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Tanz des Aufruhrs LXXXI

Tanz des Aufruhrs LXXXI,

„Die reine Tatsache, dass diese Juden, die in die Ghettos gingen, die man durch die Straßen jagte, die man tötete und schlachtete, nun aufstehen und sich einen Staat errichten. Ich betrachtete dies wirklich als ein Wunder. Dies war ein historisches Ereignis von beinahe metaphysischer Dimension. Und plötzlich gibt es Juden, die Minister sind, Juden, die Offiziere sind, und einen Pass, Uniformen, eine Flagge. Und jetzt haben die Juden, was die Goyim haben. Sie sind nicht mehr von den Goyim abhängig. Sie können auf sich selbst aufpassen. Die Gründung des Staates war für mich wie die Schöpfung der Welt. In meinem ganzen Leben gab es keinen aufregenderen Moment. Er versetzte mich in eine Art Rauschzustand.“ (Zeev Sternhell)

„2008 wurde Sternhell Opfer eines Attentats, mutmaßlich ausgeübt durch einen rechtsradikalen Siedler im Westjordanland, nachdem er die Siedlungspolitik der israelischen Regierung scharf kritisiert hatte. So sehr er sich als Zionisten, ja „Superzionisten“ bezeichnete, so sehr wollte er andererseits einen gleich starken Nationalstaat der Palästinenser als Nachbarn Israels. Wer das eigene Land, eben Israel, ernst nehme, müsse das andere Land, das der Palästinenser, ebenso respektieren.“ (Jan Feddersen) (TAZ.de)

„Die extreme Rechte ist in Frankreich, Holland oder Israel nicht weniger stark. Faschismus gehört zu unserer Geschichte. Er ist eine permanente Bedrohung für die liberale Demokratie und für die soziale Demokratie, die beide im Geist der Aufklärung verwurzelt sind. Es ist ein ruhendes Phänomen: In Zeiten von Frieden und Wohlstand fühlt man seine Existenz nicht. Aber in schwierigen Zeiten wie jenen, die wir gerade erleben, gewinnen faschistische Ideen an Stärke und … … treten zutage. Faschismus befasste sich und befasst sich weiterhin mit einem realen Problem: Die Natur von sozialen Beziehungen.“ (Sternhell)

„Was sich ins Bewusstsein der Welt einprägen wird, wird das Image von Israel als blutrünstiges Monster sein, das bereit ist, jeden Augenblick Kriegsverbrechen zu begehen, und nicht bereit ist, sich an moralische Einschränkungen zu halten. Dies wird langfristig gesehen, schwerwiegende Konsequenzen für unsere Zukunft, für unsere Position in der Welt haben und für unsere Chancen, Frieden und Ruhe zu erlangen.  Am Ende ist dieser Krieg auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den Staat Israel. Fast alle westlichen Medien wiederholten anfangs die offizielle israelische Propagandalinie. Sie ignorierten fast völlig die palästinensische Seite der Geschichte, ebenso wie die täglichen Demonstrationen des israelischen Friedenslagers. Die Gründe der israelischen Regierung („Der Staat muss seine Bürger gegen die Qassam-Raketen schützen“) war wie die reine Wahrheit akzeptiert worden. Die Ansicht der anderen Seite, dass die Qassams nur eine Antwort auf die Belagerung seien, die 1,5 Millionen im Gazastreifen an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.“ (Uri Avnery)

