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Tanz des Aufruhrs XCII

Tanz des Aufruhrs XCII,

Chinas Herrschaft wird immer totalitärer. Amerika, das seine Demokratie in Trümmer legt, schickt Kriegsschiffe ins Südchinesische Meer. Ein neuer Kalter Krieg hat begonnen.

Seit Gorbatschows friedlicher Zerlegung der Sowjetunion und seit dem Fall der Mauer sind 30 Jahre vergangen. 30 Jahre, um die Welt in jene Zustände zurück zu katapultieren, die beide Weltkriege ausgelöst haben: welche Nation, welche Kultur, welche Staatsform würde den Konkurrenzkampf der Systeme um die Weltherrschaft gewinnen?

Wenn es Schlafwandler waren, die – kein Mensch weiß warum: versehentlich, unabsichtlich, grundlos – ins Verderben schlitterten, sind heute erneut Schlafwandler am Werk, um die Welt endgültig in den Abgrund zu befördern. Klimaerhitzung und Naturzerstörung scheinen nicht zu genügen. Das schreckliche Wort musst du dreimal sagen: das Wort der planetarischen Vernichtung.

Sollten es Schlafwandler sein, die ihre Alpträume in den Genozid der Menschheit verwandeln, kann es nur eine Devise geben, um dem Schrecken zu entgehen – die weltumspannende Devise:

Homo sapiens, vernunftbegabter, zur Weisheit und Menschlichkeit fähiger Mensch, wach auf!

Es kann kein nationaler, kein religiöser Wachruf sein, jenem ähnlich, dem die Deutschen folgten, um die Welt … … in Brand zu setzen:

Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Wach auf, wach auf, du unser Land!
Du hast genug geschlafen.
Bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.

Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür,
Deutschland (o Land), lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.  (Johann Walther 1561)

Kaum 100 Jahre später war Deutschland am Boden, zerstört durch schreckliche Religionskriege. Russland eroberte seinen Kontinent bis an die Ränder des Pazifiks, die westlichen Staaten rissen sich Amerika und den Rest der Welt unter den Nagel. Das gedemütigte, zerschlagene, bedeutungslos gewordene Heilige Römische Reich deutscher Nation brütete jahrhundertelang, bis es seine Schmach tilgen, seine verlorene Ehre retten und die Erde mit deutschem Geist erlösen wollte.

Früher blieb den Völkern nichts übrig, als ihren Despoten zu folgen und sich besinnungslos in die Schlacht zu stürzen. Heute sind wir weiter. Wir wissen voneinander, sind vernetzt und erheblich besser informiert über den Zustand der Anderen denn je in der Geschichte. Durch weltumspannende Kunde sind wir solidarischer miteinander denn je.

Es kann keinen Zweifel mehr geben: Ursachen der Weltspannungen sind die Mächtigen der Erde. Durch wirtschaftliches Wachsen ins Endlose, abgesichert durch furchtbare Waffen, wollen sie es wissen: sie begehren die Trophäe der Besten und Gewaltigsten aller Zeiten allein für sich.

Die Völker ahnen und sehen die Ähnlichkeiten ihrer Ohnmacht und beginnen, sich in weltweiter Basis miteinander zu verbinden. Der wahre Krieg wird nicht zwischen Nationen geführt, sondern zwischen Schichten der Gewaltigen und Ohnmächtigen, Klassen der Habenden und Nichthabenden und Kasten technisch versierter, endlos gieriger Mächtiger – und jenen Allzuvielen, die sich mit einem einfachen, stabilen Leben begnügen würden, – wenn sie es denn dürften.

Aufstieg, Höherentwicklung sind Zauberworte der unersättlichen Eliten. Zunächst der Aufstieg innerhalb ihrer Nationen, sodann der über alle Nationen hinweg an die Spitze der Völker, schließlich ihre Höherentwicklung über alle natürlichen und irdischen Grenzen hinaus an die Spitze der Evolution oder des heilsgeschichtlichen Wettlaufs.

