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Tanz des Aufruhrs LXXXVIII

Tanz des Aufruhrs LXXXVIII,

nicht, dass nichts geschehen wäre in der deutschen Vergangenheitsbewältigung – ein Begriff, in dem Gewalt vorkommt, aber weder Erinnerung noch Verständnis.

Was geschehen war, hatte vor allem das Ziel: der Welt demonstrieren, dass man seine Strafarbeit – verglichen mit der Erinnerungsverweigerung anderer Sündenvölker – mit der Note „Vorzüglich“ absolviert hatte. Danach konnte man die Akten der Bewältigung erleichtert in den Katakomben versenken und aus dem Gedächtnis streichen: Pflicht erledigt, Vergangenheit getilgt, wir schauen nach vorn.

Vergangenheit streichen, in die Zukunft blicken: war das nicht auch die Ideologie der Sieger und Befreier? Gedenket nicht des Vergangenen: war das keine biblische Urbotschaft? Hatten die Sieger nicht denselben Glauben wie die Besiegten?

Über Nacht hatte man sich wieder auf die richtige Seite der Geschichte katapultiert. Wer mit dem Weltgeist auf Du und Du stand, wusste auch mit seinen Kapriolen fertig zu werden.

Die Kirchen waren die hurtigsten, die sich im Bad der Wiedergeburt gereinigt hatten. Dietrich Bonhoeffer, Außenseiter, wurde flugs zum Symbol des Widerstandes der gesamten Kirche. Ein lässiges Stuttgarter Schuldbekenntnis und die Blutflecken der … … frommen Vergangenheit waren getilgt.

1) Nun aufwärts froh den Blick gewandt
und vorwärts fest den Schritt!
Wir gehn an unsers Meisters Hand,
und unser Herr geht mit.

2) Vergesset, was dahinten liegt
und euern Weg beschwert;
was ewig euer Herz vergnügt,
ist wohl des Opfers wert.

3) Und was euch noch gefangen hält,
o werft es von euch ab!
Begraben sei die ganze Welt

für euch in Christi Grab.  (August Hermann Franke)

Hinweg mit der Last der Vergangenheit: das wird auch das Konzept des nächsten Neuanfangs sein, wenn die Welt wieder mal in Trümmer fällt – und die Deutschen ihre Bewältigung noch immer nicht bewältigt haben werden.

„Vergesset, was dahinten liegt“ ist das Gegenteil der Wiederkehr des Verdrängten. Wobei das Verdrängte unter dem verwirrenden Etikett „Bewältigtes“ abgeheftet wurde, ohne ins Bewusstsein gedrungen zu sein. Wenn man will, eine Verdrängung zweiten Grades – oder eine unter dem Vorzeichen des Gegenteils.

Verdrängungszwänge der Erlöserreligion kollidieren mit der Erkenntnis Sigmund Freuds, die er „Wiederkehr des Verdrängten“ nannte:

„Freud hat immer den „unzerstörbaren“ Charakter der unbewussten Inhalte betont. Die verdrängten Elemente werden nicht nur nicht zerstört, sondern trachten unaufhörlich danach, wieder im Bewusstsein zu erscheinen. Die Wiederkehr des Verdrängten geschieht durch „Kompromissbildungen zwischen den verdrängten und verdrängenden Vorstellungen.“

Womit die heutigen Kompromisszwänge der Deutschen nebenbei eine Erklärung gefunden hätten. Weil im Untergrund noch immer das Vergangene waltet, flüchten sie in Vergesslichkeit, indem sie sich in endlosen Kompromissen aneinander klammern. Wenn alle verdrängen, ist der Vergangenheit jedes Schlupfloch in die Gegenwart versperrt – hofft man wenigstens.