„Wenn man Israel und seine inhumane, ja verbrecherische Politik gegenüber den Palästinensern scharf kritisiert, dann darf man nie vergessen, dass es auch das „andere Israel“ gibt: Stimmen der Menschlichkeit und politischen Vernunft. Dazu gehörte früher vor allem der große Universalgelehrte Yeshajahu Leibowitz, ein früher Warner vor der Besatzungspolitik, der immer wieder darauf hinwies, dass Israel mit der dauernden Okkupation der palästinensischen Gebiete zum Polizeistaat werden würde, außerdem prägte er den brisanten Begriff „Nazi-Juden“ für die orthodoxen Siedler im Westjordanland. Heute muss man im Zusammenhang des „anderen Israel“ vor allem die Namen Gideon Levy, Amira Hass, Ilan Pappe, Avi Shlaim, Shlomo Sand, Moshe Zuckermann, Jeff Halper, David Grossman, Amos Oz, Eva Illouz und Daniel Barenboim neben anderen nennen. Sie alle stehen für einen menschlichen und versöhnenden Kurs der israelischen Politik, aber sie sind in der gegenwärtigen Netanjahu-Ära einsame Rufer in der Wüste mitten im sie umgebenden zionistischen Mainstream. Ja, sie müssen zur Zeit damit rechnen, als „Verräter“ an den Pranger gestellt zu werden.
Schon 1958 hatte er [Avnery] mit politischen Freunden ein „Hebräisches Manifest“ veröffentlicht, das den Staat Israel aufforderte, sich als säkulare Demokratie zu verstehen und als solche sollte Israel dann vor allem die Dekolonisierung (also den Kampf der Befreiungsbewegungen) in der „Dritten Welt“ unterstützen.
Seine letzten Jahre hat Avnery der Friedensarbeit in der von ihm gegründeten Gruppe „Gush Shalom“ und dem Schreiben gewidmet. In seiner wöchentlichen Kolumne und seinen Büchern, die auch in Deutschland ein großes Leserpublikum fanden, kritisierte er die verhängnisvolle Politik seines Staates ohne Scheuklappen und Tabus und vermittelte dem deutschen Publikum ein ganz anderes Bild von Israel, als es in den zumeist völlig unkritischen und in dieser Hinsicht so gut wie gleichgeschalteten deutschen Medien vermittelt wird. Und vor allem wurde er nicht müde zu sagen: Natürlich gibt es nach wie vor überall und auch in Deutschland den alten Antisemitismus, aber der Hauptgrund für Antisemitismus in der Welt von heute ist die barbarische Politik Israels gegenüber den Palästinensern: „Israel ist heute ein Labor für die Schaffung von Antisemitismus in der Welt“, schrieb er.“ (Arn Strohmeyer) (uri-avnery.de)

„Man hatte die Idee von der Wiedergeburt des jüdischen Volkes als eine blödsinnige Reaktion, als eine Art chiliastischen Schreckens hingestellt. Zwangsmaßregeln hätten nicht vermocht, die Juden zur freudigen Mitarbeit in Kunst und Wissenschaft, in Handel und Verkehr und auf allen übrigen Gebieten der bürgerlichen Betätigung zu bewegen. Die Güte aber brachte das zuwege. Erst als die umhergehetzten Juden in ihrem eigenen Land zur Ruhe kamen, trat die großgemeinte Emanzipation in jedem Staate in Kraft. Die sich in einem anderen Volkskörper assimilieren könnten und wollten, durften es nun in einer offenen, weder feigen noch verlogenen Weise tun. Duldung kann und wird immer nur auf Gegenseitigkeit beruhen, und erst, als auch die Juden hier, wo sie die Mehrheit bilden, sich tolerant erwiesen, wurde ihnen aus sittlicher Reziprozität überall dasselbe zuteil. Und so geschah es, dass wieder Milch und Honig in der alten neuen Heimat der Juden floß, und es war, was es gewesen: das gelobte Land. Weil sie erst hier zu der freien Gemeinschaft gediehen waren, in der sie für die höchsten Zwecke der Menschheit wirken konnten. Sie hatten in früheren Zeiten die Gemeinsamkeit gekannt, in der Verfolgung, im Druck, im Ghetto. Aber in der Judengasse waren sie ehrlos, wehrlos, rechtlos und als sie die Gasse verließen, hörten sie auf, Juden zu sein. Beides musste da sein: Freiheit und Gemeingefühl. Auch das Künftige ist schon vorhanden, es ist das Gute. Schönheit und Weisheit gehen nicht verloren, auch wenn ihre Hervorbringer sterben. – „Der Fremde soll sich bei uns wohl fühlen.““ (Theodor Herzl, „AltNeuland“, Tel Aviv)

„(Aufklärer) Mendelssohn will öffentlich nur solche Haltungen und Überzeugungen bekämpfen, die, wie Fanatismus, Menschenhass, Verfolgungsgeist, Leichtsinn, Üppigkeit oder unsittliche Freigeisterei, die Ruhe und Zufriedenheit des Gemeinwesens stören. Religiöse Überzeugungen, die dies nicht tun, selbst wenn sie nach seiner Ansicht irrig sind, kann man hingegen schweigend hinnehmen, wenn sie weder die natürliche Religion, noch das natürliche Gesetz unmittelbar zugrunde richten.“ (Christoph Schulte, „Die jüdische Aufklärung“)

