Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs LXXXIII

Tanz des Aufruhrs LXXXIII,

Deutschland, erkenne dich selbst.

Denn dein amerikanischer Traum geht stiften. Allein und verlassen sitzt du da. Niemand liebt dich, deine engsten Freunde giften gegen deine Macht. Du bist kaltherzig, eigensüchtig und geizig. Was anderes als Mammon, Wachstum und Maschinen fällt dir selten ein. Von Unten bis Oben zur Regierungsspitze bist du linkisch, abweisend, uneinfühlsam und herrisch-anmaßend. Warm werden kannst du mit niemandem, nicht mal mit dir selbst. Zum Warmwerden brauchst du johlende Männerhorden  und ein gerüttelt Maß an Rausch-Getränken.

Du willst Amerika als dein neues Vorbild ausgesucht haben? Da lachen alle Hühner. Es waren die Amerikaner, die deine Väter mit eisernem Griff aus der Verbrecher-Kloake zogen. Sie suchten dich raus, weil sie dich kaltstellen und unschädlich machen mussten.

Über Nacht begannst du dich um 180 Grad zu drehen und die neuen Machthaber anzuhimmeln. Nichts, was nach Erfolg und Sieg riecht, ist vor deiner Anbetung sicher. Deine Größenphantasie „Deutschland wird zum Messias der Völker“ hast du nie ad acta gelegt. Sie rückte nur an eine andere Stelle und wurde Subunternehmerin von Gods own country.

Die Amerikaner wollten aus verderbten Sündern neue Menschen machen und siehe, es gelang ihnen. Der neue Kontinent konnte beweisen, dass er dem alten Europa überlegen war und … … du konntest deine Fähigkeit beweisen, dich deiner Sünden zu entledigen und ein neuer Mensch zu werden. Das Alte war vergangen, das Neue wurde zur Führungsmacht der Welt.

Der Traum Amerikas war Realität geworden. Mit überlegener Gewalt konnte es der Welt beweisen, dass Macht und demokratische Vorbildlichkeit sich nicht immer ausschließen müssen. Je vorbildlicher die neuen Söhne wurden, je heller strahlte ihr Licht als Erzieher. Die Amerikaner wurden wohlwollende, mächtige Pädagogen, die Deutschen musterhafte Schüler. Die Einheit Deutschlands wurde zur triumphalen Belohnung für die Konversion einer ins Bösartige verirrten Nation.

Durch die Besiedlung Amerikas hatte ein kompletter Rollentausch stattgefunden: die Schüler waren ihren alteuropäischen Lehrern über den Kopf gewachsen, die Lehrer hatten versagt – und mussten bei ihren früheren Eleven in die demokratische Klippschule gehen.

Das unvollendete Drama des väterlichen Gottes, der einen Sohn benötigte, um sein Heilswerk durchzuführen, wurde auf den Kopf gestellt. Der Sohn avancierte zum Vater, weil der Vater versagt hatte.

Der Kampf zwischen Vater und Sohn – Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst – hatte es nicht zur Revolution gebracht. Der Sohn musste leiden, dann durfte er auferstehen. Am Thron seines Vaters konnte er nicht rütteln.

Amerika und Europa fügten dem Vater-Sohn-Drama ein neues Kapitel hinzu: die im neuen Kanaan wiedergeborenen Söhne obsiegten über die satanischen Väter Deutschlands. Doch die Akme, der entscheidende Wendepunkt, war noch nicht erreicht.

Amerika ruht auf zwei Gründungstraditionen, der eschatologisch-christlichen der Einwanderer-Massen und der demokratischen des graecophilen englischen Adels. Waren die Amerikaner erfolgreich, verhielten sie sich wie Demokraten, stürzten sie in Krisen, fluteten Erweckungsbewegungen von der Ost- bis zur Westküste.

Als nach zwei Generationen die Faszination Amerikas – durch den Vietnamkrieg, den sowjetrussischen Vorsprung im Weltall, durch imperiale Gewalt, die durch demokratische Motive kaschiert wurde – nachließ, begann der Koloss nervös zu werden und schaltete um in bedingungslosen Angriff – mit Wirtschaft und Technik. Der Neoliberalismus der Chicagoer Schule war dem „America first“ wie auf den Leib geschrieben.

