Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs XCI

Tanz des Aufruhrs XCI,

für wen und zu welchem Zweck wird Politik gemacht?

„Dass die Staats- und Regierungschefs jetzt, selbst wenn sie sich vertagen sollten, allein durch Anlass und Vorhaben dieses Treffens Geschichte schreiben werden, ist, wie gesagt, wahrscheinlich. Wie sie in den Geschichtsbüchern dastehen werden, wird sich zeigen.“ (SPIEGEL.de)

Nicht für das Leben, nicht für die Gegenwart, ja, nicht einmal für die Zukunft unserer Kinder, sondern für die Geschichtsbücher der Zukunft. Die Geschichtsbücher entsprechen jenen Büchern, die an einem bestimmten TAG aufgeschlagen werden, um die Herausragenden selig zu sprechen und die Versager zu verfluchen.

Die Völker, Massen, die Vielzuvielen werden in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen und im Dunkel der Geschichte verschwinden. Sie waren Material. Menschenmaterial, aus dem die Schöpfer der Geschichte ein Kunstwerk machten, in Marmor eingravierten, in CO2 und Methan auflösten, in Blutströme und Massengräber, seltenes Glück und gigantisches Elend verwandelten.

Wer wird die Bücher schreiben, die die Politiker bewerten? Nicht die Massen und Vielzuvielen, sondern die Gelehrten, Experten, Kundigen der Geschichte. Aus objektiver Rückschau werden sie ihre Bewertungen abgeben, die heute aus … … subjektiver Distanzlosigkeit angeblich nicht möglich sind.

Das ist die Bescheidenheit gegenwärtiger Beobachter, dass sie jede Beurteilung verweigern und den Koryphäen der Zukunft überlassen. Sie stellen fest, sie protokollieren. Sie sind keine denkenden Zeitgenossen ihrer Gegenwart, sondern mechanische Instrumente des Feststellens: Mikrofone, Diktiergeräte, Kameras und Dokumentaristen beteiligungsloser Wahrnehmung.

Sinnliche Wahrnehmung und Denken haben sie voneinander getrennt. Geist, als Fähigkeit des Menschen, seine Beobachtungen denkend zu bewerten, ist bei ihnen verkümmert und verwahrlost. Als Spezialisten des Tages gestatten sie sich kein zeitübergreifendes Urteil.

Das Beurteilen der Zeitereignisse überlassen sie den Historikern, die sich jedoch auch des Beurteilens entziehen. Aus subjektiver Sicht der Gegenwart sei es nicht gestattet, eine objektive Bewertung des Vergangenen vorzunehmen. Alles müsse nach Maßstäben der jeweiligen Vergangenheit beurteilt werden. Da das Denken mit fremden Köpfen unmöglich ist, fällt jede Beurteilung aus.

Die Hoffnung auf zukünftige Geschichtsschreibung sehnt  sich – ohne es zu wissen – nach der überdauernden  Perspektive einer stehenden Zeit. Das Atemholen eines stehenden Jetzt aber kann es im Rasen einer linearen Zeit nie geben.

Woraus wir schließen: der Mensch hastet durch seine Geschichte ohne Bewusstsein seines Tuns. Der jetzige Tag gestattet ihm keinen Abstand, die Vergangenheit kein zeitloses Erkennen seiner Taten. Der Mensch verurteilt sich zur Marionette der Zeit, zur bewusstseinslosen Existenz, die weder wissen darf, was sie will, noch was sie vollbringt.

Er muss tun, was eine allmächtige Geschichte von ihm verlangt, deren Forderungen er sich nicht widersetzen darf. Was auf ihn zukommt, hat er auszuführen; den Elementen der Zeit darf er sich nicht verweigern, wenn er nicht unter die Räder kommen will. Ob er sich verweigert oder nicht: er kommt unter die Räder.

Will der Mensch sich verändern, um dem Desaster zu entgehen, muss er zuvor sein Denken verändern. Sein Denken muss die Zeit verändern. Denn Zeit ist keine Geschichte, deren Gesetzen er folgen muss. Die Zeit wartet sehnlich, vom Menschen geprägt zu werden.

Nicht im herrischen Alleingang, sondern in Verständigung mit der Natur: das wäre Geist, das wäre Denken, ein Akt des Erkennens, das die verlorene Sympathie mit der Natur wieder herstellen könnte.

Die Rückkehr zur Natur wäre kein bloßes retour à la nature. Es wäre ein Akt, der aus den Verirrungen der Menschheit gelernt hätte. Wäre es eine uralte Sehnsucht nach der Wildnis der Wilden?