„Wir haben in Palästina nicht mit den Arabern, sondern neben ihnen gelebt. Das Nebeneinander zweier Völker auf dem gleichen Territorium muss aber, wenn es sich nicht zum Miteinander entfaltet, zum Gegeneinander ausarten. Zum bloßen „Neben“ führt kein Pfad zurück. Aber zum „Mit“ kann, so groß sich auch die Hindernisse aufgetürmt haben, immer noch vorgedrungen werden. Ich weiß nicht, wie lange noch. Ich weiß nur, dass wir, wenn wir dahin nicht gelangen, nicht zu unserm Ziel gelangen werden. Zum dritten Mal werden wir an dem Lande erprobt.“ (Martin Buber, „Der Jude und sein Judentum“)

„Hierzu gehört es, dass wir das Problem des Zusammenlebens mit dem Brudervolk der Araber in einer noblen, offenen und würdigen Weise lösen. Hier haben wir Gelegenheit, zu zeigen, was wir in den Jahrtausenden unserer schweren Vergangenheit gelernt haben. Wenn wir den rechten Weg gehen, werden wir Erfolg haben und den andern Völkern ein schönes Beispiel geben. Was wir für Palästina tun, das tun wir für die Würde und Gesundung des ganzes jüdischen Volkes.“ (Albert Einstein, Ansprachen über das palästinensische Aufbauwerk)

„Israels Mißinterpretation der Absichten der Palästinenser hat ihre Wurzeln in den eigenen Illusionen, in der verdrehten Vorstellung der israelischen Gesellschaft von der Wirklichkeit, wobei sie ihre eigene krasse Überlegenheit auf jedem Gebiet, sei es das Militär, die Wirtschaft, die Technologie oder Bildung, ganz einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Die ererbte, aber auch manipulierte Angst der Juden, die Vorstellung ihrer selbst als ewiges Opfer und die alte Furcht vor den Christen wird heute auf das andere Volk projiziert, das mit ihnen im gleichen Land lebt. In diesem Licht wird das Verhalten der Palästinenser an vergangenen jüdischen Erfahrungen gemessen, und alle islamischen religiösen Texte und Äußerungen werden dementsprechend ausgelegt, nämlich ausschließlich als die Äußerungen von Fanatikern. Für mich verkörpert der Gazastreifen die ganze Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Er verkörpert den zentralen Widerspruch des Staates Israel – Demokratie für die einen, Enteignung für die anderen.“ (Amira Hass, „Gaza“)

„Doch die Welt schweigt. Eine friedliche und gerechte Lösung wäre möglich. Voraussetzung dafür ist, dass Israel die seit 1967 besetzten Gebiete komplett räumt, auch seine Siedlungen. Ein unabhängiger und lebensfähiger palästinensischer Staat muss mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt errichtet werden. Damit das geschehen kann, muss weltweit die internationale Solidarität mit dem palästinensischen Volk und mit denjenigen in Israel, die Frieden und Gerechtigkeit wollen und sich dafür einsetzen, entwickelt und verstärkt werden. Nur auf diesem Wege kann ein entsprechender und notwendiger Druck auf Israel ausgeübt werden, der eine friedliche und gerechte Lösung ermöglicht. Dafür werde ich mich bis zum letzten Atemzug engagieren.“ (Felicia Langer, „Quo vadis Israel?“)

