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Tanz des Aufruhrs XCV

Tanz des Aufruhrs XCV,

Glinkastraße? Danke, nein: Glinka war antisemitisch.

„… der uns innewohnenden unwillkürlichen Empfindung, die sich uns als instinktmäßiger Widerwille gegen das jüdische Wesen äußert: an ihr, der unbesieglichen, muss es uns, wenn wir sie ganz unumwunden eingestehen, deutlich werden, was wir an jenem Wesen hassen … ja, schon durch seine nackte Aufdeckung dürfen wir hoffen, den Dämon aus dem Felde zu schlagen, auf dem er sich nur im Schutze eines dämmerigen Halbdunkels zu halten vermag, eines Dunkels, das wir gutmütigen Humanisten selbst über ihn warfen, um uns seinen Anblick minder widerwärtig zu machen.“ (Richard Wagner, Das Judentum in der Musik)

Wagnerstraßen gibt es in Deutschland wie Sand am Meer. Wagner war der Lieblingskomponist des Führers, durch seine Opern steigerte sich Hitlers judenhassendes Weltbild zum Exzess. Seine Besuche in Bayreuth waren vorbereitende Kreuzzüge, um sein 1000-jähriges Reich von Juden zu reinigen.

Was die Kanzlerin, bekennende Wagnerianerin, über ihren Lieblingskomponisten zu sagen hat, enthüllen die folgenden Zeilen:

„Die Kanzlerin entschied sich zur diesjährigen Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele für einen schimmernden Zweiteiler in einem grellen Grün.“

Also nichts. Ihre einfühlsame Begleitpresse dachte bis zum heutigen Tage nicht daran, sie mit Fragen zu belästigen. Schließlich handelt es sich … … um Kultur – und Kultur ist in Deutschland, zumal mit Musik verbunden, eine sakrale Angelegenheit. Musik hat keine Botschaft außer der: Musik ist frei von allem Irdischen. Nur dumme Menschen stellen die Frage: dringt aus der Musik eines Judenhassers nicht vielleicht seine Gesinnung wie ein Virus in die Gehirne seiner Bewunderer, deren Geniestimmung sich jenseits aller Politik und Moral bewegt?

Wollte man alle deutschen Kulturheroen mit antisemitischer Gesinnung vom Sockel holen, wären fast alle Museen, Theater, Bibliotheken leergefegt und lahmgelegt.

Micha Brumlik nennt in seinem Buch „Deutscher Geist und Judenhass“ die Spitzen des Eisbergs: die Philosophen Kant, Fichte, Schelling, Hegel – also alle deutschen Idealisten –, den protestantischen Theologen Schleiermacher und Marx, den materialistischen Totengräber aller Philosophen, der seine Volksgenossen aus tiefstem Herzen ablehnte:

„Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfniss, der Egoismus. Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen, – und verwandelt sie in eine Waare. Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst constituirte Werth aller Dinge. Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel.“ (Karl Marx, Zur Judenfrage, 1843)

Denken schon die deutschen Rechten, die sich als gebildete Mitte betrachten, nicht daran, ihre antisemitische Ahnengalerie zu überprüfen, so die Linken erst recht nicht: wie könnte ein Jude ein Judenhasser sein?

Der Begriff Selbsthasser überdeckt eine Kalamität: wenn Marx als Antisemit gilt, so müssten alle jüdischen Selbsthasser Antisemiten sein – mögen die Gründe noch so verschieden sein. Auch die frommen jüdischen Antizionisten, die den Staat gottloser Zionisten ablehnen, müssten als Antisemiten eingestuft werden.

„Zu den Gegnern des Zionismus und des Staates Israel gehören sowohl die Charedim (die unpolitischen Frommen), die stärker als jede andere jüdische Gruppe unter den Nazis zu leiden hatten, aber auch die amerikanischen Reformer, die von der Tragödie gänzlich verschont blieben. Viele Juden in Israel und in der Welt sind zu dem Schluss gekommen, dass die gegenwärtige Existenz des Staates Israel mit ethisch inakzeptablen Handlungen verbunden ist. Nach ihrer Meinung werden alle Erfolge des Zionismus vor dem Kommen des Messias ausgelöscht, so dass er das Land Israel im Zustand völliger Leere vorfinden wird. Der Staat Israel ist nach dieser Sichtweise nur ein Hindernis auf dem Weg zur Erlösung. Sie glauben, dass bei der Ankunft des Messias vom Staat nichts mehr übriggeblieben sein darf.“ (Yakov M. Rabkin, Im Namen der Thora: Die jüdische Opposition gegen den Zionismus)

