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Tanz des Aufruhrs LXXXV

Tanz des Aufruhrs LXXXV,

„Bleiben Sie bitte noch, Frau Merkel!“ (WELT.de)

„Sabine Rennefanz beobachtet Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Sitzung des Bundestags zum Beginn der deutschen EU-Präsidentschaft und staunt über ihren eigenen Wunsch, Merkels Amtszeit möge nie enden. Als jemand von der AfD dazwischenredet, dreht sie den Kopf um, und man sieht ihr Gesicht, und man sieht ihren tödlichen Blick. „Kann ich mal ausreden“, sagt sie. Diese Blicke, diese Gesten.“ (Berliner-Zeitung.de)

Das ist mehr als magisch, das ist charismatisch, das ist gottähnlich. Ein tödlicher Blick – und der Feind ist erledigt. Max Weber würde jubeln.

„Seine Augen waren wie eine Feuerflamme.“

Heribert Prantl entrückt sie gar in monarchische Höhen, stattet sie aus mit der Machtfülle der Kaiserin Maria Theresia. Betet er pure Macht an? Wäre Klugheit nicht wesentlich wichtiger, um Macht in humane Politik zu verwandeln? (Sueddeutsche.de)

Die Medien planen eine Bittprozession vom Brandenburger Tor zum Kanzleramt (bitte Mundschutz nicht vergessen), um die Kanzlerin zum Verbleib anzuflehen. Ohne sie bräche eine kaiserlose, eine schreckliche Zeit an. Wer käme Ihr gleich? Wer könne Ihr das Wasser reichen?

„Was soll ich neben dich stellen, womit dich vergleichen, was dir gleichsetzen?“

Was sind andere nichtdeutsche Staatsführer neben ihr, der deutschen Lichtgestalt?
„Ministerpräsident Conte aus Italien? Frankreichs Staatspräsident … … Macron? Der spanische Regierungschef Sánchez? Alle pure Tristesse.“

„Wenn man in den vergangenen Wochen die anderen Staatschefs betrachtete, das Macho-Gehabe eines Macron („Wir sind im Krieg mit dem Virus“), die Verantwortungslosigkeit eines Boris Johnson, die Gefährlichkeit eines Donald Trump, dann war man froh über Angela Merkel. Mit anderen Wissenschaftlerin reden, Sachverhalte begreifen, einordnen, erklären: niemand kann das besser als die promovierte Physikerin. Sie verfügt außerdem über eine Tugend, die selten geworden ist. Sie kann warten, sie ist keine, die gleich eine Meinung zu allem haben muss. Das ist etwas Besonderes geworden in einer Zeit, in der ein Großteil der Menschen den Tag damit verbringt, zu allen möglichen Vorgängen sofort Meinungen zu entwickeln.“

Niemand übertrifft die Kanzlerin im Begreifen und Erklären, auch wenn sie dem Volk fast nie mitteilt, was sie begriffen hat. Die Gosse will immer eine Meinung haben, sie kann auf den rechten Augenblick warten. Fehlt da nicht jemand, der ihre geheimnisvolle Aura einordnen und erklären könnte? Nein, das Volk vertraut ihr blind.

Die Deutschen sind dabei, ihre letzten demokratischen Reste abzustreifen. Der Klimakrise gehen wir in geschlossener Formation einer Thea-Kratie entgegen. Wenn wir schon dem Ende entgegengehen: wir Deutschen haben eine auratische Sterbebegleiterin.

„Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.“

„Stets war sie zur rechten Zeit am rechten Ort“, beschreibt Prantl ihre unvergleichliche „Begabung“, die man hat oder nicht hat. Von Berufung will er nicht reden, um nicht allzu frömmelnd zu wirken. Erwerben kann man die Berufung nicht, sie ist eine Gabe von Oben. Gottesmänner sprechen vom Kairos.

