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Tanz des Aufruhrs XCIV

Tanz des Aufruhrs XCIV,

„Megalomane Elephantiasis“ nannte Alexander Rüstow den vom Staat unterstützten „entarteten, nationalen Liberalismus“ des frühen letzten Jahrhunderts. Was würde er heute zu Apple, Google, Facebook und Amazon sagen, den internationalen Moguln über die Völker?

„Die subventionistisch-monopolistische Durchsetzung und Zerrüttung der Marktwirtschaft nahm schließlich einen derartigen Umfang und derart krasse Formen an, ließ die Wirtschaft in Zwittergebilde von solcher Monstrosität entarten, – ein Anblick scheußlich und gemein – dass über die Unhaltbarkeit dieses Zustandes keine ernsthafte Diskussion mehr möglich war. War dieser Zustand das notwendige Endergebnis liberaler Wirtschaftspolitik, so war damit der Liberalismus selbst endgültig gerichtet und verurteilt.“ (Ortsbestimmung der Gegenwart)

Erinnern wir uns: der Aufstieg des Liberalismus, der sich erkühnt, eine Freiheitsbewegung zu sein, begann mit der Devise: laissez faire, laissez passer, lasst die Dinge laufen, stört nicht – nein, nicht ihren anarchischen Freiheitsdrang ins Grenzenlose –, sondern ihren natürlichen Lauf.

Ihren natürlichen Lauf? Ja, nur was der Natur entspricht, kann perfekt sein. Denn Natur, physis, ist das einzig Perfekte in der Welt. Das Motto: laissez faire entstammt den französischen Physiokraten, jenen Schülern Rousseaus, die in der Zeit der Aufklärung eine ordre naturel, eine natürliche Wirtschaftsordnung herstellen wollten.

Da zeigte sich der Zwiespalt, der die Aufklärung in zwei Lager teilte. Voltaire und die Seinen wollten … … Kultur durch Vernunft fortentwickeln, Rousseau und seine Anhänger wollten verderbte Kultur zugunsten der vollkommenen Natur zurückentwickeln. Wie passen Fortschritt und Rückschritt, Natur und Vernunft zusammen? Noch heute haben wir keine Antwort.

Unter Freiheit verstanden sie nicht mehr die Abwesenheit von Einschränkungen und Kontrollen absolutistischer Fürsten, sondern die von demokratischen Gesetzen befreiten Entfaltungsmöglichkeiten ins Unbegrenzte.

Was Feudalismus! Was Volksherrschaft! Staat war Staat und musste ferngehalten werden. Nur für die Überwachung des Pöbels war er notwendig. Aus den Angelegenheiten der neuen Master of Universe sollte er sich raushalten.

Staat ist Staat, diese Verunglimpfung des demokratischen Gemeinwesens als autoritäre Obrigkeit – nicht besser als Feudalismus, Theokratie oder Despotie – gehört noch heute zum Sprachgebrauch der Führungsklassen. Abgesehen von einer instrumentellen Beamtenschaft hat keine Demokratie einen stehenden Staat zu haben. Die Mächtigen werden gewählt und abgewählt.

In der athenischen Polis herrschte eine lebendige Rotation. Abgesehen von Spezialisten für Kriegsführung war jeder mündige Bürger in der Lage, jeden wählbaren Posten des Stadtstaats zu übernehmen. Zwar gab es schon eine wirtschaftliche Arbeitsteilung, eine Arbeitsteilung aber des Wissens oder der Verantwortung für das GANZE war undenkbar.

Das Prinzip der wirtschaftlichen Arbeitsteilung – von Adam Smith in höchsten Tönen als Grundlage des Kapitalismus gerühmt – hat das Regiment über die heutige Volksherrschaft übernommen und die gemeinsame Verantwortung zerrüttet.

Wo lassen Sie denken? Wem übergaben Sie die Verantwortung für Ihr Leben, weil sie Ihnen lästig war?