Die devoten Völker, die sich dem Ruf der Zukunft nicht verweigern konnten, unterwarfen sich der verschärften Konkurrenz, nicht ahnend, dass sie als Schwächere von den Wirtschaftsgiganten der Welt überrollt werden würden. China ist heute der mächtigste Rivale der Amerikaner. Die Menschheitsduselei rund um die UN war den orthodoxen christlich-jüdischen Geistern unerträglich geworden. Bedenkenlos erneuerten sie die Spaltung der Welt in ein Reich des Guten und des Bösen.

Als der gottlose Gorbatschow zum Champion der neuen Weltverständigung aufzusteigen drohte, als der globale Sieg der Demokratie die bisherige Zerwürfnisgeschichte zu beenden schien, war‘s aus mit Toleranz gegen Frieden und globale Verständigung. Die Apokalyptiker aller Erlösungsreligionen erwachten aus ihrer rituellen Apathie und mischten die internationale Politik auf. Erneut begann das Remmidemmi um den Sieg der Heilsgeschichte, das Europa jahrtausendelang geprägt hatte.

Das religionskritische Lager in Amerika führte den Kampf gegen den Glauben klarer und offensiver als die Deutschen der Nachkriegsgeschichte, die alle Vorkriegsscharmützel um Vernunft und Glauben rigoros beiseite schoben. Sie wollten nicht daran erinnert werden, dass ihre Kanzelprediger – die letzten Stützen ihrer Luxusseelen – mit den NS-Schergen gemeinsame Sache gemacht hatten. Irgendwohin muss man sich ja wenden können, wenn man nicht mehr weiter weiß. Kaum ein deutscher Film, in dem nicht weiße Hochzeit in der Kirche gefeiert oder die Leiche unter Posaunenchorklängen zu Grabe getragen wird.

Das pädagogische Verhältnis zwischen Verlierern und Gewinnern war ein blindes Imitationsverhältnis. Wer verzückt mit den Augen rollen konnte, wenn er sagte: Ich war in New York, was für eine Stadt! – der hatte das Urlaubsranking gewonnen. Die dunklen Seiten Amerikas – Rassismus in allen Facetten, ungeheure Kluft zwischen reich und arm – wurden ausgeblendet. Kaum ein Korrespondent der Medien, der die Defekte seines Gastlandes angesprochen hätte, wenn nicht konkrete Verbrechen oder terroristische Akte geschahen.

Der Verklärung Amerikas entsprach die Geringschätzung Europas. Der Inflation amerikanischer Begriffe im Alltag entspricht die wachsende Herabwürdigung der deutschen Sprache. Probleme können nicht gelöst werden, wenn nicht amerikanische Begriffe – („Experten sprechen von …xy“) – zur Verfügung stehen.

„Soziale Medien“ klingt besser als social media, doch das Charisma der Siegersprache ist unersetzbar. Wie früher das lateinisch-griechische Gebrabbel den Pöbel ausschloss, so sind es heute amerikanische Trophäenwörter, mit denen Goethes, Hölderlins, Heines, Nietzsches und Thomas Manns Deutsch nicht mehr konkurrieren kann. Wo das enden wird, ist klar: die deutsche Sprache, noch immer die verhasste Sprache der Verlierer, wird als Dialekt der Unterkomplexen in der Gosse verschwinden.

„Seither bekam mein damaliger amerikanischer Traum so tiefe Risse, dass sich der einstige Garant für den Siegeszug der Demokratie in einen rätselhaften Abgrund verwandelt hat. Erst fassungslos, dann zornig, inzwischen nur noch traurig und entsetzt beobachte ich, wie diese große Nation mit ihrer tragischen und mutigen Geschichte, den beispielhaften inneren Kämpfen um Freiheit und Menschenwürde ihr Schicksal einem offenbar zutiefst gestörten, minderbemittelten Egomanen überlässt, der die Nation für seinen Narzissmus in Geiselhaft nimmt und dessen größte Lust darin zu bestehen scheint, die niedrigsten Instinkte zu mobilisieren, um Verbündete für seine eigene gedankliche Perversität zu gewinnen. Ein politisch konzeptionsloser, zunehmend willkürlich agierender Präsident, den die meisten Staatsoberhäupter nur mit Mühe ertragen und der alles dazu tut, America first in America worst zu verwandeln.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Deutschland, wer bist Du?

Müssen wir uns von Amerika abwenden? Wir müssen uns von Trumps christlichem Cäsarenwahn abwenden, nicht aber von Amerika, das die Kraft zu haben scheint, seine Probleme anzugehen. Es ist die amerikanische Jugend, die die Nase voll hat, der Spur des american way of life zu folgen.

