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Tanz des Aufruhrs XC

Tanz des Aufruhrs XC,

„Sie wissen, dass ich als Bundeskanzlerin ja sozusagen nicht mehr zur nächsten Wahl antrete.“

„Sozusagen bedeutet, dass der Sachverhalt nur ungefähr zutrifft oder in gewisser Weise, mehr oder weniger, annähernd, quasi.“

Und nun, sozusagen, die Krönung in voralpinen Prunkschlössern. Das preußisch-bayrische Paar gegen das französisch-rheinländische Bündnis. Dem vorwitzigen Napoleon, der bereits die adlige Verteidigungsministerin nach Brüssel entführte, muss mit souveräner Geste Einhalt geboten werden. Was hat der L’Arc de Triomphe, was Herrenchiemsee nicht hätte?

Die Königin von Europa hält Hof im Schloss Merseburg. Dort lässt sie sich von ihren europäischen Adjutanten huldigen. Für distanzierte Respektabilität sorgt Corona. Wer sich selbst nicht krönt, der weiß nicht, was Charisma ist.

„Zu Beginn waren es vor allem die Anzeichen von Einfachheit und Herzlichkeit, die als bürgerliche Tugenden begriffen wurden und ihr Beifall und Verehrung einbrachten. Edelschreiber entwarfen das Bild einer Gesellschaft, in der Familie und Staat durch Glaube und Liebe miteinander verbunden waren. Nach ihrem Abgang wurden die Schulen darauf abgestellt, das offizielle Bild von IHR zu vermitteln und so für neue Generationen ständig lebendig zu halten. SIE fand beinahe überall Erwähnung, als Lern-, Lese- und Erbauungsstoff in den Fächern Geschichte, Deutsch und Religion, aber auch in Mathematik und Geographie. Früh schon war SIE gewöhnt, alles Sichtbare, Irdische an ein Unsichtbares, Höheres und das Endliche an das Unendliche zu knüpfen. Beobachter nannten SIE … … „Engel des Friedens und der Milde“ und „Mutter aller ihrer Unterthanen“. Historiker sprachen vom „verzehrenden Kummer über das Schicksal des Landes, betonten als besonderen Vorzug ihre weibliche Passivität: „Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, dass sich so wenig sagen lässt von Taten.“ Feminismus war für sie ein ausländisches Fremdwort, das sie nur mit Erröten annahm. „Früh hatte sie die Schranken eingesehen, welche sowohl die Natur als die menschlichen Verfassungen ihrem Geschlecht angewiesen haben.“Ihre Wirksamkeit, hieß es, habe vor allem darin bestanden, dass sie ihren treuen Untertanen ein glückliches familiäres Umfeld bescherte. Nörgler durften nicht fehlen, die ihr vorwarfen, nie habe SIE Taten verrichtet, die ihr eine so überschwängliche Liebe und Verehrung hätten zuwenden können“; auch sei SIE kaum mit dem Volk in Berührung gekommen, außer „vielleicht durch banale Worte, die man von ihr hörte – und diese waren keineswegs geistreich“. Ein anderer warf ihr vor, die Verehrung, die man IHR entgegenbrachte, sei nichts als „byzantinischer Schwindel“ gewesen.“ (Bemerkungen zu Königin Luise ?)

Dass sich so wenig sagen lässt von Taten.

Oh, sie war fleißig, schürte den Ofen und sorgte für ein behagliches Nest. Was die Gesetze der Welt forderten, tat SIE ohne Murren. Doch alles Irdische und Sichtbare, das SIE verrichtete, verknüpfte SIE mit einem Höheren. Nichts tat Sie aus eigenwilliger Überheblichkeit, stets erwartete SIE das Zeichen der Bestätigung aus dem Unendlichen.

Die Grundsätze ihrer Politik verdankte sie ihrem verehrten Reformator.

„Welt bleibt Welt, hatte der Wittenberger immer wieder gesagt, und wir wollen dabei bleiben, damit wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Wir haben unter uns nicht das Reich Gottes, sondern das Reich Gottes ist im Himmel, und wenn es kommt, kommt es allein durch Gottes Macht und nicht durch unser Zutun. Er erst wird die sündigen Ordnungen und Unordnungen des Lebens und auch die Unordnung des Kriegs wirklich zerbrechen. Wir wollen erst gar nicht den Versuch machen, die Welt umzugestalten. Das kann nur Gott am Jüngsten Tage. Bis dahin wollen wir geduldig harren … und uns damit trösten, dass es am Ende der Tage einmal besser wird.“ (Luther)

Was ist das Wesen christlicher Politik? Nicht Agape, die bedingungslose Feindesliebe?