Kant war Anhänger einer monarchischen Republik, kein Anhänger der Pöbelherrschaft. Dennoch ist seine Aufklärungsparole die Grundlage jeder lebendigen Volksherrschaft:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Die Fortsetzung dieser an Kühnheit nicht mehr zu überbietenden Parolen wird heute nicht mehr zitiert:

„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Der Mensch „im öffentlichen Gebrauche seiner Vernunft genießt einer uneingeschränkten Freiheit, sich seiner Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen.“

Ein Mensch, der auf Aufklärung verzichtet, „sei es für seine Person, mehr aber noch für die Nachkommenschaft, heißt die heiligen Rechte der Menschheit zu verletzen oder mit Füßen zu treten.“

Das Öffentliche ist das Ganze der Demokratie. Wer das Ganze weder überblickt noch versteht, wer keine Verantwortung für das Ganze übernimmt, der ist weder aufgeklärt noch Demokrat.

Das Überwuchern der Polis durch wirtschaftliche Arbeitsteilung hat das Spezialistentum gefördert, aber das politische Ganzheitsdenken ramponiert. Schon nach wenigen Jahren gemeinsamer Basisbildung werden die Kinder nach Begabung und Interessen getrennt und einer immer enger werdenden Spezialausbildung zugeführt. Je fachmännischer sie werden müssen, je fachidiotischer und demokratie-unfähiger werden sie. Wer den Überblick verliert, keine Gelegenheit erhält, seine Bildung auf das GANZE auszudehnen, kann ein hochgerühmter Spezialist, aber nur ein demokratischer Ignorant werden – wie wir im Falle Corona bei den Virologen sahen.

Das beste Beispiel ist die ökonomische Lage der Philosophen in Athen. Weisheit ist Erkenntnissuche des Ganzen. Diese Suche nimmt erkenntnis-hungrige Denker derart in Beschlag, dass sie einem arbeitsgeteilten Beruf nicht mehr nachgehen können. Die meisten Philosophen waren arme Schlucker.

Das störte sie nicht, dem Ruf der Wahrheit zu folgen. Die Kyniker – „Hundlinge“ genannt – lebten zumeist als Obdachlose auf der Straße und überlebten durch Zuwendungen der Menschen, die sie – im Gegensatz zu heute – ob ihrer bedingungslosen Erkenntnissuche und ihres Mutes, jedermann die Wahrheit zu sagen, nicht wenig bewunderten.

Im Gegensatz zu den Sophisten, die für ihre Vorträge Honorare nahmen, lehnte Sokrates jede Bezahlung für seine Hebammengespräche ab.

Wer kennt nicht die Anekdote von Diogenes, welcher Alexander dem Großen, der ihn fragte, ob er etwas von ihm wolle, antwortete: Geh mir aus der Sonne? Betrachtet man die heutige Liebedienerei gegen Reiche, Berühmte und Mächtige, kann man die Unabhängigkeit des Tonnenbewohners – das Gegenteil posierter Demut – kaum nachvollziehen. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Die Deutschen kennen den ersten Halbsatz, den zweiten überhören sie. In kapitalistischen Demokratien werden arbeitsscheue Denker nicht geduldet. Nur wer ein hart arbeitendes Leben nachweisen kann, ist der Rente würdig. Die religiöse Pflicht der Arbeit hat das freie Denken, die Grundlage der Polis, zerstört.

Arbeitsteilung macht clever in immer wenigeren Dingen, aber dümmer für das Große und Ganze. Insofern ist Arbeitsteilung Gift für die Demokratie. Je mehr das arbeitsgeteilte Bewusstsein die Demokratie dominiert, je substanzloser wird sie. Eliten erheben den Anspruch, für den komplexen Überblick zuständig zu sein, dem Fußvolk aber wird beschieden: haltet euch raus aus den Dingen, die euch zu hoch sind. Da der Kapitalismus regelmäßig kollabiert, kann man schließen, wie groß die Kompetenz der Komplexen sein muss. Für diesen Fall haben sie sich die Erklärung zurechtgelegt: es muss ja auch Zufälle geben. Wer kein Risiko eingeht, der bringt nichts.