Unsere Vergesslichkeit betrügt uns über den „unzerstörbaren Charakter“ des Unbewussten und erinnert an den christlichen „character indelebilis“, den unauslöschlichen Charakter sakramentaler Wirkungen. Wenn Gott einen Menschen wahrhaft berührt, wird der Berührte das unauslöschliche Siegel für immer an sich tragen. Gnadenwirkung löscht die sündige Vergangenheit – im Gegensatz zum Charakter des Unbewussten bei Freud, das durch keinerlei heilige Magie vernichtet werden kann.

Die beiden Unauslöschlichkeiten sind inkompatibel, liegen im unversöhnlichen Streit und bestimmen die Geschichte der Moderne. Der christianisierte Fortschrittsglaube glaubt, die Vergangenheit los geworden zu sein durch beliebiges Sich-neu-erfinden und Schauen nach vorne.

Während die Vergangenheit – abgelagert im Unbewussten – gar nicht daran denkt, uns loszulassen. Wir schlagen uns auf die Seite Freuds und fragen, ob die Moderne überhaupt vorankommen kann, wenn sie glaubt, ihre Vergangenheit nach Belieben loszuwerden. Zwar zieht sie an Bändern, die sich endlos zu dehnen scheinen, uns aber nach Belieben in unsere unbewältigte Vergangenheit zurückschnellen lassen können.

Die bevorstehende Klimakrise wäre demnach die Aufsummierung aller Krisen einer religiösen Hochkultur, die wir verzweifelt zu verdrängen suchen, die uns aber nie von der Leine lassen.

Was würde das bedeuten? Mensch, werde wesentlich. Ohne Remedur deiner gesamten Vergangenheit wirst du keine Zukunft erleben.

Bleiben wir bei den Deutschen. In einem SPIEGEL-Interview erzählt Georg Stefan Troller, wie er nach Kriegsende als Zurückgekehrter jenes Volk erlebte, welches das gesamte jüdische Volk ausrotten wollte:

„Jetzt redeten sie alle vom Zusammenbruch, vom Ende Deutschlands. Das Wort Befreiung habe ich nie gehört damals. Dass Amerika etwas anderes zu bieten hätte als seinen öden Materialismus, also zum Beispiel so etwas wie Freiheit und Demokratie, das war ja überhaupt nicht im Gedankenschatz der Deutschen vorgesehen. Unser Material haben sie alle bewundert, die Jeeps, die Walkie-Talkies. Kein Wunder, dass ihr den Krieg gewonnen habt, mit dem Material. Aus der Traum! Das ganze „Dritte Reich“ beruhte ja im Seelischen auf Illusion, auf Traum. Auf irgendwelchen romantischen Vorstellungen von Volkstum, Brauchtum, Ariertum. Blutfahne. Blut und Boden. Sonnwendfeier. Nibelungentreue. Meine Ehre heißt Treue. Division Frundsberg, Division Florian Geyer. Und fast jeder glaubte doch bis zuletzt an den Endsieg, mithilfe neuer Wunderwaffen, die zu Hitlers Geburtstag im April auf einmal magisch da sein würden. Die Popmusik am amerikanischen Soldatensender AFN war wichtig. Die neuen Tänze. Die Ami-Zigaretten. Die waren ebenso begierig, den Amis zu dienen wie vordem Hitler. Weil wir ja die Sieger waren. Deutsche haben immer Sieger respektiert. Für die Deutschen war Krieg Leben. Krieg war ihre Sache, das konnte man von den Italienern nicht behaupten. Und der Nazismus spielte ihnen bestimmt den deutschen Traum von der Weltherrschaft vor. Die hatten bis zuletzt daran geglaubt. Dass es auf einmal aus sein sollte und Hitler tot, das konnten sich viele von ihnen gar nicht vorstellen. Die dachten, er regiert auf ewig. Die Deutschen hatten sich ihrer Traumwelt anheimgegeben, etwa bis Stalingrad. Auf Niederlagen waren sie nicht programmiert. Und sie haben 1945 weniger das Gefühl gehabt, dass sie eine Diktatur verloren hätten, als ihr Vaterland. Und alle besaßen plötzlich eine jüdische Großmutter. So viele jüdische Großmütter haben nicht einmal wir gehabt. Nun, da war ich also im Petersdom, alles voller G.I.s natürlich, als plötzlich der Papst auf seiner Sedia hereingetragen wird. Und der Papst hält eine Rede auf Englisch und sagt, wir seien die Erlöser von der Tyrannei und vom Irrglauben. Danach wurden gesegnete Medaillen verteilt. Ich schenkte meine dem bayerischen Pimpf und berichtete ihm, was der Papst gesagt hatte. Und er lachte: „Komisch, vor zwei Wochen hat er genau dasselbe uns erzählt.“ Hans Habe sagte ja damals in der „Neuen Zeitung“: Es geht nicht um Kollektivschuld, sondern um Kollektivverantwortung. Kollektivschuld war ja ein Reizwort zu dieser Zeit. Demnach lehnte man auch die individuelle Schuld ab. Die standen nun alle da, mit dem Taschentuch vor der Nase, und haben ihr totales Überraschtsein kundgetan. Und da stürzte auch diese Frau auf mich zu und sagte empört: Das hättet ihr uns auch nicht antun brauchen.“ Einer dieser unvergesslichen Sätze. Und ich habe mir damals den Gedanken notiert: die Generalamnesie führt unvermeidlich zur Generalamnestie. Aus „Das haben wir nicht gewusst“ wurde „Das haben wir nicht verdient“. Unrechtgefühl. Selbstmitleid. Und tief empfunden die Kränkung ihrer Vaterlandsliebe. Man hat an Deutschland geglaubt, und auf einmal war dieser Glaube nichts mehr wert. Man war Idealist gewesen, jetzt musste man ab in den Materialismus. Und wo blieb das Schuldgefühl damals, wo blieb das Bekennen, die Reue, verdammt noch mal? Das ist meine hauptsächliche Erinnerung, 75 Jahre zurück.“ (SPIEGEL.de)

