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Tanz des Aufruhrs XCIX

Tanz des Aufruhrs XCIX,

warum hassen die Deutschen Moral?

Weil sie der lutherischen Formel anhängen: simul justus et peccator: zugleich gerecht und Sünder. Als normale Menschen sind sie Sünder, als Neugeborene gerecht.

Das ist das innige Band der Verbundenheit mit ihrer lutherischen Pastorentochter: beide Seiten wissen, dass sie Sünder, vor Gott aber gerecht sind, denn Christi Gewand umhüllt sie.  

Moral zur Rechtfertigung benötigen sie nicht, denn sie wissen: Werke werden sie nicht erlösen. Das kann nur der Gnadenakt von Oben, auf den sie lebenslang angewiesen sind. In faktischer und irdischer Perspektive bleiben sie Sünder.

Nicht aber vor Gott, der ihren Glauben als Sündlosigkeit anrechnet. So leben sie als gespaltene Persönlichkeiten – die von Gottlosen als Heuchler betrachtet werden. Doch Gottlose kapieren nichts. Zwischen Heuchlern und porentief gereinigten Sündern gibt es gewaltige Unterschiede:

„Durch dieses ’simul iustus et peccator‘ wollte Luther den Unterschied zwischen Heiligen und Heuchlern jedoch nicht aufheben, da nur die Heiligen, die ihre eigene Sünde erkennen, durch Gottes Gnade gerecht würden. Gerecht seien sie jedoch nur dadurch, dass Gott ihnen die Sünde nicht anrechnet und das Versprechen gegeben hat, sie endgültig von der Sünde zu befreien. Die Heiligen seien somit in ihrer Hoffnung gerecht, in Wirklichkeit aber weiterhin Sünder. Heuchlern dagegen sei von vornherein der Zugang zu Gottes Gerechtigkeit verwehrt, so dass sie wirklich nur in ihrer eigenen Wahrnehmung Gerechte seien.“

Fromme wissen, dass sie als Wiedergeborene Sünder bleiben. Ihre Fehlerhaftigkeit verleugnen sie nicht. Sie wissen aber auch: Gott vergibt ihnen alle Sünden, weil sie … … an das Erlösungswerk seines Sohnes glauben.

Heuchler tun, als seien sie perfekt, obgleich sie wissen, dass sie es nicht sind.

Die Deutschen vergeben ihrer Kanzlerin, wie die Kanzlerin ihnen vergibt, denn beide Seiten wissen, dass sie nicht unschuldig sind. Langmütig ignoriert die von Gott Berufene die Defekte ihrer Untertanen. Mit solchen Schwächen rechnete sie von vorneherein. Menschen sind fehlbar, das wusste sie. Das wird sich nicht ändern, solange die Welt existiert. Das Wissen um untilgbare Sünden macht sie milde und – gleichgültig.

Moralische Werke zur Bestätigung ihrer Rechtschaffenheit haben Deutsche nicht nötig. Geschützt im Schoße Abrahams schauen sie auf die Menschheit herab, die sich mit Tugenden abmüht – und kläglich scheitert.

Wer sie zu politischer Moral auffordert, ignoriert ihre Perfektion vor Gott und degradiert sie zu heidnischem Höllenpack. Das kränkt und beleidigt sie im Innersten. Profanen Augen bleibt ihr wahrer Wert verborgen, wer aber mit erleuchteten Augen den bösen Schein durchschaut, erkennt ihre Unvergleichlichkeit.

Zusammen sündigen sie, zusammen vergeben sie einander. Nur Heiden mühen sich um gute Werke, Christen werden mit ihnen beschenkt. Wenn die Kanzlerin viel Malheur in der Welt angerichtet hat,  zur rechten Stunde aber mal wieder eine Erleuchtung erlebt, hat sie ihr simul justus et peccator  erneut unter Beweis gestellt. Entzieht sie sich der Öffentlichkeit durch Abwesenheit oder Schweigen und alles geht drunter und drüber im Haus, liegen die Deutschen auf den Knien und flehen: Kanzlerin, übernimm. Lass uns nicht alleine.

„Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Die Deutschen spielen mit ihrer Kanzlerin den Kreuzweg nach Golgatha. Sie erwarten das Schlimmste, vertrauen aber der Magd Gottes, die unberührbar durch Sünd und Schand stampft, dass sich nach der Katastrophe das wahre Licht auftue.

„Vor 15 Jahren hat der Weltklimarat verschiedene Szenarien zur Erderwärmung entwickelt. Eine besonders drastische Prognose wurde lange als alarmistisch abgetan, doch bislang entspricht sie der Realität am ehesten.“ (SPIEGEL.de)

Wie besessen stürzen sich alle auf Corona, um die weitaus verhängnisvollere Klimakatastrophe zu verleugnen. Bislang war das noch möglich, denn das Wetter war annehmbar. Jetzt wird’s anders:

„Deutschland im Hitzemodus: Laut Wetterdienst werden für die kommenden Tage in mehreren Regionen Temperaturen über 30 Grad erwartet. Außer einigen Gewittern sei nicht mit Niederschlägen zu rechnen. Die ungewöhnlich lange Hitzewelle sei zudem durch Trockenheit geprägt – mit massiven Folgen für die Natur. „Die extreme Dürre in der Mitte Deutschlands droht sich zu verschlimmern, die Waldbrandgefahr steigt noch weiter.“ Außer einigen Hitzegewittern sei nicht mit Niederschlägen zu rechnen.“

Wie oft beteuerte Merkel, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um das Klima unter Kontrolle zu kriegen. Zuletzt in ihren Eröffnungsreden zu Beginn ihrer EU-Amtsgeschäfte. Flatus vocis, am Ende war‘s nur ein Lufthauch.

Warum versteht die Physikerin nicht die wissenschaftlichen Zeichen an der Wand zu deuten? Nirgendwo beweist sie das Erkennen des tieferen Sinns der Tatsachen, nirgendwo den leidenschaftlichen Willen, das Äußerste zu wagen und die Tatsachen zu verändern. Sie spricht, was man von ihr erwartet, dann dreht sie sich auf der Stelle und hat bereits verdrängt, was sie sagte. Schlafwandelnd repetiert sie Daten, deren Dringlichkeit sie nicht zu kümmern scheint. Bei den Deutschen gilt sie als pflichtbewusst.

Brauchen wir ein neues Wirtschaftssystem? Ist der Kapitalismus ein naturzerstörendes Monster? Brauchen wir globale Gerechtigkeit? Kann es immer so weitergehen mit dem wahnwitzigen Fortschritt?

Abstrakte Begriffe wie Neoliberalismus, Gerechtigkeit, Eintracht mit der Natur, Umformung der Verhältnisse, feministische Politik, sich selbst bestimmende Jugend, Zertrümmerung der Familien, vermeidet sie wie die Pest.

Sie will Praktikerin sein, die den falschen Glanz hoher Worte meidet. Die Ideologien der Welt sind für sie Schlangengruben. Wer nicht im Kleinen treu ist, ist es auch nicht im Großen. Also tut sie das Kleine, um das Große erledigt zu haben. Bei den Deutschen gilt sie als schlicht und demütig.

Was sagt sie zu Trump, der die amerikanische Demokratie zerlegt, die internationalen Gremien verlässt, das Vertrauen zu den Verbündeten unterminiert, die Weltgefahren täglich erhöht?

Was sagt sie zu China, das immer totalitärer wird, die Welt zunehmend von sich abhängig macht, Hongkong kassiert und kurz davor steht, Taiwan zurückzuerobern?

