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Tanz des Aufruhrs LXXXII

Tanz des Aufruhrs LXXXII,

seit Etablierung der Väter-Kulturen beginnt die Eroberung der Natur. Seit 1824 wissen wir, dass der Mensch die Natur zum Sieden bringt.

„Wissenschaftler*innen wissen seit 1824, dass CO2 in der Atmosphäre das Klima anheizt. Seit den 90er Jahren besteht ein eindeutiges Verständnis dafür, dass menschliche Aktivitäten die Hauptquelle für erhöhte Emissionen des Treibhausgases sind.“ (TAZ.de)

Vor wenigen Jahrzehnten, in der ersten Welle der Ökobewegung, waren es nur vier Erden, die der Mensch verbrauchte, heute sind sechs weitere hinzugekommen, die wir rösten und verspeisen:

„Die Entwicklungsgeschichte der frühen Industrienationen, die heute von allen anderen Ländern als Vorbild verwendet wird, basiert auf der kolonialen Ausbeutung von Märkten, Arbeitskräften und Ressourcen. Dabei wird übersehen, dass wir zehn weitere Erden bräuchten, um diesen Lebensstil für alle Menschen weltweit zu erreichen. Und diese Entwicklungsgeschichte baut auf Rassismus auf. Die koloniale Ausbeutung und frühe Kapitalakkumulation wurden im Namen verschiedener Formen der Überlegenheit, einschließlich einer racial superiority gerechtfertigt. Rassismus kann auch „unsichtbar“ sein. Ihn als individuelle Vorurteile abzutun, ist zu einfach.
Ein führender Energieexperte warnt, wir hätten nur noch sechs Monate Zeit, um den Verlauf der Klimakrise zu ändern. Alle nachfolgenden Bemühungen würden wegen der bis dahin festgeschriebenen Rebound­effekte weniger fruchtbar sein. Keine der geotechnischen Lösungen gilt heute als nachhaltig. Wir kommen nicht drum herum: Wir müssen unsere Lebensweise ändern, unsere Wirtschaft drastisch umorganisieren. Diese Veränderung muss Menschen und Gerechtigkeit ins Zentrum stellen. Produktion und Vertrieb müssen sich am kollektiven Wohlergehen ausrichten, keine … … Form der Ausbeutung ist gerechtfertigt. Die Diskussion, wie der Klimawandel abgemildert werden kann, kommt jedoch kaum voran. Die Länder mit den größten Emis­sio­nen sind nicht bereit, diese zu reduzieren. Dies zeigt, dass die Klimapolitik mehr von Macht als von Wissenschaft oder Logik geprägt ist.“

Sechs Monate Zeit. Das entspräche der Lenkungszeit der EU durch die deutsche Kanzlerin. Zusammen mit von der Leyen wären zwei deutsche Frauen an der Spitze Europas. Womit klar ist: nichts wird sich ändern.

Wir werden unsere Lebensweise nicht ändern, unsere Wirtschaft wird nicht drastisch umorganisiert, Mensch und Gerechtigkeit werden nicht ins Zentrum gestellt, Produktion und Vertrieb werden sich nicht am kollektiven Wohlergehen ausrichten, jede Form der Ausbeutung bleibt gerechtfertigt, die Länder mit den größten Emissionen werden nicht bereit sein, ihren Ausstoß zu reduzieren.

Eins bleibt: die Klimapolitik wird von Macht bestimmt werden, nicht von Wissenschaft und Logik.

Was wäre not-wendig? Ein Globalstreik der Menschheit rund um den Globus: ökologische Frauen und Jugendliche, KämpferInnen gegen Rassismus, Wissenschaftler und Journalisten der ganzen Welt müssten sich zusammenschließen und alles lahmlegen, was lahmzulegen ist, um die Todesfahrt in die Zukunft, den Fortschritt ins Unendliche, die Gier ins Grenzenlose, die Konkurrenz um den Sieg der Geschichte zu beenden. Rigoros. Kompromisslos.

Alle Regierungen der Welt, die sich der Macht der vereinigten Völker widersetzen, müssten durch friedliche Macht der Verweigerung aus ihren Ämtern vertrieben werden. Ihre Zeit als Sterbebegleiter der Menschheit muss beendet werden.