„Wir können den Zustand der Wildheit nicht für einen hohen halten und etwa in den Irrtum Rousseaus verfallen, der den Zustand der Wilden Amerikas als einen solchen vorgestellt hat, in welchem der Mensch im Besitz der wahren Freiheit sei. Allerdings kennt der Wilde ungeheuer viel Unglück und Schmerz gar nicht, aber das ist nur negativ, während die Freiheit wesentlich affirmativ sein muss. Die Güter der affirmativen Freiheit sind erst die Güter des höchsten Bewusstseins.“ (Hegel)

Affirmativ ist bejahend. Die vom Menschen ungeprägte Natur ist für Hegel und Marx verneinend. Sie ist unvollendet wie das Weib (Inbegriff der Natur), das ohne männliches Zutun unfruchtbar, ohne männliche Erziehung ein Nichts bliebe. Bei Hegel ist Affirmation ein Erkennen des Notwendigen, ein Akt freier Zustimmung zum Tun des Weltgeistes.

Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit. Oder schwäbisch-pietistisch: bejahe ich Gottes Wirken in der Geschichte, erringe ich durch Gehorsam Freiheit in Gott. Marx ersetzt Hegels gehorsames Denken durch gehorsames Arbeiten. Bearbeitet der Mensch die Natur, wird er sie beherrschen, indem er sich unterwirft. Francis Bacons Motto, durch Unterwerfung unter die Natur werde der Mensch die Natur beherrschen, wurde für Marx zum Motor seiner Heilsgeschichte. Was in der Schöpfungsgeschichte als Strafe dargestellt wurde, wird von Bacon, Hegel und Marx ins Positive gewendet.

Bei Bacon war es Wissen, bei Hegel Arbeiten und Erkennen, bei Marx die Arbeit, die – in der Schrift die fluchwürdigen Folgen des Sündenfalls – durch den Menschen ins Gegenteil verkehrt und zur Wiedereroberung des Gartens Eden führte.

Wohin führt der Fortschritt? Zur Rückkehr ins Paradies – aus eigener Kraft des Menschen. Der Mensch, zum Gott geworden, benötigt keinen externen Gott mehr, dem er sich ausliefern müsste. Der Sündenfall wird überwunden, die Rückkehr in den Ursprung zum triumphalen Fortgang in ein zweites, selbst hergestelltes Paradies.

Was wie ein Akt der Empörung gegen den Schöpfer aussieht, ist in Wahrheit eine Erfüllung Seines Willens: indem der Mensch die Natur zu Nichts abarbeitet, gelingt es ihm, eine zweite neue Natur zu kreieren. Der Glaube an seine Gottähnlichkeit macht das Geschöpf zu Gott. Die Gottwerdung des Menschen ist der Sinn des westlichen Fortschritts.

Natur im Zustand wilder Unberührtheit erspart dem Menschen, nach Hegel, allerhand Unglück und Schmerz. Doch das ist nicht gut, nicht affirmativ: es bringt die Natur nicht voran. Schmerz und Unglück sind die Geburtswehen einer Natur, die ihre primäre Rohigkeit abwirft und sich zu einer neuen, vollkommenen und zweiten Natur entwickelt. Das Negative oder Böse ist Motor des Guten. Kein abendländischer Geschichtsdenker, Kant inbegriffen, der dieses Motto nicht zu seinem Credo gemacht hätte.

Das bedeutet die Vertilgung der gesamten Moral im Bereich des Überprivaten. Zuhause sollen die Menschlein anständig sein, als politische Menschen haben sie Böses zu tun, um Gutes zu verwirklichen.

Der offenbare (liebe) Gott braucht den verborgenen (bösen), um seine Heilsziele zu erreichen. Gott braucht den Teufel, das Gute braucht das Böse. Fortschritt muss über Leichen gehen. Sonst droht – Stillstand.

Im Zustand der Wildnis gibt es kein Böses. Die Heiden können, auf schlichtem Niveau, in Freuden leben. Zu einem affirmativen Geschichtsfortschritt werden sie es jedoch nie bringen.