Mit weniger geben sie sich nicht zufrieden. Weshalb sie Abenteuer nennen, wozu ihr Machthunger sie antreibt. Ein bedeutender Wissenschaftler der Neuzeit hat die Unendlichkeitsgier auf die Begriffe des Abenteuers oder endlosen Wanderns gebracht:

„Die moderne Wissenschaft hat der Menschheit die Notwendigkeit des Wanderns auferlegt. Ihr fortschreitendes Denken und ihre fortschreitende Technik machen den Übergang durch die Zeit, von Generation zu Generation, zu einer Wanderschaft in unbekannte abenteuerliche Gewässer. Der Segen des Wanderns liegt gerade darin, dass es gefährlich ist und Fertigkeiten verlangt, um Übel abzuwehren. Daher müssen wir erwarten, dass die Zukunft Gefahren enthüllen wird. Es ist die Aufgabe der Zukunft, gefährlich zu sein; und es gehört zu den Verdiensten der Wissenschaft, dass sie die Zukunft für ihre Aufgaben ausrüstet. Der Pessimismus der Mittelklasse hinsichtlich der Zukunft der Welt erklärt sich aus einer Verwechslung von Zivilisation mit Sicherheit. In unmittelbarer Zukunft wird es weniger Stabilität geben als in der unmittelbaren Vergangenheit. Wenn der Mensch aufhört zu wandern, dann wird er aufhören, auf der Skala des Seins zu steigen. Zwar ist auch das physische Wandern von Bedeutung, größer noch aber ist die Macht der geistigen Abenteuer des Menschen – Abenteuer des Denkens, Abenteuer des passionierten Empfindens und Abenteuer der ästhetischen Erfahrung.“ (Whitehead, Wissenschaft und moderne Welt)

Die Abenteuer des Geistes waren nur möglich durch Menschen, die äußerlich keine Macht besaßen, aber durch ihre Erfindungskraft die Welt veränderten: die Wissenschaftler oder „die Menschen des Geistes, angefangen bei Thales bis zum heutigen Tag, Menschen, die individuell machtlos waren, aber letzten Endes die Welt beherrschen.“ (ebenda)

Hier verrät die Wissenschaft ihr Ziel: sie will die Welt beherrschen. Vor Jahrtausenden begann sie als rationale Gegenmacht gegen magische Blendwerke der Religion – um seit Beginn der Moderne in ihre Fußstapfen zu treten: Macht durch Ohnmacht, Herrschen durch Dienen.

Den Frommen wurde verheißen:

„Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Denn das Törichte von Seiten Gottes ist weiser als die Menschen und das Schwache von Seiten Gottes stärker als die Menschen. Was vor der Welt töricht ist, hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache und was vor der Welt schwach ist, hat Gott erwählt, damit er das Starke zuschanden mache. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Als das Christentum unter Konstantin Staatsreligion wurde und alles Heidnische vernichtete, wurde es seiner ursprünglichen Lehre beileibe nicht untreu. Im Gegenteil. Die Epoche des Leids mündete in die Epoche des Siegs, indem es das Credo bewahrheitete: durch Leid zum Sieg.

Die Wissenschaft der Hellenen gehörte zur Weisheit der Welt, die vor Gott eine Torheit war. Als die Weisheit der Welt in der Neuzeit wieder zu Ansehen kam, übernahm sie – zwar nicht die Lehre des Glaubens –, aber dessen Strategie scheinbarer Machtlosigkeit. Unter dem Siegel individueller Ohnmacht errang sie Macht über die Welt. Wissenschaft begann, die Religion zu imitieren, nicht dem Inhalte, aber der Methode nach, unter dem Vorzeichen des Gegenteils die Erde zu beherrschen. Die Identität der Gegensätze wurde zur Philosophie des Abendlandes, von Hegel meisterhaft durchschaut und minutiös beschrieben, und dient seitdem zur Absegnung aller Konfusionen und Unverträglichkeiten des Westens.