„Wir müssen Verhandlungen vorschlagen. Das bedeutet dann: Israel will Frieden auf der Basis der Teilung des Landes zwischen beiden Völkern. Das Streben und Trachten des heutigen Israel zielt jedoch auf die Erhaltung einer jüdischen Gewaltbereitschaft über ein anderes Volk. Ein Achtzehnjähriger, der heute zur Armee eingezogen wird, wird nicht zur Verteidigung des Staates Israel eingezogen, sondern er wird in die arabischen Städte und Dörfer geschickt, um dort die Bevölkerung einzuschüchtern. Die empfindsamen unter den jungen Leuten spüren das sehr wohl. Ich werde von Besuchern junger Soldaten und Offizieren überschwemmt, die ausdrücklich sagen, sie könnten nicht ertragen, was dort in den Städten und Dörfern geschieht. Der Staat Israel verliert mehr und mehr seine Bedeutung für die existentiellen Probleme des jüdischen Volkes. Überhaupt hat Israel aufgehört, ein Staat für das jüdische Volk zu sein. Israel ist nunmehr zu einem Machtmittel zur Erhaltung einer Gewaltherrschaft über ein anderes Volk geworden. Israel ist kein Staat, der eine Armee unterhält, es ist eine Armee, die einen Staat besitzt. Die Welt bringt heute dem Staat Israel keine Achtung und Wertschätzung mehr entgegen, von aufrichtiger Sympathie erst gar nicht zu sprechen, so wie es in den ersten Jahren nach der Staatsgründung in weiten Kreisen üblich war. Aber noch viel entscheidender ist, dass der Staat Israel den meisten Juden selbst immer fremder wird. Auf jeden Fall wissen wir recht gut, was der Slogan „Es gibt kein palästinensisches Volk“ bedeutet – das ist Völkermord. Nicht im Sinn einer physischen Vernichtung des palästinensischen Volkes, sondern im Sinne der Vernichtung einer nationalen und/oder politischen Einheit. Ben Gurion war sehr zornig über mich, als ich ihm erklärte, seine Betonung der Staatlichkeit werde zwangsläufig zum Faschismus ausarten. Er verstand nicht, dass man auf einen Hitler, wenigstens aber auf einen Mussolini zusteuert, wenn man den Staat zum höchsten Wert erklärt. Ich dagegen bestimme den Staat von dem Volk her, und nicht das Volk durch den Staat. Inzwischen führen wir ein gutes Leben. Darüber hinaus jedoch besitzen wir nichts. Im Innern – Fäulnis, und nach außen – ein verhaßtes Israel. Und nicht nur das, der Staat wird allmählich auch dem jüdischen Volk selbst verhasst. Das ist das Schwerwiegendste. Viele Juden in der Welt, die sich ihres Judentums aufrichtig bewusst sind, denken, dass der Staat Israel dem jüdischen Volk keine Ehre mehr macht.“ (Jeshajahu Leibowitz, „Gespräche über Gott und die Welt“)

„Mit jedem dieser Abenteuer verliert Israel global an Image. Die Fotos und Videos über Terror und Verwüstung und die Art des Konfliktes lassen wenig von der Glaubwürdigkeit der „selbst erklärten moralischsten Armee in der Welt“ übrig, mindestens unter den Leuten, die offene Augen haben. Aber selbst dezente Leute fragen, was Israel tun sollte, wenn es von Raketen aus Gaza angegriffen wird. Das ist eine berechtigte Frage. Und es gibt einfache Antworten. Eine Antwort würde sein: das internationale Recht einhalten, das die Anwendung von Gewalt ohne Genehmigung des Sicherheitsrats nur in einem einzigen Fall erlaubt: zur Selbstverteidigung, nachdem man den Sicherheitsrat von einem bewaffneten Angriff informiert hat, bis der Sicherheitsrat handelt – gemäß der UN-Charta, Artikel 51.“ (Noam Chomsky) (lebenshaus-alb.de)

„Das jüdische Kollektiv im Staate Israel ist es, welches der Konfrontation mit der entsetzlichen Wahrheit nicht entkommen kann, dass jede „Abnormität“ im Gaza-Streifen, jedes Opfer eines „Schusses in die Luft“ in der Westbank, jeder Akt brutaler Repression, der sich direkt oder indirekt aus dem Tatbestand der israelischen Okkupation ableitet, das jüdische Kollektiv in Israel von der sittlich-humanen, ihm von den Holocaust-Opfern als verpflichtendes Erbe auferlegten Identität entfernt, um es in zunehmendem Maße an eine der Mörder-Identität verschwisterten Mentalität zu ketten. Es irrt, wer den Spruch „Meine Vernunft ist in Auschwitz verbrannt“ zur Rechtfertigung einer jeden Untat des israelischen Staates heranzieht: Nicht seine Vernunft,, sondern seine Sittlichkeit ist dort verbrannt und gerade damit – indem er offen die sich aus dem Holocaust ableitende, universelle moralische Forderung: Nie mehr Repression, nie wieder Lager für den Menschen als Menschen! verleugnet – besudelt er vor allem das Andenken der Opfer von Auschwitz. Um ein „anderer Deutscher“ zu sein, muss der Deutsche – Kaniuk zufolge – die partikulare, sozusagen „jüdische“ Lehre aus dem Holocaust ziehen, er darf sich keiner universellen, aus dem Unsäglichen gewonnenen Einsicht verschreiben, keine allgemein ausgerichtete, humanistisch orientierte, zu konkreter politischer Handlung verpflichtende Position einnehmen. Und wehe, er wagt es, anders darüber zu denken; dann nämlich wird er unversehens zum Repräsentanten des Antisemitismus, der „auch ohne Juden nicht ausstirbt.“ (Moshe Zuckermann, „Zweierlei Holocaust“)