Die Kampflinien verlaufen in den USA offener als im verhängten Deutschland, weshalb die Klärungschancen dort höher sind als im Lande Kants, wo man Begriffe verbietet, um Probleme zu lösen. Streicht „Himmel und Hölle, Gott und Teufel“ und alle religiösen Probleme sind wie durch Zauberhand verschwunden.

Wie soll Deutschland zu sich kommen? Gibt es etwas wie einen nationalen Charakter? Die Liberalen werden protestieren, für sie gibt es nur Individuen – und staatliche Maschinen.

Selbstfindung durch Erinnerung an die Vergangenheit? Der Blick zurück ist im biblisch infizierten Westen verboten.

„Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“

Erinnern verboten, Vergangenheit gelöscht. So kann man seine Geschichte auch aufarbeiten. Was lästig ist und dem Neuen im Weg steht, muss ausradiert werden. Nur eins darf man nicht unter den Teppich kehren: die großen Taten Gottes. Die kleinen Taten des Menschen sind Müll, sie müssen ersatzlos getilgt werden.

Bei Heraklit beginnt die generelle Fähigkeit des Menschen: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“

„Die Forderung, sich selbst zu erkennen, zielte ursprünglich auf Einsicht in die Begrenztheit und Hinfälligkeit des Menschen (im Gegensatz zu den Göttern). Damit war sein Dasein als Gattungswesen gemeint; man dachte nicht nur an die Menschheit und an prinzipielle Grenzen des für den Menschen Erreichbaren, der Spruch diente als Warnung vor der Überschätzung individueller Möglichkeiten. In zahlreichen Texten der griechischen Klassik findet sich die Deutung, dass sich der Mensch bewusst sein solle, sterblich, unvollkommen und begrenzt zu sein.“

Mensch, gedenke, dass du kein Gott bist. Du bist nicht fehlerlos, du bist endlich, du bist nicht allmächtig. Selbsterkenntnis dient der Abgrenzung von Gott. Und führt zur Bescheidenheit. Auf diesem Boden soll die stolze Autonomie der Griechen gewachsen sein?

Einsicht in die Erkenntnis, nicht Gott zu sein, führt zum Stolz, ein Mensch zu sein. Es ist der Stolz: obwohl ich sterblich, irrtumsfähig, ängstlich und schuldig sein kann, bin ich ein Wesen, das auf keinen Fall auf einen Gott angewiesen ist, um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Bescheidenheit ist keine Demut, kein Bücken vor Gott, kein sich Nichts fühlen vor einer überlegenen Macht, kein Delegieren eigener Verantwortung auf einen stellvertretenden Göttersohn.

Vor allem keine Demut, die sich insgeheim als Erwählte Gottes betrachtet und allen Anderen himmelweit überlegen sein will. Hören wir, wie Demut biblisch klingt:

„Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen. Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“

Demut ist kaum niedriger als Gott, ja, sie ist gottebenbildlich, denn sie weiß, was Gut und Böse ist. Säuglinge sind mächtiger als heidnische Helden, die gesamte Natur ist den Demütigen untertan. Ihre Feinde werden von einem Augenzwinkern Gottes niedergemacht. Alle Ehre und Herrlichkeit Gottes werden dem Demütigen zuteil. Der Demütige spielt die Rolle des Schwachen, um am Ende aller Tage die Welt zu überwinden und zu beherrschen. Der Demütige kokettiert mit seiner Ohnmacht, um eines Tages mit Allmacht die Welt zu besiegen – wozu er zwei Welten benötigt: die endliche Welt, die irgendwann gelöscht wird und die unendliche Welt, in der er seinen endlosen Triumph feiern wird.

Eine sterbliche Welt reicht den Ansprüchen der Demut nicht. Sie schafft sich zwei Welten, um das Spiel der überraschenden Gegensätze zu spielen. Hier nichts, dort alles. Hier Kreuz, dort Krone. Hier Knecht, dort Herr. Dieses Zweiweltenspiel ist wesentlich abwechslungsreicher und spannender als eine gradlinige, eindimensionale, nicht-dialektische Spießerwelt.

Das riskante Abenteurerleben moderner Helden, vom Börsenspiel bis zum Marsflug, ist eine Vorahnung der Zweiwelten-Erwartung. Je mehr ich Schmerz, Mühe und Todesgefahr riskiere, je größer ist die Wahrscheinlichkeit, in die Überwelt katapultiert zu werden. Der Risiko-Süchtige – der Heros der Moderne – hält es in irdischen Verhältnissen nicht aus. Er muss Wagnisse eingehen, um seinen Namen bekannt zu machen, über andere Macht zu erringen – oder so schnell wie möglich in jene Welt zu entkommen, in der es endlose Freuden geben wird.

