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Tanz des Aufruhrs LXXXVI

Tanz des Aufruhrs LXXXVI,

„In absehbarer Zukunft werden viele von uns verhaftet, missbraucht und sogar gefoltert werden; vielleicht werde ich mich nie wieder offen äußern können. Doch auch, wenn unsere Stimmen nicht mehr gehört werden, besteht immer noch Hoffnung, dass der Rest der Welt umso lauter wird und die Demokratie entschiedener verteidigt.“ (Joshua Wong, Hongkong)  
(BILD.de)

Kommentar Merkel?

„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ (Sandra Bils, Pastorin)
(Editonf.com)

Kommentar Merkel?

„Tonia Merz startete eine Petition für ein bedingungsloses Krisen-Grundeinkommen und traf mit Ihrer Idee die Sorge der Zeit. Tonias Petition fand immense mediale Aufmerksamkeit und trug maßgeblich zu einer öffentlichen Debatte über ein Grundeinkommen während der Corona-Krise bei.“ (Tonia Merz, Modedesignerin)

Kommentar Merkel?

Margret Rasfeld setzt sich für eine radikale Neuausrichtung der Bildung nach den Leitlinien der UNESCO Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. „Bildung für nachhaltige Entwicklung ist eine internationale Bildungskampagne, die von verschiedenen Akteuren getragen wird. Sie soll es laut den Aussagen verschiedener Beteiligter dem Individuum ermöglichen, aktiv an der Analyse und Bewertung von Entwicklungsprozessen mit ökologischer, ökonomischer und sozio-kultureller Bedeutung teilzuhaben, sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen.“

Kommentar Merkel?

„Wer im Moment durch Deutschland fährt, kann die Katastrophe schon sehen, mit bloßem Auge, fast überall. Bewaldete Hänge, egal ob in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen oder Bayern, sehen aus wie die Rücken räudiger Tiere: überall hässliche braune Flecken, schüttere Stellen, große Flächen mit schon von Weitem als tot erkennbaren Bäumen. Dem „Kohleausstiegsgesetz“ zufolge sollen … … RWE und Leag, die größten Braunkohlekonzerne, am Ende noch 4,35 Milliarden Euro dafür bekommen, dass sie ihre unfassbar schädlichen Kraftwerke und landschaftszerstörenden Tagebaue bis 2038 endlich stilllegen. Deutschland müsste dringend Vorbild sein, ist es aber nicht. Genauer: Wir sind ein sehr schlechtes Vorbild, über das sich nur die „Nach uns die Sintflut“- Regierungen Osteuropas freuen. Auch wir werden aber den Preis für die unfassbare Kurzsichtigkeit der Menschheit in Sachen fossile Brennstoffe bezahlen.“ (Christian Stöcker)
(SPIEGEL.de)

Kommentar Merkel?

„Das neoliberale Menschenbild vom Homo oeconomicus beruht auf der Annahme, dass wir alle egoistisch sind. Leistungsdruck und Gewinnmaximierung sollen uns erfüllen, Konsum uns glücklich machen. Darauf ist unser gesamtes System ausgerichtet. Dass wir daran zerbrechen, zeigen die steigenden Zahlen an Menschen, die unter Burn-out und Depressionen leiden. Gleichzeitig raubt uns dieses Bild das Vertrauen in uns selber und somit die Hoffnung auf einen Ausweg aus der Klimakrise.“
(TAZ.de)

Kommentar Merkel?

„Um eine zunehmende Häufung von Epidemien zu verhindern und unser Überleben auf diesem Planeten zu gewährleisten, ist es unumgänglich, all unsere Kraft in die Begrenzung der Klimakrise zu legen. Die globale Nahrungsmittelproduktion muss grundlegend neu strukturiert werden. Der ökonomische Expansionskurs gegen die Natur muss gestoppt und Agrarindustrieflächen müssen weltweit renaturiert werden.“ (Hilde Mattheis, Tobias Pforte-von Randow)
(Frankfurter-Rundschau.de)

Kommentar Merkel?

„Unter dem Motto „Global Europe“ versucht die EU-Kommission bereits seit 2006, „ihre“ Firmen wettbewerbsfähiger zu machen und die Länder des Südens als Rohstofflieferanten und Abnehmer von EU-Agrarüberschüssen festzuzurren, etwa durch „Freihandels“-Abkommen. Wie die Attac-Pionierin Susan George sprechen wir jedoch lieber von Vampirverträgen – kommen sie ans Tageslicht, steht es schlecht um sie, einer demokratischen Debatte halten sie nur selten stand.“ (Gerhard Dilger)
(TAZ.de)

Kommentar Merkel?