„Erlittenes Unrecht kann für die Nachfolger der einst Verfolgten und Ermordeten kein Freibrief sein, andere Gesellschaften zu zerstören. Das Schlimmste sind rechtsextreme israelische Flugblätter, die während des Kriegs in den Militärbasen kursierten. Es heißt darin, die Soldaten bräuchten sich keine Sorgen um die Bevölkerung zu machen, die „uns umringt und uns schadet“. Vielmehr sollten sie dem tradierten Prinzip folgen „Töte den, der kommt, um dich zu töten.“ (Alfred Grosser, „Von Auschwitz nach Jerusalem“)

„Die seit Jahren vollzogenen, permanenten Rechtsbrüche, die Schikanen, die außergerichtlichen Tötungen, der Hunger, die Arbeitslosigkeit und die vom israelischen Militär vollzogenen Tötungen unbescholtener palästinensischer Zivilisten stehen nicht nur im Widerspruch zu international anerkanntem Völker- und Menschenrecht, sondern sind für einen Staat, dessen Gründungsurkunde sich auf die biblischen Propheten beruft, objektiv beschämend.“ (Micha Brumlik, „Kritik des Zionismus“)

„Die Shoa beinhaltet eine Warnung. Sie fügt den Zehn Geboten der jüdisch-christlichen Tradition drei weitere hinzu: Du sollst kein Täter sein; Du sollst kein passives Opfer sein, und Du sollst gewiss kein Zuschauer sein. Wir wissen nicht, ob es uns gelingen wird, dieses Wissen zu verbreiten. Doch selbst wenn die Chance nur eins zu einer Million steht, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt, haben wir, im Geiste der Kantschen Moralphilosophie, die moralische Pflicht, es zu versuchen.“ (Yehuda Bauer, „Die dunkle Seite der Geschichte“)

„Während es für mich außer Frage steht, dass alle Kriege nach 1949 vermeidbar und überflüssig waren, da sie keines der wesentlichen Probleme gelöst und nur zusätzliches Leid, Tod und Zerstörung über die Menschen gebracht haben, bezweifelt eine neue Generation israelischer Historiker sogar die Notwendigkeit des Unabhängigkeitskriegs. Auf die wiederholten Grenzverletzungen durch Palästinenser reagierte Ben Gurion mit der stereotypen Formel, Araber verstünden nur die Sprache der Gewalt, weshalb kein Mord der Palästinenser ungesühnt bleiben dürfe. Die Folge war eine Kette von mörderischen Vergeltungsaktionen, die nicht nur viele palästinensische Opfer forderte, sondern auch viele jüdische – Soldaten, ebenso wie unbeteiligte Zivilisten, die in einem Teufelskreis von Rache und Gegenrache umgebracht wurden. Der nationalistische Klerikalismus versucht aktiv und rücksichtslos, Israel und das jüdische Volk von dem Rest der Welt zu isolieren. Dies geschieht unter anderem unter Zuhilfenahme des stereotypen Bildes der siebzig Wölfe, der nichtjüdischen Nationen dieser Welt, die das kleine jüdische Volk zu zerfleischen drohen. Statt sich vom Rest der Welt zu isolieren, müssen sich Israel und alle Juden in eine Welt integrieren, in der Frieden herrscht, die wirtschaftlich und kulturell zusammenarbeitet und in der politische, nationale und kulturelle Grenzen fallen. (Reuven Moskovitz, „Der lange Weg zum Frieden“)