Machtkranke Eliten, die lieber den Untergang riskieren, als ihrem Herrschaftswahn zu entsagen, müssen solange in Quarantäne, bis der Virus ihrer Selbstzerstörung – identisch mit ihrer Gottähnlichkeit – unschädlich gemacht worden ist.

Der Mensch, Corona der Schöpfung, droht zu ihrem Sargnagel zu werden. Nein, nicht der Schöpfung – eine solche gibt es nicht –, sondern der Natur, deren weibliche und unvergängliche Einzigartigkeit es ablehnt, von männlichen Göttern erschaffen worden zu sein.

Die Heilsgeschichte der westlichen Erlösungsreligion entlarvt sich als Unheilsgeschichte. Eine Geschichte, die nur ihrem eigenen Automatismus folgt und alle Menschen zu Mitläufern degradiert, existiert nicht. Der mündige Mensch hat keiner allmächtigen Geschichte zu gehorchen, er muss die Geschichte schreiben, die er für richtig hält.

Was wird geschehen? Die Majorität der Wissenschaftler denkt nicht daran, sich um die praktischen Folgen ihrer Erkenntnisse zu kümmern. Edelschreiber denken nicht daran, ihre Beobachterlogen zu verlassen: in unberührter Neutralität wollen sie untergehen. Politiker denken nicht daran, sich ihrer Verantwortung – die sie zu nichts verpflichtet – zu entledigen. Ökonomen denken nicht daran, ihr grenzenloses Wachstum durch eine apokalyptische Bagatelle stoppen zu lassen.

Wer bleibt, um in letzter Minute das Steuer herumzureißen?

Nur Du.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die davongekommenen Eltern, dass ihre Kinder es besser haben sollten. Heute wollen sie, dass ihr eigener Wohlstand in den Himmel wachse. Ihre Kinder überlassen sie einem gnädigen Gott, an den sie nicht mehr glauben.

Die Jugendlichen sind auf sich allein gestellt. Einer von ihnen berichtet im Film:

„Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jonas Kahnwald, gespielt von Louis Hofmann, der in den Höhlen seiner Heimatstadt eine Passage findet, mit der man durch die Zeit reisen kann. Aus der Sci-Fi-Prämisse entwickeln sich bald philosophische Fragen: Kann er als Vertreter der Jugend die Sünden seiner Eltern auslöschen und drohende Katastrophen verhindern? Oder sind nachfolgende Generationen dazu verdammt, selbst zu den Alten zu werden und den Wandel zu blockieren?“ (bento.de)

Kann er? Er wird es versuchen. Unermüdlich. Es geht um seine Zukunft, sein Überleben. Was hilft ihm dabei? Seine Entwicklung, seine Lernfähigkeit:

„Es ist der Weg von der Naivität zu einem aktiveren, von Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn getriebenen jungen Mann, der immer wieder durch neue Informationen zurückgeworfen wird. Der aber durch die Hoffnung, die ihn antreibt, nie aufhört, zu kämpfen.“

Wo hat er gelernt, nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu suchen? Nicht in der Schule. Mit Gleichgesinnten musste er es sich selber beibringen.

In Schulen lernt man das Gegenteil von Wahrheit und Gerechtigkeit. Bildungsökonomen dürfen im Fernsehen auf Punkt und Komma vorrechnen, wie einkommensmindernd und karriereschädlich der virusbedingte Ausfall der Schule für das ganze Leben sein wird. Es ist wie auf dem antiken Sklavenmarkt, wo Interessenten die Angeketteten von den Muskeln bis zu den Geschlechtsteilen beäugen, betasten und um die Kaufsumme feilschen.

Die Taxierung des Menschen nach seinem ökonomischen Wert verstößt gegen die Würde des Menschen. „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ (Kant)

In der Schule werden wirtschaftliche Äquivalente gedrillt. Damit verstößt sie gegen das Grundgesetz. Das geschieht vor aller Augen. Niemand sieht es, denn die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Wahrheit und Gerechtigkeit werden in Schulen und Universitäten ins Gegenteil verkehrt. Politiker, Schulfunktionäre und Medien halten diese Begriffe für Phantasmagorien. Sie legen Wert darauf, nicht moralisierend aufzutreten. Moral halten sie für ein Untergangssymptom.

