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Tanz des Aufruhrs LXXXIV

Tanz des Aufruhrs LXXXIV,

ab Mitternacht ist das Brandenburger Tor blau erleuchtet. Ab Mitternacht beginnt die Ratspräsidentschaft Deutschlands über das schlingernde Europa unter dem Motto: Europa wieder stark machen. Ab Mitternacht tickt die letzte Chance der deutschen Kanzlerin, ihr Vermächtnis in die Geschichtsbücher einzugravieren.

Politik wird offenbar nicht für Menschen gemacht, sondern für das „Vermächtnis“ der Gewaltigen. Die Gazetten können es nicht erwarten, die Verdienste ihrer Kanzlerin in Stein zu meißeln, um die Wichtigkeit ihrer Zeitzeugenschaft der Nachwelt zu übermitteln. In zitternder Erregung sitzen sie auf ihren Beobachtungsposten.

Das Motto erinnert Eric Bonse in der TAZ peinlich an Trumps pubertierenden Spruch: Machen wir Amerika wieder stark. Ohne Plagiieren beim Großen Bruder geht die Chose nicht. Sind das die europäischen Werte, die Berlin runderneuern will?

Sie könnten es sein, wenn Stärke demokratische Wehrhaftigkeit und aufrechte Humanität bedeuten würde. Um Fehlschlüsse zu vermeiden, hätte das Motto unmissverständlicher formuliert werden müssen.

Welche Gesamtnote wird die Kanzlerin erhalten? Wird es einen Corona-Bonus geben? Fleiß und Mitarbeit: tadellos. Deutsch und Kommunikation: da hapert es gewaltig. Wettbewerb, Wachstum … … und Wirtschaft: blinder Eifer. Alternativlose Zukunft: Auszeichnung mit Stern. Digitalisierung: erstaunlich schwach für eine Physikerin. Europa: durchgefallen – wenn, ja wenn die Kandidatin nicht eine abrupte Kehre hingelegt hätte:

„Wird Angela Merkel doch noch als große Europäerin in die Geschichtsbücher eingehen? In der Eurokrise noch als hartherzige Madame Non verschrien hat Merkel in der Krise ihren Kurs geradezu revolutionär korrigiert“, schreibt der SPIEGEL.

Nicht ihr jahrelanges europäisches Versagen zählt, sondern ihre Fähigkeit, vor die Öffentlichkeit zu treten, als ob es kein Gestern gäbe. Weshalb sie im Fach: Vergangenheit ausradieren und sich neu erfinden eine Eins plus erhält.

Klima: grauenhaft:

„Auch für den Kampf gegen den Klimawandel, den sich Berlin eher halbherzig auf seine Fahnen schreibt, reicht dieser Plan nicht aus. Es fehlt immer noch ein ehrgeiziges Klimaziel für 2030, es fehlen Mittel für die „Green Transition“ – den klima- und sozialverträglichen Umbau der Wirtschaft – im künftigen EU-Budget. Die deutsche Wette auf Europa ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Sie verspricht große Dinge, die kaum zu leisten sind. Und sie hantiert mit Instrumenten, die den Herausforderungen nicht gewachsen sind. So wird Europa nicht „wieder stark“ – bestenfalls wird die aktuelle Schwächephase überwunden. Was passiert, wenn die deutsche Wette für Europa platzt? Das weiß keiner.“ (TAZ.de)

Das Fach „konstruktive Utopie“ wurde als faschismusverdächtig aussortiert. Politik ist nicht dazu da, das Los der Menschheit zu verbessern oder das Individuum glücklich zu machen. Wer Glück will, will den Menschen vergewaltigen.

Die Politik der deutschen Demokratie folgt den Spuren eines berühmten Weimaraners, der Glück und Demokratie verschmähte.

„Faust will alles wissen, alles können, alles erleben, alles genießen. Er ist unersättlich und will auch nicht satt werden. Er verabscheut den Zustand des Saturierten, des Philisters, der dem Teufel gehört.“

„So tauml‘ ich von Begierde zu Genuß,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.“

Nicht Glück will Faust genießen. Nichts genügt ihm, nichts befriedigt ihn. Dieser Drang ins Grenzenlose ist für den Idealismus charakteristisch. Es ist eine nie rastende Aktivität, ein Jagen nach Erleben und Erleiden.