Erschütternde Worte. Sie hallen nach bis in die Gegenwart. Troller hat mehr zu sagen als viele dicke Bücher der meisten Historiker.

Wenn Seehofer die rechte Gewalt als Schande für Deutschland bezeichnet, wenn immer deutlicher wird, wie Fremden- und Judenhass in den Eingeweiden der Gesellschaft nisten, dann wäre zu fragen: Woher das Gift?

Dass die Frage weder gestellt noch beantwortet wird, zeigt, dass die Vergangenheit im Land der Täter nicht vergehen will.

Wie immer bei abstoßenden Delikten fordern sie härtere Strafen. Sinnvolle Diagnosen und politische Therapien für die Anschläge gegen die Menschheit gibt es nicht. Hat die Gesamtsumme an Misanthropie überhaupt abgenommen?

Gewiss, wir leben in einer Demokratie, sind keine Unmenschen mehr, gelegentlich überkommen uns philanthropische Hochgefühle. Verglichen mit der deutschen Vergangenheit, scheinen wir in der besten aller Zeiten zu leben. Wenn nur nicht …

Wenn nur nicht diese verflixte Kleinigkeit existierte: dass wir nichts unterlassen, um die Natur abzuschaffen und der Menschheit das Grab zu schaufeln. Alle Defizite und unterlassenen Selbstbesinnungen, alle Mängel unseres beschädigten Lebens haben sich angesammelt und aufgetürmt zur Gesamtsumme, die uns keine Überlebens-Chance mehr lässt.

Den Hass auf die sündige Welt, den wir der Gesellschaft weiträumig entzogen, scheinen wir der Natur draufgesattelt zu haben.

Auschwitz werden sie uns nie vergeben, hatte ein jüdischer Kenner der deutschen Seele gesagt. Die Täter fühlen sich als Opfer, weil diese es wagten, im Lande jener zu leben und sich als Opfer anzubieten. Hätten sie sich durch bloße Präsenz nicht angeboten, wären die Germanen schuldlos geblieben.