„Aber die meisten Juden in Israel weigern sich, Israel als den Staat aller seiner Staatsbürger anzusehen, sie beharren darauf, Israel als ein jüdisches und demokratisches Land zu definieren. Die ersten Israelis kannten dieses Dilemma nicht. Viele Juden glauben nicht daran, dass der Frieden eine Chance hat. Weil die Mehrheit der Israelis den Glauben an Frieden aufgegeben hat, sieht sie Besetzung, Unterdrückung und Terror als Dauerzustand an. Die meisten Israelis sind in einem Maße ernüchtert, realistisch und zynisch, wie es für die ersten Israelis nicht vorstellbar war, und haben ihr Vertrauen in die gesellschaftliche Solidarität verloren – einst einer der Gründungsmythen des Landes. – Das alles war nicht das, was man mir in der Schule beigebracht hatte. Da gab es Akten, die Befehle dokumentierten, die Rückkehr der arabischen Flüchtlinge zu verhindern und sie aus ihren Häusern zu vertreiben. Da gab es einen syrischen Präsidenten, der mit Israel hatte Frieden schließen wollen – und Ben Gurion hatte es abgelehnt, ihn zu treffen. In der Schule hatten wir gelernt, dass unsere Hand immer für den Frieden ausgestreckt sei, dass die Araber sich weigerten, sie zu ergreifen. Ben Gurion sprach von der Notwendigkeit, „das Verhältnis der Menschen zur Gesellschaft zu verändern“. Die Pflicht des Staates sei, die Förderung der moralischen Werte der Propheten mit allen … Mitteln zu unterstützen – um die Jugend zu erziehen und das Bild einer jüdischen Nation zu formen, die sich wahrhaftig ihres Ursprungs in der Vision vom Ende der Tage besinnt.“ (Tom Segev, „Die ersten Israelis“)

„Ironie der Geschichte: Der Zionismus, der die Mauern des Ghettos einreißen wollte, hat das größte Ghetto der jüdischen Geschichte hervorgebracht, ein waffenstarrendes Ghetto, zwar imstande, sein Territorium ständig auszuweiten, aber dennoch ein Ghetto, auf sich selbst beschränkt und überzeugt, außerhalb seiner Mauern herrsche der Dschungel, wo eine von Grund auf und unheilbare antisemitische Welt kein anderes Ziel habe, als die jüdische Existenz zu vernichten, im Nahen Osten und in der ganzen Welt. Diese Mischung aus Paranoia und Nuklearwaffen ist eine tödliche Gefahr nicht nur für die arabischen Länder, sondern … auch für das israelische Volk. Denn ein israelischer Atomschlag, den die Generäle Sharon und Eitam nicht ausschließen, wird ohne jeden Zweifel das endgültige Todesurteil für die jüdische Existenz im Nahen Osten besiegeln und wahrscheinlich in der ganzen Welt eine Welle von Antijudaismus hervorrufen, wie es sie noch nie gegeben hat.“ (Michael Warschawski, „An der Grenze“)

„Sharons Ziel, die Palästinenser zu vernichten, deckte sich im Grunde mit dem Ziel der amerikanischen Regierung, das grauenhafte Attentat auf das World Trade Center zu nutzen, um auch noch den letzten Rest arabischen Widerstands gegen die völlige Vorherrschaft der USA zu brechen. Michael Walzer – jüdisch-amerikanischer Philosoph – warf seine liberale Leitidee über Bord und vertritt seitdem die These, dass es keine universale Moral gebe. Eine „nationale Familie“ könne nicht nach den „gemeinsamen Sozialvorstellungen“ einer anderen beurteilt werden. Die Befreiung einer Nation sei keineswegs belastet, wenn sie auf Kosten der Existenz einer anderen Nation geht. Jede „nationale Familie“ könne nur nach ihren eigenen Normen und Erfordernissen beurteilen, was gerecht sei und was nicht. (Norman G. Finkelstein, „Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern“)

„Das Judentum hat schon immer in einer ungelösten Spannung zwischen absolutem Universalismus und Abschottung hinter hohen Mauern gelebt. Der Staat Israel entstand als sicherer Zufluchtsort für das jüdische Volk, ist aber heute der am wenigsten sichere Ort, an dem Juden leben können. Wir müssen zugeben, dass das heutige Israel und seine Politik zum wachsenden Hass auf Juden beitragen. „Die Welt ist gegen uns, egal, was wir machen“, solche selbstmörderischen und defätistischen Einstellungen kann ich nicht teilen.“ (Avraham Burg, „Hitler besiegen“)