„Was sich im Fernen Osten abspielt, ist für Deutschland nicht von Belang. Wen kümmert ein totalitäres Sicherheitsgesetz, solange deutsche Firmen in Hongkong weiter ihren Geschäften frönen können? China selbst ist schließlich auch kein Rechtsstaat. Trotzdem machen Deutsche dort Bombengeschäfte. Ein verheerender Irrtum. China statuiert an Hongkong ein Exempel. Was es mit der Sonderverwaltungszone macht, droht auch Taiwan.“ (TAZ.de)

Bei den Deutschen gilt sie als Kontrastfigur zu männlichen Dinosauriern. Ihre Beliebtheit in der Welt wächst proportional mit der zunehmenden Verhasstheit der He-Männer.

Was sagt sie zur betrügerischen Autowirtschaft, die bis heute ihren Betrug nicht gestanden hat und unfähig ist, sich den ökologischen Anforderungen zu stellen?

Was sagt sie zu einem ihrer Minister, über den Sacha Lobo schrieb:

„Ende Juli des unglaublichen Jahres 2020 lautet das größte politische Rätsel in Deutschland: Warum ist Andreas Scheuer noch Bundesverkehrsminister? Wobei der Begriff Rätsel eine Beschönigung ist. Tatsächlich handelt es sich um eine Mischung aus Zumutung, Unverschämtheit und Wählerverhöhnung. Scheuer ist so unglaublich gut im Schlechtsein.“ (SPIEGEL.de)

Bei den Deutschen gilt sie als ruhig und verlässlich.

Was sagt sie zu einem mafiös organisierten Finanzunternehmen, für das sie in eigener Person Propaganda in China machte – obgleich sie von den verbrecherischen Umtrieben der Firma hätte wissen müssen? Noch schlimmer, wenn sie davon nichts gewusst hätte.

Was sagt sie zu den hemmungslosen Lobbyisten der Wirtschaft, die nach Belieben den Regierungsapparat beeinflussen? Zur gesamten Finanzbranche, die machen kann, was sie will?

„All das zeigt, dass der Staat die verantwortungslos agierenden Teile der Finanzbranche nicht in den Griff bekommt, was kapitalistische Auswüchse fördert. Hinzu kommt: Lobbyisten haben zu viel Einfluss, haben zu viel Macht. So können sie schärfere Auflagen verhindern oder zumindest bremsen. Das wird möglich, weil sich diese Einflussnahmen oft im Verborgenen abspielen. Der Bundestag weiß manchmal gar nicht, unter welchen Einflüsterungen die Regierung Gesetze auf den Weg bringt. Die Bürger erfahren es erst recht nicht. Geht das so weiter, dann gefährdet das auf Dauer demokratische Spielregeln oder setzt diese sogar außer Kraft. Weil private Gewinnsucht dann weiter über dem Gemeinwohl steht.“ (Sueddeutsche.de)

Merkel unternimmt alles, um die Machenschaften der Konzerne im Dunkeln zu lassen. Berlin blockiert alle europäischen Gesetzesvorhaben, die die Moloche transparent machen wollen:

„Darum wirkt eine Enthaltung wie eine Nein-Stimme, sodass die Deutschen gemeinsam mit den Iren, Luxemburgern, Maltesern, Zyprern und weiteren Ländern eine Sperrminorität bilden, die mit laxen Steuergesetzen zur Verschiebung von Konzerngewinnen in Niedrigsteuerländer einlädt. Diese Position bringt die Bundesregierung nun mit ihrer derzeitigen europäischen Aufgabe in Konflikt.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Was sagt sie zum Unfasslichen, dass es in unserer Republik kein Strafrecht für Unternehmen gibt? Würden Marxisten diesen Vorwurf erheben, würde man sie für verbohrt erklären:

„… wurde im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union vereinbart, ein solches Recht einzuführen. Doch der vor ein paar Wochen von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) durch das Kabinett geboxte Entwurf ist weichgespült. Das Gesetz heißt nun nicht mehr „Gesetz zur Bekämpfung der Unternehmenskriminalität“, sondern „Gesetz zur Stärkung der Integrität in der Wirtschaft. Der Betrug bei Wirecard war nicht das Werk von zwei, drei hochkriminellen Einzeltätern. Die Ermittler gehen von „gewerbsmäßigem Bandenbetrug“ aus, was bedeutet: Viele Leute mischten mit, machten mit oder wussten Bescheid. Und niemand muckte auf; die Maximierung des Gewinns schien wichtiger als Kontrolle. Eine ganze Riege von Leuten fand offenbar nichts dabei, Zahlen zu frisieren, Kreditgeber zu betrügen und zu manipulieren, was es zu manipulieren gab. Da für große Unternehmen in aller Regel die Staatsanwaltschaften vor Ort zuständig sind, gibt es oft ein über Jahre eingespieltes Vertrauens- oder Arbeitsverhältnis zwischen Konzernjuristen und Ermittlern. Nicht selten gewinnt man den Eindruck, dass es zwischen ihnen, den Kommunen und der Landespolitik sogar ein stillschweigendes Einverständnis gibt, ansässige Konzerne nicht allzu hart und nicht zu früh anzupacken, um den wirtschaftlichen Schaden zu minimieren.“ (SPIEGEL.de)

Was sagt sie zum Flüchtlingsdesaster auf der griechischen Insel Lesbos, die Armin Laschet besuchte, der das Lager fluchtartig verlassen musste?

„Laschet sagte später, seine Delegation habe „den Aufschrei der Verzweifelten erlebt.“ Diese Lage müsse „die ganze Europäische Union wahrnehmen.“ (Sueddeutsche.de)

Nicht sie wird getadelt, weil sie das Flüchtlingsdrama kaltblütig negiert, sondern Laschet, der nur seine Kandidaten-Chancen erhöhen wolle – und nichts erreichen wird.

Was sagt sie zu den ökologischen Visionen eines Linken, der einen Neosozialismus entwirft – ohne gewaltsame Revolution und mit parlamentarischer Mehrheit?

„Richtig daran ist sicher, dass der Raubbau an den planetaren Ressourcen drastische Eingriffe in den freien Markt erfordert – dies allerdings nicht ohne einen möglichst breiten Konsens der Erdbewohner über deren Notwendigkeit und einen in den reichen Ländern dann womöglich sinkenden Lebensstandard.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Was sagt sie zu den Thesen des Philosophen Gabriel, der von den Medien zum neuen Star erhoben wurde?

„Alles, worüber in Europa schon länger diskutiert wird, lässt sich auf rein ökonomische Weise nicht beantworten. Digitalisierung, Klimaschutz, Populismus, das Ende des Westens, der Aufstieg Chinas. Wir brauchen gemeinsame Werte, um auf diese Herausforderungen Antworten formulieren zu können. Die Behauptung, universelle Werte seien eine europäische Erfindung, halte ich für Nonsens, denn dann wären sie ja nicht universell. Ich arbeite eng mit Philosophen in Japan, China, Lateinamerika zusammen. Letztlich lautet das moralische Urteil darüber, was wir tun sollten – nämlich das Gute – und unbedingt unterlassen sollen – nämlich das Böse –, überall sehr ähnlich. Das ist keineswegs Produkt einer Tradition, die einige jüdisch-christlich nennen.“ (SPIEGEL.de)

Von Philosophie versteht sie nichts. Moral ist für sie Ducken unter Gottes Gebote. Vom griechisch-christlichen Dauerkonflikt in Europa hat sie keine Ahnung. Sie kennt nur abendländische Werte, die sie als christliche betrachtet. Christliche Werte sind für sie solche, die man beliebig missachten kann, Hauptsache: man beugt sich dem Herrn in folgenloser Reue.

