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Tanz des Aufruhrs LXXXVII

Tanz des Aufruhrs LXXXVII,

ein sehr gut aussehender Mann aus Südtirol ist der derzeit „führende Interviewer des Landes“, behauptet Peter Unfried in der TAZ – in einem synästhetischen Urteil, bei dem alle Sinne mitwirken und selbst der Verstand nicht abseits stehen muss.

„Wenn man viele Sendungen ernsthaft interessiert an- und auch mal weggeschaut hat, dann ist das Irritierende an Lanz, auf das man sich erst mal einlassen können muss: dass er wirklich politisch informiert und interessiert ist, aber weitgehend unideologisch. „Er fragt ohne eigene Agenda“, sagt der Schriftsteller Maxim Biller, der zu den Ersten gehörte, die ihn öffentlich gut fanden.“ (TAZ.de)

Um die wichtigste deutsche Frage zu stellen: Was macht das mit uns? Was sagt das über deutsche Debattenkultur? Was sagt das über die mehrheitlich weiblichen KollegInnen von Markus Lanz? Sind sie weniger politisch interessiert als ihr männlicher Rivale? Welche Moderatorin wäre denn die schönste im ganzen Land? BILD, bitte übernehmen Sie – bevor die linke TAZ noch eine Umfrage unter ihren LeserInnen startet. Und schon werden wir von den Abwässern einer uralten Verwirrkultur ins endlose Meer des Irrtums geschwemmt.

Was ist denn eine Ideologie?

Schon aufgefallen, dass die Medialen immer persönlicher werden? Nur zu, das macht sie sympathisch. Unfried beantwortet die Frage auf persönliche, ja selbstkritische Art. Das hilft uns weiter, denn … … Objektivität ist freigelegte Subjektivität:

„Mir selbst wurde das bei der Analyse früherer Reaktionen klar, die unterschiedlich ausfielen, je nach Gast. Bei einer mir unsympathischen linkskonservativen Politikerin war ich begeistert, wie scharf Lanz fragte, und dachte: Sooo muss man es machen. Bei einer mir sympathischen Klimapolitikaktivistin war ich empört, wie scharf Lanz fragte, und dachte: Sooo geht es ja gar nicht. Der Ideologe war also ich.“

Ideologie ist, wenn man eine feste Meinung hat, mit Menschen derselben Meinung sympathisiert, Menschen anderer Meinung hingegen eher unsympathisch findet.

Lassen wir mal die begleitenden Gefühle beiseite – die beispielsweise in der SPD am wenigsten vorhanden sind: dort finden die Proleten gewisse Leute anfänglich am sympathischsten, deren Meinungen sie nach kurzer Zeit unerträglich finden –, so müsste Ideologie eine Meinung sein, die man für richtig hält.

Das sagt noch nichts. Handelt es sich um eine Meinung, die man im öffentlichen Streit ständig überprüfen und selbstkritisch beäugen muss oder um einen dogmatisch unerschütterlichen, ja unfehlbaren Glauben?

Wer ein allseits offener Demokrat und kritischer Rationalist à la Popper sein will, der entscheidet sich für die erste Variante: Meinungen müssen offen sein für permanente Selbstkritik und neue Gegenargumente. Das wäre Wissenschaft als Tätigkeit der Vernunft – und kein irrationaler Glaube.

Wissenschaft aber sagt nur, was ist. In der Politik hingegen soll entschieden werden, was sein soll. Sind Prinzipien der Wissenschaft also zuständig für Politik?

Wenn ich der unerschütterlichen Meinung bin: Deutschland ist eine Demokratie und soll für immer eine bleiben, bin ich dann ideologisch?

Wenn ich der unerschütterlichen Meinung bin: Menschen muss man behandeln, wie man selbst behandelt werden will, bin ich dann ideologisch?

Unterscheiden wir zwischen dem Reich der Ist-Tatsachen – deren Erkenntnis jederzeit durch bessere Erkenntnisse korrigiert werden können – und dem Reich der Soll-Imperative, die, wenn sie demokratisch und menschenrechtlich sind, unerschütterlich die gleichen bleiben müssten. Was würden wir von einem Zeitgenossen halten, der heute ein leidenschaftlicher Freund der Volksherrschaft wäre und morgen einem totalitären Verführer folgte?