„Hier ist jedes Maß verloren gegangen. Dies ist ja nebenbei auch eine Verharmlosung der realen, rechtsextremen Gewalt gegen Juden. Der Kampf gegen Antisemitismus ist zu ernst, um ihn Leuten zu überlassen, die das Etikett „antisemitisch“ für private Rachefeldzüge missbrauchen.“ (Stefan Reinecke)
(TAZ.de)

Kommentar Merkel?

„Dass Israel palästinensisches Land annektiert, ist doch in Wahrheit nicht neu. Schon 1980 haben sie Ostjerusalem faktisch annektiert und 1981 die Golanhöhen. Der fortgesetzte Bau von Siedlungen auf palästinensischen Gebieten ist auch eine Form der Annexion. Erst jetzt machen sich alle Sorgen, dass eine Zwei-Staaten-Lösung damit unmöglich wird. Dass die Juden in einem gemeinsamen Staat in der Minderheit wären. Aber wer spricht über die Palästinenser? Die Konsequenzen würden die ganze Welt betreffen. Die Annexion würde bedeuten, dass ein Staat sich mit extremistischer Politik über das Völkerrecht hinwegsetzen kann. Wenn so ein Diebstahl akzeptiert wird, ist kein Land mehr davor geschützt, und die EU kann sich auch nirgendwo sonst dagegenstellen.“ (Daniel-Dylan Böhmer, Nasser Jubara)
(WELT.de)

Kommentar Merkel?

„Falls sich jemand erinnert: Angela Merkel, das ist die Politikerin, die an führender Stelle für die Spardiktate gegenüber Griechenland verantwortlich war – und dafür nicht nur berechtigten Protest erntete, sondern auch Wut bis hin zu persönlichen Beleidigungen. Es ist die Politikerin, die zwar von „Solidarität“ sprach, aber unter Europa nie etwas anderes verstand als eine Form nationaler Wettbewerbsfähigkeit, die vor allem in unerbittlicher Konkurrenz der Staaten um Marktanteile für Exportgüter bestand – und im Zweifel durch Einsparungen in den Sozial-, Gesundheits- oder Bildungsetats zu erkaufen war.“  (Stephan Hebel)
(Frankfurter-Rundschau.de)

Kommentar Merkel?

„Wettbewerb hat eine ethische Begründung. Er hält alle Akteure zu Kreativität und Disziplin an und garantiert so, dass die Allgemeinheit sehr schnell in den Genuss der relativ besten Problemlösungen gelangt. Wettbewerb ist das  … “großartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte.“ Moralisch unerwünschte, empörende Zustände sind nicht auf moralische Defekte der Akteure, sondern auf Defizite der Ordnung zurückzuführen. Korrekturen müssen bei einer Reform der Ordnung ansetzen: demgegenüber sind moralische Appelle eher kontraproduktiv. Moralisch motiviertes Bemühen muss erfolglos bleiben, schadet sogar langfristig der Moral. Die traditionelle abendländische Kleingruppenethik muss … auf eine Ethik großer anonymer gesellschaftlicher Gruppen umgestellt werden. Die moralische Qualität der Marktwirtschaft ist das beste bisher bekannte Instrument zur Verwirklichung der Solidarität aller Menschen, indem sie dem Wohl der Konsumenten dient.“ (Gabler, Wirtschaftslexikon)

Kommentar Merkel?

„Die Einführung von Euro und Cent wäre hierzulande ohne Artikel 125 im EU-Vertrag nicht möglich gewesen: Die sogenannte No-Bail-Out-Klausel – zu deutsch: Nichtbeistandsklausel. Sie besagt, dass ein EU-Mitgliedstaat nicht für einen anderen Staat finanziell haften darf. Deutschland machte sie 1993 zur Bedingung für den Beitritt zur Währungsunion. Denn schon damals zweifelten Politiker und Bundesbänker daran, ob ihre EU-Nachbarn zuverlässig mit Geld umgehen können – und Deutschland womöglich den Kopf für die Schulden anderer Länder hinhalten muss.“

Kommentar Merkel?

„Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Kommentar Merkel?

„Die moralische Beschädigung hätte wiederum realpolitische Konsequenzen: Verlust von Glaubwürdigkeit und Partnern in der gefährlichsten Ecke der Weltpolitik. Annexion wäre Symbolpolitik, die keine Regierung anerkennen würde, nicht einmal die amerikanische, die sich schon leise davonschleicht. Netanjahu ist trickreich genug, um sich aus der selbst gestellten Falle zu befreien.“ (Josef Joffe)
(ZEIT.de)

Es gibt nicht nur terrorbereite Palästinenser. Von Anfang an hat Israel den Palästinensern einen Friedensvertrag auf gleicher Augenhöhe verweigert. Alle Reaktionen der Palästinenser – auch die gewalttätigen – waren Reaktionen auf die eisenharte Friedensverweigerungspolitik Israels. Joffe erwähnt den „moralischen“ Aspekt der geplanten Annexion, seine eigene Bewertung kann man nur ahnen. Er steht jenseits von Gut und Böse. Er hält Netanjahu für trickreich genug, um den Knoten aus Landnahme und Friedensverweigerung festzuzurren.

Kommentar Merkel?

„Dass Israel bei einem Friedensschluss die größten Siedlungen im Austausch gegen andere Gebiete annektieren würde, ist allen Beteiligten seit Langem klar. Und dass eine israelische Militärpräsenz im Jordantal unerlässlich ist, auch. Derart realpolitisch zu denken ist in Teilen der Europäischen Union aus der Mode gekommen. Doch Idealpolitik konnte weder den Bosnienkrieg noch den Kosovokrieg beenden, hat weder Russlands Annexion der Krim noch seine Aggression in Georgien und der Ostukraine verhindert, weder den Zerfall Syriens und Libyens aufhalten noch die Flüchtlingskrise lösen können. Heiko Maas hat bei seinem Besuch in Israel der neuen Koalitionsregierung gezeigt, dass Berlin bereit ist, der Realität ins Auge zu sehen, und dass es unter deutschem Vorsitz nicht zu europäischen Aktionen gegen Israel kommen werde. Gut so. Über das Für und Wider von Annexionen kann man geteilter Meinung sein; dass es aber weder dem Frieden noch den Palästinensern nutzt, wenn die EU zu Israel auf Distanz geht, das ist im politischen Berlin klar.“ (Alan Posener)
(WELT.de)

Was sein muss, muss sein – und wird bestimmt vom Überlegenen. Macht ist Recht. Realpolitik schert sich nicht um Völker- und Menschenrechte. Nichts Verhängnisvolleres als moralische Idealpolitik. Sie ist am amoralischsten. Was die ultraorthodox gestimmte Regierung will, das steht ihr auch zu. Gut so!

Kommentar Merkel?

Welchen Frieden gefährdet Israel eigentlich? Es gibt keinen Frieden im Nahen Osten, der gefährdet werden könnte. Die Stimme des Deutschen Bundestages vernehmen wir leider nur, wenn es um Kritik an Israel geht. Menschenrechtsverletzungen der Palästinenser, im Iran, in Syrien, Ägypten – davon hört man wenig. Was jetzt beschlossen wurde, ist eine peinliche Anmaßung und kein freundschaftlicher Akt. Mit Freunden geht man anders um.“ (Louis Hagen)
(BILD.de)

Von Anfang an verweigert Israel den Frieden, jetzt wird die an Zynismus nicht mehr zu überbietende Frage gestellt: Welchen Frieden soll Israel gefährden? Es gibt doch keinen. Stimmt, die deutsche Regierung ist einseitig – aufseiten Israels. Den Palästinensern werden Almosen gewährt, Freiheit und Rechte werden ihnen verweigert. Freunden sagt man unmissverständlich die Meinung, um sie vor desaströsen Folgen zu warnen. Auch bei Feinden wäre das anzuraten, abgesehen davon, dass man sich Feinde nicht machen sollte.

Kommentar Merkel?