Da Antisemitismus eine allgemeine geistige Vergiftung und keine Ideologie der Herkunft ist, zeigt sich bereits hier die politische Unbrauchbarkeit des Begriffes Antisemitismus, der in seiner Verwirrung und Unklarheit der Willkür diverser Machtinteressen ausgeliefert ist: den Interessen der Netanjahu-Regierung, die durch ein Ministerium stolz vermelden ließ: seinen Propagandisten sei es gelungen, den Begriff Antisemitismus auf illegitime Kritik am Staate Israel einzuschränken – und somit zu verfälschen.

Mangelnde Präzision eines Kampfbegriffes zeigt, dass der Kampf nicht ernst gemeint wird. Er steht im fremden Dienst und desavouiert den Kampf gegen wahren Antisemitismus in seiner zunehmenden Gefährlichkeit. Unausweichliche Folgerung: der bigotte Kampf gegen Antisemitismus, wie er in Medien und der deutschen Politik ausgefochten wird, ist selbst zum antisemitischen Instrument verkommen. Der „falsche“ Kampf gegen falschen Antisemitismus schaut seelenruhig zu, wie „echter Antisemitismus“ immer bedrohlicher und stärker wird.

Bestärkt wird dieser Eindruck durch das antisemitische Agieren sogenannter Freunde Israels, unter ihnen der amerikanische Präsident, der durch seinen jüdischen Schwiegersohn einen Friedensplan für den palästinensisch-israelischen Konflikt ausarbeiten ließ, welcher dem Staate Israel keine Freunde in der Welt einbringen wird. Im Gegenteil.

Achtung, Verschwörungstheorie: könnte es sein, dass der judenverachtende Trump, bewusst oder unbewusst, dem Staate Israel – der ein jüdischer sein will – mit einem hinterlistigen Plan Schaden zufügen wollte?

„Mithilfe seiner schallenden Ungehörigkeiten weckt Trump gezielt die Geister der Zwischenkriegszeit: vom Isolationismus bis hin zum Rassismus. Im Innern setzt er bewusst auf die Taktik des Tabubruchs, um seine vornehmlich weiße Wählerschaft aufzuputschen. Neuerdings auch mithilfe des Antisemitismus. Wer als amerikanischer Jude die Demokraten wähle, der sei entweder ahnungslos oder von „großer Illoyalität“, so Trump. Niederträchtiger lässt sich das uralte Vorurteil kaum verwenden, die Juden seien keine treuen Staatsbürger.“ (WELT.de (Nein-Stimmen: 229; Ja-Stimmen: 57))

Trumps antisemitischer Philosemitismus entspricht dem deutschen Philosemitismus des Springerverlags, der in seiner Absegnung der Netanjahu-Politik dem Staat keine Freunde bringen wird. Im Gegenteil: der Hass gegen die Juden – der ohne genuine Antisemitismus-Wurzeln auskommt – wird künstlich in die Höhe getrieben.

Virtuos spielt Verleger Döpfner auf zwei Klavieren eine kakophone Musik. Die WELT darf gelegentlich Kritisches über Israel schreiben, BILD muss vor Wut gegen deutschen Antisemitismus wüten und schnauben – als williges Instrument der Netanjahu-Propaganda.

Besinnungslos folgt die Kanzlerin der gesamtdeutschen Heuchelpolitik unter dem Siegel bedingungsloser Loyalität. Nie darf eine demokratische Loyalität zu Menschen und Nationen bedingungslos sein: sie hat sich an Regeln der Menschen- und Völkerrechte zu halten – bedingungslos. Indem sie von Spuren des wahren und brandgefährlichen Antisemitismus ablenkt, ist die derzeitige Kampagne gegen Antisemitismus selbst antisemitismus-verdächtig.

Nicht, wer zuerst Antisemitismus ruft, ist ein vorbildlicher Kämpfer gegen Antisemitismus. Unfehlbare Verurteilungen sind das Privileg gewisser Religionen und gehören nicht in das Gebiet der Politik und Wissenschaft. Soll die Kampagne wissenschaftlich seriös sein – was sie sein müsste –, wären die Kriterien im Streit aller Menschenfreunde zu debattieren. Solange es keine gleichen Suchmaßstäbe gibt, bleiben die Vorwürfe Diffamierungsinstrumente.