Popper, obgleich Gegner Hegels, teilt seine Sicht der Dinge: eine offene Gesellschaft muss stets die Last der Geschichte – das Akzeptieren amoralischer Methoden – tragen. Bei seinem neoliberalen Freund Hayek versteht sich dieses „dialektische“ Prinzip von selbst. Auch bei dessen linken Gegnern gibt es keine Moral, die den Fortschritt des Klassenkampfes bremsen dürfte:

„Das Grundprinzip des Kapitalismus ist, aus vorhandenem Geld noch mehr Geld zu machen. Wenn Regierungen also implizieren, dass bestimmte Konzerne ihrer „sozialen Verantwortung“ nicht gerecht würden, Arbeitsplätze zu schaffen oder Steuern zu zahlen, dann suspendieren sie den eigentlich nötigen Klassenkampf zugunsten der Moral. Dabei geht es hier nicht um Gut und Böse, sondern um den Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit.“ (Freitag.de)

Zwar haben Neoliberalismus und Sozialismus leicht unterschiedliche Ziele, doch im Wesentlichen wollen beide dasselbe: eine auserwählte Schicht wird den Gesamtsieg der Geschichte erringen, die Gegner werden unerbittlich untergehen.

Das zeigt uns, dass Links und Rechts keine trennscharfen Alternativen sind. Beide wissen nicht, dass Gerechtigkeit eine Idee ist, die nur durch moralische Politik erreicht werden kann. Moral ohne Taten sind sterile Absichtserklärungen, aber keine Kraft, die die Wirklichkeit verändern könnte.  

Die Aversion des Abendlands gegen Moral betrifft die folgenlose Moral christlicher Innerlichkeit, die es nicht nötig hat, äußerlich zu werden. Zugleich ist es Überdruss an der Anstrengung, sich eine autonome Vernunftmoral zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Wir haben es mit einer doppelten Allergie zu tun: sowohl gegen Glauben als auch gegen Vernunft.

Das Böse als Motor des Guten hat die Lebenswirklichkeit des ganzen Abendlands durchsetzt. Auch die Pädagogik. Wie bereite ich mein Kind auf die böse Realität vor? Indem ich es absichtlich und so früh wie möglich mit dem Negativen konfrontiere.

„Wenn das Kind allerdings nie lernen darf, mit den allgemeinen Lebensrisiken umzugehen, bringen die Eltern es um eine der zentralen Erfahrungen des Aufwachsens: Selbstwirksamkeit. „Die kann ich nur spüren, wenn ich selbst erlebt habe: ‚Hey, das war schwierig für mich, aber ich bin es angegangen und habe es geschafft.'“ Und wenn es mal nicht klappt? „Das gehört unbedingt dazu. Kinder müssen auch Frust ertragen dürfen.““ (SPIEGEL.de)

Offenbar gibt es zwei Helikoptereien: eine des Verhinderns und eine des Zufügens als absichtliches Zulassen. Lauern nicht genug Risiken in der Welt des Kindes? Dass niemand sagen kann, es wachse in einem Paradies auf? Haben die Risikobewunderer schon bemerkt, dass selbstbewusste Kinder durchaus in der Lage sind, eigenständig zu entscheiden: kann ich alleine?

Kinder kann man fürsorglich begleiten, um zu sehen, was sie können oder nicht. Unglaublich, aber wahr: man kann das Kind fragen: soll ich dir helfen – oder willst du alleine?

Das Helikoptergeschwätz kennt nur sprachloses Verfügen und außengeleitetes Tun des Erwachsenen: soll Ich das Kind überbehüten – oder soll ich es lassen? Von Erkenntnisprozessen des Kindes, von Reden und Verständigen mit dem „Objekt der Erziehung“ ist nirgendwo die Rede. Das Kind soll so früh wie möglich diversen Stresssituationen ausgesetzt werden – unabhängig von der Selbsteinschätzung des Kindes, unabhängig vom Ergebnis einer permanenten Verständigung.

Und wozu das Ganze? Je früher das Kind lernt, auf die Schnauze zu fallen und abgehärtet wieder aufzustehen, umso eher lernt es sich einzustellen auf die Welt der Erwachsenen, in der das Böse Antrieb des Guten ist. Die selektive Welt ist das A und O, auf das die Kinder sich vorbereiten müssen. Die kapitalistische Welt, wie sie nun mal ist, wird mit diesen Abhärtungen frühzeitig heiliggesprochen. Kein Kind soll auf die Idee kommen, es könne die frustrierende Welt verändern. Man könnte von einer prophylaktischen Kapitalismusabhärtungs-Methode sprechen: die wahre Helikopterei eines absurden Systems.