Wenn Lanz in politischen Dingen unideologisch sein soll, würde das bedeuten: er ist ein schwankender Konjunkturritter und hängt sein Fähnchen nach dem Wind. Das Lob Unfrieds verwandelt sich unversehens in scharfe Kritik.

„Er fragt ohne Agenda“, lobt Maxim Biller den ZDF-Mann. Agenda ist „das zu Tuende, was getan werden muss“. Was getan werden muss, gehört in den Bereich des Sollens. Wer noch keine feste ethische Meinung gefunden hat, muss sich erst durch Pro und Contra durchwühlen, bis er aufatmend sagen kann: ich bin angekommen, ich stehe auf festem Boden. Wer sich zum Humanisten entwickelt hat: durch welche Argumente könnte der eines Besseren belehrt werden?

Wie bei Unfried, so bei Biller: das Lob verwandelt sich unversehens in sein Gegenteil.

Ist die Forderung nach einer ideologiefreien Meinung etwa identisch mit der nach Neutralität der Beobachterklasse?

Oder anders: dürfen Moderatoren, die als Vierte Gewalt die Meinungen anderer Zeitgenossen unter die Lupe nehmen, eine persönliche Meinung haben? Macht ein eigener Standpunkt nicht befangen, wenn er fremde Meinungen verstehen und beurteilen will?

In der Tat, ein Moderator ist kein Gott – vorausgesetzt, dass Götter keine Meinungen haben. Weshalb jedes Verstehen wollen eines anderen das Verstehen der eigenen Person voraussetzt. Ja, mehr als voraussetzt. Im Fach „sich selbst und andere verstehen“ lernt niemand aus. Weshalb jedes Gespräch, um andere zu verstehen, gleichzeitig ein Versuch sein muss, sich selbst zu verstehen. Wer andere beurteilen will, muss sich selbst beurteilen und bewerten. Dialoge sind nie unipolar oder einseitig; indem sie andere Meinungen untersuchen, müssen sie sich selbst untersuchen. Echte Dialoge sind stets umkehrbar oder bipolar, Moderatoren, die bestimmen wollen, wer fragen darf und antworten muss, kennen sie nicht. Droht ein Dialog zu scheitern, können die Rollen des Fragenden und Antwortenden jederzeit vertauscht werden.

Die herrscherliche Pose heutiger ModeratorInnen: Ich bestimme, wer hier fragt, entlarvt die Talkshow als autoritäre Anmaßung der Medien. Sie wollen die Regeln der Kommunikation mit ihrem Publikum bestimmen. Weshalb es ihnen, bis zur Erfindung der sozialen Medien, nie aufgefallen ist, dass sie ihren LeserInnen einseitig predigten. Mit Gleichwertigkeit aller Demokraten hat das nichts zu tun. In der athenischen Polis war es der Marktplatz, auf dem jeder mit jedem auf gleicher Augenhöhe disputieren konnte.

Schon in der Ilias hieß es:

„Auf dem Markte standen die Bürger in Scharen, ein Streitfall wurde verhandelt; es stritten zwei Bürger sich wegen eines Bußgeldes eines erschlagenen Mannes … die Ältesten aber saßen rings auf geglätteten Steinen im heiligen Kreis und der verkündeten Herolde Stab hielt jeder in den Händen. Trat dann hervor und alle der Reihe nach sprachen ihr Urteil.“

Lewis Mumford, der diese Stelle in seinem herrlichen Buch „Die Stadt“ zitiert, fährt fort:

„Einen solchen Versammlungsort, vielleicht unter einem heiligen Baum oder an einer Quelle, muss es im Dorf schon immer gegeben haben – eine Fläche, die groß genug war, um dort auch Tänze oder Spiele zu veranstalten. Erst als um die Mitte des 20. Jahrhunderts Automatik und Unpersönlichkeit des Supermarkts in den USA eingeführt wurden, ging die Funktion des Marktes als Mittelpunkt persönlicher Geschäfte und allgemeiner Unterhaltung verloren.“

Heute verdorren die Bäume, versiegen die Quellen und im Mittelpunkt der Städte verkümmern die Shoppingmails. Städte ohne Bäume und Bäche, ohne Plätze für Debattieren, Tanzen und Spielen sind tote Städte.