Sie haben Interessen. Das Interesse am Überleben und einem würdigen Leben befindet sich nicht darunter.

Wissenschaftler werden bewundert für geniale Naturerkenntnisse. Ihre Weisheit und Klugheit im täglichen Leben werden nicht beachtet.

„Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Er muss einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und moralisch gut ist. Überbetonung des Wettbewerbssystems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist. Zum Wesen einer wertvollen Erziehung gehört es ferner, dass das selbständige kritische Denken im jungen Menschen entwickelt wird, eine Entwicklung, die weitgehend durch Überbürdung mit Stoff gefährdet wird (Punktsystem). Überbürdung führt notwendig zu Oberflächlichkeit und Kulturlosigkeit. Das Lehren soll so sein, dass das Dargebotene als wertvolles Geschenk und nicht als saure Pflicht empfunden wird.“

Einsteins Gedanken werden heute ignoriert. Wären sie bekannt, würden sie das heutige Bildungssystem als Missbildungssystem decouvrieren.

Umso bewundernswerter die Fähigkeiten der FFF, trotz Schule ihre blitzgescheite Wachsamkeit und Protestfähigkeit autonom zu entwickeln, um der Welt der Erwachsenen den Spiegel vorzuhalten.

Nur eine winzige Zahl von Wissenschaftlern warnt die Menschheit vor den Gefahren der Naturverwüstung. Die Mehrheit ist untergeschlüpft bei den Reichen und Mächtigen, um sie mit neuen Erkenntnissen noch reicher und mächtiger zu machen:

„Ich bin fest davon durchdrungen, dass keine Reichtümer der Welt die Menschheit weiterbringen können. Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stets unwiderstehlich zum Missbrauch. Die gegenwärtigen Verfallserscheinungen beruhen nach meiner Meinung darauf, dass die Entwicklung der Wirtschaft und Technik den Daseinskampf der Menschen sehr verschärft hat, so dass die freie Entwicklung der Individuen schweren Schaden gelitten hat. In unserer Zeit lastet auf den Vertretern der Naturwissenschaften und auf den Ingenieuren eine besonders große moralische Verantwortung, da die Entwicklung der Werkzeuge militärischer Massenvernichtung in das Gebiet ihrer Tätigkeit fällt. Es ist richtig, dass die Ergebnisse der Forschung den Menschen nicht veredeln und bereichern, wohl aber das Streben nach dem Verstehen, die produktive und rezeptive geistige Arbeit. Die Wissenschaftler, die zu Vertretern der radikalsten nationalen Traditionen geworden sind, haben den Sinn für die Gemeinschaft verloren. Das Streben nach einer ethisch-moralischen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens ist von überragender Bedeutung. Hier kann uns keine Wissenschaft erlösen. Ich glaube sogar, dass die Überzeugung der rein intellektuellen, oft nur auf das Faktische und Praktische gerichteten Einstellung in unserer Erziehung direkt zu einer Gefährdung der ethischen Werte geführt hat. Ich denke … an die Überwucherung der gegenseitigen menschlichen Rücksichten durch das „matter of fact“ -Denken, das sich wie ein erstarrender Frost über die menschlichen Beziehungen gelegt hat.“ (Einstein, Mein Weltbild)

Diese selbstkritische Warnung vor den Gefahren einer amoralischen Wissenschaft gibt es schon lange nicht mehr. Wissenschaftler lassen sich als Heroen des Fortschritts bejubeln. Denn sie liefern sensationelle Erfindungen. Was die Gesellschaft aus ihnen macht, ist ihre Sache.

Der digitale Kontakt der Völker wurde anfänglich als Vernetzung der Menschen und als grundlegende Verbesserung ihrer Beziehungen gefeiert. Heute wächst das Netz zur Gefahr der Totalüberwachung aller Gesellschaften heran. Auf eine Selbstkritik der Silicon-Valley-Giganten wartet man vergebens. Einzelne Erfindungen werden als nützliche Beiträge zum Fortschritt deklariert – bis die schlagartige Summierung aller Erfindungen zur irreversiblen Katastrophe führt. Wie man in China beobachten kann.