„Willst du ins Unendliche schreiten,
Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.“

„Nie wird der Mensch zum Augenblicke sagen können: „Verweile doch, du bist so schön.“ Nichts bleibt ihm als die schmerzliche Befriedigung, beständig unbefriedigt zu sein, sich schadlos zu halten am Spott über den Philister, der sich behaglich und tugendhaft fühlt. Ruhelosigkeit ist seine Qual und sein Stolz. Der Widerspruch zerreißt ihn: auf der einen Seite empört sein gegen das Klagelied: entsagen sollst du, sollst entsagen; auf der anderen Seite die Resignation der großen Entsagung.“ (Lütgert, Die Religion des deutschen Idealismus)

Das war vor 200 Jahren. Hat sich irgendwas verändert? Was sich damals Idealismus nannte, heißt heute Fortschritt, unersättliche Macht und verheißungsvolle, aber inhaltslose Zukunft. Die Dogmen der Moderne wurden nicht nur in Frankreich, England und Amerika gelegt. Das rückständige Deutschland hatte im Bereich des Denkens vorausgeahnt, was Technik, Wissenschaft und Ökonomie mit Zählen und Rechnen, Geld und Maschinen in Realität verwandeln werden.

Nach Höhenflug, friedloser Unersättlichkeit und Entsagung kam nach dem Idealismus der Absturz in den Pessimismus Schopenhauers, nach dem Pessimismus Nietzsches Übermenschentum und Wille zur Macht, der ins Dritte Reich führte: die Schwachen sollen zugrunde gehen.

Ist unsere Zukunft durch unbewältigte Vergangenheit festgelegt? Wollen wir von der Vergangenheit nichts wissen, weil wir spüren, wie sehr sie uns am Kragen hat?

Die Deutschen wollen nicht wirklich gut und vorbildlich sein, nur im Vergleich wollen sie die Besten sein. Ist unser Gesundheitssystem verbesserungswürdig? Ach was, wir haben das beste im Vergleich mit anderen westlichen Staaten. Unrentable Krankenhäuser könnten also gestrichen werden.

Klimapolitik ist erbarmenswürdig? Nein, noch immer sind wir die Besten, im Vergleich mit den USA und europäischen Staaten: also lasst uns ungestört die Luft verpesten. Merkel spielt nur die Rolle der Pflichtbewussten, in Wirklichkeit lässt sie alles verlottern und verludern? Im Vergleich mit Trump und Johnson bleibt sie die Allerbeste.

Das Qualitätsurteil ist verkommen zum relativen Vergleichsurteil. Die Differenz, der Kontrast, der unterschiedliche Erfolg machen es. Das allgegenwärtige Ranking will nur die Reihenfolge, nicht das Urteil an sich, das ein Messen am Ideal wäre. Seit dem Tod des Idealismus sind Ideale verdrängt. Ideale sind Utopien, Utopien gelten als Gewaltphantasien derjenigen, die glauben, das Ideal erkannt zu haben.

Rangordnungen können empirisch ermittelt werden. Urteile anhand eines Ideals aber sind Erkenntnisurteile, die mit Quantitäten nicht erfassbar sind. Ein kluges Volk muss nicht im Luxus waten, um zufrieden zu sein. Glück und Rekorde sind inkompatibel, wie man bei Faust sehen konnte.

Merkel und die Deutschen leben in einer Symbiose, deren Wurzeln weit zurückreichen. Ein gottesfürchtiges Land, das im Gehorsam gegen die Obrigkeit lebt, hätte eigentlich nichts zu klagen. Die Härten ihres Alltags sind nicht Schikanen der Obrigkeit, sondern die irreversiblen Sünden der gefallenen Schöpfung – die erst am Ende aller Tage durch eine neue Schöpfung vollkommen werden.

Die deutsche Volk-Obrigkeitssymbiose reicht weit zurück:

Ein einig Volk von Brüdern,
das ist das Volk des Herrn,
verzweigt in seinen Gliedern,
doch eins in seinem Kern;
von oben her geboren,
vom Heilgen Geist getränkt,
von Gott selbst auserkoren,
der liebend sein gedenkt.

