterschied. Der Kampf Hitlers gegen die von ihrer ursprünglichen Berufung abgefallenen Juden bediente sich der christlichen Antinomie: das Heilige ist die (dialektische) Einheit von Gut und Böse. Hitler wollte das Böse der Welt vernichten, um das heilige Endreich zu errichten. Das Böse war nicht das Böse der autonomen Vernunft, sondern das Heidnische und Ungläubige, das sich dem Willen der Vorsehung widersetzt. Das Heilige darf sich aller Mittel bedienen, der guten und bösen, um den zweiten Garten Eden zu errichten.

Ganz anders die Charedim, die in ihrem Kampf gegen die jenseitsvergessenen, irdisch gesinnten Zionisten, streng ihren Thorageboten folgen müssen.

„Ihr aber sollt auf meine Satzungen und Vorschriften achten und keine dieser Gräueltaten begehen, weder der Einheimische noch der Fremde, der in eurer Mitte lebt.“ „Denn all die Gräueltaten haben die Leute begangen, die vor euch im Land waren und so wurde das Land unrein.“ „Wird es etwa euch, wenn ihr es verunreinigt, nicht ebenso ausspeien, wie es das Volk vor euch ausgespien hat?“ (3. Mose 18, 26-28)

In der beginnenden Endzeit zeigen sich verblüffende Ähnlichkeiten und gravierende Unterschiede zwischen Juden- und Christentum. Während die gesamte christliche Kultur – mit minimalen Ausnahmen wie die pazifistischen Quäker – in antinomischer Willkür sich des Guten und Bösen bedienen kann, um das Finale für sich zu gewinnen, hat sich das Judentum gespalten.

Die atheistischen Zionisten sind „christlich“ geworden, indem sie sich – wie im Fall der palästinensischen Besatzung – aller antinomischen Mittel bedienen, der rechtlichen wie der rechtlosen. Die Charedim hingegen lehnen diese Thoravergessenheit strikt ab. Sie warten auf den Messias, der selbst weiß, wie er das Reich Gottes auf Erden installieren kann. Wahre Juden werden ihrer Moral unter keinen Umständen untreu, verfolgen keine politischen Ziele und harren in unauffälligem Durchhalten  des Kommenden.

Ein entferntes Echo dieser Ablehnung autonom-politischer Weltgestaltung ist vernehmbar in Poppers Absage an jede Utopie, die, würde man sie vom Himmel auf die Erde holen, zur Hölle werden müsste.

In Trumps Amerika scheint sich eine biblizistische Vorform einer faschistischen Antinomie zu entwickeln. Bislang noch auf der Ebene fundamentalistischer Gemeinden. Wie lange noch? :

„Sarah Fourniers Film über Evangelikale in den USA liefert kein Porträt einer mental zurückgebliebenen Minderheit, sondern das einer stattlichen Bevölkerungsmehrheit in den USA. Die „christliche Tradition“, in der sie sich sehen, ist die der Kreuzzüge und der Inquisition. Zwar würden wohl nicht alle von ihnen den Zusammenhang zwischen Religion und Bewaffnung so eng sehen, aber das Bedauern darüber, dass es so viele Atheisten gibt, die man lieber in den Schoß der religiösen Gemeinschaft zurückholen würde, ist sehr weit verbreitet. Manche würden Atheisten aber lieber gleich internieren oder erschießen. Darum geht es nach dem Gottesdienst zum Schieß- und Häuserkampf-Training. Da wird mit scharfer Munition geschossen, aus Handfeuerwaffen und Sturmgewehren. Neben dem Abzugshebel für automatisches Schießen ist ein Zeichen für „Gottes Wille“ eingraviert. Nach dem Schießtraining gibt es ein Barbecue. Was könnte amerikanischer sein als die Abfolge von Gottesdienst, Schießtraining und Barbecue.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Trump scheint eine neue Rolle einzustudieren: die des Unverstandenen und Leidenden, der für die Rettung von Gottes eigenem Land immer mehr zum Märtyrer werden muss. Vorbilder für Gekreuzigte, die sich an der Welt rächen durch ihre Auslöschung, gibt’s wie Sand am Meer.