Die Weisheit der Welt verlor ihre Torheit vor Gott und wechselte politisch zur Weisheit vor Gott. Es waren christliche Nationen, die sich heidnischer Wissenschaft bedienten, um sich den Endsieg im eschatologischen Wettkampf zu sichern.

Diese Kehre, diese Selbstverfälschung ihrer ursprünglichen Kosmosbewunderung ohne alle Machtinteressen, verhehlt sich die moderne Wissenschaft bis zum heutigen Tag. Sie tritt auf im Mantel des Wissenwollens um des Wissens willen, ohne Rechenschaft abzulegen für Francis Bacons Satz: Wissen ist Macht.

Die Wissenschaften geben sich immer unschuldig. Was können sie dafür, dass die Welt ihre Erkenntnisse zur Machtausübung verwendet? Sie verteidigen ihren Elfenbeinturm, obgleich der schneeweiße Turm längst zur blutigen Waffenkammer der Mächtigen wurde.

Eine winzige Minderheit ihrer Zunft warnt die Welt vor den Gefahren der Klimaverschärfung, während ihre Majoritäten sich in den Laboratorien des militärisch-technischen Komplexes und allmächtiger Monopole verstecken. Der Erkenntnis nach sind Wissenschaften heidnisch geblieben, der Anwendung nach verwandelten sie sich in Handwerkszeuge der Heilsgeschichte. Sie ignorieren diesen Verfälschungsprozess und projizieren die Rationalität ihrer Forschung auf die sieggewohnte Praxis göttlicher Geschichtslenkung.

Das Prinzip des Wanderns ins Gefährliche und Unbekannte ist das Gegenteil rationaler Politik, die das Leben der Menschen sichern soll. Wen wundert es, dass die politischen Eliten nicht daran denken, sich den Überlebensgefahren der Menschheit zu widmen, stattdessen fahrlässig weitermachen wie bisher? Niemand soll ein sicheres Leben wollen, dekretieren wissenschaftliche Abenteurer. Nichts Gefährlicheres und Riskanteres als das Streben nach Sicherheit. Alle Eliten schwärmen von den Risiken der Zukunft, die sie dadurch bestehen wollen, dass sie noch größere Risiken produzieren. Das wandernde Volk Gottes weiß sich behütet in allen Gefahren des Vorwärtsschreitens ins Finale. Gefahren werden bestanden durch Erfinden noch größerer Gefahren. Beim Wandern durch das finstere Tal ist es Gott selbst, der sein Volk vor allen Gefahren beschützt:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“

Warum zerreißt sich der Westen beim Kampf gegen einen vergleichsweise harmlosen Virus, denkt aber nicht daran, mit derselben Energie der Todesgefahr der Gattung entgegenzutreten? Beim Virus denken sie rational, aber verwirrt, beim Klima verharren sie irrational, passiv – und kopflos.

Wie John Bunyans Pilgerreise ins Goldene Jerusalem ist Whiteheads Wandern eine Reise durch ein finsteres Tal, das so finster nicht sein kann, dass der Wanderer nicht den Triumph über seine Feinde spüren könnte. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Das ist wahrer Siegestaumel direkt vor den Augen der Feinde.

Obgleich Whitehead vor religiösen Bemerkungen überfließt, darf auch bei ihm der Verweis auf die Odyssee des Geistes nicht fehlen. Und wenn man noch so fromm ist, auf den Anhauch einer hellenischen Wurzel will man nicht verzichten. Zu Unrecht. Odysseus, das Schlitzohr, wollte die Welt erkunden, um nach bestandenen Abenteuern zu Penelope, seinem treuen Weib, zurückzukehren. Das Leben muss ein Zyklus sein, Anfang mit dem Ende zusammenfallen.