„Was man als Argument gegen Lanz hört: Er „polarisiere“. Was ja in Deutschland nicht als Tugend gilt, sondern als Problem.“

Echte Debatten polarisieren: sie zerreißen den Schleier fauler Kompromisse, der zum Charakterprofil der Deutschen gehört. Politiker sagen nicht klar ihre Meinung, um ihre Klientel nicht zu verprellen. Sie wollen die Stimmungslage ihrer Wähler „abbilden“. Weshalb Meinungsumfrage-Institute zu den wichtigsten Organen der Republik gehören. Sie lauschen auf die Meinungen des Souveräns, damit anpassungsbereite Politiker die Erwartungen potentieller Wähler erfüllen können. Um Herren der Wähler zu werden, müssen sie zuvor ihre Knechte sein.

Das ist die Umdrehung der demokratischen Uridee: Kandidaten, die gewählt werden wollen, haben ihr Programm zu verkünden und abzuwarten, bis es genügend Menschen gibt, die ihre Positionen teilen und ihnen ihre Stimme geben. Da die Republik mittlerweilen zur ökonomischen Megamaschine verkommen ist, bei der nur unterschiedliche Knöpfe bedient werden müssen, sind Grundsatzdebatten verpönt. Man wählt Parteien, die den dampfenden Zug am Laufen halten. Grundsätzliche Kritik ist kontraproduktiv und dezimiert das BIP der potentesten Exportnation der Welt.

Kompromisse werden nicht erst geschlossen, wenn Wahlen vorüber und Koalitionsgespräche begonnen haben. Inzwischen ist das Gesamtklima der Republik kompromisslerisch verdorben. Jeder Gedanke, der an die Öffentlichkeit gehen soll, wird auf Kompromissverträglichkeit abgeklopft. Weshalb alle Parteien, die „Opposition Mist finden“ – also alle unfähig geworden sind, die Grundelemente ihrer Politik im Licht der reinen Vernunft zu überprüfen – nichts als Durchschnitts-Gesabber absondern.

Spätestens seit dem Niedergang der 68er-Bewegung, als die Jungrebellen die Parteien unterwanderten oder Professoren wurden, gibt es keine Grundsatzklärungen mehr. Die Öffentlichkeit erstickt im Morast ihrer Halbherzigkeiten, Unklarheiten und unechter Verständigungen.

Kommen Außenseiter ins Rampenlicht, die unangepasste Alternativen anbieten, werden sie als Populisten an die Wand geknallt – gleichgültig, was sie zu sagen haben. Was versprechen denn die offiziellen Regierungen? Dass der Fortschritt problemlos in den Himmel der KI weiterführt. Hier protestiert kein Mensch. In dubio pro status quo: die Wohlstandsverwöhnten wollen ihre Ruhe haben und sich nur noch um Aufstieg und Moneten kümmern.

Klare Meinungen stören den Frieden der Erfolgreichen und Angepassten. Wahre Versöhnung könnte nur geschehen auf der Basis unversöhnter Realität, die im Lichte gemeinsamer Wahrheitssuche durch dialogischen Streit Verständigungsahnungen entwickeln könnte.

Peter Unfried ist zuzustimmen:

„Es ist aber durchaus angemessen, Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass man sich über ihr Kommen freut – und sie dann trotzdem kritisch zu befragen.“

Es wäre zu begrüßen, dass Deutsche diesen Grundsatz auf ihre engsten Freunde in Amerika und Israel übertragen würden.

Wenn Meinungen ungehindert aufeinander prallen: wird damit wirklich der politische Horizont des Publikums erweitert? Sind heftige Emotionen fähig, die coole Vernunft anzuregen? Oder verwildert der harsche Disput zum Arena-Spektakel, das die ungezügelten Leidenschaften der Masse erregt?

Hier sieht man die noch immer lebendige Tradition der Gegenaufklärung eines Johann Georg Hamann, der von kühler Vernunft und logischer Folgerichtigkeit nichts hielt.