„Niemand mag mich. Er beschwerte sich darüber, dass sein Berater für den Umgang mit der Pandemie, der führende Seuchenexperte Anthony Fauci, populärer sei als er selbst. „Dies muss an meiner Persönlichkeit liegen“, sagte der Präsident über sich selbst.“ (SPIEGEL.de)

Naturreligionen sind zumeist weiblich, Erlöserreligionen immer männlich.

Was ist das Gerät des Mannes, um auf Erden seinen Willen durchzusetzen? Es ist identisch mit der Maschine, die in Form des Klassenstaates und technischer Dominanz über die Natur das irdische Geschehen beherrscht. Das Symbol dieses Geräts trägt den seltsamen Namen – Phallus:

„Phallusverehrung steht weniger im Zusammenhang mit Zeugung als mit dem Tod. Gewehre, Kanonen, Raketen und andere Waffen sind Phallussymbole. Im Unterweltjargon steht „Spritze“ für Schusswaffe. Ausdrücke wie „flachlegen“ und „stoßen“ bezeichnen tätliche Angriffe wie sexuelle Kontakte. Dominante Männer sind „Kanonen“. Das antike Bild des Fruchtbarkeit spendenden Herrn des Lebens verwandelt sich in das eines Herrn des Todes, wenn die männliche Macht der Zerstörung gleichgesetzt wird. In ihrer Verherrlichung männlicher Aggression lässt die moderne Welt die antike Verehrung der Göttin schmerzlich vermissen: dass wahre Macht die Macht der Erhaltung ist.“ (Walker)

Erlöserreligionen sind Phallusreligionen: Von A bis O, von Alpha bis Omega, von der Erschaffung aus Nichts bis zur Vernichtung in Nichts, um ein Neues hervorzuzaubern, ist alles männliche Erektionsware in transzendenten Omnipotenzphantasien.

Das Gerät des Mannes ist die gewaltige Maschine seiner Hochkultur von ihren babylonischen Anfängen bis zur erigierten Rakete ins Universum. Lewis Mumford beschrieb in seinem gewaltigen Werk „Mythos der Maschine“ die Entwicklung der mechanischen Männergewalt über das Menschengeschlecht in vielen Perspektiven.

Eine der wichtigsten Eigenschaften des phallischen Systems ist für Mumford:

„Dieses System geht von der Annahme aus, dass Reichtum, Muße, Komfort, Gesundheit und ein langes Leben rechtens nur der herrschenden Minderheit zustehen, während schwere Arbeit, ständige Not und Entsagung eine „Sklavenration“ und früher Tod zum Los der Mehrheit wurde.“

Wenn vor kurzem ein Mann mit seinem Gerät eine Frau vergewaltigte, war stets die Frau schuldig. Hätte sie mit ihren Reizen den Mann doch nicht heimtückisch in Versuchung führen sollen. Die bisherige Emanzipation der Frau beschränkte sich darauf, ins Reich des Mannes einzudringen, um seiner Macht eine Gegenmacht entgegenzustellen.

Viel wichtiger aber wird sein, sich der Maschine des Mannes zu entziehen und eine weibliche Welt aufzubauen, die mit der Natur in Einklang lebt. Das wäre die Voraussetzung aller Voraussetzungen, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Karrierefrauen wie Merkel und von der Leyen markieren den jetzigen Stand der Emanzipation durch Unterordnung unter das männliche Gerät.

Bornemann, nicht nur Sammler kesser Kinderlieder, mahnt jedoch in dringlichen Worten:

„Wenn die Frau versucht, sich im Patriarchat Gleichberechtigung zu verschaffen, macht sie sich zur Handlangerin eines Ausbeutungssystems, das den Gemeinnenner von Sklaverei, Feudalherrschaft und Kapitalismus darstellt: den Gemeinnenner der Klassenherrschaft.“ (Das Patriarchat)

Ab jetzt beginnt die Abwehr der Männermaschine und der Aufbau einer humanen Welt mit weiblichen Waffen:

„Und was zeigt die Unschuld so schlicht, so rührend und unwiderstehlich wie eine nackte junge Frau? Hier tritt eine Eva-Gestalt auf den düsteren Plan, eine Venus wie von Botticelli gemalt, ein abendländisches Urbild der Verletzlichkeit und der Anbetung, eine Verkörperung des paradiesischen Naturzustands und des Schönsten, was der erwachsene Mensch repräsentieren kann. Sich hieran zu vergehen, wäre ein unverzeihlicher Frevel.“

 Fortsetzung folgt.