In Deutschland gilt sie als Macherin, die das Denken dem Robert-guck-in-die-Luft überlässt. Sie tut, was ist: das macht sie so beliebt bei den Medien, die schreiben, was ist. Alles, was darüber hinaus ist, ist von Übel. Ein Soll kennt sie nicht, denn sie kennt nur eine Heilsgeschichte, die von ihrem persönlichen Gott regiert wird. Wenn aber Ist-Schreiber die Gegenwart nur aus objektiver Distanz betrachten, hieße das nicht im Umkehrschluss, auch die Ist-Politikerin würde Politik nur aus unbeteiligter Entfernung machen?

In Deutschland gilt sie als Spezialistin für Fakten und Daten. Für Utopisten hat sie nur den leise kichernden Spott der Pastorentochter übrig.

Wenn selbst ein frommer Mann wie Stephan-Andreas Casdorff mit Entsetzen durch das heruntergekommene Deutschland fährt, um den Wunsch zu äußern:

„Wer und wie unsere Politiker wirklich sind, wird sich jetzt zeigen. Zauberkräfte wären willkommen“, was dann?

„Heute einmal fünf Stichworte zur wahren Wirklichkeit, wie die Politik sie offensichtlich zu wenig wahrnimmt. Aber dringend mehr sollte. Weil sich die Wahrnehmung sonst, zumal nach Corona, zu einem politischen Virus entwickeln könnte: einem des Misstrauens gegen die Verantwortlichen. Handeln kann da magisch wirken.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Deutschland verwahrlost seit Jahrzehnten. Seit Merkel am Ruder ist, mit steigender Geschwindigkeit ins Abschüssige.

In Deutschland gilt Merkel als Garantin der Zukunft, für deren Beschreibung sie nur zwei Formeln benötigt: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum der Wirtschaft: zwei veritable Naturkiller und Menschheitsfeinde.

Im Gottesdienst hört sie das Wort: der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ihr Kanzleramt ist eine einzige Backfabrik von Brotimitationen, von denen die Menschen nicht satt werden, weil sie nicht nur futtern und konsumieren wollen.

In der Krise merken viele Leute, dass ihr Job sinnlos und menschenverachtend ist:

„Der amerikanische Ethnologe und Publizist David Graeber nennt diese Berufe Bullshitjobs. Er spricht davon, dass die Zeit des Lockdowns vielen verdeutlicht hat, dass der eigene Job keinen Sinn mehr macht.“ (ZEIT.de)

Je mehr Digitalisierung und Roboterisierung voranschreiten, je mehr Berufe werden überflüssig, je mehr Menschen stehen auf der Straße. Um die Malaise zu beheben, wird „Mut für die Zukunft“ gefordert. Erfindungsgeist soll ganz neue Berufe erfinden, die noch mehr Berufe überflüssig machen werden – und so fort ins Unendliche. Werde kreativ, um dich überflüssig zu machen: da capo al inferno.

Familien und Freundschaften zerfallen um der Karriere willen in aller Welt; Kinder werden in Kitas outgesourct, die Vereinzelung des Individuums kann nicht mehr überboten werden, Resilienz soll den Panzer der Isolierten unaufbrechbar machen.

Was sagt die Kanzlerin zu Pflegeheimen, in denen Menschen durch Maschinen ersetzt werden?

„Es ist natürlich ein Problem, wenn Sie sich vorstellen, dass der tägliche Besuch der Pflegekraft ersetzt wird durch einen technischen Helfer. Damit ist jedem sofort klar: Es geht etwas verloren. Aber was das genau ist, das muss man tatsächlich formulieren können. Das hat dann etwas mit menschlichen Beziehungen zu tun, mit gegenseitiger Anerkennung und damit, Teil einer sozialen Gemeinschaft zu sein. Das ist etwas, was Pflege leistet, wofür Pflegende aber eigentlich leider überhaupt nicht bezahlt werden. Wobei es genau das ist, was uns daran wertvoll erscheint.“ (Berliner-Zeitung.de)

In Deutschland gilt Merkel als Mutterfigur, die sich dekorativ zu den Kleinsten herunterbeugt, wenn wieder einmal ein Fototermin im Kindergarten ansteht. Nach glanzvollen Politereignissen geht sie höchstselbst im Supermarkt einkaufen und lässt ihre Tasche nicht von ihren Beschützern tragen. Bei Familienfesten kocht sie höchstpersönlich Königsberger Klopse.