„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist genaht.“

Kairos ist Fülle der Zeit, das Unbedingte, das in einem bestimmten Moment der Geschichte in die Zeit hereinbricht. Zeit und Ewigkeit sind nicht wesensgleich, nur in auserwählten Momenten stürzt das Ewige in die Zeit, um die Menschen zu spalten: die einen fürs Heil, die anderen fürs Verderben. Die Deutschen sind sich sicher, im Schutz ihrer Angela werden sie die Zeiten der bevorstehenden hitzeglühenden Wüstenwanderung überstehen. Alle Zeichen der Zeit deuten auf sie, die vom Himmel Erwählte.

Wir sind mitten in einem Epochenbruch. Die Zeiten der doppelten Rede und Heuchelei sind vorbei. Schurken zeigen sich als Schurken. Worte und Taten stimmen überein, weil amoralische Worte nichts anderes sagen als die amoralischen Taten, denen sie folgen. Der Mensch zeigt sich wie er ist. Auf tugendhafte Masken kann er verzichten. Er wird ehrlich bis zur Brutalität.

Moralische Ziele und Rechtfertigungen schaden der Ehrlichkeit. Sind wir doch nichts anderes, als wir sind. Wir müssen uns nicht verbiegen, müssen keine Rolle mehr spielen. Wie auch immer wir sind, wir sind wohlgeraten – oder: wir sind Übermenschen geworden:

„Das Wort »Übermensch« zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgeratenheit, im Gegensatz zu »modernen« Menschen, zu »guten« Menschen. Ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort ist.“  (Also sprach Zarathustra)

Der neue Mensch, der Übermensch, ist ein Wesen „voller Unschuld.“ Schuld kennt er nicht mehr, denn er misst sich nicht an Maßstäben, die er nicht erfüllen will. Das Maß aller Dinge ist er selbst, wie er leibt und lebt. Er kann sich nicht mehr verfehlen. Was er tut, ist Richtschnur seines Denkens, was er denkt, Richtschnur seines Tuns. Der Mensch ist zu sich gekommen. Die Fülle der Zeit hat ihn vollendet, der rechte Augenblick ihn komplett gemacht.

Bislang war der Mensch gespalten: zwischen Sollen und Sein, Maß und Wirklichkeit, Anspruch und Realität. Diese erbarmenswürdige Zerrissenheit bringt er zu Ende. Moral, die den Menschen überfordert, ihm ein schlechtes Gewissen bereitet, muss entsorgt werden. Werte, die den Menschen zum Versager stempeln, müssen eingestampft werden. Wie er ist, so soll er sein: das ist der Stolz des Übermenschen. Wir verlassen die Vergangenheit des Sünders und gehen in die Zukunft des Übermenschen.

Gäbe es Moral, wäre die Gegenwart voller Unmoral. Überall Korruption, Machtmissbrauch, Menschenverachtung und Hass auf die Natur.

Es gibt legale und illegale Korruption. Illegale verstößt gegen Gesetze, legale gegen ungeschriebene Moral. Gesetze beschreiben nur ein Mindestmaß an Moral, um die demokratische Fassade aufrecht zu erhalten. Eine perfekte Demokratie bräuchte keine Gesetze, denn Demokraten würden aus freier Einsicht tun, was moralisch wäre. Gesetze sind nur notwendig für Menschen, die Moral ablehnen oder nicht lernen durften, ihre Forderungen als Erfüllung des gemeinsamen Lebens zu betrachten.

Die deutschen Intellektuellen sind keine Freunde der Moral. Sei es, dass sie sich für ausreichend moralisch halten, um allergisch zu sein gegen überstiegene Forderungen. Sei es, dass sie Moral für eine Degeneration des Menschen halten.

Ökonomie lehnt Moral als Lenkungsmethode der Wirtschaft kategorisch ab. Sie ist Geschichtswissenschaft als Naturwissenschaft, deren Gesetze keiner Moral folgen.

Naturwissenschaften sind fasziniert von Erkenntnissen der Natur. Was die Menschheit aus ihren Erkenntnissen macht, wissen sie nicht – angeblich. Doch sie wissen, dass ihre Einsichten und Erfindungen stets der Machterweiterung der Mächtigen dienen, wofür sie gut bezahlt und hoch gepriesen werden.