In Deutschland gefallen sich Wissenschaftler als Propheten der reinen Erkenntnis. Unterstützt von Medien, die eine Physikerin als Heilige auf dem Kanzlerthron verehren.

Obgleich alle Hauptwege der Entwicklung in Richtung Abgrund führen, glaubt die Gegenwart unbeirrt an Fortschritt. Obgleich? Wäre nicht besser: weil? Weil es immer schneller abwärts geht, muss man sich an einem unendlichen Fortschritt festhalten? Ohne Prinzip Hoffnung – und sei sie noch so trügerisch – lässt sich die apokalyptische Stimmung offenbar nicht ertragen.

Dass eine Handvoll Auserwählter es schaffen könnte, dem Untergang der Menschheit auf den Mars zu entkommen, wird der Menschheit (man will es nicht glauben) als Allheilmittel vorgegaukelt – und die Menschheit jubelt entweder mit oder lässt den Trug apathisch über sich ergehen.

Wie konnte es geschehen, dass Milliarden intelligenter Wesen sich ihres Verstandes berauben ließen? Weil Fortschritt nicht als überprüfbare Wirklichkeit, sondern als Glauben mit Furcht und Zittern eingeführt wurde, der sich im Laufe der Zeit in naturverwüstende Technik verwandelte. Es kam zu vielen luxuriösen Bequemlichkeiten und Arbeitserleichterungen, deren naturschädliche Kehrseiten man nicht wahrnehmen wollte, um die Illusion des Fortschritts nicht zu verlieren.

„Der früheste Fortschrittsgedanke war vielleicht in der christlichen Vorstellung von der Selbstvervollkommnung zum Zwecke der Heiligung verborgen. Das ideale Ziel war nicht die Rückkehr ins Goldene Zeitalter, sondern eine statische Zukunft im Himmel – eine Zukunft, die nicht der gesamten Gemeinschaft bestimmt war, denn für die Bösen war ein langer, qualvoller Aufenthalt in der Hölle vorgesehen. Die Fortschrittsidee wurzelte in dem Glauben an ein 1000-jähriges Reich, das nicht als Himmel im Jenseits, sondern als Himmel auf Erden gedacht war. Mechanischer und menschlicher Fortschritt wurden mehr und mehr gleichgesetzt, für beide gab es keine Grenzen.“ (Mumford, Mythos der Maschine)

Das Dritte Reich verstand sich als Verkörperung der doppelten Perfektion. Technisch und moralisch fühlte es sich seinen Feinden himmelweit überlegen. Moralisch perfekt bedeutet: sie waren unfähig geworden, Böses zu tun (non posse peccare). Der Glaube an ihre Einmaligkeit verlieh ihnen das Siegel: alles, was ihr tut, wird untadelig sein. Die Schwelle des Schlechtseinkönnens habt ihr überwunden. Das ist euer Fortschritt, den euch niemand nehmen kann.  Drittes und Tausendjähriges Reich verflossen zur Einheit.

Die Identität von humaner und technischer Perfektion hatte bereits bei einigen Aufklärern begonnen, die in der Euphorie ihrer Erfolge nicht mehr daran zweifelten, in unwiderstehlicher Vervollkommnung fortzuschreiten.

„Denken Sie daran, meine Herren, nichts geht rückwärts, alles bewegt sich vorwärts.“ (Victor Cousin)

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwenigkeit zu erkennen haben.“ (Hegel)

Kant war nicht perfekt, so wenig wie die ganze Aufklärung. Wir müssen unerbittlich und selbstkritisch an uns arbeiten, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Die notwendige Kritik an der Aufklärung in eine Generalverdammnis zu verwandeln – „Aufklärung ist totalitär“ – wie Adorno und Horkheimer es taten, war eine verzweifelte Verirrung. Zumal ihre Galionsfiguren Hegel und Marx selbst totalitäre Denker waren. Für beide gilt, was Bertrand Russell über Marx schrieb:

„Nur der Glaube an den unvermeidlichen Fortschritt ermöglichte Marx die Überzeugung, auf ethische Erwägungen verzichten zu können. Marx bestritt stets, von ethischen und humanitären Gründen beeinflusst zu sein.“

Dieses totalitäre Fortschrittsdenken hindert postmarxistische Linke bis heute, das demokratische Modell als ein politisch-moralisches System zu begreifen – das in seiner ideellen Form durch keinen Fortschritt überwunden werden kann. Das ist der Grund, warum manche noch immer „Staat“ und Polizei, Organe des demokratischen Willens, als Instrumente des Bösen verdammen.

Aber nicht nur sie, auch die „liberalen Fortschritts- und Zukunftsideologen“, die stets vom Neuen faseln, man dürfe nicht nach hinten schauen und müsse sich ständig neu erfinden, sind Anhänger eines blinden Fortschrittsglaubens. Stets muss das Alte, nicht das Schlechte, aus dem Weg geräumt werden, stets durch das Neue, nicht das Bessere, ersetzt werden. Das Alte ist per se schlecht, das Neue per se gut. Das ist uralte johanneische Weltverachtung: das Alte ist vergangen, siehe, ich mache alles neu.

Die gegenwärtige Erneuerungssucht von der Regierung bis zur Wirtschaft ist das Gegenteil von rational, sie ist urchristliche Endzeiterwartung im Gewand der Digitalisierung. Silicon Valley ist die goldene Stadt auf dem Berge, in der das Wunder der Unsterblichkeit verkündet werden wird.

Natürlich glaubte auch Hobbes an den Fortschritt – in gebrochener Form:

„Das Glück bedingt ständigen Fortschritt; es besteht im glücklichen Vorwärtskommen, nicht im Vorwärtsgekommensein; es gibt kein dauerndes Glück. Ausgenommen die himmlischen Freuden, die unser Fassungsvermögen übersteigen.“

Eine entlarvende Stelle. Fortschritt gäbe es nicht, wenn es Glück gäbe. Wahres Glück kann durch nichts übertroffen werden. Glück auf Erden darf es nicht geben in einer Religion, die das wahre Glück dem Jenseits vorbehält.

In der griechischen Philosophie war Glück das Ziel des Lebens, das mit moralischen Mitteln erreichbar war. Tugendhaftes und glückliches Leben war für Sokrates eine Einheit. Er benötigte kein Jenseits, um die Erfüllung seines Lebens zu erfahren. Hic Rhodus, hic salta, hier spielt die Musik, freu dich deines Lebens.

Das irdische Glücksmodell versank, als die griechische Demokratie unterging. Als auch das römische Modell, eine befremdliche Mischung aus Macht, Gier und ein wenig Philosophie, das Zeitliche segnete, schlug, in der ungeheuren Tristesse eines Weltuntergangs, die Stunde der Jenseitspropheten. Das Christentum erschien just in time, um den Elenden und Miserablen alles zu versprechen. Sie hatten nichts weiter zu tun, als vor den neuen Priestern die Knie zu beugen und um Gnade zu bitten. So kraftlos und ohnmächtig war die Menschheit geworden.

Sollten nach Corona die Konflikte und Zerwürfnisse der Völker eskalieren, wird es unvermeidlich zur Regression ins Bitten und Flehen kommen. Bei den einen. Bei den anderen wird der Glaube an den autonomen Menschen allen Kämpfern um ein besseres Leben ungeahnte Kräfte verleihen.

In Amerika ist der Fortschritt als theologischer schon in hohem Maße angekommen. Schließlich empfanden die Einwanderer – dem Elend ihrer europäischen Heimatländer entkommen – den neuen Kontinent als Gottes eigenes Land. Was Gott den ersten Kindern Israels versprochen hatte, erlebten sie, als das zweite auserwählte Volk, in überwältigender Fülle. Die Eroberung des „Westjordanlandes“, eine Zusage Gottes, erlebten sie als Eintreten in den Garten Eden:

„So mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.“

Fortschritt ist Erfüllung biblischer Prophetie. Wenn Netanjahu in wenigen Tagen das alte biblische Land okkupieren wird, das den Kindern Israels in heiligen Schriften zugesagt wurde, verwandelt er jüdischen Glauben in politische Realität. Nicht anders, als die Europäer den neuen Kontinent betraten und ihr christlicher Glaube zur unfasslichen Realität wurde. Gottes Verheißung hatte sich erfüllt und würde sich vollends erfüllen:

„Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang.“

Das war das Todesurteil für die Ureinwohner des Kontinents. Den Palästinensern droht nicht dasselbe Desaster. Sie werden nur zu Menschen zweiter Klasse gedemütigt, zu Gefangenen im eigenen Lande. Israel und Amerika, Alter und Neuer Bund, gehen Hand in Hand ins Finale der Heilsgeschichte. Doch wehe, die Israelis konvertieren in absehbarer Zeit nicht zum christlichen Glauben …

„In der klassischen Zeit Griechenlands finden sich wenige Äußerungen über die Zukunft, dafür aber umso mehr Spekulationen über die Vergangenheit. Das entsprach der Sentenz des Dichters Simonides: „Da du nur ein Mensch bist, versuche nie zu sagen, was dir der morgige Tag bringen wird.“ (Friedrich Rapp, Fortschritt)

Eine zyklische Zeit kennt weder Fortschritt noch Rückschritt. Der kosmische Zirkel sorgt für ständige Bereinigung und Vollendung. Was Menschen als Defekt empfinden, wird Natur im Vorbeigehen beseitigen. Das Buch „Prediger“ im Alten Testament hat hellenische Gedanken übernommen:

„Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“

Die Propheten vertrieben das heidnische Denken und entwarfen eine lineare Zukunft, in der das heilige Volk die Zusagen des Herrn der Geschichte erleben wird.

Wer den jeweiligen Stand des Fortschritts für das Maximum aller Dinge hält, der sieht alles im Modus der Vollendung: was wirklich ist, ist vernünftig. Mag es von außen scheinen, als ob böse Mächte mitgespielt hätten, so kann es tatsächlich nichts Böses geben. Denn das „Böse“ ist durch siegreichen Fortschritt dazu verurteilt, das Gute voranzubringen.

Selbst schlimmsten Ereignissen kann eine positive und produktive Seite abgewonnen werden. Mephisto will das Böse und tut das Gute. Welch eine Demütigung für das Teuflische in der Welt, das sich einspannen lassen muss für den Dienst am Guten.

Das war der Sinn der Theodizee (Rechtfertigung Gottes) von Leibniz. Was auch immer geschieht, es muss der besten aller möglichen Welten dienen. Selbst die Austreibung aus dem Paradies war eine pia culpa, eine glückliche Sünde. Erst sie machte die Erlösungstat Christi notwendig.

So geschah das Wunder der Wunder, dass die Schöpfung, ursprünglich die beste aller Welten, zur verdammungswürdigen und erlösungsbedürftigen Schöpfung versank – und dennoch wieder zur besten aller möglichen Welten auferstand – als Welt, in der das Böse zum Besten werden konnte. Das war die Geburt des Fortschritts aus dem Geist des Bedenkenlosen.

Was aber bedeutet das? Dass jede Vernunftutopie in Form einer versöhnten Menschheit – für immer verflucht ist. „Dass jedes Streben, jenseits der Widersprüche der Geschichte zu stehen oder die finale Verderbnis der Geschichte abzuschaffen, zu verwerfen ist.“ (Rapp, ebenda)

Hier stehen wir. Zwei Mächte stehen einander gegenüber: der Glaube an die humane Vernunft, der es gelingen kann, das Unwahrscheinliche zu erfüllen und die Erde in die Heimat der Menschen zu verwandeln – und der Glaube an Gottes Heilsgeschichte, in der alles Böse dem Guten dienen muss. Der Kampf gegen das Böse wäre das allerschlimmste Verbrechen – oder das Satanische.

Die Rettung der Natur wird nur der versöhnten Menschheit gelingen. Das apokalyptische Ende der Geschichte kennt nur die Vernichtung der Natur. Mensch, du musst dich entscheiden!

Fortsetzung folgt.