„Für die politische Grundeinstellung ist der Anspruch auf unbedingte Liebe eingeschränkt auf die Bereiche der Innerlichkeit (Gesinnungsethik), den Bereich der christlichen Gemeinde. Demgegenüber gilt für den Bereich des gegenwärtigen Äons und seine gesellschaftlichen Probleme eine Ethik, die an der Eigengesetzlichkeit der ja nun einmal sündigen „Wirklichkeit“ orientiert ist. Wir Christen und Deutsche erfahren am eigenen Leib, dass nie auf der Welt Gerechtigkeit zu erwarten ist. Es geht durch weite Kreise unseres Volkes eine Scheu, robuste Konflikte auszutragen, im Krieg einen Menschen zu töten. Wer so denkt, ist angesteckt von der weichlichen Stimmung der Humanität, die mit Jesus nichts zu tun hat. Der gläubige Christ hat keinen Hass gegen den Feind, mit dem er kämpft, sondern er ist bereit und fähig, jederzeit, wo es angeht, ihm Liebe zu erweisen. Wenn er tötet, ist es ein Töten ohne Hass, kein Mord. Er sieht sich in die grauenhafte Verstrickung der Sünde hineinversetzt und beugt sich unter das Gericht Gottes, das ein Volk zum Henker des anderen macht, und weiß sich mitten im Gericht von der Gnade umgeben und getragen.“ (Karl-Wilhelm Dahm, Pfarrer und Politik)

Wir sehen, Himmlers Geheimrede vor seinen tugendhaften SS-Verbrechern war ein Extrakt unendlich vieler Kanzelreden. Die Ausgießung des Heiligen Geistes hatte Früchte getragen.

Der Geistliche stand neben der weltlichen Obrigkeit an der Spitze der Gesellschaftspyramide. Wie die Herren der Welt für das Funktionieren der civitas diaboli mit Macht und Gewalt zu sorgen hatten, so hatten die Kleriker als Hirten mit Predigen und Ermahnen für die civitas dei zu sorgen. Als Mitglieder der Welt aber hatten sie sich gleichzeitig den Gesetzen der Macht und Gewalt zu beugen. Mit Blick nach Oben sollten sie die Welt lieben – wenngleich unter Furcht und Zittern –, mit Blick nach Unten aber mussten sie sich den Gesetzen Satans ausliefern. Solange sie auf Erden waren, mussten sie gespaltene Wesen sein. Das war das Gebot des Himmels.

„Christen lebten in einer prinzipiellen Fremdlingsschaft mitten in einer bösen und vergehenden Welt. Sie lebten in Erwartung eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist – in der sie Fremdlinge waren. Bezeichnend für dieses Verhältnis ist das paulinische Wort vom „Haben als hätte man nicht“. Christen gebrauchten die Dinge dieser Welt als gebrauchten sie sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“

„Die Zeit ist kurz. Weiter ist das die Meinung: Die da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine; und die da weinten, als weinten sie nicht und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besäßen sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht.“

Christen sollen auf Erden leben, als lebten sie nicht wirklich hier, sondern wären mit ihrem Geist bereits im Himmel. Es ist ein Leben im Als-OB-Modus. Was heißt das?

Wenn sie verheiratet sind, sollen sie tun, als wären sie es nicht. Wenn sie weinen, sollen sie tun, als seien sie nicht traurig. Wenn sie sich freuen, sollen sie tun, als gäbe es keinen Grund zur Freude. Sie sollen leben, als lebten sie nicht mehr – sondern? Sie sollen leben, als seien sie bereits abgeschieden und im Himmel. Ist das Ganze nicht ein Heuchelritual? So zu tun, als ob etwas wäre, was nicht ist?

Wenn sie moralisch handeln, tun sie, als ob sie handelten. In Wirklichkeit müssen sie sich der Unmoral der bösen Welt anpassen. Ihre Nächstenliebe verbleibt im Status der Innerlichkeit oder Gesinnung. Auf dem Weg nach außen verwandelt sich gute Gesinnung in böse Moral der Welt.