Am effektivsten sind Spezialisten für das Quantitative, das man berechnen und in Maschinen verwandeln kann. Demokratie interessiert die Spezialisten so wenig wie alles Alte, das sie als überflüssig verabscheuen. Sie schwärmen für die Zukunft, die sie aus Nichts erschaffen werden. Welche Wirkungen ihre Schwärmereien auf das Bestehende haben, ist für sie ohne Belang. Denn das Bestehende ist für sie untergangswürdig.

Silicon Valleys erste Visionen waren totalitäre Gebilde im Meer, voller Glück, Sonnenschein – und absoluter Kontrolle, bewundert von Zukunftsanbetern – die humane Utopien für totalitär halten. Finde den Fehler – der uns das Genick brechen wird, wenn wir ihn gewähren lassen.

Bildung in höheren Schulen und Unis wird von einer rasenden Spezialisierung bestimmt. Je reduzierter die Kompetenz, je isolierter gegen den Rest der Gesellschaft hausen die Spezialisten vor sich hin. Die Welt der Abgehängten in ihrer Stadt ist ihnen fremder als exotische Länder, die sie zur Erholung heimsuchen.

Arbeitsteilung, der ökonomische Sieg über das demokratische Ganze, wird nicht eher ruhen, bis das Ganze – schon jetzt unter dem Dauerverdacht nutzlosen Schwätzens – zusammenbricht und den Siegern als Beute übergeben wird.

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie.“

Der Spezialist für das Winzige und Verborgene wird jene Perle finden, mit der er den ganzen Acker kaufen kann. Wer sich um das Große und Ganze, den Acker bemüht, bleibt oberflächlich und grobschlächtig. Am Ende hat er das Nachsehen.

Arbeitsteilung gilt nur für Abhängige, die aufs Nehmen angewiesen sind: weshalb sie Arbeitnehmer genannt werden. Sie gilt nicht für jene, die aus frohem Herzen geben: die Arbeitgeber. Sie haben stets das Ganze im Blick, nicht das Ganze der Gesellschaft, sondern das Ganze des Profits. Wer nicht weiß, wie Geld im Netzwerk des globalen Geldes wirkt, wird in die Röhre gucken. Hier heißt es kühn in Zusammenhängen und kommenden Zeiten denken. Man muss auch warten können, bis der überraschende Kairos des Gewinns eintritt.

Abhängige leben im Trott der immer gleichen Augenblicke, die immun sind gegen Überraschungen und Erleuchtungen göttlichen Zufalls. Nicht in jedem vertrockneten Acker ist eine kostbare Perle verborgen.

Arbeitsteilung ist nicht nur ein nationales Verwirrspiel. Es betrifft die Zusammenarbeit der Nationen und hat die Globalisierung erfunden. Wenn Portugal den Lieblingswein angelsächsischer Arbeitgeber, den Porto, billiger – Pardon, preisgünstiger und sonniger – produzieren kann, sprechen die Portogenießer vom komparativen Vorteil. Sollen die Portugiesen doch die Mühe und Arbeit haben, wenn die reichen Insulaner nur ihr Lieblingsgetränk günstig kaufen können. Die Vorteile liegen auf beiden Seiten der nationalen Eliten. Am meisten auf Seiten der Insel-Eliten, am wenigsten auf Seiten der malochenden Portugiesen.

Sofern die Schwachen nicht frühzeitig an Mängelerscheinungen krepieren, können deutsche Kapitalismusbewunderer noch immer frohlocken: gibt es eine bessere Wirtschaftsform auf der Welt als die unsere, die den Spalt zwischen Habenden und Nichthabenden ins Unfassbare steigert? Sie betrachten es als Sieg, wenn Völker, die bislang am Busen der Natur ihr genügsames Leben führten, jetzt dem Elend der Bedeutungslosigkeit und totaler Abhängigkeit ausgeliefert werden.