Und führe uns nicht in Versuchung. Doch die Juden wagten es, die Heilande der Welt in Versuchung zu führen – damit sie nach überstandener Katastrophe als Sieger der Heilsgeschichte triumphieren. Sie schreckten vor nichts zurück, um unsere edle Einfalt zu entlarven und die satanische Kehrseite zu entblößen. Es ist ihnen geglückt.

Jetzt müssen wir, unter ihrer allpräsenten Kontrolle, die Reumütigen spielen, während sie, Hand in Hand mit der Weltmacht Nummer eins, dem Westen zeigen, wohin die Reise der Menschheit gehen soll.

Die Deutschen erschraken nicht über sich, sondern fühlten sich als die wahren Leidtragenden des Infernos. War der verlorene Krieg nicht Strafe genug? Hatten die Deutschen den Holocaust nicht stellvertretend für den Antisemitismus des gesamten Westens exekutiert, weil sie die Ehrlichsten waren, um das Notwendige und Unvermeidliche in Anstand durchzuführen? Sie fühlten sich am reinsten, um eine Tat zu vollbringen, die vor der Welt böse schien, für sie aber eine heilige Pflicht war, um das Gesetz der Heilsgeschichte in Einfalt zu vollenden. Was aus reinem Herzen kommt, kann keine Sünde sein. Und für diesen stellvertretenden Heroismus mussten sie nun in grässlicher Weise bestraft und gedemütigt werden?

Wahrhaft, die Deutschen verstanden nicht. Noch heute verstehen sie nicht. Doch autoritätsgläubig, wie sie sind, unterwarfen sie sich der neuen Obrigkeit und taten, was von ihnen gefordert wurde. Sie lernten Demokratie und Reue, die Namen aller KZ-Lager, internationalen Kapitalismus, Export und Wettbewerb. Nicht zuletzt lernten sie Wohlstand, sozialen Zerfall und Welttourismus.

Sie fuhren in die Welt, eroberten als zahlende Gäste alle Länder, die sie einst vergeblich ihrem Weltreich einverleiben wollten. Wenn sie ins Heimische zurückkehren, haben sie mit der Welt kein einziges Wort gesprochen, geschweige von ihr etwas verstanden. Zuhause kommt die Welt nicht vor – außer als ambivalente Fremde, mit der man im Leben nichts zu tun haben will. Das Fremde dient dem Kontrast, um das Eigene zu ertragen – bis zum nächsten Jahresurlaub.

Die Sprache der Sieger haben sie sich angeeignet, nicht, weil sie ihnen gefällt, sondern weil sie die Sprache der Sieger ist. Das Gleiche gilt für die gesamte Kultur Amerikas von Jazz bis Hollywood. Wenn die neue Welt fällt, wird die jetzige Begeisterung für sie ins Bodenlose fallen. Schon beginnen sie, sich für China zu begeistern. In exklusiven Kitas können Kinder chinesisch lernen.

Als der Führer wider Erwarten die Gunst der Vorsehung verlor, konnte er nicht der Erwählte sein. Und schon hatten sie eine jüdische Großmutter, um ihre neue Reputation zu demonstrieren.

Was sie bewunderten, waren nicht die Menschen, die sie unter Todesgefahren befreit hatten, sondern deren Maschinen. Was Erfolg hat, muss überlegen sein. Krieg war für sie Leben, alles, was dem Kriege diente, musste magische Qualität besitzen. Führer der Vorsehung vollbringen Wunder. An ihren Wundern sollt ihr sie erkennen.

Dieses Gesetz gilt noch heute in der Anbetung des Fortschritts: der Mensch ist zum Außerordentlichen fähig. Er wird künstliche Wesen schaffen, die ihre Schöpfer in den Schatten stellen werden. Er wird den Weltraum erobern und Unsterblichkeit erringen.