Das Ganze ist kein Akt geistiger Verständigung, sondern ein Skinner‘sches Konditionieren oder eine außengeleitete Anpassungsprozedur. Das Kind wird programmiert wie eine rückständige Maschine, die durch gewisse Knopfdrücke funktionieren soll. Wie in fast allen Geisteswissenschaften, die auf naturwissenschaftlichem Niveau arbeiten wollen, ist der autonome Geist des Menschen abhanden gekommen.

Eine sinnvolle Pädagogik hingegen verstärkt das Selbstbewusstsein des Kindes, damit es fähig wird, seine Interessen eigenständig einzuschätzen und aus Versuch und Irrtum zu lernen.

„Hast du schon gehört? Die haben eine zweite Erde entdeckt, auf der anderen Seite der Sonne. Alles genauso wie hier – nur ohne Menschen. Klare Luft, saubere Meere, freie Tiere. Jetzt wollen sie kluge Köpfe in einem Raumschiff dorthin schicken. Und das Projekt Menschheit noch mal starten.“ – „Wer sind denn diese klugen Köpfe?“ – „Das wollen sie jetzt rausfinden. Vielleicht sind wir ja auch dabei! Wir müssen rauskriegen, wo das Raumschiff startet. Dann dürfen wir mit.“ (ZEIT.de)

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Nicht so, dass die Zeiten uns automatisch änderten. Will der Mensch mündig werden, muss er selbst Hand anlegen – indem er denkt. Denken ist angesagt, die Krise muss groß sein. Die ZEIT spart nicht an gewichtigen Schlagzeilen: „Auf zur neuen Erde! Start zur Weltmeisterschaft des Denkens!“

Das neue Denken untersteht von Anfang an uralten Deformationen. Denken wird zum Wettkampf. Nicht zum liebenden Streit um Wahrheit, aus dem jeder als Sieger hervorgehen kann. Sondern um einen Wettkampf um Sein oder Nichtsein. Wer kein Weltmeister im Denken ist, hat keine Überlebenschance. Er muss hier bleiben, um unterzugehen. Nur auserwählte Genies dürfen das Raumschiff betreten und ins Unendliche abdüsen. Darwin‘sche Selektion als Ergebnis eines Denktests.

Was versteht die ZEIT unter Denken?

„Man muss auf dem Weg ungewöhnliche Aufgaben lösen.“ – „Was darf man mitnehmen?“ –
„Alles. Rechner, Bücher, Freunde. Es geht ja ums Denken, nicht ums Wissen. Logisches Denken, intuitives Denken, kooperatives Denken … Querdenken, sagen sie, das ist auch wichtig. Bist du dabei?“ –
„Wie lange haben wir Zeit?“ –
„Es sind vier Etappen, jede Woche eine neue.“

Welche Superdenker erkühnen sich, Aufgaben zu stellen, deren Lösungen unabhängiges Denken beweisen sollen? Welche Entscheider über Leben und Tod erkühnen sich, die Fähigsten der Menschheit herauszufiltern, um die Massen der Dummen der Apokalypse zu überlassen?

Denken als Philosophieren löst keine künstlichen Aufgaben anderer Menschen, sondern muss durch eigenes Forschen die Probleme der Menschheit ausfindig machen. Hier gibt es keine Orakel von Delphi, die Rätsel aufgeben können. Hier hat jeder Denker sein eigenes Orakel zu sein, das sich selbst fragt und die Antwort gibt.

Es kann auch keine Vorinformationen darüber geben, um welche Denk-Aufgaben es gehen wird. Es ist scholastischer Unsinn, Denken in Disziplinen aufzuspalten. Denken ist kein Lösen von Aufgaben, die von anderen gestellt werden. Jeder Denker ist selbst dafür verantwortlich, die Probleme der Menschheit auf den Punkt zu bringen. Denken ist kein eitler Intelligenztest, um seinen IQ herauszufinden.

Denken ist Lösen von Menschheitsproblemen. Hier Noten zu verteilen, wäre der helle Wahn. Denken kann nur denkend beurteilt werden, nicht durch Zensuren arroganter Überlegenheit.

Um welche Menschheitsprobleme es geht, muss das Denken selbst bestimmen. Philosophie ist keine ancilla theologiae, keine Magd der Geometrie oder sonstiger Schlauheiten. Vom Erstaunen über das Staunenswerte zum Enträtseln des Rätselhaften bis zur Lösung der Lebens- und Überlebensprobleme der Menschheit ist Denken eine Angelegenheit einsamer Autonomie – zunächst.