„Das Vermögen von Jeff Bezos hat gestern um 13 Milliarden Dollar zugelegt. Das ist der größte Sprung an einem einzigen Tag, seit es den von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg 2012 ins Leben gerufenen „Milliadärsindex“ gibt. Damit ist der Amazon-Gründer den Angaben zufolge 189 Milliarden Dollar schwer – und bleibt der reichste Mensch. Zu verdanken hat Bezos das seinen Amazon-Aktien. Die Papiere haben gestern knapp acht Prozent zugelegt. In diesem Jahr ging es satte 73 Prozent aufwärts.“ (n-tv.de)

Befürworter des Kapitalismus argumentieren stets: welcher Wirtschaftsform könnte es besser gelingen, Millionen Menschen ihrer bisherigen Armut zu entreißen – wenn nicht dem Kapitalismus? Für Dinge, die sie bislang nicht brauchten, müssen die Befreiten ab jetzt am stinkenden Ende der Verwertungskette auf Müllhalden leben und dürfen sich als die Bedeutungslosesten im komparativen Demütigungswettbewerb betrachten, während der Profit der bewundernswerten Zusammenarbeit in die Taschen der von Gott Erwählten wandert.

Jeff Bezos brachte das Kunststück zustande, im Schweiß seines Geldzählens so viel Geld zu verdienen, dass er bald den Überblick verloren hätte. Wenn … wenn er nicht immer mehr Leute eingestellt hätte, die das Geldzählen für ihn übernehmen. Wir sehen, das Geniale muss sich dadurch auszeichnen, dass es Geldströme intra muros leitet, die kein Mensch mehr überblicken kann.

Um körperliche Arbeit und deren Geldwert geht es schon lange nicht mehr. Erst wurde die Arbeit wissenschaftlich und betriebswirtschaftlich, dann wurde die Börse erfunden. Hier findet die Transsubstantiation des Risikos in unerhörte Gewinne statt. Ohne Gottes Eingreifen wären solche Wunder der Materialisation unmöglich. Gerade hier zeigt das Wunder des Glaubens: wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, der wird staunend feststellen, dass er immer noch weniger als nichts haben kann.

Die Verhältnisse sind mittlerweilen so desaströs geworden, dass ein Milliardär namens Warren Buffet erstaunt ausrufen konnte: meine Sekretärin bezahlt mehr Steuern als ich. Es bahnen sich veritable Wunder an: immer mehr Superreiche fordern energisch, dass sie mehr Steuern zahlen sollten, sonst könnten sie nachts nicht mehr schlafen.

Folgen wir dem Marx‘schen Gesetz des Umschlags monströser Verhältnisse ins Reich der Freiheit, werden wir erleben, dass die Reichen nichts zu verlieren haben als die Fesseln ihres Reichtums, um erlöst in die Arme der Menschheit zu sinken. Wartet nur, wartet noch ein Weilchen.

Reiche können glücklich sein, war jüngst zu lesen. Und was tun Glückliche? Sie befreien sich von der Last unerträglichen Glücks, indem sie alles abwerfen, was sie nicht nötig haben, um es jenen zu geben, die vor Gier nicht abwarten können, es ihnen mit Gewalt abzunehmen.

Aufwachen! Habt ihr Drogen genommen? Was steht fürsorglich-nebenbei in den Gazetten, damit wir nicht in eine nihilistische Schreckstarre fallen?

„Um 1,5 bis 4,5 Grad könnte sich die Erde erwärmen, wenn sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter verdoppelt. Davon gingen Forscher bislang aus. Doch das Wissen, wie stark Kohlendioxid (CO2) die Temperaturen auf der Erde erhöht, wächst. Die Prognose wurde deshalb nun präzisiert – und dabei nach oben korrigiert.“ (SPIEGEL.de)

Deutschen Kapitalismusverteidigern scheint der Zusammenhang von Naturzerstörung und Profitgier unbekannt. Heuer war das Wetter fast vorbildlich. Wer wird denn immer von Hitzewellen sprechen? Vor Jahren ging‘s dem deutschen Wald miserabel, dann ging‘s ihm gut. Jetzt scheint es ihm wieder schlecht zu gehen – morgen wird sich alles in Wohlbefinden auflösen.

Wer sich ständig Katastrophenmeldungen anhören muss, wird irgendwann immun. Also jetzt. Wann fliegen wir nach Mallorca und leisten dem Ballermann tätige Nächstenliebe?