„Israel könnte seinen Ruf wesentlich verbessern, wenn es beschließen würde, „Palästina“ zu räumen und auf den Mond umzuziehen. Solange es dazu nicht bereit ist, scheint ein negativer Ruf allemal besser zu sein als die Aussicht auf einen heldenhaften Abgang. Gysis geheuchelte Sorge um Israels Reputation und deren Folgen für „Jüdinnen und Juden“ in aller Welt enthält auch eine dünn verhüllte Drohung. Sollte es irgendwo zu einem Anschlag auf Juden oder eine jüdische Einrichtung kommen, werden die Juden dafür mitverantwortlich sein. Weil sie zugesehen haben, wie Israel die Palästinenser demütigt und nichts dagegen unternommen haben. Es ist die vorauseilende Rechtfertigung für einen Terrorakt, der irgendwo grade ausgebrütet wird. Denn an allem sind die Juden schuld, auch daran, was ihnen widerfährt.“ (Henryk M. Broder)
(WELT.de)

Natürlich sind die Juden nicht an allem schuld, was ihnen widerfährt. Das Gegenteil ist der Fall: sie sind an allem unschuldig. Selbst da, wo sie unvergleichlich mächtiger sind. Nur merkwürdig: die Juden gibt es nicht. Es gibt noch immer scharfe Kritiker der Unfriedenspolitik Netanjahus. Wer sagt, Israel demütige die Palästinenser, will nichts, als einen potentiellen Terroranschlag gegen Israel als nachvollziehbare Reaktions- und Racheakt absegnen. Wer sich für die Menschenwürde der Schikanierten und Unterdrückten einsetzt, will teuflischerweise nichts als die Vernichtung Israels. Wer Israel nicht alles gönnt, was es als uraltes heiliges Eigentum betrachtet, gönnt ihm nichts. Gregor Gysis Sorge um Israels Reputation ist geheuchelt, denn er ist gar kein echter Jude. Bei passender Gelegenheit kokettiere er damit, „dass er jüdische Vorfahren hat.“ Echte Juden kokettieren nicht mit ihrem Judesein. Niemand habe das Recht, Israel zu kritisieren, der zuvor nicht die ganze Welt wegen ähnlicher Vergehen kritisiert hätte. Das ähnelt der Strategie eines Angeklagten, der dem zuständigen Gericht das Recht abspricht, ein Urteil gegen ihn zu verhängen, solange es nicht alle ähnlichen Verbrechen in der Republik verurteilt habe. Solange die Welt Verbrechen begeht, hat Israel das Recht, die gleichen Verbrechen zu begehen.

In allen Plädoyers für Israel gibt es nicht den Anhauch eines Verständnisses für die Palästinenser und ihre Rechte als Nation und Menschen. Israel darf erst zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die Welt ideal geworden ist. Doch gottlob gibt es nichts Ideales. Gleiches Unrecht für alle.

Hannes Stein hätte die rechte Antwort auf das Menschen- und Völkerrechtsverbrechen der Netanjahu-Regierung, wenn er stolz auf die Unabhängigkeitserklärung der Amerikaner verweist:

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich. Alle Menschen sind gleich geschaffen. Der Schöpfer hat sie mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet. Zu diesen gehören: das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach dem Glück.“
(WELT.de)

Den Befürwortern der Gewaltraison: Macht ist Recht, wird in keiner deutschen Zeitung widersprochen. Der religiösen Unfehlbarkeit der Trump-Netanjahu-Connection werden die Tore der deutschen Republik weit geöffnet. Der Kurs von BILD und WELT ist bigott: was Israel darf, darf kein anderer Staat auf dieser Welt. Die religiöse Doktrin der Ultraorthodoxen hat es geschafft: ihre Spaltung der Welt in Erwählte und Verworfene prägt die Außenpolitik des Westens.

Eine Demokratie, die außen- und innenpolitisch durch die Maxime „Macht ist Recht“ bestimmt wird, wäre keine Demokratie mehr – sondern ein totalitäres Gebilde.

Solange Deutschland sich von diesen Delikten nicht distanziert, darf es seinen Menschen- und Völkerrechtsverbrechen in der Flüchtlingsfrage getrost eine weitere Schandtat hinzufügen.

Den reziproken Vorwurf des gleichen Arguments erhebt Johannes Boie in der WELT gegen deutsche Aktivisten, die nichts Besseres zu tun hätten, als die Mohrenstraße in Berlin umzutaufen, weil sie im Umgang mit China die Hosen gestrichen voll haben.