Das Simon-Wiesenthal-Center mit päpstlichen Antisemitismus-Listen dient nicht der Suche nach Judenfeinden, sondern der Einschüchterung von Kritikern der Israelpolitik. Die EU müsste die Schließung dieser ex-cathedra-Institution fordern. Ein nicht geringer Teil des grassierenden Antisemitismus ist der Empörung gegen die Doppelmoral zu verdanken. Wie groß der Anteil des genuinen Antisemitismus ist, könnte man erst feststellen, wenn man die Propagandaeffekte herausfiltern könnte.

Auch die verbale Assoziationsmethode zur Ermittlung von Antisemitismus taugt wenig. Wer ein Wort benutzt, das dem Sprachgebrauch der Nazis entspricht, könnte ein Antisemit sein. Ob er tatsächlich einer ist, könnte erst festgestellt werden anhand anderer Kriterien. Der Grund ist einfach: die gesamte Sprache des Dritten Reichs war nationalsozialistisch kontaminiert. Jedes deutsche Wort wäre somit nationalsozialistisch-verdächtig.

Victor Klemperer hat in seiner Untersuchung über LTI, Lingua tertii imperii, die Sprache des Dritten Reiches, Folgendes festgestellt:

„«Es wird jetzt so viel davon geredet, die Gesinnung des Faschismus auszurotten», schrieb Victor Klemperer 1947 in seiner Abhandlung zur Sprache des Dritten Reichs: «es wird auch viel dafür getan. Kriegsverbrecher werden gerichtet, Hitlerplätze und Göringstraßen umbenannt, Hitler-Eichen gefällt.» Die Sprache des Dritten Reichs, so lautete die Kernthese der „LTI“, überlebte letztlich nicht in Form von Straßennamen oder Symbolen, sondern in unbewusst und wie mechanisch übernommenen, scheinbar unmerklichen Ausdrücken. Diese Ausdrücke, so Klemperer, waren das eigentlich stärkere Propagandamittel der Nazis. Sprache lässt sich aber eben nicht so leicht „stürzen“. Sie war den Deutschen in der Nazizeit in Fleisch und Blut übergegangen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Abgesehen von militanten Hauptbegriffen, war die Sprache der Nazi-Eliten dieselbe wie die der Nachkriegsgenerationen. Unseriös und durchschaubar wäre es, vom bewusstseinslosen Gebrauch des Nachkriegsdeutschs auf bewussten Judenhass zu schließen.

Die heutige Antisemitismus-Kampagne ist ein Kampf mit widersprüchlichen Methoden auf ungesicherter wissenschaftlicher Basis. Er meint nicht, was er angeblich unter die Lupe nimmt. Jesus würde von pharisäischen Schlussfolgerungen sprechen. Aus einer Mücke wird ein Elefant gefolgert.

Im naturwissenschaftlichen Bereich mag die Methode zu vertreten sein: ein winziger Virus dominiert den ganzen Leib eines Menschen. Der Geist des Menschen hingegen verfügt über mehrere Departements, um sich vor allzu schnellen Urteilen zu schützen. Er besitzt Instinkte, Emotionen, Sinne und Verstand, um jede Erkenntnis aus mehreren Seiten zu betrachten.

Das wäre der Akt des Denkens, der unter demokratischen Bedingungen sich der Einsamkeit entziehen und der öffentlichen Überprüfung stellen sollte. Was autistisch bleibt, ist fälschungsanfälliger als wenn es im Licht vieler Mitdenkender sich der Wahrheit nähern kann.

Warum ist die ganze Antisemitismus-Debatte keine vorbildlich-demokratische? Die Pfeile der Aggressionen schwirren zwar durch den freien Raum, die Denkakte aber werden nicht minutiös auf der Agora ausgefochten. Jeder stolziert gepanzert in den Ring, was sich aber hinter dem Panzer verbirgt, bleibt ein Mysterium. In Deutschland übt sich die Öffentlichkeit in schneidendem Schweigen. Die meisten Deutschen, unter ihnen die führenden Intellektuellen, Politiker und Edelschreiber, verharren in stummer Feigheit.

Omri Boehm hat in seinem herausragenden Buch „Israel – eine Utopie“ die lähmende deutsche Friedhofsruhe trefflich gekennzeichnet. Er erzählt die Geschichte von Jürgen Habermas, dem führenden deutschen Aufklärer, der während eines Aufenthaltes im Heiligen Land nach seiner Meinung zur israelischen Politik befragt wurde.