Deshalb kann Liebe – töten und dennoch Liebe bleiben, obgleich sie sich auf dem Weg aus der Innerlichkeit in die Welt scheinbar ins Gegenteil verkehrte. Scheinbar, weil die Welt nur die äußere Tat – und nicht das Herz ansieht. Nur Gott sieht das Herz an.

Obgleich Christen die Taten der Welt als böse betrachten, bestehen sie darauf, dass ihre Taten gut seien, obwohl sie sich der Welt angepasst haben. Grund: ihre gute Innerlichkeit (Glaube, Gesinnung) habe die Kraft, das Böse der Welt in Gutes zu verwandeln, obgleich ihre böse Tat sich in nichts unterscheidet von der bösen Tat der Welt. Um dies richtig zu bewerten, müsse man an das Gute ihrer Gesinnung glauben. Denn äußerlich bleibt sie böse.

Der Eindruck der Welt ist: die Frommen heucheln, wenn sie behaupten, Gutes getan zu haben, obgleich sie Böses taten. Im Kreuzzug gegen die Ungläubigen wüteten die Christen wie – gottlose – Berserker. Dennoch beharrten sie darauf, ein liebendes Werk getan zu haben: das Land Christi wollten sie von den Gottlosen befreien.

Das Problem existiert noch immer als Hauptproblem der Moderne. Wenn der Westen einen nichtwestlichen Staat von seinem Diktator mit Waffengewalt befreit, hält er sich für moralisch. Der Nichtwesten hält den Westen für heuchlerisch – denn der wollte nichts anderes, als sich die Rohstoffe dieses Staates oder seine günstige militärstrategische Position unter den Nagel reißen.

Amerika ist mit sich im Reinen, wenn es solche militärische Missionsarbeit hinter sich gebracht hat. Es folgt der biblischen Devise: den Reinen ist alles rein. Wer ein reines Gewissen hat, ist zur bösen Tat unfähig geworden.

Wir haben es mit zwei Moralprinzipien zu tun, die sich gegenseitig abstoßen:

a) dem heidnischen Prinzip ist es nur wichtig, dass die beobachtbare Tat gut ist. Ist sie gut, kann die Gesinnung, aus der sie kommt, auf keinen Fall böse sein. Gesinnung und Tat sind aus einem Guss. Beispiel Sokrates: wer das Gute erkannt hat, tut es auch. Oder umgekehrt: wer Gutes getan hat, muss auch eine gute Gesinnung gehabt haben. Es gibt keinen Grund, dass eine Tat auf dem Weg aus ihrer Innerlichkeit ins Wahrnehmbare ins Gegenteil umkippen könnte. Der Heide lebt nicht in zwei Welten, die sich gegenseitig ins Gehege kommen oder verfälschen könnten. Der Mensch, der das Gute nicht kennt, kann nicht anders: er muss das Böse tun. Der Mensch hingegen, der das Gute erkannt hat, kann nicht anders: er muss Gutes tun. (Alles idealtypisch)

b) der Fromme lebt in zwei Welten, die miteinander nicht kompatibel sind. Die Gesetze des Himmels, denen er verpflichtet ist, gelten nicht in der Welt des Teufels, der nur böse Werke anerkennt. Zwischen der Gesinnung des Frommen und der Ausübung seiner Taten steht immer ein Hindernis, ein Kipppunkt, der eine gute Gesinnung ins Böse, eine böse Gesinnung ins Gute verkehren kann. Ihr habt es böse gemeint, Gott aber hat es zum Guten gewendet.  
In der Zwickmühle der beiden Welten ist der Mensch nicht Herr seiner Taten. Der Gottlose ohnehin nicht, der Fromme aber auch nicht. Denn Gott bestimmt, was aus seinen Taten wird, der Mensch muss sich der Lenkung von Oben beugen.

Heiden, die keinen Bruch ihrer Taten kennen, können sie nach Augenschein und rationalem Verstehen beurteilen. Gesinnungsschnüffelei ist überflüssig und sinnlos. Taten sind, wie sie erscheinen – oder erscheinen, wie sie sind. Weder der Mensch noch die Welt sind gespalten.

Als Platon begann, seinen Sinnen zu misstrauen, begann der Abflug in die Welt der Ideen oder ins Jenseits: die philosophische Vorbereitung der christlichen Ablehnung der Welt. Die irdische Welt geriet ins Truglicht der „Hermeneutik des Verdachts“. Sind die Dinge, wie sie uns erscheinen? Könnten sie nicht ganz anders sein?