Dann ist es überwunden,
was uns noch schmerzt und drückt;
wir haben dann gefunden
die Ruh, die uns erquickt;
wir sind bei ihm in Frieden,
verkläret in sein Bild,
auf ewig ungeschieden
und ganz von ihm erfüllt. (Hermann Heinrich Grafe, 1818 – 1869)

Die selige Einheit der Brüder – Schwestern überflüssig – ist noch keine volle Realität, sondern ein Vorschein des Gartens Eden. Anders in Amerika, dort ist Gottes eigenes Land fast identisch mit dem jenseitigen Paradies, weshalb der jetzige Absturz so schmerzlich ist: es ist ein Absturz aus dem Himmel in die Hölle.

Die Deutschen sind schizophrener, sie sind daran gewöhnt, in der Stadt des Diabolo zu leben mit gelegentlichen himmlischen Erleuchtungen – im Innern des Menschen. Hier liegt die Quelle der deutschen Innerlichkeit, weshalb die Deutschen so linkisch-introvertiert sind. Im Gegensatz zu extravertierten Amerikanern, die in guten Zeiten – Gibbs in NCYS – nicht mal ihre Wohnungstüren abschließen.

Die Sehnsucht nach geistlicher Einheit der Brüder wurde von Krise zu Krise immer dringlicher und ungeduldiger – bis sie erfüllt wurde in der völkischen Einheit eines eschatologischen Reiches. Selbst Schiller konnte sich noch nicht lösen von der Eintracht der Brüder, holde Frauen nicht mehr ausgeschlossen:

Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Die Obrigkeits-Untertanen-Symbiose musste in unseren Zeiten nicht erfunden werden. Sie war eine alte Tradition. Die Obrigkeit musste kein Mann sein, sie konnte auch eine Meisterin sein. Bis weit ins späte Mittelalter gab es in germanischen Landen Handwerkerinnen, die die Hosen anhatten:

Sie, sie, sie und sie,
Frau Meisterin, leb sie wohl!
Ich sag ihr grad frei ins Gesicht,
Ihr Speck und Kraut das schmeckt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Eine gute Meisterin erkannte man daran, dass sie ihre Gesellen und Lehrlinge gut durchfütterte. Was sagt uns das über die Obermeisterin der Deutschen? Dass es ihr gelang, ihre Untertanen bestens zu versorgen, weshalb sie ständig von „unserem Wohlstand“ spricht. Wäre es den Deutschen schlecht ergangen, hätte Meisterin Angela keine Chancen gehabt.

Den Wohlstandsstaat hatte sie nicht erfunden. Sie kam aus dem unterlegenen Osten, sprach dem Westen das Kompliment aus, ein überlegenes System zu besitzen – und machte sich zur kritiklosen Mitläuferin desselben. Im Osten war sie weder als Unterstützerin noch als Kritikerin des Sozialismus aufgefallen. Auch dort lief sie unauffällig in den Schienen des Staates – oder: sie machte ihre Pflicht.

Als sie ihre Karriere begann, signalisierte sie den Westlern: wählt mich und ihr werdet in meiner Person Tag für Tag die inkorporierte Überlegenheit eures Systems über das östliche erleben. Ich, die unberührte Jungfrau aus dem Nirgendwo habe gewählt und – euch zu meinen Beglückern auserkoren, die so souverän sind, dass sie sogar meine Untertanen werden wollen. Das war eine Muttergestalt, die man nicht von der Natur serviert erhält, sondern die man wählen konnte: kapitalistisches Konsumentenherz, was willst du mehr?

Was ist das höchste Lob, das man Muttern im Westen machen kann? Sie tut ihre Pflicht. Was aber ist Pflicht? Auch hier stoßen wir auf Goethe:

„Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“

Goethe lehnte Kants kategorisch-abstrakte Pflichtethik ab. Zu kopfgesteuert, nicht intuitiv aus dem Bauch heraus. Für ihn gab es keine allgemeinverbindliche Moral. Jeder bestimmt selbst über seine Regeln. Bei Kant bestimmte der autonome Mensch über seine Pflicht, jener Mensch, der sich in jedem andern mündigen Menschen wiedererkannte. Was war bei Goethe die Forderung des Tages? Die Antwort ist unmissverständlich:

„Lerne gehorchen, fasst sich für ihn alle Pflicht zusammen. Trotz allen Drängens auf die Tat hat er selbst nie in die Politik eingegriffen, weder durch Wort noch durch Tat. Er blieb Zuschauer. Er war und blieb eine konservative Natur, ein Aristokrat durch und durch. Für Mehrheiten hatte er nur verächtliche Worte: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität.“ (ebenda)

Für die Französische Revolution hatte er nicht die geringsten Sympathien, der napoleonische Krieg störte nur Kunst und Wissenschaft.