Im Gegensatz zur linearen Endlosigkeit der Heilsgeschichte, die nur im Himmel enden kann. Ob Weib und Kind mit dem Vater selig werden, ist unwahrscheinlich. “Denn ich bin gekommen, einen Menschen mit seinem Vater zu entzweien und eine Tochter mit ihrer Mutter …“ Die Familie ist keine christliche Erfindung, sondern das Gegenteil: der Erwählungsglauben zerstört jede Familienzusammengehörigkeit. Dass Kapitalismus nichts unterlässt, um die Familie zu zerstören, beweist seinen christogenen Charakter.

Den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion, Denken und Glauben, hält Whitehead für übertrieben.

„Der Widerstreit ist ein Zeichen dafür, dass es umfassendere Wahrheiten und feinere Perspektiven gibt, in denen sich die Versöhnung einer tieferen Religion mit einer subtileren Wissenschaft finden lässt. Daher ist der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ein harmloses Problem, das übermäßig dramatisiert wird.“

Whitehead war ein großer Logiker. Waren die elementaren Widersprüche zwischen Vernunft und Glauben für ihn kein Grund, die Versöhnung der beiden abzusagen? Nicht im Geringsten:

„In der formalen Logik ist ein Widerspruch das Signal für eine Niederlage; doch in der Entwicklung der realen Erkenntnis markiert er den ersten Schritt auf dem Weg zum Erfolg. Die Duldungspflicht ist ein für allemal zusammengefasst worden in dem Ausspruch: „Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“

Whitehead verweist auf das Gleichnis vom Unkraut im Weizen:

„Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um der Ernte Zeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündlein, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheuern.“

Das also ist der Erfolg der Utilitaristen, dass sie auf das Jüngste Gericht verweisen. Erst dort wird sich der Triumph ihres Glaubens herausstellen. Der Logiker verleugnet die Wahrheitskraft seiner Logik und kehrt zurück zu seinem Kinderglauben: Gott selbst wird ihm eines Tages recht geben. Logisches Denken muss im entscheidenden Augenblick zurückgestellt werden.

Nun kann es niemanden mehr verwundern, dass das Buch über Wissenschaft in gläubigen Visionen endet:

„Die Tatsache der religiösen Vision und die Geschichte ihrer beständigen Expansion ist unser einziger Grund zum Optimismus. Die Vision beansprucht nichts als Anbetung. Die Anbetung Gottes ist keine Sicherheitsmaßregel – sie ist ein geistliches Abenteuer, ein Höhenflug zum Unerreichbaren. Der Tod der Religion geht einher mit der Unterdrückung der großen Hoffnung auf Abenteuer.“

Die deutschen Merkel-Bewunderer, also fast alle Medien, begründen ihre Bewunderung nicht mit dem Hinweis auf ihren festen Glauben, sondern mit den Eigenschaften einer Physikerin: sachlich, nüchtern, realistisch. Die Kanzlerin muss Whitehead nicht gelesen haben, um sich sicher zu sein, dass Wissenschaft nicht zum Unglauben verpflichtet. Im Gegenteil: Wissen um des Erkennen willens ist griechische Träumerei. Echte Wissenschaft ist ebenso eine ancilla theologiae wie die Kanzlerin die stumme Magd brachialer Gewalt.

Glauben ist ein Akt des Abenteuers, simple Logik darf dieses Abenteuer nicht unterminieren. Gott gibt keine Sicherheit auf Erden. Wer erwählt ist, wird sie im Himmel als ewige Seligkeit erfahren.

Ein neuer Kalter Krieg beginnt – und wie sieht‘s im Westen aus?