Geisteswissenschaften sind verkümmerte Naturwissenschaften, die Geist auf berechenbare Naturgesetze reduzieren wollen. Seltsamerweise gelingt es ihnen nicht, was sie aber nicht daran hindert, zu tun, als gelänge es ihnen. Ihre Erklärungen folgen dem Stereotyp: Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen des Menschen sind nichts als … physiologische Ausschüttungen, Gehirnströme, Reiz-Reaktionen: körperliche Vorgänge. Der Geist, auf den der Mensch so stolz war, wird herabgestuft zum Knecht des Leibes oder der Natur.

Die Selbsterforschung des Menschen durch Reflektieren, Erinnern, Debattieren, Entscheiden, sich Empfinden war überwunden. L’homme machine, der Mensch wurde zur Maschine, die sich für etwas Besseres hielt als der schwatzende Geist.

Politik ist Regulation des Staates, der nichts als eine Maschine im Großen ist. Der Einfluss der ersten Naturwissenschaftler Galilei, Kepler und Newton war derart gigantisch, dass die gesamte denkende Welt nichts anderes sein wollte als eine Riesenmaschine, die nach berechenbaren Gesetzen funktioniert.

Mit Hilfe der strengen Wissenschaft gelang es den Forschern, die Vorherrschaft der Kirchen zurückzuschlagen. Natur als Offenbarung Gottes wurde wichtiger als Offenbarung Gottes in einer heiligen Schrift, die vor Widersprüchen und Falschmeldungen – besonders in Fragen der Natur – nur so wimmelte. Die Naturwissenschaften wurden zu Vorbereitern der Aufklärung, in der die Kritik an der Religion sich über alle Disziplinen ausweitete und sich zur Philosophie weiterentwickelte, die Wert darauf legte, den eigenen Kopf zu benutzen.

Die Ablösung von den religiösen Dogmen hatte zugleich den Effekt, dass Moral, die auf biblischer Autorität beruhte, außer Kraft gesetzt wurde. Ab jetzt beginnen die Kalamitäten der Moderne. Wenn alte Moral verfällt, nach welcher neuen soll sich der Mensch richten?

Eine erste Antwort gaben die „Querelles des Ancients et des Modernes“, der Streit der Modernen mit den Alten: wer hat es weiter gebracht mit der Erkenntnis der Welt? Die Griechen und Römer – oder die Modernen?

Mögen die Alten in mancher Hinsicht den Modernen überlegen gewesen sein: in den wichtigsten Dingen, der Beherrschung der Natur, der Entwicklung der Technik, sind die Modernen den Alten weltenweit überlegen.

In Fragen der Moral schieden sich die Geister. Traditionalisten hielten die moralischen Einsichten der Griechen für unübertrefflich, Fortschrittler pfiffen auf diese sogenannte Überlegenheit und verwiesen auf die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf unbeweisbare Spekulationen der Alten verzichten konnten.

Das waren die Vorläufer der späteren Positivisten, die alles für Geschwätz hielten, was durch Rechnen und Laborieren nicht überprüft werden konnte. Wie kann man Moral beweisen? Durch reine Logik, durch Beobachtung der verschiedenen Moralen der Völker?

Logik, die immer weiter nach Gründen fragt, endet stets im „Münchhausen-Trilemma“, wie Poppers Schüler Hans Albert die Verlegenheit nannte, dass jede Behauptung, die als Urthese alle auf ihr ruhenden Thesen stützen sollte, selbst im Nichts verschwindet, wenn man fragt: und auf welche These stützt du dich, du Urthese?

Jeder rückwärts laufende Begründungszusammenhang muss irgendwann abgebrochen werden. Gott habe alles erschaffen? Wer aber hat Gott erschaffen? Die angeblich sichersten Grundlagen des Denkens erweisen sich als die ungesichertsten.

Bis zu den Anfängen der Aufklärung verlief die Entwicklung der europäischen Nationen einigermaßen homogen. Dann ging‘s auseinander. Deutschland war durch die Reformation politisch gespalten, durch den 30-jährigen Religionskrieg am Boden zerstört. Im Mittelalter noch die mächtigste Nation mit wichtigen Handelswegen über die Alpen nach Italien, wurde es, nach der Entdeckung Amerikas, durch die westlichen Seefahrernationen in Bedeutungslosigkeit versenkt. Während die erfolgreichen Nationen politisch geeint waren, war Deutschland in Fürstentümer zerrissen. Kunst bestand nur noch aus Bach und protestantischen Chorälen, Wissenschaft und Technik lagen am Boden.