Merkel – gewiss doch – hat die Regeln der Demokratie gelernt. Aber nie so verinnerlicht, als hätte sie sie selbst erfunden. Immer wieder fällt sie zurück auf das Niveau ihrer Kirchengemeinde, in der ihr Vater der autoritär-wohlwollende Patriarch war. Dort war es ihre Pflicht, als Magd Gottes den Weisungen ihrer beiden Väter zu folgen, dem irdischen und dem himmlischen.

Als Kanzlerin muss sie sich immer wieder einen Ruck geben, um nicht zu verdrängen, dass sie es mit einem Parlament zu tun hat, das mitreden will, dass sie regelmäßig mit dem Souverän reden und streiten, dass sie dem Volk die Weltgeschehnisse aus ihrer Sicht erklären sollte. Was tut sie wirklich? Sie erklärt kaum die Forderungen des Tages, die an sie herangetragen werden. Das Weltgeschehen im Ganzen und ähnliche Überheblichkeiten überlässt sie dem Lenker der Welt – der ihr genaue Anweisungen gibt, was sie im Alltag zu tun hat. Forderungen des Tages sind Anweisungen ihres Gottes.

Streng genommen kann eine Lutheranerin keine Demokratin sein. Für sie gilt nach wie vor Römer 13: Seid untertan der Obrigkeit, es gibt keine, die nicht von Gott wäre. Äußerlich muss sie die Spielregeln der Demokratie beachten, innerlich gehen sie an ihr vorbei.

Merkel sei eine Krisenkanzlerin, ist zu lesen. Aus ihrer frommen Trance wacht sie nur auf, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist: dann legt sie Atomkraftwerke still, stellt um auf Ökomaßnahmen, heißt Flüchtlinge willkommen. Das sind singuläre Taten als Almosen, keine generelle Politik, die es für sie nicht gibt. Der Erlöser ist nicht gekommen, die Welt zu verbessern, sondern mit einem Schlag zu heiligen. An die Heiligung allerdings muss man glauben. Bevor der Heiland nicht wiedergekehrt ist, bleibt der Akt der Erlösung ein Glaubensartikel.

Was heute Krise ist, war früher Not. Es musste Not sein, damit die Deutschen den Ruf spürten. Den Ruf, aufzubrechen, wohin sie gesandt wurden. Der notlose Alltag war einschläfernd, doch wenn die Krise vom Kirchturm Alarm läutete, erging ein Ruf wie Donnerhall. Souverän ist, wer über die Ausnahme bestimmt: die Ausnahme war die Not, in der Not wurden aus Untertanen Helden Christi, die den Heiden keine Chance ließen.

Im September 1932 sagte der Pastor Koch vor der Westfälischen Provinzialsynode:

„Die Provinzialsynode steht unter dem ernsten Eindruck der Not, in die unser Volk äußerlich und innerlich geraten ist. Auf das innigste mit Volk und Land verbunden, arbeitet sie daran, dass die Schmach der Unehre von uns genommen und Ehre und Freiheit uns wieder zuteil werden. Alle bewussten Deutschen sind davon überzeugt, dass die Entscheidung über das Schicksal unseres Volkes von seiner Einstellung zu Gottes Botschaft abhängt.“ (Dahm, Pfarrer und Politik)

Ernster Eindruck: die Lage ist ernst. Bei ernster Not erwacht die Magd des Herrn aus ihrer Routine und beginnt wieder zu regieren. Wenn die Lage ernst wird wie in Corona, hat die Kanzlerin keine Mühe, lächerliche Demokratie-Rituale abzustellen und das Ruder zu übernehmen.

In der Not ist alles erlaubt, so das Wort protestantischer Bischöfe zum nationalsozialistischen Aufbruch:

„Wer eine Not sieht und hat die Kraft zu helfen, dem ist es geboten. Wenn sich jetzt tüchtige Männer finden, die in der Not unseres Volkes das schwere Werk der Befreiung anzugreifen wagen, so dürfen sie sich als in Gottes Dienst stehend betrachten. Einer anderen Bestätigung als der ihres Gewissens bedürfen sie dabei nicht. Die Kirche hat kein Recht, ein Werk zu hemmen, das in heiligem Eifer und leidenschaftlicher Hingabe begonnen wird. Sie müsste fürchten, Gott selbst in den Arm zu fallen. Wo der Wille zur Volksgemeinschaft zu suchen ist, kann beantworten, wer einmal eine Hitlerversammlung mitgemacht und das Verbundenheitsgefühl gespürt hat, das seit langem zum ersten Male wieder die Kluft von Stand und Klasse schloss. Wenn hier dem Einzelinteresse der Gemeinnutz vorangestellt wird … sollte die Kirche fernstehen?“ (ebenda)