Die arbeitsteilige Gesellschaft wurde immer cleverer in minimaleren Dingen, deren Zusammenhänge immer undurchschaubarer wurden. Wenn du das Ganze zerhackst, schlägt der Fortschritt des Schrumpfenden ins Gegenteil um, wenn die Splitter keinen Zusammenhang mehr spüren.

Wo aber bleiben die demokratischen Fachleute für das Ganze, die seit Jahren hören, sie sollten den Fortgang der Dinge den Spezialisten überlassen. Echt? Ausgerechnet jenen, die mit Demokratie als Ganzheit nichts anfangen können?

Die demütige Regierung legt den Fortschritt in die Hände der Spezialisten, Genialen und Kreativen. Wer nicht zu dieser Gruppe gehört, sei hiermit gewarnt: er möge sich freiwillig aus dem Staube machen: Was brauchen wir, um den Wettbewerb zu bestehen? Digitalisierung, Bildung als Spezialisierung. Klingt das nicht übersichtlich?

Wenn da nur nicht Adam Smith wäre, der seine anfängliche Begeisterung für das arbeitsteilige Nadelherstellen 600 Seiten später ins Gegenteil verkehrt – ohne zu erröten! Warum gerade Nadeln? Ach ja: die Scholastiker hatten heftig gestritten, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Also kleiner Dreisatz: wenn du weißt, wie viele Engel auf eine Spitze passen, kannst du in Ruhe ausrechnen, wie vielen obdachlosen Engeln du mit deinen Nadeln eine Heimstatt gewähren kannst.

Dass der Urkapitalismus bereits an einem krebsartigen Widerspruch litt, fiel den Ökonomen bis zur Stunde nicht auf. Wie auch? Bücher zu lesen, haben sie keine Zeit. Sie müssen rechnen. Berechnen, was ist: das ist die Parallele zu ihren medialen Brüdern, die schreiben, was ist – und die zu ihren historischen Brüdern, die dokumentieren, was war, vervollständigt durch Naturwissenschaftlicher, die voraussehen, was sein wird. Damit ist das Universum des kühlen, neutralen, objektiven und unbeteiligten Beobachtens umschrieben. Das mechanische Universum kennt keine Tragödie, also gibt es keine.

„Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben. Da keine Hindernisse auftreten, braucht er sich über deren Beseitigung auch keine Gedanken zu machen. So ist es ganz natürlich, dass er verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen, und so stumpfsinnig und einfältig wird, wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann. … Sie stumpft ihn auch gegenüber differenzierten Empfindungen wie Selbstlosigkeit, Großmut, oder Güte ab, sodass er auch in vielen Dingen des täglichen Lebens seine gesunde Urteilsfähigkeit verliert. Die wichtigen und weitreichenden Interessen seines Landes kann er überhaupt nicht beurteilen. Seine spezifisch berufliche Fertigkeit hat er sich auf Kosten seiner geistigen, sozialen … Tauglichkeit erworben.“ (Der Wohlstand der Nationen)

Wo bleibt die unsichtbare Hand, um die Interessen der Egoisten harmonisch zusammenzuführen? Diese Zeilen über die Arbeitsteilung sind eine der schärfsten Kritiken am Kapitalismus – durch den Urvater höchst persönlich. Smith war ehrlich genug, um sein stoisches Gewissen nicht völlig auszuschalten.

Mag der Kapitalismus eine noch so geniale Methode des Reichwerdens sein, die Mittel, die er dazu benötigt, zerstören zur Rechten, was sie zur Linken aufgebaut haben. Wer reich werden will, muss diejenigen, die er dazu benötigt, in stumpfsinnige, denkunfähige, amoralische Wesen entmenschlichen. Und was ist mit ihnen, den scheinbaren Profiteuren dieses Fortschritts? Stehen sie nicht kurz vor ihrer Selbstzerstörung? Über die ramponierte Natur haben wir noch gar nicht gesprochen.