Bescheidenheit ist Stolz irdischer Autonomie. Ich kann meinen humanen Grundsätzen treu bleiben, obwohl es Mächte gibt, die mich äußerlich zerstören können. Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun: „an dieser Erkenntnis konnte ihn weder der Triumph des Frevlers noch das Leiden des Gerechten irre machen.“

Bescheidenheit ist Wissen, dass man nichts weiß – und dennoch weiß, dass Besonnenheit und aufrechtes Wesen den Menschen auszeichnen. Dass man weiß: „Unrechttun hat immer seinen Grund in dem Trachten nach äußeren Gütern wie Reichtum, Macht und Ehre. Das sind Güter, die die Welt für wertvoll hält. Wer aber für seine Seele – nicht die unsterbliche – sorgen will, der strebt nach Wahrheit und Besonnenheit. Wer zu dieser Einsicht gekommen ist, der ist der „wissende Mensch“.

Für deutsche Ohren sind solche Sätze kaum erträglich. Sie klingen wie Kanzelpredigten ohne Gott. In Griechenland ist die Ethik des Christentums entstanden, die im Neuen Testament in einen überweltlichen Kontext eingefügt und ins Gegenteil verfälscht wurde. Gutsein wurde zur Tugend, die mit Seligkeit belohnt, Bösesein zur Untugend, die mit ewiger Hölle bestraft wurde. Selbstgesetzgebung wurde ersetzt durch Fremdbestimmung per Lohn und Strafe.

Bei der Transformation der irdischen in die überirdische Welt wurden die Tugenden endgültig ausgemerzt. Sie dienten nur der Propaganda der Prediger: Heiden, schaut her, wir haben die weltbeste Ethik. Das war Rosstäuscherei. Es ging nicht mehr um Ethik. Die guten Werke mussten vernichtet werden, um sich die Gnade des Erlösers zu erwinseln. Der Erlösungswillige musste seinen totalen Bankrott erklären, dass er zu keiner einzigen guten Tat fähig sei. Nicht die äußere Tat war gnadenfähig, sondern allein die innere Gesinnung, die von Gott kommen muss:

„Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir; vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind. Und er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Hört zu und begreift: Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein. Da traten die Jünger hinzu und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass die Pharisäer an dem Wort Anstoß nahmen, als sie es hörten? Aber er antwortete und sprach: Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen. Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube. Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis! Er sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? Versteht ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“

Gesinnung macht die Tat. Wer tugendhaft handelt ohne wahre Gesinnung, ist ein Heuchler und Pharisäer. Jesu verflucht die gesetzestreuen Juden und autonomen Heiden. Objektive Taten zählen nicht, nur subjektive Gesinnung, von Gott selbst ins Herz gepflanzt, verwandelt sündig-hochmütige Taten in gottwohlgefällige Unterwerfungstaten.

Auf das Herz kommt es an, nur das Herz ist göttlichem Wirken zugänglich. Hier scheidet sich Christentum nicht nur vom Heidentum, sondern auch vom Judentum. Hier waltet der Hass auf die Welt, hier beginnt der christliche Antisemitismus. Denn Gott wird alle Pflanzen rausreißen, die er nicht selbst gepflanzt hat. Alle guten Taten, die nicht durch Ihn gewirkt wurden, sind verdammungswürdig. Alles, worauf Menschen stolz sein können, ist Blasphemie vor Gott. Gott erträgt es nicht, dass sündige Geschöpfe fähig sein sollen, seine Gebote zu halten.

Sie müssen einen Offenbarungseid ablegen: Herr, wir taugen nichts und werden nie fähig sein, Deine Forderungen zu befolgen. Wir können nur eins: uns total vor Dir erniedrigen.

Juden wollen keinen gnädigen Gott, sondern einen gerechten, der ihre moralischen Anstrengungen zu würdigen weiß.

Im Christentum ist kein bisschen Stolz des Menschen auf seine Fähigkeiten zu finden. Hier endet alle Moral, die auf ihre autonomen Fähigkeiten stolz sein will. Im totalen Gnadenakt vor Gott endet alles menschliche Selbst-Bewusstsein, denn ein irdisches Selbst existiert nicht mehr. Der Mensch, durch Taufe ein neues Wesen geworden, muss sein selbsterarbeitetes Ich aufgeben und erhält einen neuen Namen.