„Hamann verachtete die nüchterne Verständigkeit der Aufklärung und fühlte eine instinktive Vorliebe für unauflösbare Widersprüche. Genie ist keine Vernunft, sondern prophetischer Wahn. Genie und Wahnsinn ergänzen sich. Für die Welt muss man ein Narr sein, um weise zu scheinen. Dunkelheit gehört zur Erhabenheit des Genies über die Vernunft. Alles Wahre und Lebendige ist eine Vereinigung von Widersprüchen und versöhnt entgegengesetzte Stimmungen. „System ist schon an sich ein Hindernis der Wahrheit.“ Natur wirkt nur durch Sinne und Leidenschaften: „ich verstehe mich selbst nicht“. (Lütgert)

Noch heute sind die Deutschen in Widersprüche geradezu verliebt. Was sich nicht ausschließt, kann nicht wahr sein. Das bekennen sie freilich nicht in Klardeutsch, sondern in postmodernem Gewölke: „Die Umstände haben sich verändert, man darf nicht stehen bleiben, wo man gestern stand, was ich gestern sagte, ist Old School, ich erfinde mich ständig neu.“

Weshalb es nicht erstaunlich ist, dass Lanz im ZDF nicht zur Politik gerechnet wird, sondern – zur Unterhaltung. Politische Gespräche als emotionale Arenaspiele zum Zeitvertreib.

„Lanz gehört nach wie vor zur „Unterhaltung“, die anderen heißen beim ZDF „Politik und Zeitgeschehen“ und sind der Chefredaktion unterstellt.“

Denkt man daran, dass die Talkshows der ARD für viele Monate im Sommerurlaub abhanden gekommen sind, während Welt- und Nationalpolitik überschäumen, muss man nur eins und eins zusammenrechnen, um zum Ergebnis zu gelangen: die Öffentlich-Rechtlichen signalisieren ihren Zwangszahlern, dass alles andere wichtiger sei auf der Welt – als schnöde Politik.

Sport ist wichtiger, Amüsement ist wichtiger, Urlaub ist wichtiger. Die Politprofis sind nicht mal in der Lage, die ausgefallenen Gespräche durch andere mit neuen Moderatoren zu ersetzen. Was jeder denkende Mensch können müsste: ein erkenntnisbereicherndes Gespräch führen, das können die Politspezialisten der Öffentlich-Rechtlichen nicht.

Hier muss man den Satz des amerikanischen Soziologen Mark Lilla erwähnen, der – nicht nur deutschen – Journalisten vorwarf, dass „die europäischen Intellektuellen und Journalisten die Entwicklungen im Amerika der letzten 20 bis 25 Jahren, nicht nur auf Seiten der Rechten, schlicht ignoriert, man könnte auch sagen, verschlafen haben.“ (Brigitte Young in „Alternative Weltwirtschaftsordnung“)

Welch Armutszeugnis für Europa aus berufenem Mund. Deutschland ist unfähig, das bewunderte Amerika mit kritischen Augen zu betrachten. Dasselbe gilt für Israel. Die kleinste Kritik an Amerika ist Antiamerikanismus, an Israel Antisemitismus. Die Wertegemeinschaft des Westens ist Talmi geworden. Die Welt, einst vom Westen überfallen und ausgeplündert, hat den letzten Rest an Achtung verloren. Was bleibt, ist Ver-achtung.

Der Einbruch des Neoliberalismus wurde in fast allen Gazetten mit wehenden Fahnen begrüßt. Wieder einmal konnte man sich hierzulande rühmen, auf den Flügeln des Weltgeistes „am rechten Ort zur rechten Zeit“ gelandet zu sein. Von Fortschritt und Technik gar nicht zu reden. Jeder Furz in Silicon Valley wird bei uns als Sensation verkauft.

Was will Lanz mit seinen Sendungen?

„In der Sendung ist es sein Ziel, bestehende Narrative zu brechen und durch eine Geschichte zu ersetzen, die näher an der Wirklichkeit ist.“

Narrative, versteinerte Geschichten aufbrechen, um der Wirklichkeit näher zu kommen: das ist deutsche Art, „moralisierende“ Begriffe wie Wahrheit und Kritik mit Kairosbegriffen zu umschreiben. Wahrheit klingt zu zeitlos und heidnisch. Das Wort muss ersetzt werden durch einen Begriff der Zeit: Narrativ, ein Event der Zeitgeschichte.