„Er antwortete, dass zwar „die gegenwärtige Lage und die Grundsätze der israelischen Regierung“ eine „politische Bewertung“ erforderten, diese aber nicht „Sache eines privaten deutschen Bürgers meiner Generation“ sei.“

Das ist das Eingeständnis einer bankrottierenden Vergangenheitsbewältigung. Habermas, geboren im Jahre 1929, der das Dritte Reich als Jugendlicher erlebte, fühlt sich als vermeintlicher Täter nicht befugt, ein Urteil über das Volk der Opfer abzugeben. Schuld ist zur lebenslangen Stummheit verurteilt.

Habermas war viel zu jung, um verantwortlich zu sein für die Verbrechen seiner Eltern. Nichts verpflichtet ihn, sich mit der übergroßen Schuld der Älteren zu identifizieren. Selbst wenn er erwachsener Mitläufer gewesen wäre, hätte er nicht das Recht, zu schweigen. Im Gegenteil: es war das widerstandslose Schweigen der Mitläufer, das den Triumph der Nazis erst möglich machte. Erneutes Schweigen zu einem – nicht vergleichbaren – Vergehen gegen die Menschenrechte der Palästinenser würde der Urschuld eine weitere Schuld hinzufügen.

Sollten die Deutschen den Anspruch haben, sich aus einem Tätervolk in ein schuld-bewusstes Volk verwandelt zu haben, hätten sie nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Situation der Gegenwart zu verstehen und zu beurteilen. Das hieße: sie hätten – gerade unter der Perspektive verstandener Eigenschuld – auch die Schuld anderer zu benennen, um das Elend in der Welt zu verringern. Boehm benutzt das Wort Utopie – ein Begriff, der hierzulande nur auf Häme trifft.

Der Holocaust, der von deutscher Seite als Vorwand benutzt wird, um kritische Freundschaftspflicht zu verleugnen, und von israelischer Seite, um sich jede Kritik an ihrer Unrechtspolitik zu verbitten, wäre auf beiden Seiten ohne Erkenntnis geblieben.

Das wäre die Fortsetzung des Bösen mit weiterem Bösen – wenn auch geringeren Grades. Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären. Für alle Parteien gibt es nur eine Schlussfolgerung: der Holocaust darf sich nie wiederholen. Weder in der Quantität noch der Qualität des Verruchten.

Die Folgerung aus dem Menschheitsverbrechen ist einfach, selbst wenn sie komplex scheint und schwierig zu befolgen ist: Mensch, behandle jeden Menschen wie einen Menschen.

In Deutschland hat es sich offenbar noch nicht herumgesprochen: Juden sind, unglaublich aber wahr, Menschen. Antisemitismus ist Hass gegen das Menschengeschlecht. Palästinenser sind auch Menschen. Unabhängig von allen Methoden des Schikanierens und Demütigens: wer Menschen nicht als Menschen behandelt, verstößt gegen Gesetze der Humanität.

Boehm in seinem mit scharfem Verstand und humaner Leidenschaft geschriebenen Buch:

„Ein „zionistischer kategorischer Imperativ“ ist nicht nur eine widersinnige Idee; er ist eine beschämende Entstellung des humanistischen Denkens, angeblich den Juden zuliebe. Was sich als unbedingte Solidarität mit den Juden ausgibt, ist in Wirklichkeit Verrat an ihnen – weil es sie von der Teilhabe an der gemeinsamen Menschlichkeit ausschließt. Genau aus diesem Grunde aber sollten wir uns der Tendenz widersetzen, Israel als einen gleichsam der Kritik enthobenen Staat zu behandeln, der nicht auf herkömmlicher, legitim zu hinterfragender und zu diskutierender Politik beruht, sondern auf einem quasi sakralisierten Holocaust-Gedenken.“

Dieser Vorwurf trifft in die Eingeweide deutscher Heuchelei. Was sich Merkel & BILD erlauben, trieft von Phrasen, die die Realität auf den Kopf stellen.

Von der deutschen Feigheitsfront wird gern ins Feld geführt, die besondere Schuld der Deutschen verpflichte sie zur Verletzung des universalen Humanismus. Hier liege eine Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit vor, die von keiner generellen Menschlichkeit bewertet werden könne.