Was muss damals geschehen sein, dass der Mensch sich und der Natur zu misstrauen begann und seinem Misstrauen nicht anders begegnen konnte als durch Erfindung einer fremden Welt, in die er flüchten wollte? Seitdem tun wir nichts anderes als uns oder der Welt zu misstrauen.

Religion, Wissenschaft und Fortschritt sind verschiedene Methoden mit demselben Ziel: uns in rasender Geschwindigkeit aus dem irdischen Trug zu lösen und in eine jenseitige Welt zu flüchten, wo wir hoffen, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Heiden, die in Eintracht leben mit der Natur, sind vor Irrtümern nicht gefeit. Aber ihr Irren bleibt harmlos, beschränkt sich auf Dinge des Alltags und ist nicht in der Gefahr, durch falschen Glauben seine ewige Seligkeit aufs Spiel zu setzen. Metaphysische Abnormitäten sind Kindern der Natur unbekannt. Je geborgener sie in der Natur leben, je weniger Furcht und Schrecken vor katastrophalen Folgen eines falschen Denkens haben sie. Die ungeheuren Gedankenmassen, die das Abendland bereits gedacht und niedergeschrieben hat, entsprechen den ungeheuren Abfallmassen ihrer Naturzerstörung.

Aus der Not hat der Westen eine Tugend gemacht und berauscht sich an der Genialität seiner Gedankenorgien. Das schlichte Leben ist für ihn die Hölle des Unkreativen. Lieber grandios in Genialität scheitern als ein einfaches Leben zu führen.

In der Coronakrise wurde manchen klar, dass die Welt sich ändern muss. Aber wohin? Noch immer beharren die meisten darauf: das Komplexe, das zu scheitern droht, kann nur durch Komplexeres ersetzt werden. Die KI, die uns retten soll, muss noch künstlicher und genialer werden, damit sie den Menschen, das Auslaufmodell der Evolution, überflüssig machen kann.

Das Ziel des Fortschritts ins immer Genialere scheint klar: der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss. Mit seinen eigenen Erfindungen kann er nicht mehr Schritt halten. Die Probleme des Menschen werden gelöst sein, wenn seine Geschöpfe ihn überflüssig machen.

Theologisch gesprochen: sollte Gott allwissend sein, hat er mit bewusster Absicht die Welt und seine Kreaturen erschaffen – um sich überflüssig zu machen. Denn sein Geschöpf wird ihn mit seinen Fähigkeiten übertrumpfen. Desgleichen der Mensch: er baut seine genialen Maschinen, um sich überflüssig zu machen. Die geniale Maschine wiederum wird Neues erfinden, um sich als Altes ad acta zu legen, usw. in alle Ewigkeit.

Welch berauschende Perspektiven für Wesen, die intelligent sein wollen. Sie leben nicht, um zu leben, sondern um sich auf geniale Weise für überflüssig zu erklären. Momentan sind sie dabei, sich auf doppelte Weise aus dem Weg zu räumen. Indem sie die Natur zerstören – und sich durch überragende Nachfolger überflüssig machen. Doppelt genäht hält besser.

Das Sozusagen der Kanzlerin, einer Wiedergeburt der Königin Luise, entspricht dem Als-Ob ihrer christlichen Politik. Ihr Wirken auf Erden betrachtet sie als Schein, weil das Sein sich in einer jenseitigen Welt befindet. Das Wirken ihrer Scheintaten ist so unzuverlässig und schillernd wie die Absicht, ihren Job als Politikerin an den Nagel zu hängen.

Indem sie fähigen Kandidaten keine Entfaltungsmöglichkeiten bot, liegt das Feld potentieller Nachfolger brach. Es gibt niemanden, der ihr das Wasser reichen könnte. Charisma ist Begabung, man hat es oder nicht. Lernen lässt es sich nicht.

Welch ein Triumph für die Sozusagen-Rentnerin, wenn es niemanden gibt, der sie ersetzen könnte. Das erhöht die Chancen, dass ihre treuen Untertanen sie auf Knien bitten werden, zu bleiben und sie nicht im Stich zu lassen. Söder gehört nicht in ihr Revier, seine krachlederne Existenz konnte sie nicht verhindern. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn vom Thron fernzuhalten: indem sie ihn scheinbar favorisiert.