In Deutschland gilt sie als uneitel und volkstümlich.

In Betrieben werden die Arbeit-Nehmer immer weniger als Menschen behandelt und immer mehr wie Schachfiguren genudgt:

„Das hauptsächliche Instrument, mit dem Bock und sein Unternehmen diesem Missstand begegnen wollen, nennt sich Nudge, also sanfter Schubser. Nudging ist ein schon länger bekanntes Konzept in der Verhaltensökonomie. Grob gesagt geht es darum, den Menschen gutes Verhalten zu erleichtern und schlechtes Verhalten etwas zu erschweren, ohne es gleich zu sanktionieren. Neu ist, dass nicht der Betriebspsychologe die Schubser verteilt, sondern ein Computer. Mittels KI und maschinellem Lernen werden von den Arbeitnehmern ausgefüllte Fragebögen nach Verbesserungspotenzialen ausgelotet.“ (Sueddeutsche.de)

Die Coronakrise zeigte es besonders deutlich, dass die Jugend nicht ernst genommen wird. Die Heranwachsenden werden nicht gefragt, dürfen nicht mitreden, werden wie Geräte behandelt, die programmiert werden müssen. Was Jugendforscher Hurrelmann an Einsichten zu bieten hat, wird keine Merkel zur Kenntnis nehmen:

„Schulen könnten Gesprächskreise bilden, mit Schülern und Eltern, Lehrern und Fachleuten. Wie könnten wir die Pausen gestalten? Gibt es Sportunterricht? Es ist ja schlimm, dass jede Bewegung, jede Aggressionsabfuhr zurzeit entfällt. Und dann wundern wir uns, wenn die weniger disziplinierten Jugendlichen nachts herumziehen und sich austoben. Solche Initiativen kann man mit dem Unterricht verbinden, jetzt, da ohnehin alles offen ist und neu gestaltet werden muss.“ (SPIEGEL.de)

Eine der schrecklichsten Charaktermängel Merkels ist ihre Unfähigkeit, Netanjahus Völkerverbrechen unmissverständlich zu kritisieren, ja, ihm dreiste Eingriffe in das Innenleben der Nation zu gestatten..

In einem FR-Interview mit Bascha Mika ergreift Micha Brumlik die Chance, die verheerendsten Deformationen des deutsch-israelischen Verhältnisses und des Kampfes gegen Antisemitismus zur Sprache zu bringen:

„Felix Klein hat schon seit Jahren intensiven Kontakt zu Gilat Erdan, dem israelischen Minister für strategische Angelegenheiten. Wenn der kein Rechtspopulist ist, steht er noch weiter rechts. So wie die ganze derzeitige israelische Regierung. Nach unseren westeuropäischen Maßstäben ist diese rechtspopulistisch. Wenn sich der Zentralrat und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter ausführlicher mit dem Werk von Achille Mbembe beschäftigt und seine Sachen gelesen hätten, dann würden deren Positionen etwas differenzierter ausfallen. Ich stimme Aleida Assmann grundsätzlich zu. Das ist eine Entwicklung, die ich vorhin als McCarthyismus bezeichnet habe. Begonnen hat es im vorletzten Jahr mit einem Non-Paper des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an Kanzlerin Merkel. Darin monierte Netanjahu, dass das Jüdische Museum in Berlin mit öffentlichen Geldern subventioniert wird, und dann eine Ausstellung wie „Welcome to Jerusalem“ zeigt. Diese Ausstellung mache nicht deutlich genug, dass Jerusalem die ewige, unteilbare Hauptstadt Israels und des jüdischen Volkes sei. Damit hat es angefangen. Der nächste Schritt war der erzwungene Rücktritt von Peter Schäfer, dem Direktor des Museums. Es gibt eine tiefgreifende Gegenbewegung, die auch öffentlich an Boden gewinnt. Ziel ist, dass sich die Gesellschaft genau überlegt, wo Israelkritik illegitim ist und wo nicht.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