„Deutsche Intellektuelle, die sich weigern, das Wort zu ergreifen, machen sich de facto diverse Annahmen zu eigen, die sie eigentlich entschieden ablehnen sollten. Zum Beispiel die, dass die deutsche Geschichte sie den – vom Staate Israel repräsentierten – Juden gegenüber verpflichte und nicht dem universalen Humanismus. Es gibt eine vernünftige Entgegnung auf diese Behauptung, nämlich dass die Deutschen beidem verpflichtet sind und dass darin kein Widerspruch liegt. Ein Deutscher, der in Bezug auf die israelische Politik Selbstzensur übt – der also den privaten Verpflichtungen treu bleibt, die sich aus der deutschen Vergangenheit ergeben –, weigert sich, den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald er sich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt. Er weigert sich buchstäblich, selbst zu denken.“

Boehm kann sich auf eine ganze Reihe illustrer jüdischer Denker berufen, die seine Meinung teilen: Eva Illouz, Ross Poole, Yoni Lebowitsch, Susan Neiman, Susie Linfield, Axel Hutter, Raef Zreik, Philipp Nielsen, Itamar Mann, Paul Kottmann, Jean Cohen, Cinzia Arruzza, Jordi Graupera, Thomas Meyer, Andrew Arato, Rebecca Vilkomerson, Jay Bernstein, Richard Bernstein und Dan Landau. Nicht zuletzt Moshe Zimmermann, Shimon Stein, Moshe Zuckermann und viele andere.

Wie sollte man als Deutsche den Staat Israel kritisieren?

„Äußert eure Kritik, sagt, was ihr denkt, kritisiert und lasst euch kritisieren. Lasst das Licht der öffentlichen Debatte dazu beitragen, ein rationales Urteil über den jüdischen Staat zu fällen. Es nicht zu tun, macht den Juden zum gefährlichen Anderen; die Angst, kritisiert zu werden, ist bereits mit dem Mythos von der jüdischen Macht behaftet. Nur eine vernünftige Perspektive auf den jüdischen Staat in einer Öffentlichkeit, die diesen Staat als normalen Gegenstand einer Debatte behandelt, kann den Antisemitismus überwinden.“

Omri Boehm ist mutig und unbefangen genug, das jüdisch-deutsche Neurosengewirr mit klaren Worten der Aufklärung zu durchschlagen. Das ist kein intellektuelles Geplänkel, das trifft beide Staaten in ihrem nervus rerum:

„Während sich Israels Politik und Vorgehensweise zunehmend radikalisieren und seine stramm rechten Führer Bündnisse mit Donald Trump und europäischen Neofaschisten eingehen, ja während Europa an der Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelkritik langsam verrückt wird, entzieht sich Deutschland nicht nur seiner Verantwortung, wenn es nicht auf den schieren, gleichen, humanistischen Grundsätzen besteht und auch Juden in deren Namen kritisiert. Es konterkariert darüber hinaus auch die politische Bedeutung des Holocausts.“

Habermas entwickelte eine öffentliche Diskursethik – die er im Falle Israels verleugnet. Er verabschiedet sich als zoon politicon und verbarrikadiert sich in der Privatheit. Das hat theoretische und politische Konsequenzen. „Schweigen ist hier selbst ein Sprechakt, und zwar ein höchst öffentlicher.“

Womit wir bei der schweigenden Vermächtnis-Kanzlerin angekommen wären. Schweigen ist das aufklärungshassende Gesamtklima der Deutschen. Angeführt von der Kanzlerin, die sich mit ihrem Volk in prästabiliertem Mutismus verbunden weiß.

Arbeitet, digitalisiert, optimiert euch, haltet coolen Abstand, vereinsamt, gewinnt den Wettbewerb der Zukunft – und habet Mutter lieb: das sind die obersten Gebote der Magd Gottes an ihre Untertanen, die in ihrer Gefügigkeit nicht wankend werden.

Warum ist die Kanzlerin eine Wagner-Verehrerin? Niemand weiß es, niemanden interessiert es. Wozu auch? Schwebt Musik nicht oberhalb aller genielosen Begriffe und Gedanken? Musik übersteigt alles, was sich der Logik des Gedankens und korrekter Ethik unterordnen sollte.

Da es sich um ein staatlich verordnetes Schweigen handeln muss, sind wir auf Ahndungen angewiesen. In Wagners Stück Tristan hören wir den Schluss von Isoldes Liebestod. Deutschlands höchste Lust sollte der gemeinsame Tod sein:

„In des Welt-Athems
wehendem All –
ertrinken –
versinken –
unbewusst –
höchste Lust!“

Fortsetzung folgt.