„Und Gott erschien Jakob abermals, nachdem er aus Mesopotamien gekommen war, und segnete ihn und sprach zu ihm: Du heißt Jakob; aber du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel sollst du heißen. Und also heißt man ihn Israel.“

„In der Taufe wird der Täufling gemäß der Lehre des Apostels Paulus in Christi Tod getauft und mit Christus „begraben in den Tod“. Der Vollzug der Taufe bezeichnet damit die sicht- und erlebbare „Schwelle“ zwischen dem alten Sein des Menschen in der Sünde und dem neuen Sein seines Lebens in Christus. Ihr Wasser „tötet“ und „schenkt Leben“ zugleich. Mit ihr erhält der Getaufte Anteil an Christi Auferstehung.“

In der Taufe wird der alte Mensch getötet und der neue erschaffen. Was mit dem Individuum im Wasser der Taufe geschieht, geschieht mit der Welt im Feuer des Jüngsten Gerichts. Alles Irdische muss zunichte gemacht werden, auf dass ein fleckenlos Neues entstehen kann.

In der europäischen Geschichte, die in zwei Jahrtausenden christlich geprägt wurde, kann sich keine irdische Moral erhalten. Autonome Moralisten sind Feinde Gottes, sie werden ins Feuer geworfen. Deutsche Amoralisten sind in den Tiefen ihrer Seele noch immer Christen, die, aus Angst vor Verdammung, sich keine autonome Moral leisten dürfen.

Will Deutschland sich selbst erkennen, muss es ein Selbst haben wollen. Mit der Erlösungsreligion ist da nichts zu machen. Hier gibt es kein Selbst, das der Mensch aus eigener Erkenntnis definieren könnte. Sein Selbst muss er sich von fremden Mächten – die es ohnehin „nicht gibt“ – leiten lassen.

Amoralisten sind außengeleitet, sie gehorchen unbekannten Mächten, die ihnen das komplette Leben vorschreiben. Amoral predigen sie als Moral, ihr Böses soll das Gute sein. Eine komplettere Verdrehung der Begriffe ist nicht denkbar.

In der Aufklärung tritt an die Stelle Gottes die Vernunft der Natur:

„Die Natur hat gewollt: dass der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines tierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe, und keiner anderen Glückseligkeit, oder Vollkommenheit, teilhaftig werde, als die er sich selbst, frei von Instinkt, durch eigene Vernunft, verschafft hat.“ (Kant)

Seit Romantik und Gegenaufklärung arbeiten die Deutschen daran, die Stimme der Vernunft zum Schweigen zu bringen.

Für Goethe war Selbsterkenntnis kein christlich-innerliches Seelenzermürben, sondern: Tun, Handeln.

„Das Losungswort: „Erkenne dich selbst“, welches die Vertreter des deutschen Idealismus sich von Sokrates als Programm angeeignet hatten, ließ er nicht ohne Warnung durchgehen. Es darf „nicht im asketischen Sinn ausgelegt werden, wie das unsere modernen Hypochondristen tun“. Handelnd lernt der Mensch sich selber kennen, nicht beobachtend.“ (über Goethe)

Sokrates war kein Hypochondrist, sondern Befürworter freier Erkenntnis und selbstbestimmten Tuns. Die christliche Spaltung des Menschen: was ich nicht will, das tue ich, was ich will, tue ich nicht, war ihm völlig fremd. Krankhafte Selbstbeobachtung ist nur für Menschen, die sich ständig um ihr reines Herz sorgen müssen. Sokrates hingegen war sich sicher, dass ein Mensch, der erkannt hatte, von der Erkenntnis schlechthin durchdrungen war. Er könne gar nicht anders als seiner Erkenntnis zu folgen.

Goethe befreite die Selbsterkenntnis von der Diktatur fremdbestimmter Gesinnung. Indem er sich aber gegen Kants strikte Moral wandte, öffnete er den Deutschen das Feld zur Antinomie: alles ist möglich, was der eigenen Genialität nützt. Der Rausch an ihrem nationalen Genie, dem nichts verboten war, führte sie ins Verderben.

Wenn Deutschland die Wurzeln der Humanität entdecken will, um sein Selbst zu finden, muss es in seine Vergangenheit abtauchen und sich fragen: an welcher Stelle haben wir das Menschsein verraten? An welcher Stelle wurden wir deutsch – wider die ganze Welt?

Eine selbstbewusste Menschheit kann nicht bedroht werden, weder von China noch von Amerika.

Fortsetzung folgt.