In einem TV- Interview darf Trump eine versucherische Frage mit einer verfassungswidrigen Äußerung beantworten – ohne dass er auf der Stelle seines Amtes enthoben wird:

„Der Moderator hakte erneut nach: „Können Sie eine klare Antwort geben, dass Sie die Wahl akzeptieren werden?“ Trump: „Nein, ich werde nicht einfach Ja sagen. Ich werde nicht Nein sagen und ich habe es auch nicht das letzte Mal getan.“ (BILD.de)

Die EU zerlegt sich, weil sie sich an ihre verfassungsgemäße Verpflichtung zum nationalen Egoismus hält (no bail out) und alle wundern sich über den Zerfall der Staatenunion:

„Nach dem nationalen Krisen-Lockdown und dem moralischen und emotionalen Kollaps der Union war ein Akt der Gemeinschaft bitter nötig, um die Idee von der gemeinsamen Mission wachzuhalten. Egal wie dieses Treffen ausgehen mag, so lässt sich nach drei Verhandlungstagen und unzähligen Vorbereitungsgesprächen feststellen, dass der EU ihre höhere Berufung abhanden gekommen ist. Europa hätte genug Themen, die 27 Länder aneinanderbinden könnten: Sei es die leidvolle und immer wiederkehrende Geschichte aus Feindschaft und Krieg, sei es die drohende Verzwergung in der Welt im Angesicht der chinesisch-amerikanischen Rivalität, sei es der Nachbarschaftsdruck durch Migration oder offene Feindseligkeit wie durch Russland. Der wichtigste Grund aber heißt Binnenmarkt und ist für eine Gemeinschaft von knapp 450 Millionen Menschen Argument genug, um ihre Union zu pflegen. Kein Land, das nicht von dieser Konstruktion profitieren würde, ob nun Nettozahler oder Strukturhilfeempfänger. Unter diesem Dach lassen sich Kompromisse schmieden.“ (Sueddeutsche.de)

Das Scharmützel der EU-GrandInnen schadet der Reputation der Kanzlerin nicht. Im Gegenteil:

„Egal was der EU-Gipfel noch bringt: Kanzlerin Merkel hat Deutschland eine neue europäische Rolle verschafft. … Die große Neuheit dieses Gipfels ist die historische Kursänderung von Angela Merkel. Deutschland überrascht angenehm ganz Europa. … Macron hatte einst früh, noch vor seiner Wahl zum Präsidenten, kalkuliert, dass französische Politik nur in enger Abstimmung mit deutscher Politik stark sein könne. Als er dann aber Präsident wurde, fand diese Abstimmung nie statt. Bis zu diesem Gipfel, auf dem plötzlich zwischen ihm und Merkel alles anders war.“ (ZEIT.de)

In der Frankfurter Rundschau ist sie schon zur „Weisen“ aufgestiegen. Fehlt nur noch die Erhebung zur Heiligen, wenn sie das sinkende Schiff sachlich und nüchtern verlässt und allen Ertrinkenden hinter ihr kühl den Segen verabreicht.

Für Brinkbäumer, Ex-Chef des SPIEGEL, gehört sie – neben Gauck – zu den zwei einzigen Edlen und Guten in der BRD:

„Unsere Welt braucht Menschen wie jene beiden, unsere Zeiten brauchen Würde. Werfen wir heute und zunächst also einige altmodische Wörter in diese Kolumne hinein: Fleiß. Verantwortungsgefühl. Bescheidenheit. Ehrlichkeit. Mut und Demut. Sowie Rückgrat. Das alles braucht die Demokratie, braucht unsere Welt, und bitte sofort. Wer sind solche Menschen in Deutschland? Joachim Gauck. Und? Angela Merkel dürfte bald so gesehen werden.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Zwei Ossis und bekennende Protestanten. Kein Klimakämpfer, kein einziges Mitglied der FFF, kein Lebensretter der Flüchtlinge, die durch Merkels völker- und menschenrechtswidrige Politik zum Tode verurteilt werden. Brinkbäumer nennt hohe Werte, den Begriff Moral nennt er nicht. Zu minderwertig. Der Edelschreiber, der sich zu jener Zunft zählt, die subjektives Engagement ablehnt, fordert politischen Aktivismus, von dem sich objektive Beobachter mit Schaudern wenden.