Amerikanische Soziologen glauben, Europäer seien klüger als Amerikaner.. Sie würden nüchterner in Links-, Rechtskategorien denken, nicht mit folgenlosem Moralgeschwätz hantieren.

Ein Fehlurteil, das mit dem Als-Ob christlicher Moral zusammenhängt. Die biblizistische Bevölkerung Amerikas benutzt die scheinbare Moralsprache ihrer Schrift, ohne deren Irrlichterei zu bemerken. Eigentlich müsste sie wissen, dass es Irdischen nie gelingen wird, die Welt per Moral zu verbessern. Da sie des festen Glaubens ist, sich in der Endphase der Heilsgeschichte zu befinden, in der die Spaltung der Welt in civitas dei und civitas diaboli überwunden ist, sollte ihre Moral das Schillern des Als-Ob überwunden haben.

Dummerweise scheint das nicht der Fall zu sein. Die moralische Kritik der Biblizisten an der Politik verharrt noch immer im Modus des Als-Ob. Trumps Amoralismus ist für sie die seltene Ausnahme eines erlösten Sünders, der aus seinen Sünden kein Hehl mehr machen muss. Das bedeutet: moralische Forderungen können erhoben werden, doch sie werden nicht in der Lage sein, die Welt zu verbessern. Die moralischen Forderungen der Frommen bleiben unerfüllt oder im Modus des Als-Ob.

Die diagnostischen Links-Rechts-Kategorien der Deutschen sind noch leerer als leer. Nicht nur, dass ihre historischen Prägungen unscharf und widersprüchlich sind; zudem sind sie weder biblisch verankert noch von rationaler griechischer Herkunft.

Die deutschen Führungsschichten folgen weder der Vernunftmoral der Sokrates & Co, noch den neutestamentlichen Als-Ob-Predigten. Sie glauben nur an die angeblichen Geschichts- oder Naturgesetze ihrer Profitgier, die durch Privatmoral nur destruiert werden könnte.

Kants Philosophie ist von vielen Als-Obs durchdrungen. Gott können wir nicht erkennen, aber wir sollten handeln, als ob es ihn gäbe. Die Natur an sich ist nicht erkennbar, dennoch sollten wir tun, als ob wir sie in bestimmter Hinsicht – durch uns geprägt – erkennen könnten. Freiheit können wir nicht beweisen, dennoch sollten wir tun, als ob wir frei wären.

Der Philosoph Hans Vaihinger hat, im Soge Kants, eine ganze Philosophie des Als-Ob entwickelt:

„Vaihinger beschreibt menschliches Wissen als irrtumsbehaftet und widersprüchlich und stellt die Frage, wie die Tatsache zu erklären sei, dass man ausgehend von diesen falschen Annahmen dennoch zu Richtigem gelangen könne. Vaihingers Antwort ist, dass die Annahmen eine praktisch nützliche Fiktion darstellen, und dass das Wissen folglich nur pragmatisch begründet werden könne, durch den Erfolg, der sich bei der Anwendung einstellt. Religiöse und metaphysische Ansichten seien wie die Logik nicht in einem objektiven Sinne wahr, da dies nicht festgestellt werden könne. Stattdessen sei die Frage zu stellen, ob es nützlich sei, so zu handeln, „als ob“ sie wahr seien.“

Können wir nicht wissen, was wahr oder falsch ist, müssen wir uns auf ein Kriterium einigen, das erfüllt werden muss, damit wir Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden können. Bei Vaihinger ist das Kriterium der Erfolg, womit wir zugleich bei den amerikanischen Pragmatisten wären, die ebenfalls den Erfolg als Maßstab der Wahrheit betrachten.