„Wir kamen uns vor wie junge Götter. Wir waren kräftig, sahen gut aus und waren braun gebrannt. Wir waren die neuen starken Juden, die nach dem Tod der alten und schwachen Juden zum Leben erwacht waren. Bei der Geschäftemacherei mit der internationalen Gemeinschaft wird aus pragmatisch-taktischen Gründen immer wieder an den Holocaust erinnert, man bedient sich seiner. Doch innerhalb von Israel gibt man dem Holocaust keinen Raum. Man erwartet von den Überlebenden, dass sie ihre Geschichte für sich behalten. Im Kontinuum der israelischen Geschichte ist kein Platz für die Katastrophen des jüdischen Volkes, für die damit verbundenen Traumata und Niederlagen, Schmerzen und qualvollen Erinnerungen. Sich bloß nicht dem Selbstmitleid hingeben. Keine gefährlichen Geister wecken. Es gilt, das Vergangene zu vergessen. Die Verleugnung hat ihre Gründe. Wenn auch voller Leben und Selbstvertrauen, ist Israel nicht stark genug, um mit den Gräueln der Vergangenheit fertigzuwerden. Um zu überleben, streifen sie die Vergangenheit ab. Sie verwandeln sich in Menschen der Tat mit einer rigiden und deformierten Persönlichkeit und ohne seelische Tiefe. Sie kreieren  eine laute, veräußerlichte Art zu leben, die mit dem Zurschaustellen einer forcierten Heiterkeit einhergeht. Das Land ist noch nicht reif, noch nicht gefestigt genug für eine Selbstanalyse.“ (Ari Shavit, „Mein gelobtes Land“)

„Die Palästinenser bezahlten den Preis für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben und für das sie keinerlei Verantwortung tragen. Die Juden konnten sich den Völkern, in deren Mitte sie leben, nicht assimilieren, seit 2000 Jahren sehnten sie sich danach, nach Palästina zurückzukehren, von wo man sie verjagt hatte. Warum fand dieses Streben dann erst im 19. Jahrhundert politischen Ausdruck? Dieser Frage weicht der Zionismus aus. „Dies ist die größte Katastrophe, die Israel je erlebte“. Mit diesen Worten kommentierte Ariel Sharon das Osloer Friedensabkommen. Nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident verfolgte er das strategische Ziel, alle in den 90-Jahren erzielten Fortschritte rückgängig zu machen.“
Moshe Katzav sprach im Mai 2001: „Zwischen uns Juden und unserem Feind tut sich ein ungeheurer Abgrund auf, nicht nur, was die Fähigkeiten anbelangt, sondern auch in Fragen der Moral, der Kultur, der Heiligkeit des Lebens und des Gewissens. Sind das überhaupt Menschen, diese Palästinenser?“ (Alain Gresh, „Israel –Palästina“)

„Wir können endlich herausfinden, ob die hohen ethischen Maßstäbe, mit denen die Juden der Diaspora so oft zum Gewissen ihrer Länder wurden, ihre Gültigkeit auch dann behalten, wenn die Juden ihr eigenes Land haben. Es geht nicht um ethische Vollkommenheit, sondern darum, allen Einwohnern Israels gleiche Bürgerrechte zuzugestehen. Wenn die israelische Demokratie scheitert, scheitern alle Juden. Wo auch immer sie leben, sie werden ihr Leben damit verbringen, in den politischen, ethischen und theologischen Trümmern nach ihrer jüdische Identität zu suchen.“ (Peter Beinart, „Die amerikanischen Juden und Israel“)

„Ich kam zum Schluss, dass das radikal Böse in erster Linie dadurch zustande kommt, dass anstelle einer toleranten zwischenmenschlichen Ethik ein Wertesystem substituiert wird, das die westliche Gleichwertigkeit aller Menschen leugnet. Es ist dadurch völlig uneins mit der von der Mehrheit der Welt anerkannten universellen Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948.“ (Hajo G. Meyer, „Das Ende des Judentums“)

Während die junge israelische Demokratie immer mehr fürchtet, ihr zionistisches Projekt könnte auf der ganzen Linie scheitern, schauen die Deutschen regungs- und teilnahmslos auf das Land, mit dem sie eine angeblich unzerstörbare Loyalität verbindet. Ihre seelische Kälte nennen sie Philosemitismus, der nichts anderes ist als ein paradoxer Antisemitismus, der das israelische Desaster mit klammheimlicher Genugtuung verfolgt.