In Frankreich entwickelte sich die Aufklärung – trotz aller Maschinenmodelle – in Richtung moralische Demokratie, indem sie sich an der athenischen Polis orientierte. Ähnlich war die Entwicklung in England, komplettiert durch eine forcierte Ausbildung von Naturwissenschaft und Technik, die seit Francis Bacon (der von den technisch unbedarften Alten nichts mehr wissen wollte) nichts als Macht über die Natur erringen sollte. Die ersten Maschinen begründeten den Frühkapitalismus, der England – zusammen mit seinen kolonialistischen Eroberungen in aller Welt – zur ersten Nation Europas erhob.

Deutschland wurde zur verspäteten Nation, die in allen Dingen hinterherhinkte. Etwa 100 Jahre dauerte es, bis die Deutschen den 30-jährigen Krieg soweit verkraftet hatten, dass die ersten selbstbewussten Geister sich die Frage stellen konnten: Und wir? Was wollen wir? An wem orientieren wir uns?

Friedrich dem Großen gelang es, Preußen zu einem funktionierenden Staat zu machen. Als Aufklärer bewunderte er die Franzosen und zog viele führende Geister an seinen Hof. Französisch sprach er besser als Deutsch, die beginnende Regeneration seiner Landsleute ließ ihn kalt. Vom jungen Goethe nahm er keine Notiz. Wieland, Lessing und Kant wurden zu einflussreichen Aufklärern, Kant – durch Auseinandersetzung mit Hume – gelang es, sich an die Spitze der europäischen Aufklärung zu setzen.

Für die neue Generation der Stürmer und Dränger war das alles kopfgesteuert, Kant war schwer zu lesen. Sie wollten, durch Entfaltung ihrer Emotionen, auf ihre Kosten kommen, die Fesseln der Alten abwerfen, sich in die Natur begeben, nackt im Freien baden, den verknöcherten Autoritäten ihre Meinung sagen. Die französische Kultur als Leitkultur musste dran glauben.

Die Deutschen wären, wie heute, auf sich gestellt gewesen – wenn, ja wenn nicht ein gewisser Winkelmann über die Alpen gegangen wäre, um in Rom die Griechen zu entdecken. Nicht als Philosophen, sondern als Künstler. Dass die schneeweißen Statuen römische Nachbildungen waren, keine hellenischen Originale, konnte er nicht ahnen.

Das Vorbild der Griechen bestand nicht im autonomen Denken, im moralisch-politischen Tun, sondern in der Bewunderung des Schönen. Die demokratische Polis, die philosophischen Schulen interessierten niemanden. Um Homer und die Mythen der Götter drehte sich alles.

Warum waren die in Stein gemeißelten Bewohner des Olymp so schön? Weil sie durch keine Moral entstellt waren. Sie folgten ihren eigenen Beweggründen ohne religiöse Bedenken oder verbietende Über-Ichs. Freiheit von allen Geboten und Einschränkungen des Trieblebens machte sie zu Sinnbildern  vollkommener Schönheit. Schön ist, was frei und selbstbestimmt ist. Warum waren die deutschen Zeitgenossen so hässliche, verschrobene Mucker und Spießer? Weil sie den Pfaffen und staatlichen Autoritäten folgten, anstatt ihr eigenes Leben zu entdecken.

Die Rivalität der Geister verschärfte sich, als Napoleon die deutschen Lande überrollte und auf keinen nennenswerten Widerstand stieß. Woher hätte der auch kommen sollen? Die deutsche Intelligenz – das Land der Dichter und Denker, wie Napoleons Feindin Madame de Staël spottete – lebte im Idealen und Absoluten, nicht in der politischen Realität. Ein schrecklicher Schock für die aus ihren Träumen aufgeschreckten Idealisten.