Die weise, ethisch hochstehende Kanzlerin äußert sich zu keinem Thema, dessen bloße Erwähnung ihrem engelgleichen Ruf schaden könnte:

„Leider, stellte Lobo fest, handele die Union nicht entsprechend. Das liege auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nicht für maximale und öffentliche Aufklärung sorge, wo sie dringend nötig wäre, etwa im Fall Oury Jalloh, bei den Taten des NSU 1.0 oder bei der Aufarbeitung der „rechten Groteske“ der Ära Hans-Georg Maaßen. Auch zu den Todesdrohungen gegen die Kabarettistin Idil Baydar schweige Merkel, obwohl sie sich vor zehn Jahren mit großer Geste „der Bedrohung des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch islamistische Mörderbanden entgegengestellt hat“. Das konservative Law-and-Order-Getöse erweist sich als hohles Geplapper“, kritisierte Lobo, „wenn ein derartiger rechtsstaatlicher Saustall möglich ist. Alle diese Handlungen und Nichthandlungen des Staats, die letztlich von Angela Merkel verantwortet werden, lesen Rechtsextreme als Zeichen der demokratischen Schwäche.“ (SPIEGEL.de)

Zwei Journalistinnen der New York Times, die die sexuellen Vergehen des Hollywood-Magnaten Weinstein entlarvt haben, rechtfertigen die anti-aktivistische Allergie ihrer Zunft:

„Viele Journalisten, die kritisch über Weinstein berichten sollten, standen ihm sehr nahe. Er bot Journalisten ein Stück Hollywood, wenn sie nicht zu kritisch nachfragten, versorgte sie mit Tipps, vermittelte Treffen mit den Stars aus seinen Filmen. Mit dem „National Enquirer“, einer der größten Boulevardzeitungen in den USA, machte er sogar einen Deal: Die Zeitung schickte Journalisten los, um Schmutz über die Frauen herauszufinden, von denen Weinstein vermutete, sie könnten Vorwürfe gegen ihn an die Öffentlichkeit bringen. Das heißt nicht, dass wir auch Aktivistinnen sind. Trotzdem haben wir eine eindeutige Meinung zu den Themen sexuelle Belästigung, Sexualdelikte und Geschlechtergerechtigkeit. Wir haben viel Arbeitszeit darauf verwendet, Frauen eine Stimme zu geben. Aber dabei waren wir nicht von Aktivismus angetrieben.“ (SPIEGEL.de)

Falscher kann eine Selbstdarstellung nicht sein. Mit bewundernswerter Energie legten die Journalistinnen den Sumpf des Produzenten frei – und wollen dennoch nicht aktivistisch sein? Es gibt unzählige Fakten, der Job der Medien ist: relevante Fakten auswählen und so zu berichten, dass die Auswahl politisch notwendig erscheint. Demokratie durch Darstellen schadhafter Stellen verbesserungsfähig zu machen, ist ein moralisch-politischer Akt.

Dass die Beiden sich von Aktivisten auf der Straße distanzieren, ist unsinnig und kann ihrer eigenen Arbeit nur schaden. Denn nur, wenn es Menschen gibt, die die veröffentlichten Fakten aufnehmen, um sie in der Öffentlichkeit zu verbreiten, ist journalistische Arbeit sinnvoll geworden. Aktivismus kann arbeitsteilig sein. Doch nie können kritisches Schreiben und politisches Engagieren sich gegenseitig ausschließen. Brinkbäumer fordert moralischen Einsatz von der Bevölkerung, von den Mitarbeitern seines früheren Blattes forderte er keinen.

Die Kanzlerin kann so viele grundlegende Fehler begehen, wie sie will: wenn sie über Nacht eine gute Tat vollbringt, wird sie von ihren Bewunderern in den Himmel gehoben. Jahrelang hat sie die ärmeren EU-Verbündeten mit harter Hand abgewiesen. Keine Gazette protestierte ernsthaft. Plötzlich kommt eine Erleuchtung über sie – und die treuen Kohorten jubeln. Nichts gegen Lerneffekte, alles aber gegen Erleuchtungen, die ihre früheren Sünden verdrängen und ihre Sinneswendung nicht erklären. Das ist ganz im Sinne ihrer Edelschreiber: Vergangenheit tot und vorbei, wir beginnen ein Neues. Merkel & Medien sind ein prästabiliertes, kongeniales Arbeitsduo.