Deutsche haben schon immer Sieger respektiert und bewundert. Das gilt bis heute. Inmitten ihrer Verbündeten wollen sie die Besten, Größten und Eindrucksvollsten sein. Sie hatten die besten Exportzahlen, produzierten die besten Autos und Maschinen. Heute haben sie die beste Corona-Bilanz, das beste Gesundheitssystem, die beliebteste Kanzlerin. Und da sie die Besten sind, lassen sie es die Loser spüren. Soll ja niemand glauben, man könne sie übers Ohr hauen und sich auf ihre Kosten ein dolce far niente erlauben.

Gelegentlich können sie gutmütig, großzügig, ja souverän sein, doch wehe, ihr großes Herz wird ausgenutzt, dann haben sie Machiavelli, Interessen und Realpolitik parat.

Haben sie sich zu ihrer Schuld bekannt? Nur in der Phraseologie ihrer Politiker. Ihre Intelligentsia hat Besseres auf Lager, sie erfindet einen neuen Begriff und das Übel ist vom Tisch: von der Kollektivschuld zur Kollektivverantwortung.

Hatte nicht schon Max Weber die Gesinnung verstoßen, um Verantwortung zu preisen? Seltsamerweise fielen bei ihm beide Begriffe fast zusammen. Verantwortung übernehmen entpuppte sich als Lizenz zum verantwortungslosen Tun. Das war der Ton, der sich bis heute durchgesetzt hat: „demnach lehnte man jede individuelle Schuld ab“. Bekennt sich heute jemand zu seiner Verantwortung, können wir sicher sein, dass nichts daraus folgen wird.

Als Herrenmenschen kannten sie keine Schuld, waren jenseits von Gut und Böse. Wie kann man schuldig werden, wenn man den Winken des Himmels folgt? Nun sind sie im Kapitalismus angekommen, bei dem welches Gesetz gültig ist? Das Gesetz, es gibt keine individuelle Schuld. Wirtschaft und Staat sind Maschinen, die unveränderlichen Natur- und Geschichtsgesetzen folgen. Auf das Tun der Würstchen kommt es nicht an, zumal sie von den Komplexitäten der Welt nichts verstehen.

Beim falschen Einparken gibt es eine klare Schuld, nicht in den Etagen der Welteliten. Da muss alles undurchdringlich und unbegreifbar sein. Da gilt nur eines: staunen, den Weltgesetzen folgen und – kassieren. Moral gilt für die Kleinen, ab Millionären und Edelschreibern gelten die Gesetze der Freiheit von allen Regeln und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Im Bereich des pekuniären Neuadels ist Politik nichts anderes als Kunst. Und in der Kunst ist alles erlaubt.

Wo man Idealist war, wurde man Materialist. Freilich, den Idealismus als brotlose Kunst hatten sie schon vor fast 200 Jahren abgelegt. Wenn selbst die Feinde des Kapitalismus bekennende Materialisten waren, war das Land, wo die Zitronen blühen, schon lange kein ätherisches Nirgendwo mehr. Spätestens seit dem eisernen Bismarck wurde die Idee der blauen Blume zur Idee der künftigen Weltherrschaft.

Von Weltherrschaft träumen sie heute noch. Doch nie in der ersten Reihe mit Verantwortung. Das wissen sie als gebrannte Kinder. Im Schatten ihres großen Bruders war es einfach, sich als Juniorpartner der Weltherrscher zu präsentieren.

Doch der Bruder beginnt zu taumeln: was jetzt? Sich unauffällig an China ranmachen, wie es die Kanzlerin in unterwürfiger Pose zelebriert? Eins ist sicher: der europäische Wertekanon ist es nicht, auf den sich die Musterschüler verlassen. Eins haben sie gelernt: Realpolitik. Nicht blauäugig sein. Sich den Mächtigen anpassen und den Regeln der Erfolgreichen nicht verweigern. Erfordern es die Umstände, sich über Nacht zu neuen Regeln bekennen, als hätte man sie schon immer für das einzig Wahre gehalten. „Ich glaube an Europa“, sagte die mächtigste Frau der Frau, mit derselben Betonung wie sie ihr Credo intoniert: ich glaube an Gott, den Vater.