Lanz ist ein Wahrheitssucher: welche Bürde in wahrheitswidrigen Zeiten. Die Frage ist allerdings: wie vermittelt er seine Wahrheitssuche dem Publikum? Das wäre eine der wichtigsten Fragen, die sein Lobredner Unfried hätte beantworten müssen. Doch dessen Artikel endet, ohne das Entscheidende der Lanz‘schen „Unterhaltung“ mit einem einzigen Wörtchen angesprochen zu haben: wie dialogisch ist die Gesprächskunst des ehrgeizigen Tirolers? Ist er fähig, seine Gäste zu Worte kommen zu lassen? Ist er fähig, die Unstimmigkeiten und Widersprüche der Thesen wahrzunehmen und ihre Gründe zu erforschen? Will er überhaupt sein Publikum ins Denken bringen?

In der gestrigen Sendung (mit Frank Thelen, Dietmar Bartsch, Maja Göpel und Wolfram Weimer) boten die Teilnehmer mehr als einmal ein synchrones Schwatzkonzert, in dem alle Einzelheiten untergingen. Lanz selbst unterbricht nach Belieben. Ein Thema nach dem anderen wurde übereinander getürmt, ohne Zusammenhänge zu klären und Transparenz herzustellen. Lanz schien am glücklichsten, wenn die Verwirrung am größten war. Das war weder ein Streitgespräch noch ein anamnestischer Dialog. Niemand verstand niemanden. Das war ein verbissenes sophistisches Aufeinander-Einschwatzen. Eine der besten Traditionen Athens wurde zu Grabe getragen.

Kann sich Lanz als Protagonist eines quasi-staatlichen Senders überhaupt erlauben, durch fundamentale Kritik den Staat in die Bredouille zu bringen? Das Mindeste, das er – und all seine vornehmen Kolleginnen – leisten müsste wäre: a) festzustellen, welche Ausgangspositionen es gab, b) festzustellen, ob das Gespräch eine Veränderung der Ausgangspositionen erbrachte, c) festzustellen: haben die Teilnehmer dazugelernt?

Vor allem d) welche Erkenntnisprozesse hatte das Publikum? Umfragen gibt es zuhauf, doch welche Wirkung ein politisches Aufklärungsgespräch hat, interessiert niemanden. War eh nur Allotria. Das Ganze ist ein Offenbarungseid der Öffentlich-Rechtlichen, die ihren politischen Auftrag mit Füßen treten.

Welch Zufall, dass zur gleichen Zeit ein amerikanisches Manifest veröffentlicht wurde – unterschrieben von bedeutenden amerikanischen Intellektuellen –, das sich mit der gegenwärtigen Debattenkultur befasst. Einerseits wird begrüßt, dass der weltweite Rassismus bekämpft wird, andererseits aber davor gewarnt, dass die berechtigte Kritik an einer intoleranten Sache selbst zur Intoleranz in der öffentlichen Debatte führen könnte.

„Diese notwendige Abrechnung hat aber auch eine Reihe neuer moralischer Einstellungen und politischer Verpflichtungen verstärkt, die dazu neigen, unsere Normen der offenen Debatte und der Duldung von Unterschieden zugunsten der ideologischen Konformität zu schwächen. Während wir die erste Entwicklung begrüßen, erheben wir auch unsere Stimmen gegen die zweite. Die Kräfte des Illiberalismus gewinnen weltweit an Stärke und haben einen mächtigen Verbündeten in Donald Trump, der eine echte Bedrohung für die Demokratie darstellt. Es darf jedoch nicht erlaubt werden, dass sich der Widerstand zu einer eigenen Art von Dogma oder Zwang verhärtet – die rechte Demagogen bereits ausnutzen. Die demokratische Inklusion, die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen das intolerante Klima aussprechen, das auf allen Seiten eingesetzt hat. Der freie Austausch von Informationen und Ideen, das Lebenselixier einer liberalen Gesellschaft, wird täglich enger. Während wir dies von der radikalen Rechten erwarten, breitet sich die Zensur auch in unserer Kultur weiter aus: eine Intoleranz gegenüber gegensätzlichen Ansichten, eine Mode für öffentliche Scham und Ausgrenzung und die Tendenz, komplexe politische Fragen in einer blendenden moralischen Gewissheit aufzulösen.“ (HARPERS.org)

Die Kritik ist berechtigt und notwendig. Dass fast keine deutschen Intellektuellen unterschrieben, zeigt den heruntergekommenen Stand unserer geistigen Eliten. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass eine neu erwachte Kritik an alten Missständen nicht gleich in der Lage ist, ihre explodierenden Gefühle in ausgeglichenen Sätzen zu formulieren.