Aus tiefer Not hinauf in den Himmel der Erwählten. Merkel sind politische Pläne fremd, stringente Politik ist ihr ein Gräuel. Rationale Verbesserungsideen sind für sie so sinnlos wie vergebens. Die civitas diaboli bleibt eisenhart. Die religiösen Ursachen ihrer Symbiose mit Merkel interessiert keine Deutschen, die sich für perfekt religiös halten, wenn sie nicht religiös sind – und vice versa.

Immer mehr Untertanen verlassen die Kirchen, am Status ihres kirchenfernen Gottesglaubens ändert sich nichts. Ohne Signal von Oben bleibt die Kanzlerin immobil. Nur in der Not „fühlt sie sich gerufen“ und führt dieses seltsame Volk durch die Wüste. Sie ist kein homo politicus, sondern ein homo religiosus. Den Deutschen ist das bis heute noch nicht aufgefallen. Entweder haben sie einen Balken im Auge oder ein Brett vor dem Hirn.

Die Merkel-Volk-Symbiose ist die Wiedererweckung mittelalterlicher und romantischer Himmel-und-Erde-Versöhnungen. Hegel hatte den versöhnten Weltgeist in Berlin landen lassen, worauf verschiedene Dritte-Reich-Vorstellungen à la Joachim di Fiore die Deutschen zu infizieren begannen.

Hochgemuter Idealismus, verzweifelter Pessimismus, hartherziger Realismus, weltbeherrschender Imperialismus: alle Gefühlsschwankungen von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, waren Versuchsanordnungen, um den Endzeitcharakter zur Explosion zu bringen. Der Untergang des Abendlandes war Voraussetzung für eine triumphale Wiederauferstehung.

Noch immer werden von Gelehrten Versuche unternommen, um die Majorität der Deutschen im Dritten Reich zu entlasten, indem sie zu harmlosen Mitläufern und Verführungsobjekten erklärt werden. Nur ein kleiner Kreis von Teufeln sollen die Hauptübeltäter sein. So kann man auch versuchen, seiner historischen Schuld zu entkommen. So ist die eigene Vergangenheit schnell entsorgt.

Wo lag die Ursünde der Deutschen? In ihrer Abkehr von der Politik. Die westliche Aufklärung war für sie keine Emanzipation, sondern Aufstand gegen Gott. Die Französische Revolution war für sie ein Hexenkessel voller Gräuel, keine Jugendsünden einer sich befreienden Menschheit. Die Moral der Aufklärung war für sie ein abstoßendes Rezept zur Erlangung irdischer Glückseligkeit.

Schiller war ein anfänglicher Bewunderer der Französischen Revolution, erst die Guillotine schreckte ihn von jeglicher Politik ab. Goethe hatte immer die Revolution gehasst. Alles, was mit Volk und Volkeswillen zusammenhing, war für ihn ungebildet und minderwertig. Er pries die Bildung des genialen Einzelnen und hielt es mit Adel und Fürsten. Fürstenknecht wurde er von Börne genannt.

Goethes Ideal war Ästhetik. In der Kunst, auf der Bühne spielt das wahre Leben. Alle Tätigkeit des gebildeten Menschen geht nach innen. Deutsche Innerlichkeit ist Abkehr von der Politik. Der innerliche Mensch ist passiv, er fühlt sich zu schwach, um die Welt zu formen. Die Welt muss ihn formen.

Fichte war das Gegenteil zu Goethe: sein gottgleiches Ich bestimmte nicht nur die Welt, sondern hatte sie auch aus Nichts erschaffen. Auch Kants Ich hatte sich der Natur gegenüber gestellt, um sie durch eigene Gesetze zu prägen. Diese Hybris lehnte Goethe vollständig ab.