Amerikaner müssen zwanghaft erfolgreich sein, um sich zu beweisen, dass sie zu den wahren Erwählten gehören. Als Calvinisten konnten sie nicht wissen, ob sie zu den Erwählten oder den Verworfenen gehörten. Also schufteten sie wie die Besessenen, um Erfolg zu haben. Dann wussten sie, sie gehörten zu den Privilegierten des Himmels. Auch in Deutschland wollen die Reichen glücklich sein:

„Den obersten zehn Prozent der Bevölkerung gehören laut einer neuen Studie rund zwei Drittel des gesamten Nettovermögens. Laut der Umfrage arbeiten die Millionäre im Schnitt 47 Stunden pro Woche – rund zehn Stunden mehr als der Rest der Bevölkerung. Zugleich fanden die Wissenschaftler heraus, dass Vermögensmillionäre deutlich zufriedener sind als der Rest der Bevölkerung.“ (SPIEGEL.de)

Reichtum muss glücklicher machen als Armut. Sonst gäbe es niemanden, der sein Leben damit vertändeln würde, reich zu werden, um sinnlos reich zu sein. Wenn sie Erfolg als Beweis ihrer Erwähltheit betrachten, fühlen sie die Wahrheit ihres Erfolgsbegehrens.

In Deutschland kann man sich nicht einmal darauf einigen, was Moral bedeutet. Die Eliten sind sich nur einig: Moral muss weg. Seit Jahrhunderten arbeiten die quantitativen Wissenschaften daran, Moral überflüssig zu machen durch Entdecken aller mechanischen Gesetze der Welt, die das Verhalten der Menschen bestimmen.

Ist der Mensch durch solche Gesetze determiniert, besitzt er keine Freiheit mehr, um sich gegen sie durchzusetzen. Moral scheint keine Wirkung mehr zu haben, weil sie auf dem Weg vom Motiv zur äußeren Tat allzu oft ins Gegenteil verkehrt wird. Eine solche Moral ist in der Tat ein Rohrkrepierer. Da diese Rohrkrepierermoral christlicher Herkunft ist, kann sie auf gesicherte, durch Menschen erwirkte Folgen verzichten. Ja, sie muss darauf verzichten, denn aller Erfolg menschlichen Tuns liegt allein in Gottes Hand.

Würden Menschen sich unterstehen, sich des Erfolgs ihrer Werke zu rühmen, würde Paulus sie von der Tenne fegen:

„Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.“

Christliche Politik darf nicht erfolgreich sein. Sie würde sich der Sünde des Selbstrühmens schuldig machen: eine Blasphemie gegen Gott. Ansätze einer sinnvollen Politik müssen sie ruinieren.

Ihre anfängliche Ökopolitik verließ Sie Hals über Kopf, wie ihr ehemaliger Berater Schellnhuber in großer Enttäuschung berichtet – um die naturzerstörende Industrie blind zu unterstützen.

Den einmaligen Akt einer Willkommenskultur gegen Flüchtlinge hat sie in eine unnennbar grausame Abweisungspolitik verwandelt, als deren Folgen viele Flüchtlinge den Tod im Mittelmeer finden.

Europa hat sie sehenden Auges ins Abschüssige fahren lassen, indem sie Banken mit unermesslichen Summen unterstützte. Die Armen im eigenen Lande, die schwachen Völker der EU, stürzte sie in Not und Elend – wie Varoufakis behauptet.

Der gesamte wirtschaftliche Kurs der EU müsste verändert und in eine naturnahe und menschengemäße Weise des Überlebens verwandelt werden. Es gibt keine unveränderlichen Fortschrittsgesetze, denen wir folgen müssten:

„Spätestens seit der Club of Rome 1972 die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, wissen wir, dass unser Wirtschaftssystem nicht nachhaltig ist: linear statt zirkulär, überhitzt, ausbeuterisch. Jahr für Jahr bekommen wir vor Augen geführt, dass wir die Menschheit noch nicht von der „Geißel des Krieges“ befreit haben – auch wenn sich bereits 1945 die Regierungen der Gründungsstaaten der Vereinten Nationen genau dazu bekannt haben. Wenn man der Krise etwas Gutes abgewinnen kann, ist es dies: Sie stellt die Unvermeidbarkeit mancher Entwicklung infrage. Sie widerlegt Glaubenssätze, die wir oft genug vorgeschoben haben, um uns der Verantwortung zu entziehen: „Das ist die Globalisierung, die Digitalisierung, der Markt!“ Dabei sind Kurs und Geschwindigkeit nicht vorgezeichnet, sogar angebliche Megatrends sind umkehrbar.“ (ZEIT.de)

Der Sozusagen-Kurs der Kanzlerin ist der sichere Weg in den Untergang. Ihre Untertanen lieben sie dafür. Gemeinsam in den Heldentod gehen ist ein uralter Traum der Deutschen.

Fortsetzung folgt.