Wenn Merkel „böse“ Politik betreibt, schauen die Deutschen unter sich, protestieren aber nicht. Klammheimlich sind sie froh, dass ihre Herzenskönigin stellvertretend für sie das Böse erledigt, das sie tief in ihrem verruchten Herzen nicht für falsch halten. Wenn jene aber in erleuchteter Umwandlung dem Bösen absagt und das Gute tut, atmen ihre Untertanen erleichtert auf: Wenn Muttern vorausgeht, können die Kinder ebenfalls das Gute tun – ohne sich schämen zu müssen.

Die demokratische Substanz der EU zerfällt. Den immer despotischer werdenden Staaten wie Polen oder Ungarn wagt Brüssel nicht, die rote Karte zu zeigen. Von Amerika, Israel, der Türkei gar nicht zu reden. Von China ganz zu schweigen. Zu allen Themen schweigt die Kanzlerin.

Unterschiede zwischen demokratischem und totalitärem Denken scheinen sich im Lande täglich mehr zu verwischen. In Trier wurde eine Marxstatue, inGelsenkirchen eine Leninstatue errichtet. Rechte und Linke denken nicht daran, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Der FREITAG weiß nichts Besseres zu berichten als das Folgende:

„Lenins Zeitgenossen fühlten sicher ähnlich, denn er war nach allem, was man über ihn lesen kann, mit seiner unbedingten Art kein Mann der Kompromisse. Solche Menschen sind oft nur schwer zu ertragen, selbst wenn man mit ihnen einer Meinung ist.“ (der-Freitag.de)

Lenin wird zu einem kühnen, kompromisslosen Denker stilisiert. Dass diese Kompromisslosigkeit alle demokratischen Regeln missachtet und Menschen mit totalitärer Brutalität von der Tenne fegt, wird mit keinem Wörtchen erwähnt. Hier hilft nur einer der größten Ökonomen Deutschlands, der völlig vergessene Alexander Rüstow:

„In Lenins Schriften lesen wir folgendes: „Jede Sittlichkeit, die aus einem klassenlosen Begriff abgeleitet wird, lehnen wir ab. Unsere Sittlichkeit entspringt den Interessen des proletarischen Klassenkampfes.“ Man muss zu allen möglichen Kniffen, Listen, illegalen Methoden, zur Verschweigung, Verheimlichung der Wahrheit bereit sein, um nur … um jeden Preis kommunistische Arbeit zu leisten. … Teuflisch ist noch ein viel zu milder Ausdruck, für diesen Grad von Unmenschlichkeit. Der Bolschewismus aber, diese Spottgeburt aus Dreck und Feuer, leugnet jede übergeordnete Norm. Daraus ergibt sich für uns die schwere Pflicht, aus dem Gegenseitigkeitscharakter der Menschlichkeit der grundsätzlichen Unmenschlichkeit mit unbeugsamer Festigkeit entgegenzutreten. Eine friedliche Koexistenz zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit gibt es nicht. Gegen Unmenschlichkeit besteht eine Widerstandspflicht, und zwar für jeden Menschen ohne Ausnahme und Unterschied.“ (Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 3)

Wo stehen wir? Seit Merkels Regiment verfällt die demokratische Struktur der BRD ins Bodenlose. Eins ist sicher: die Pastorentochter wäscht ihre Hände in Unschuld. Ihre Untergebenen vergeben ihr, damit ihnen vergeben wird. Deutschland will schuldlos sein, wenn die Welt erneut in Trümmer fällt. Sollte das Land seinen Wohlstand und seine führende Stellung in Europa verlieren, wird‘s spannend.

Fortsetzung folgt.