„Zimperlicher sind die aufrechten Kämpfer dieses Landes, wenn für einen Einsatz nicht warmer Applaus aus der eigenen Filterblase zu erwarten ist, sondern die harsche Reaktion einer Diktatur.“
(WELT.de)

Popper lehnte jede – himmlische – Utopie als totalitäre ab. Seine Stückwerktechnologie sollte sich begnügen, defizitäre Fragmente der Gesellschaft peu à peu zu korrigieren. Keine rationale und friedfertige Utopie lässt sich mit einem Donnerschlag realisieren. Also ist sie auf Stückwerkarbeit angewiesen – die sich allerdings an einem utopischen Ziel orientieren muss. Ausgerechnet die Anhänger der Popper‘schen Utopieverachtung verhöhnen die Stückwerktechnologie wacher Basisgruppen, die die Republik Stück für Stück humanisieren wollen. Es versteht sich von selbst, dass die fleckenlose Neutralität deutscher Beobachter sich für befugt hält, sich um gar nichts zu kümmern. Nur den Reinen gehört das Himmelreich.

Der Moralüberdruss der Deutschen im Geist der Gegenaufklärung steigert sich mittlerweilen zum Hass gegen alles moralische Reden und Reflektieren. Bernd Ulrich platzt schier der Kragen:

„Im Handumdrehen wird eine mögliche Debatte über eine Sache, etwa über den besten Weg in eine neue, qualitativ andere Normalität, ersetzt durch eine Moraldebatte. Flugs geht es um die Glaubwürdigkeit des oder der Sprechenden anstatt um die Tauglichkeit des Gesagten, Wirklichkeit wird ausgeblendet, Menschelei tritt an ihre Stelle. Damit einher geht denn auch ein zweiter Vorteil: Über Moral kann jeder sofort und endlos mitreden, man erspart sich also die Mühen der Sachebene. Aus den vielen Maßstäben, die an die Moralität eines Menschen angelegt werden können, wählen sie einen einzigen aus und machen ihn zum alleinigen Kriterium: Nämlich den Grad der Übereinstimmung von Tun und Sagen, beziehungsweise von Moral und Wirklichkeit. Und plötzlich – Abrakadabra – avanciert der Zynischste zum Moralischsten, weil er wenigstens zu seinen Schwächen steht und von niemandem mehr verlangt, als er selbst zu leisten bereit ist, nämlich nichts. Durch diesen Trick kann noch der blankeste Egoismus in das Gewand moralischer Überlegenheit gehüllt werden.“
(ZEIT.de)

Höchste Zeit, dem Pöbel zu verbieten, in allen moralischen Fragen mitzureden. Es muss genügen, wenn Edelschreiber ihre Meinungen kundtun – danach ist Sense. Menscheln darf es auch nicht unter Wesen, die sich für etwas Besonderes halten. Moral ist eine strenge Wissenschaft, vermutlich ein „System“, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Tatsächlich geht es um die Glaubwürdigkeit der Sprechenden, denn wenn sie heucheln: was sollen sie anders sein als unglaubwürdig? Wie viele andere Maßstäbe zur Feststellung moralischer Glaub- oder Unglaubwürdigkeit soll es denn geben außer dem Unterschied zwischen Reden und Tun? Das war weder bei Sokrates anders noch bei Jesus, dem Menschenfänger, der den Pharisäern vorwarf, Mücken zu seihen und Kamele zu schlucken. Deutsche Journalisten wollen schreiben, was ist. Die Realität der Vergangenheit, die die Gegenwart im Griff hat, scheint nicht dazuzugehören.

Wenn Trump die gängige Doppelmoral seiner Gesellschaft verschmäht und seine Ausdünstungen ungefiltert der Welt zumutet, ist er in diesem Punkt tatsächlich ehrlicher. Jedermann gibt er die Chance, ihn realistisch einzuschätzen. Was partout nicht bedeutet, dass er in allen Dingen ein Moralist wäre. Jeder Mensch besteht aus vielen Facetten, die miteinander harmonieren – oder sich heftig widersprechen können. Auf dieser Ehrlichkeit beruht Trumps Erfolg bei den Unterschichten und Frommen seiner Gesellschaft. Bei den Frommen, weil er aus seiner Sündhaftigkeit kein Hehl macht, bei den Schwachen, weil sie die Hoffnung haben, seine unverblümte Aggressivität gegen die ganze Welt werde ihnen Gerechtigkeit bringen.