In der FAZ unternahm Eckart Lohse den Versuch, die „Methode Merkel“ auf den Punkt zu bringen. Er untersucht die wichtigsten drei Kipp- oder Wendepunkte der Merkel‘schen Amtszeit.

„Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit war es das letzte große Wendemanöver der Bundeskanzlerin Angela Merkel: Deutschlands Austritt aus dem Club der sogenannten Sparsamen in der Europäischen Union und der mit Frankreich ausgeführte Vorstoß, im Kampf gegen die Pandemie eine gemeinsame Verschuldung der Europäischen Union voranzutreiben. Wer das prinzipienlos nennt, sollte eines bedenken: Inhaltlich hat Merkel sich tatsächlich von einem Prinzip gelöst, unterstellt sei, dass sie das mit inhaltlicher Überzeugung tat. Taktisch ist sie allerdings dem Grundprinzip ihrer Zeit als CDU-Vorsitzende und Kanzlerin treu geblieben. Sie hat wieder einmal mehr Wert auf das gelegt, was sie als dominierenden Willen in der Bevölkerung wahrnimmt, denn auf ihre Partei. Daraus zog sie den Schluss, dass der größte Rückhalt in der Partei nichts hilft, wenn die Wähler etwas anderes wollen, und begrub große Teile ihrer Reformpläne. Noch heute erzählt sie in der Union, dass sie damals gelernt habe, beim Blick auf die Wünsche der Partei den Wähler nicht aus den Augen zu verlieren.“ (FAZ.NET)

Im Bann der grassierenden medialen Beschönigungsmethode bemerkt Lohse nicht, wie er Merkels Widersprüche glättet und in kühle Wahlstrategie verfälscht. Entweder hat man Überzeugungen und versucht, sie dem Volk mit Argumenten zu übermitteln, um abzuwarten, ob die WählerInnen das Programm für gut befinden – oder man richtet sich nach dem vermuteten Willen der Gesellschaft, um ihr liebedienerisch nach dem Mund zu reden.

Die erste Methode ist klassische Demokratie, die zweite die Perversion derselben, die schon seit vielen Jahrzehnten das demokratische Knochengerüst der Demokratie zerfrisst. Wahlen sind nur noch Schnappatmungen der Parteien (die immer konturloser zusammenwachsen), ehrlose Reaktionen auf demoskopische Umfrageergebnisse.

Hier zeigt sich, wer die wahren Populisten im Land sind. Nicht belanglose Außenseiter, die mit haltlosen Versprechungen den populus für sich einnehmen wollen, sondern die Inhaber der Macht, die mit aller demoskopischen Raffinesse dem Wahlvolk Zuckerbrot ums Maul schmieren. Das Volk soll hören, was es hören will – dann wird’s schon sehen, wie es an der Nase herumgeführt wird.

Warum geht die Kanzlerin nie mutig voran, um als Erste zu sagen, was sie zu sagen hat? Warum schweigt sie, indem sie sich am Ende des Trosses hinterher schleppen lässt, um auf den letzten Drücker wie die Stimme vom Himmel zu ertönen? Weil sie a posteriori erfahren will, was sie sagen muss, um ihre Herde in geneigte Stimmung zu versetzen. Die Letzten werden die Ersten sein.

Nein, der Begriff Unaufrichtigkeit ist im ganzen Artikel nicht zu finden. Eine Lutheranerin kann keine Heuchlerin sein. Sie ist immer simul justus et peccator.

Fortsetzung folgt.