Was haben die Deutschen gelernt? Schon den Begriff lernen gibt es bei ihnen nicht mehr. Echtes Lernen wäre ein autonomer Denkakt. Heute gibt es nur noch Propagieren, Fremdbestimmen, Nudgen und Konditionieren. Über das Dritte Reich haben sie folgendes „gelernt“: da gab es eine Clique raffinierter Teufel, die sie verführt hat. Zur bösen Tat? Über Gutes und Böses waren sie doch längst hinaus.

Das Volk wurde Opfer dieser Clique, deren Verführungskünsten es nicht gewachsen war. Heute sind sie schon wieder Opfer raffinierter Verführer, freilich nur zum Guten, zur Belebung der Konjunktur, zur Bildung philanthropischer Milliardäre und zur Ausblutung der Erde, damit die Chancen steigen, sich ins Weltall zu verabschieden. Kapitalismus ist eine übermoralische Angelegenheit, weil er auf Pöbelmoral verzichtet.

Im Gegensatz zu Troller glaubt Ian Kershaw, dass die Deutschen froh waren über das Ende der Geschichte:

„Fast alle Deutschen waren natürlich froh, dass der Krieg vorbei war, dass das Leiden vorbei war. Aber sie sahen es nicht als Befreiung des Landes. Der Wirtschaftsaufschwung war dem Genie des Führers ebenso zu verdanken wie die Wiederherstellung der vom Versailler Vertrag gebeutelten Nation. Es war alles Hitler. Als der Krieg vorbei war, drehten die Leute das einfach um: Jetzt waren Hitler und seine Clique persönlich für alles Böse verantwortlich. Die Leute fühlten sich belogen und betrogen. Das war ihr Alibi.“ (Stern.de)

Das kann nicht stimmen. Sonst hätten sie sich von Hitler distanziert. Eben das taten sie nicht. Sie blieben mit ihm identisch, wenn auch in unbegriffener Unfähigkeit zu trauern. Wären sie fähig gewesen, ihr Gefühls-Tohuwabohu zu formulieren, hätten sie ihrem Führer vorwerfen müssen: was fällt dir ein, unsere siegreiche Sache derart jämmerlich in den Sand zu setzen?

Nicht den Führer, sondern die Vorsehung hätten die Deutschen anklagen müssen. Das war ihnen ein paar Nummern zu hoch – und ist es heute noch immer. Sie verschwinden aus der Kirche und bleiben ihrem Glauben treu, von dem sie nicht mehr die leiseste Ahnung haben.

Warum sie ihrer Kanzlerin so treu anhängen, liegt daran, dass die Pastorentochter das Unverträgliche scheinbar problemlos zu verbinden weiß: den bösen Kapitalismus mit dem Glauben und der christlichen Nächstenliebe. Die Kanzlerin glaubt stellvertretend für ihr Volk. Klug, wie sie ist, geht sie mit ihrem Glauben nicht hausieren. Das käme nicht an, das würde ihre Untertanen brüskieren.

Stattdessen deutet sie dezent an. Sie spielt das Mütterchen, das sonntags in die Dorfkirche geht, um für ihre weit entfernte Familie zu beten. Volk und charismatische Regierung gehen dezent und behutsam miteinander um. Die Medien stützen den ehrsamen Bund und sind immer wieder „erstaunt“ über die Fähigkeit ihrer Kanzlerin, zur rechten Zeit ihre Meinung ins Gegenteil zu verkehren.