Was aber ist eine „blendende moralische Gewissheit“? Darf demokratisch-moralische Gewissheit sich ihrer Sache nicht sicher sein? Stehen moralische Überzeugungen unter dem Zwang ewiger Skepsis? Ging Sokrates in blendender moralischer Gewissheit in den Tod? Zeugte sein Trinken des Schierlingsbechers von moralischer Eitelkeit oder gar von Intoleranz?

Hier sehen wir längst überwunden geglaubte Differenzen zwischen angelsächsisch-amerikanischer und deutscher, besonders der kantischen Moral, wieder zurückgekehrt. Bertrand Russell hatte tatsächlich nicht geringe Probleme mit der Gestalt des Sokrates.

Die deutschen Philosophen verachteten das moralische Glücksstreben der Engländer-Amerikaner. Glück war für sie etwas Verächtliches und Unheroisches. Es hinderte die deutschen Helden, freiwillig in den Tod zugehen, um ihre Überlegenheit über die Welt zu demonstrieren.

„Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks.“ (Hegel)

Auch Kant wollte seinen kategorischen Imperativ vom Lohn des Glücks befreien. Moral sollte autonom sein, unabhängig von Lohn und Strafe. Dennoch betrachtete er es als ungerecht, dass die Tugendhaften auf Erden leiden sollten. Ergo müsse es noch eine andere Welt geben, wo sie nach dem Tode belohnt werden. Das klang fast wie ein philosophischer Beweis für ein jenseitiges Leben.

Russell hatte noch gewichtigere Gründe, um die deutsche Lustangst und Glücksverachtung zu kritisieren. „Eine Ethik, die sich als „edel“ bezeichnen lässt, geht seltener Hand in Hand mit Weltverbesserungsversuchen als die irdische Auffassung, dass wir danach streben sollten, die Menschen glücklicher zu machen. Jene Menschen taten am meisten zur Förderung des menschlichen Glücks, die das Glück für wichtig hielten und nicht jene, die es zugunsten von etwas „Höherem“ verachteten. Güte erweckt den Wunsch nach allgemeinem Glück. So neigten Menschen, die im Glück den Sinn des Lebens erblickten, zu größerer Güte, während Glücksverächter oftmals unbewusst von Grausamkeit und Machtgier beherrscht wurden.“ (Philosophie des Abendlandes)

Die Glückssucher hatten eine Abneigung gegen Programme aus einem Guss. Sie versuchten es mit Stückwerkarbeit, während ihre Gegner, die den „jammervollen Bau der Welt“ zu begreifen glaubten, eher bereit waren, diese Welt in Stücke zu schlagen. Um ihre ungeheuren Ziele zu erreichen, schreckten sie vor keiner Gewaltanwendung zurück. Friedensliebe war für sie unedel und verächtlich.

Russells Kritik an den Deutschen, an ihrer Glücksverachtung und ihrem Hang zur totalen, totalitären Tat, war mehr als berechtigt. Unschwer zu erkennen, dass Poppers Stückwerktechnologie der Russell‘schen Glückssuche in Einzelschritten nicht unähnlich war.

Doch auch das gegenwärtige Amerika ist nicht davor gefeit, sein Streben nach Glück in eine weltfeindliche egoistische Gewaltpolitik zu verwandeln.

Was bleibt? Der Mensch ist berechtigt, auf Erden sein Glück zu suchen – und nicht verpflichtet, auf ein Jenseits zu warten. Versucht er aber dieses Glück der Menschheit mit Gewalt aufzuzwingen, vernichtet er beides: Moral und Glück.

Fortsetzung folgt.