Der absurdeste Vorwurf Ulrichs: Moral sei nur Schwätzerei und habe mit sachlicher Arbeit nichts zu tun. Von Theorie und Praxis hat er wohl noch nie gehört. Es gibt moralische Großredner – unter ihnen fast alle politischen Repräsentanten –, die nicht daran denken, ihre Phrasen in Taten zu verwandeln. Das sind jene Heuchler und Doppelmoralisten, um deren Leumund sich Ullrich sorgt. Der Normalfall aber sollte sein, dass moralische Überlegungen dazu dienen, die besten Methoden zur Verwirklichung eines humanen Endzwecks zu wählen. Ökologie ist jene politische Moral, die die besten Methoden des Zusammenlebens mit der Natur sucht, um das Überleben der Menschheit nicht zu gefährden.

Alles Reden über die Sache ist Reden über die beste Sache, um unser Überleben zu gewährleisten. Das Beste ist Superlativ des Guten. Gutes suchen ist – Sache der Moral. Wer sich um die beste Sache, um die beste Methode kümmert, ist moralisch, ob er‘s weiß oder nicht. Woran aber will er die beste Methode erkennen, wenn nicht am besten Weg, der zum besten Ziel führt?

Nach Abflauen der Corona-Krise wird erst die eigentliche Katastrophe über uns kommen: das Innewerden der Klimagefahr, die wir vor Corona komplett negiert haben. Dann kommt die Große Not – eine Wiederholung der Not nach der Niederlage gegen Napoleon. Die herrschenden Moralen Idealismus und christlicher Glaube schienen versagt zu haben. Die Verehrung der Griechen galt nur dem schönen Schein der Kunst. Die Moral der Aufklärung war ohnehin verfemt.

In der „unerbittlichen Not“ Deutschlands schlug der Idealismus um in harten Realismus. Der idealistische Prophet „begeisterte sich jetzt für Machiavelli. Plötzlich verkündet er die Lehre von der Bosheit aller Menschen. In der Politik gibt es kein anderes Recht als das des Stärkeren. Der Staat setzt den Krieg aller gegen alle voraus. Wegwerfend spricht Fichte über die Weichheit der Aufklärung, die „verliebt ist in den ewigen Frieden“. Mit der Lehre von den Menschenrechten könne man keinen Staat errichten. Im schroffen Gegensatz zur Privatmoral entwickelt Fichte die politische Moral. Der Staat ist nichts als Macht. Es gibt kein anderes Recht als das des Stärkeren. Der Staat darf weder nachgiebig noch vertrauensvoll sein.“ (Lütgert, Die Religion des Deutschen Idealismus)

Hier haben wir alle Grundelemente der Gegenwart beisammen: innerstaatlich herrscht Recht und Gesetz, außenpolitisch Misstrauen und vernichtender Wettbewerb, im weltpolitischen Rahmen wächst die Kriegsgefahr. Es gilt das Recht der Stärkeren. Menschen- und Völkerrechte werden niedergemacht. Sieg des Immoralismus. Verachtung der Moral. Spaltung der Welt in Böse und Gute. Christliche Moral segnet alles Gute und Böse – wenn es nur aus Glauben kommt und der höheren Ehre Gottes dient. Der wahre Wettbewerb der Völker geht um den Sieg im Endspurt der Heilsgeschichte. Der finale Sieg wird erweisen, welches Volk das wahre auserwählte sein wird.

Kommentare Merkels zu all diesen Punkten? Sie hat keine, sie lebt in der Einfalt des Glaubens, dem die Klugheit der Welt blanke Torheit ist.

Der Katalog der Unfähigkeiten, Stummheiten und Amoralitäten der Kanzlerin ist eine vorweggenommene Kopie der Anklageschrift gegen sie vor dem Jüngsten Gericht. Durch eine undichte Stelle ist das Urteil gegen Angela Merkel schon jetzt ans Licht gedrungen:

Freispruch in allen Punkten der Anklage – wegen ihrer lutherischen Rechtfertigungszuversicht allein durch den Glauben – ohne Zutun der Werke. Merkel ist Siegerin der Heilsgeschichte. Das ist ihre Begabung. Man hat sie oder hat sie nicht.

Deutsche, kniet nieder. Durch die Auserwähltheit eurer Hohen Frau seid ihr mit auserwählt!

Fortsetzung folgt.