Fast alle zitierten Stimmen der Besorgnis und Attacke sucht man in der deutschen Öffentlichkeit vergebens. Die „Selbsthasser“ werden verdrängt und als falsche Juden geächtet. Als echte Juden gelten hier nur blinde Anhänger der israelischen Regierung und ihrer ultraorthodoxen Meinungsführer. Auf welches Niveau die Verteidigung Netanjahus sinken kann, zeigt der folgende WELT-Kommentar:

„Jetzt können sich die Regierung und das Parlament den wirklich wichtigen Fragen zuwenden, die für Deutschland von Bedeutung sind. Dazu gehört, dass eine israelische Annexion von Teilen des Westjordanlandes verhindert wird, Gebieten, die seit Langem von Israel kontrolliert werden, de facto also bereits annektiert wurden. Es ist der richtige Moment, um daran zu erinnern, dass es im Bundestag noch nie eine Generaldebatte über die Annexion von Tibet durch die Pekinger Regierung gegeben hat, obwohl die sich über 15 Jahre hinzog, von 1950 bis 1965. Und dass die offiziellen deutschen Reaktionen auf das aktuelle chinesische Vorgehen in und um Hongkong mehr als mau sind.“ (WELT.de)

Die Unfähigkeit zur selbstkritischen Reflexion beschrieb Gershom Scholem in seiner Autobiographie mit den Worten:

„Ich spreche vom Selbstbetrug, dessen Entdeckung eines der entscheidendsten Erlebnisse meiner Jugend war. Die Urteilslosigkeit der meisten Juden in allem, was sie selber anging, während sie doch, wenn es sich um andere Erscheinungen handelte, jene Fähigkeit zu Vernunft, Kritik und Weitblick aufbrachten, die man mit Recht bei ihnen oft bewundert oder auch kritisiert hat, – diese Fähigkeit zum Selbstbetrug gehört zu den wichtigsten und trübseligsten Aspekten der deutsch-jüdischen Beziehungen.“ (Gershom Scholem, „Von Berlin nach Jerusalem“)

Noch wenige Tage. Dann wird Netanjahu der Welt beweisen, dass ihn niemand hindern kann, den Geist der „letzten Tage“ zu exekutieren. Was Propheten und Gottesmänner in heiligen Schriften vorhersagten, kann von Heiden und Gottlosen nicht verhindert werden. Es geht um heiligen Krieg: Deus lo volt.

Ein Häufchen Aufrechter hat sich in Jericho versammelt, um dem Unrecht eine kaum hörbare Stimme zu verleihen:

„Es sind die Vertreter von UN, EU, Russland, China, Japan und Jordanien. Überraschend ist, welch emphatisches Bekenntnis alle zur Zwei-Staaten-Lösung abgeben, eine Woche vor dem von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu angekündigten Annexionsschritt. Rund 40 Diplomaten aus Dutzenden Ländern haben sich vor der Kundgebung im Sitz des Gouverneurs von Jericho zusammengefunden. Mit dabei: Michael Herold, Vizechef des deutschen Verbindungsbüros in Ramallah.“ (Sueddeutsche.de)

In der deutschen Regierung sucht man Aufrechte vergebens. Bevor es nicht alle Probleme der Welt gelöst hat, verbietet Henryk M. Broder dem Volk der Täter, sich moralisierend und überheblich an Israel zu vergreifen. Tonlose Formeln vor sich hin murmelnd, lassen die Deutschen den Akt des Menschen- und Völkerrechtsverbrechens geschehen, als ginge es um presque rien. Der Fisch stinkt vom Kopfe her? Dieser Satz gilt schon lange nicht mehr in Deutschland.

Die neue Devise lautet: ganz Deutschland stinkt nach larviertem Antisemitismus, der sich im Kostüm des Gegenteils auf dem diplomatischen und medialen Parkett breit machen darf. Ganz Deutschland? Nein, der Kopf des Fisches bleibt, wie immer, heilig.

 Fortsetzung folgt.