Dann aber, wenn es glaubt, etwas beitragen zu können, muss es auf den Marktplatz, um sich überprüfen zu lassen und dem Denken anderer standzuhalten. In diesem Kampf der Geister gibt es niemanden, der die Lösung von Anfang an in der Tasche hätte. Wir sind in keiner Klippschule, wo Lehrer als autoritäre Schlaumeier von vorneherein alles wüssten. Je ernsthafter der Streit in der Polis, je höher die Chancen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Denken ist der gemeinsame Kampf bewusster Demokraten um die beste Lösung kollektiver Probleme, in der niemand das Privileg apriorischer Antworten besitzt. Die ZEIT verwechselt Denken mit Lösen von Intelligenztests, in der die richtigen Antworten schon vorliegen. Denken ist keine Unterabteilung mathematischer, naturwissenschaftlicher oder psychologischer Forschung. Es muss frei bleiben von jeglichen autoritären Überlegenheitsdünkeln. Wenn Denken wirklich etwas Erhellendes zu sagen hat, wird es früher oder später Zugang finden zu den Köpfen anderer. Wenn nicht, wäre das Kollektiv der Schwarmintelligenz nicht mehr gefeit gegen Untergang.

Denken verstärkt die Lebensqualität derer, die sich von ihm überzeugen lassen – ohne dazu gezwungen zu werden. In der jetzigen Krise hätte es die Aufgabe, die  Ursachen der Misere frei zu legen, um Auswege aus der Gefahr zu finden.

In einer ökonomisch bestimmten Welt glauben die Ökonomen zu den besten Denkern zu gehören, die die Weltprobleme am effizientesten lösen können:

„Unternehmer sind Entdecker. Kulturen, in denen man gern in festen Lagern und zuverlässigen Gegensätzen denkt, macht das nervös. Es gibt keine Abenteuer, Punkt. Nichts ist unendlich. Möglichkeiten schon gar nicht. Alles muss seine Ordnung haben. Solche Einstellungen sind das Bildungsproblem unserer Gesellschaft. Ideologen streiten darüber, ob man Wirtschaftsunterricht braucht und wenn ja, was dabei herauskommen solle, aber entdecken will keiner etwas. Dabei brauchte es dringend Unternehmerunterricht, der gleichbedeutend wäre mit Selbstständigkeitsunterricht oder Selbstbestimmungstraining. Das ist zweifellos ein Abenteuer, und hätte der Begriff im sicherheitsverliebten Wohlstandswesten nicht von jeher etwas Negatives bedeutet, könnte man sich den Selbstbestimmungsunterricht ab der Grundschule ja auch als Abenteuerunterricht vorstellen, in dem Neugier und Erkenntnisdrang gefördert werden. Ein Abenteuer ist allerdings kein kopfloses Unternehmen, sondern verlangt Leute, die sehr komplex und in Zusammenhängen denken können. Das ist der Kern des unternehmerischen Wesens. Der Unternehmer ist auch jemand, der die Dinge und Sachverhalte in Verbindung zueinander bringt, die Bedürfnisse anderer erkennt und Lösungen dafür anbietet.“ (brandeins.de)

Unternehmer wollen Entdecker sein. Wovon? Von unbekannten Bedürfnissen anderer, die sie mit neuen Produkten befriedigen wollen. Ihnen geht es ums Geld verdienen. Nicht ums Lösen der Klimagefahren und anderer Überlebensprobleme. Von Politik ist bei ihnen keine Rede. Denken aber ist politisch, betrifft alle und denkt an alle. Es begnügt sich nicht mit Teilproblemen, die das Ganze nicht berühren.

Gibt es einen Selbstständigkeitsunterricht? Das wäre ein Widerspruch im Beiwort. Selbstständigkeit lernt man durch ständige Selbstbestimmung: das aber wäre das Ende aller schulischen Furcht- und Strafkasernen.

Ist Denken ein Abenteuer? Auf den ersten Blick müsste man bejahen. Denn niemand weiß, wo Denken endet, ob es Lösungen bringt oder nicht. Beim zweiten Blick aber kommt Abenteuer von adventus, Ankunft. Abenteuer ist die Ungewissheit beim Warten auf die Ankunft des Messias. Von sich erwartet es nichts, alle Heilserwartungen sind auf den Herrn gerichtet. Aus dieser Sicht wären Abenteurer das Gegenteil der Selbstständigen und Selbstbestimmten.