Was ist ein Idealist? Eine Mischung aus griechischer Selbstbestimmung und christlichem Größenwahn. Die Selbstbestimmung besteht in der Fähigkeit, Ich zu sagen. Der Größenwahn erklärt das Ich zum Schöpfer der Welt aus Nichts – bei Fichte, dem hybridesten aller Idealisten.

Schon bei Kant hatte das Ich die Fähigkeit, der Natur Vorschriften zu machen. Kausalität, Raum und Zeit waren keine Eigenschaften der Natur, sondern Imprägnierungen des Ich. Nicht die Natur belehrte das Ich – außer sekundären sinnlichen Eindrücken –, sondern das Ich belehrte die Natur. Die Natur an sich blieb unbekannt, der Mensch erkannte nur jene Natur, die durch seine „apriorischen“ Vorschriften vorprägt war:

„Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hiedurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war.“ (Kant, Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft)

Der Mensch hat die Macht, der Natur vorzuschreiben, wie sie zu antworten hat. Der Forscher ist Richter über die Natur.

Goethe, Verehrer des griechischen Kosmos, verachtete diese kantisch-fichtische Überheblichkeit des menschlichen Ichs über die vollkommene Natur. Nun wir stehen im Regen. Denn beide Meinungen, obgleich unvereinbar, gelten heute als Idealismen. Noch entscheidender waren die Zerwürfnisse im Politisch-Moralischen.

Als die Deutschen, unsanft aus dem Schlaf der Träumer durch Napoleon aufgeweckt, sich zum Widerstand entschlossen, musste zuerst die Frage beantwortet werden: wer war schuld am Debakel der Niederlage?

Jedes Lager beschuldigte jedes. Die Frommen beschuldigten die heidnischen Schönheitsschwärmer, die Aufklärer die Kirchgänger, die Eliten das Volk, das Volk den in Luxus und Unmoral verwahrlosten Adel, die Anhänger der Französischen Revolution die Passiven, die Schlichten und Einfachen die gelehrten Schwätzer, die Denker das dumpfe Volk.

Der deutsche Chauvinismus entstand: „Alle die Übel, an denen wir jetzt zugrunde gegangen, sind ausländischen Ursprungs,“ donnerte Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation.“ Und warum imitierten die Deutschen (nicht anders als heute) die anderen Nationen? „Die Ursache dieser Ausländerei ist die deutsche Eitelkeit.“ Die Nachahmerei war einerseits das Gefühl der Minderwertigkeit, das andererseits zum Größenwahn katapultierte:

„Das deutsche Volk, das langsamste, wird alle anderen Völker einholen – um einst die Welt zu beherrschen. „Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit.“ (Schiller) Die Wiedergeburt der Menschheit geht von Deutschland aus. Es ist nichts Geringeres als eine Umschaffung des Menschengeschlechts aus irdischen und sinnlichen Geschöpfen zu reinen und edlen Geistern.“ Klingt idealistisch und rein, oder? Schaun mer mal:

„Das deutsche Volk oder die germanische Welt ist Erbe der Weltgeschichte, denn sie sind Träger des christlichen Geistes der neuen Welt, der absoluten Wahrheit und Freiheit. Gegen dies sein absolutes Recht, Träger der gegenwärtigen Stufe des Weltgeistes zu sein, sind die Geister der anderen Völker rechtlos und sie, wie die, deren Epoche vorbei ist, zählen nicht mehr in der Weltgeschichte.“ (Hegel)

„Wir Deutschen sind ein auserwähltes Volk, ein Volk, welches die Menschheit repräsentierte. Wir waren nie bloß national. Nur die Deutschen können Europa retten.“ (Schleiermacher)

Der deutsche Idealismus wurde zu einer Wiege des deutschen Totalitarismus.

Was erwartet uns, wenn die deutsche Heroine aufs Altenteil verschwinden und nichts Gleichartiges hinterlassen wird? Obwohl sie perfekt ist, gelang es ihr nicht, Talente zu potentiellen Nachfolgern zu animieren. Im Gegenteil, sie erstickt alles, was ihr gefährlich werden kann, damit sie einmalig bleibe.