Seit 300 Jahren lernen wir nichts dazu. Wie lange braucht der Blitzstrahl der Vernunft, um bei den Menschen anzukommen? Einerseits der Stolz der Moderne: so weit haben wir es gebracht. So weit wie kein Volk, wie keine Kultur auf Erden.

Auf der anderen Seite? Waren da nicht die Wilden, die wir bis zum heutigen Tag verachten? Wie lebendig sie plötzlich wirken!  

„Bei den primitiven Völkern verlangen die vielerlei Tätigkeiten von jedem einzelnen den vollen Einsatz und sie fördern seine Erfindungsgabe heraus, um der ständig auftretenden Schwierigkeiten Herr zu werden. Die Phantasie bleibt rege, der Verstand ist nicht zu jener stumpfsinnigen Trägheit verurteilt, die ihn in einer zivilisierten Gesellschaft in fast allen unteren Schichten der Bevölkerung verkümmern lässt. Jeder einzelne unter ihnen ist in der Lage, die Qualitäten seines Oberhauptes als Richter in Friedenszeiten … zu erkennen und zu beurteilen.“ (ebenda)

Was für eine Klatsche für die europäische Moderne, die sich an der Spitze der Entwicklung wähnt. Die Primitivsten, Wildesten, sind verständiger, gemeinschafts- und beurteilungsfähiger als die Fortschrittlichsten der Fortschrittlichen. Aus dem Blickwinkel der Naturverbundenheit ohnehin. Hat der Bundestag je eine Abordnung brasilianischer Indios zu einer parlamentarischen Debatte eingeladen? Haben die desolaten Talkshows je Inselbewohner eingeladen, deren Zukunft gefährdet ist, weil die Wassermassen des Ozeans ihre Heimat überfluten werden?

Deutschland ist ein treffliches Beispiel für die Früchte einer jahrhundertealten arbeitsgeteilten Dummheit und Stumpfheit. Gäbe es keine wache Jugend, wären Hopfen und Malz verloren. Deutsche denken nicht mit ihren eigenen Köpfen, sondern lassen denken mit den Köpfen der Mehrheiten, die aber auch nur formulieren, was sie in der Mitte der Bevölkerung erahnen und wittern.

Rüstow war der Erfinder des Begriffes Neoliberalismus. Was er damit meinte, war das Gegenteil dessen, was seine ökonomischen Gegenspieler Hayek, Milton Friedman und Ludwig von Mises daraus machten. Deren Ideologie der Ausschlachtung der Natur, der Verachtung der Vernunft und jeder humanen Moral nannte er Paläo-Liberalismus. Paläo, uralt, ist das Gegenteil von Neo, dem notwendigen Neuen, das die Wirtschaft endlich in die Dienste des Menschen stellt.

Der Paläoliberalismus missachtet das Grundprinzip der Physiokraten: laissez faire, das man übersetzen müsste: lasst die Natur walten. Wenn ihr nicht den Stimmen der Natur folgt, werdet ihr die Folgen am eigenen Leibe spüren.

„Die katastrophale Selbstruinierung der kapitalistischen Wirtschaft ist nicht in Ausführung des liberalen Wirtschaftsprogramms, sondern in flagranter Zuwiderhandlung gegen die Grundvorschrift dieses Programms zustande gekommen. Hätte sich der Staat an die liberale Maxime des laissez faire gehalten, und A. Smiths’ens Warnungen vor der Subventionsgier der Unternehmer beherzigt, wäre es zur brandgefährlichen Koexistenz zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit nie gekommen. Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Über den Quantitäten stehen die Qualitäten. Daraus ergibt sich die Forderung der Vitalpolitik, einer Politik, die bewusst alles einbezieht, wovon das wirkliche Sichfühlen des Menschen, seine Zufriedenheit und sein Glück abhängen und die es sich zum Ziel setzt, die Voraussetzungen für ein lebenswertes und verteidigungswürdiges Leben zu schaffen.“

Was würde Rüstow heute als Wichtigstes fordern? Das Schleifen der Monopole und die sofortige Schließung aller Betriebe, deren Gifte das Leben der Menschheit gefährden. Das wäre ein wahrer humaner Neoliberalismus.

Fortsetzung folgt.