Abenteurer seien nicht kopflos, sondern könnten komplex und in Zusammenhängen denken? Auf diesem Terrain seien Unternehmer unschlagbar? Wie passt diese Unschlagbarkeit zusammen mit der Starrheit der Unternehmer, ihre Betriebe freiwillig und radikal in klimafreundliche Produktionsstätten umzuwandeln? Die Wirtschaft muss als hartnäckigste Widersacherin aller Klimareformen angesehen werden. Das Erfinden verkaufsfähiger Produkte hat mit Denken so viel zu tun wie Geld scheffeln mit politischer Klugheit.

Muss Denken komplex sein? Die größten Philosophen waren Denker des Einfachen, die der wahnhaften Komplexheit der Spezialisten – die sich vom Pöbel nicht in die Karten schauen lassen wollten – Widerstand leisteten und dem Volk die Möglichkeit boten, durch eigenes Nachdenken den Mächtigen auf die Finger zu schauen.

Was ist komplex an der Lösung der Klimaprobleme? Jeder sollte die Lösung kennen: der Natur dürfen wir nicht mehr entnehmen als wir ihr zurückgeben müssen. Geben und Nehmen muss ein Kreislauf sein. Liegen die grundsätzlichen Lösungen nicht längst auf dem Tisch? Warum werden sie nicht debattiert, die besten nicht in politische Taten umgesetzt?

Was geschieht stattdessen? Das ökologische Denken wird unter den Teppich gekehrt. Die Angst, Verluste zu erleiden oder gar umsatteln zu müssen, vereint die Denker-Wirtschaft in eine gusseiserne Verweigerungsfront.

Da seht die Spießer, die das Unendliche nicht denken dürfen! Wer noch nicht wahrgenommen hat, dass Ressourcen endlich und unsere Kreativitäten begrenzt sind, sollte weniger Science-Fiction-Filme konsumieren.

Die Ökonomie ist auf bedauernswerte Weise auf den Hund gekommen. Wer das Fach zu studieren beginnt, muss gleich am Anfang die eigene Sprache vergessen und die der Meister übernehmen. Mit anderen Worten: Anfänger müssen ihr Denken aufgeben, damit sie den überkomplexen Katheder-Mammonisten nicht auf die Schliche kommen. Dass es ganz andere Vorstellungen gibt, um das Fach an Haupt und Gliedern zu reformieren, beweist der folgende Artikel:

„Allein in Deutschland lernen über 600.000 Studierende Semester für Semester hochgradig abstrakte, einseitige und weltanschaulich problematische Vorstellungen über Ökonomie“. „Was hier über Wirtschaft beigebracht wird, hat keinerlei Bezüge zu realen ökonomischen Prozessen oder Erfahrungen.“ (TAZ.de)

Wie ist die ökonomische Lage in Deutschland?

„Deutschland ist eine Klassengesellschaft. Der Reichtum ballt sich bei wenigen Familien, während die meisten Deutschen fast gar kein Vermögen haben. Die Zahlen sind erschreckend, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jetzt publiziert hat: Das reichste Zehntel verfügt über 67,3 Prozent des gesamten Nettovermögens. Für den großen Rest der Bevölkerung bleibt also wenig übrig, und die ärmere Hälfte besitzt fast nichts. Für eine Demokratie ist es extrem gefährlich, wenn Arm und Reich auseinanderdriften. Denn die Demokratie lebt von dem politischen Versprechen, dass alle Menschen gleich seien – weswegen ja jeder Erwachsene genau eine Stimme hat. Doch das Parlament wirkt machtlos, wenn sich das Vermögen in wenigen Händen konzentriert. Alle arbeiten – aber auf wundersame Weise werden nur die Kapitalbesitzer reicher. Die Demokratie erscheint wie ein Anhängsel der Millionäre, weswegen nicht wenige Menschen zu dem fatalen Fehlschluss gelangen, dass es sich gar nicht lohne, zur Wahl zu gehen.“ (TAZ.de)

Ein vernichtendes Urteil über die monströsen Ungerechtigkeiten in Deutschland. Von der Situation schwächerer Staaten gar nicht zu reden. Und diese zum Untergang verurteilte Ökonomie wird von Neoliberalen als Weisheit höchster Schluss gefeiert?

Sollte die Rechtfertigung der Misere das überlegene Denken der Ökonomen beweisen, müsste man ihnen zurufen:

Verblendete, lasst euer komplexes Denken, bevor es uns endgültig in den Abgrund zieht.

Fortsetzung folgt.