Was erwartet uns, wenn das Klima bringen wird, womit es uns anwachsend bedroht? Die Deutschen hängen an einer Pastorentochter, die seit Beginn ihrer Amtsgeschäfte den Niedergang der Nation kommentarlos begleitet. Für eine Lutheranerin gibt’s nichts zu kommentieren, wenn die Welt zerfällt. Davon geht sie ohnehin aus, das ist Teil ihres Glaubensbekenntnisses.

Der moralische Niedergang der politischen Klasse lässt sie kalt. Ihr geht es nur darum, zur rechten Zeit an einem rechten Ort zu sein, um die Samaritanerin einer ausgewählten Tat zu sein. Das Spezielle, Auserwählte, Besondere ist es, was sie als Erleuchtung sucht, nicht das Allgemeine, das für alle Gleichheit und Gerechtigkeit bedeutet.

Ist Laschet korrupt, wenn er sich von einem Milliardär einladen und becircen lässt? Ist Gabriel korrupt, der sich von demselben Milliardär, den er vor kurzem angegriffen hatte, monatlich bezahlen lässt? 10.000 Euro sind für den Pöbel viel, für mich ist es nur ein Taschengeld: ist das korrupt? Nicht im legalen Sinn, aber im moralischen.

Doch woher die plötzliche Empörung, wenn sonst das Moralische verpönt ist? Um die peinliche Frage zu überdecken, wird Anstand bemüht. Anstand hat man oder hat man nicht. Da geht es nicht um moralphilosophische Finessen. Anstand ist Sache der deutschen Persönlichkeit.

Die Unmoral der Deutschen begnügt sich nicht mit einzelnen Taten. Sie ist System. Das System nennt sich Aufstieg. Wer nicht aufsteigt, ist ein Loser. Wer aufsteigt, kann sich alles erlauben, was Oben, wo der Auf-Stieg endet, gang und gäbe ist. Wenn alle Aufgestiegenen oder Oben-Gebliebenen legal korrupt sind, weil alle mit allen ins Bett gehen, genügt es nicht, die Affären Laschet, Gabriel, Schröder e tutti quanti aufzulisten.

Wer aufgestiegen sein muss, um ein respektabler Mensch zu sein, der verurteilt die ganze unaufgestiegene Welt zur negierbaren Masse. Besonders verwerflich bei der SPD, die allen Proleten ein menschenwürdiges Leben verschaffen wollten. Und was tun sie? Die Granden der Partei verlassen das sinkende Schiff der Basis und schweben mit dem Helikopter ins Land der Bedenkenlosen. Die Verhältnisse der Nation wollten sie humanisieren. Doch Oben angekommen, werden sie erst recht zu Heuchlern. Das Schlimmste ist: sie verstehen nicht mal die Empörung der Untengebliebenen. Sie halten es für gerecht und billig, dass ihr lebenslanges Bemühen in Heller und Pfennig aufgewogen wird.

Wieder einmal zur rechten Zeit am rechten Ort, entdeckt die Kairos-Politikerin das schlingernde Europa, das sie viele Jahre lang ungerührt absaufen ließ. Einen Napoleon gibt es heute nicht, stattdessen mindestens zwei der Sorte, einer in Washington, einer in Peking. Gegen beide riskiert sie keine freche Lippe.

Wie sie sich Napoleon unterworfen hätte, so duckt sie sich heute vor den Leviathans der Gegenwart. Warum? Wegen Römer 13.

„Napoleon nahm gegen die preußischen Patrioten Römer 13 für seine Herrschaft in Anspruch. Damit erreichte er bei deutschen Pfarrern Predigten voller Bewunderung.“

Was hielt die adligen Widerständler im Dritten Reich zurück, sich zur rigorosen Tat zu entscheiden? Römer 13. Merkel hat keine Probleme mit Immoralismus. Sie wird selig ohne Zutun des Gesetzes. Gute Werke verleiten nur zur Hybris vor Gott. In ihrer Demut ist sie viel zu eitel, um sich diese Eitelkeit vorwerfen zu lassen.

Fortsetzung folgt.