„Bei Goethe geht die Macht nicht aus dem Ich hervor, sondern aus der Welt. Dieses Ich gestaltet nicht die Dinge, sondern die Welt gestaltet das Ich.“

Allerdings, das Ich soll sich bilden. Alle Fähigkeiten, die es in sich spürt, soll es vollständig entfalten. Werde, der du bist. Der reife Mensch hat alle Talente seiner Naturbegabung vollständig entwickelt. Die Entfaltung der Welt gehört nicht zu seiner Aufgabe. Der gebildete Mensch ist reich genug, um sein Leben in Muße zu verbringen. Arbeit, um sich am Leben zu erhalten, ist etwas für den Pöbel, nicht für den huomo universale.

Das Lebensziel des Vornehmen und Gebildeten ist ästhetisch. Schiller, ursprünglich revolutionärer als Goethe, wird bald seinem neuen Freund folgen. Hier ist der verhängnisvollste Punkt der Entwicklung der Deutschen in der Neuzeit. Sie wenden sich ab von Aufklärung, Vernunft und Politik und unternehmen den zum Scheitern verurteilten Versuch, das pralle Leben auf der Bühne der Privilegierten zu kasernieren.

Ethik wird zur Ästhetik, die Welt zur Bühne, zum Buch, zu Musik. Seitdem fühlen sich die Gebildeten in Deutschland als Kunstanbeter, als Genies, die andere Genies kongenial verstehen. Die brutale Welt mit ihren Machenschaften bleibt ausgeschlossen von Theatern und Museen, von Konzerten und Ausstellungen. Die Feinsinnigen wissen nicht, wie die Welt ist.

Gehen wir dorthin, wo’s stinkt und kracht, hatte ein SPD-Führer seinen GenossInnen zugerufen. Womit er eingestand, dass selbst sie, die Politik machen, die Wirklichkeit aus den Augen verloren haben. Sie leben in einer abgeschotteten Kunstwelt mit politischen Phrasen, in der sie mit Theaterdonner das Leben zu imitieren versuchen.

Realitätsverlust gilt fast für alle Politiker der Gegenwart, ja selbst für die medialen Beobachter, die sich stets mit einem Ruck auf den Weg machen müssen, um herauszukriegen, wie die Welt ist. Eliten leben in gated communities, in abgeriegelten Luxusvierteln. Das Leben der Verlierer ist ihnen ein Graus. Sie glauben, in einer ästhetischen Sonderwelt zu leben, für deren Schönheit die Massen kein Sensorium haben.

Ausgeschlossen, dass Kunst Politik ersetzen kann. In der athenischen Polis war Kunst die Leidenschaft des ganzen Volkes: das Theater durchleuchtete die Politik und verhalf dem Volk, seine Lage besser zu verstehen. Kunst war kein folgenloses ästhetisches Vergnügen, sondern  kritische Selbstbesinnung einer Gesellschaft, die wissen wollte, was sie tat.

Die deutsche Kunst wurde seit der Klassik derart realitätsfern, dass sie weder Kunst noch Politik sein kann. Sie tändelt in verzweifelter Ironie – jenseits alles Verstehenwollens. Goethes Zeitgenosse Hegel war es, der den überästhetischen Jüngelchen der Romantik die Zensur verpasste: die Kunst ist am Ende.

In der Coronakrise geht’s der Kunst an den Kragen. Überall geschlossene Bühnen und Museen, und niemand vermisst etwas. Bücher werden gekauft, aber nicht gelesen, Feuilletons dümpeln dahin.

Wer ans Überleben denken muss, kann sich mit fiktiven Darstellungen der Wirklichkeit nicht begnügen. Kunst kann keine Probebühne des Lebens mehr sein, wenn alles dem Ende entgegen geht. Wenn globales Elend zum theatrum mundi wird, wird der schöne Schein zum Vorschein des Todes.

Wenn Goethes Zweizeiler:
„Alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will“,
Kern der Kunst ist, muss die Menschheit sich in die Luft sprengen, wenn sie überleben will.

Sterben, um aufzuerstehen, ist das Wesen der Religion. Politisierung der Kunst durch Entpolitisierung der Wirklichkeit endete in der – Religion. Goethe war ein Gegner der Religion, doch am Ende seines Lebens landete er, wo er nie ankommen wollte: wir müssen uns zerstören, um das Wunder eines neuen Lebens zu erhoffen.

Das faustische Prinzip führt über Nietzsches enthemmte Gewaltverherrlichungen direkt in die deutsche Katastrophe.

Fortsetzung folgt.