Vergangenheitsbewältigung – und dennoch steigt die rechte Gefahr? Vergangenheitsbewältigung – und dennoch greift Antisemitismus um sich? Wäre eine selbstkritische Erinnerungsarbeit nicht daran zu erkennen, dass die Beziehung zu Juden immer hassfreier, der Terror gegen Nichtdeutsche verebben würde?

Um die Wiederkehr des Verdrängten zu verhindern, müsste das Verdrängen verhindert werden. Das Verdrängen wovon? Von welcher Vergangenheit? Von 12 Jahren einer langen verhängnisvollen deutschen Geschichte? Die Menschen wissen nicht einmal, dass Antisemitismus eine Erfindung des christlichen Glaubens ist. Ihren Glauben halten sie für eine Edelfassung der Menschenrechte. Hausbibeln gibt es schon lange nicht mehr.

Seit 200 Jahren, seit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel (historisch-kritische Forschung), verkaufen die Pastoren ihre Schäfchen für dumm. Noch immer tun sie, als gälte das Prinzip Luthers: das Wort, sie sollen lassen stahn und kein Dank dafür haben. In Wirklichkeit wissen sie, dass ihre Heilige Schrift nicht vom Himmel fiel, sich in allen Dingen widerspricht und sich für alles und sein Gegenteil in Anspruch nehmen lässt.

Dass das Dritte oder 1000-jährige Reich Grundelemente der christlichen Heilsgeschichte sind, weiß kein Mensch, weil der Religionsunterricht in den Schulen eine Katastrophe ist. Desgleichen weiß niemand, dass die erlauchten deutschen Dichter und Denker Mitbegründer des nationalen Unheils waren. Das faustische Prinzip ist: die Welt in Trümmer schlagen, um seine unendliche Machtgier zu befriedigen, das lernt man in keiner Deutschstunde der Gymnasien. Liest man Safranskis Bücher über Goethe, Schiller und die Romantik, kann man sich nur wundern über eine derart bewundernswerte Kultur der Genies. Nirgendwo der leiseste Schimmer eines dramatischen Verhängnisses.

Und die Literaten der Gegenwart?

„Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.“ (Martin Walser)

Die Gruppe 47 bemühte sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber wie?

„Wichtig für die Nachkriegsliteratur war die Gruppe 47. Ihr gemeinsames Konzept war in den Worten eines ihrer Hauptvertreter, Alfred Andersch, „den Kern unseres Erlebens, den Krieg und Faschismus als ein Zeichen der apokalyptischen Situation des Menschen zu lesen“.

Des Menschen an sich? Nicht des deutschen Menschen? War Universalisierung keine Ablenkung von deutscher Schuld?

„In einem Beitrag in Der Ruf beharrten zum Beispiel Richter und Andersch auf der Betonung der „Unschuld der Kämpfer von Stalingrad, El Alamein und Monte Cassino am Holocaust“. Auf eine Offenlegung eigener Verstrickungen zwischen 1933 und 1945 verzichteten viele Mitglieder der Gruppe.“

Gute Absichten, schnell versandet. Heute ist der Kampf gegen Antisemitismus nur eine Sache der Polizei und der Justiz. Jeder kann Antisemitismus definieren, wie er es politisch für opportun hält. Man will die Vergangenheit aufarbeiten, indem man fordert, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen.

Definitionen des Antisemitismus sind Glaubensangelegenheiten geworden, oft von unfehlbaren Instanzen dekretiert. Debatten gibt es keine. Einen deutsch-jüdischen Dialog sucht man vergeblich. Sei es, dass man die Deutschen für neurotisch und lernunfähig, sei es, dass man die Juden für arrogant und zudringlich hält.

Stimmen aus Israel, die die Deutschen auffordern, sich nicht länger von falschen Antisemitismus-Vorwürfen ins Bockshorn jagen zu lassen und Israels Menschenrechtsverletzungen endlich scharf zu kritisieren: solche Stimmen werden hierzulande ignoriert.

Und was sagt die Kanzlerin? Die Antwort weiß nur der Wind.

Fortsetzung folgt.