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Tanz des Aufruhrs LXXX

Tanz des Aufruhrs LXXX,

können Demokraten neutral sein? Können Journalisten, die demokratisch sein wollen, meinungslos sein? Können neutrale Journalisten demokratisch sein?

Sollen Journalisten kritisch sein? Können kritische Menschen neutral sein? Können Medien, die eine Vierte Gewalt sein wollen, unkritisch sein?

Corona ist ein therapeutischer Augenöffner. Medien, die sich bislang damit begnügten, sich in selbstverursachter Verdunkelung durch die Zeiten zu schlängeln, beginnen zu fragen: quid juris, ist es auch Recht?

Bisher begnügten sie sich mit der Frage: quid facti, stimmt die Tatsache? Können Fakten denn falsch sein – wenn sie „richtig“ sind?

Es gibt unendlich viele Fakten, die „richtig“ sind – jeder kann sie nachprüfen – und dennoch „falsch“ sind: sie sind belanglos. Sie bewegen das Leben der Menschen nicht. Sie sind ohne Bedeutung. Die deutsche Lieblingsfrage: Was macht das mit mir? müsste bei ihnen lapidar beantwortet werden: nichts.

Zumindest erkennbar nichts. Sollte es sich eines Tages herausstellen, dass diese unscheinbare Tatsache – wie die stachlige Coronakugel – doch etwas mit den Menschen … …macht, würde sich die „Falschheit“ in „Richtigkeit“ verwandeln.

Menschen, die bisher mit bestem Gewissen gewisse Tiere verzehrten, werden ihre Essgewohnheiten verändern müssen, wenn die Folgenlosigkeit ihres Tuns sich plötzlich ins Gegenteil verkehrt. Der Esser, der unbekümmert alles verzehren konnte, wird sein Verhalten umstellen müssen, wenn er erfährt, dass sein Essverhalten die Welt in eine Krise stürzte. Eine bedeutungslose Tatsache mutiert über Nacht in eine weltbewegende.

Die journalistische Formel: schreiben, was ist, wird der Zweiwertigkeit der Tatsachen nicht gerecht. Über belanglose Fakten werden sie nicht berichten wollen. Da könnten sie endlose Seiten mit „Informationen“ füllen, ohne ihr Publikum über die Welt aufzuklären. Niemand würde ihre Datenberge zur Kenntnis nehmen.

Die Quizmanie des deutschen Fernsehens befragt ihre Kandidaten zumeist nach Fakten, die für die Menschheit bedeutungslos sind. Das Denk- und Urteilsvermögen der Befragten wird negiert. Die Quantifizierungssucht der Moderne hat den qualitativen Bildungsbegriff unterhöhlt.

Wahre Bildung fragt nach der Bedeutung der Fakten: was muss der Mensch wissen, um sich ein realistisches Bild von der Welt zu machen? Wie muss er die Tatsachen bewerten, damit er sich ein Urteil bilden kann, ob sie gefährlich, förderlich oder uninteressant sind? Quid facti muss ergänzt werden durch quid juris. Tatsachen müssen auf Relevanz abgeklopft werden, bevor man sie den Lesern serviert.

Das deutsche Fernsehen, das die Aufgabe hat, die Öffentlichkeit mit Ereignissen zu informieren, um ihr politisches Urteilsvermögen zu fördern, tut das Gegenteil: es flutet die Menschen mit Schnickschnack, schädigt ihre Bildung und unterhöhlt ihre demokratische Kompetenz.

Fernsehen wurde zum öffentlich bezahlten Verdummungssmittel, zu einer Abrissbirne der Demokratie. Sich freiwillig einem Quotendruck zu unterwerfen, anstatt ein Programm zur Aufklärung zu bieten, ist ein dreister Verstoß gegen den Auftrag des Parlaments. Talkshows verschwinden ersatzlos in eine Sommerpause, obgleich die Realität von Konflikten vibriert. Ihre Themenauswahl ist an engbrüstiger Monotonie nicht zu überbieten, kritische Debatten über sie selbst sind ausgeschlossen. Überheblichere Verluderungssignale kann es nicht geben.

Was ist das Problem der Medien? Haben Demokraten dasselbe Problem wie Medien? Wenn nein, warum nicht? Sind Medien eine Spezialtruppe, die sich von gewöhnlichen Demokraten unterscheiden muss?

Sich mit nichts gemein machen, scheint ihre vornehmste Tätigkeit zu sein. Sich mit nichts gemein machen, heißt, sich nicht beflecken, rein und unberührt bleiben vom Schmutz der anderen. Es gab Zeiten, da hießen diese Reinen – Pharisäer.

„Zurzeit passieren Dinge auf der Welt, die ich bis vor ein paar Jahren für unmöglich gehalten hätte. Nie hätte ich gedacht, dass in der besten Zeitung der USA, der „New York Times“, ein Redakteur gefeuert wird, weil er, um zu informieren, auch mal eine Meinung aus dem Trump-Lager abdruckt. Nie hätte ich gedacht, dass im „Spiegel“ einmal darüber diskutiert wird, ob Unvoreingenommenheit bei Journalisten eine Tugend sei oder eher ein Defizit. Der „richtige Klassenstandpunkt“ feiert unter neuem Namen Auferstehung. Das liberale Wertesystem landet gerade auf dem Sperrmüll, Ideen wie: gleiches Recht für alle. Man muss in Debatten immer auch die andere Seite hören. Mich wundert, dass dieses liberale, liebenswerte System vielerorts fast ohne Widerstand zusammenzubrechen scheint, wie das alte Rom.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Auch hier wird der Begriff demokratisch unterschlagen. Gewöhnlich wird er ersetzt durch „Staat“, der Autor bevorzugt den Begriff liberales Wertesystem.

„Leitziel des Liberalismus ist die Freiheit des Individuums vornehmlich gegenüber staatlicher Regierungsgewalt, er richtet sich gegen Staatsgläubigkeit, Kollektivismus, Willkür und den Missbrauch von Macht bzw. Herrschaft. Neben dem Konservatismus und dem Sozialismus wird er zu den drei großen politischen Ideologien gezählt, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben.“

In dieser Definition des Liberalismus wird kein Begriff angemessen erläutert, alle Begriffe führen in die Irre. Liberalismus gegen staatliche Gewalt ist ein historischer Begriff aus jenen Zeiten, als die ersten Demokraten den autoritären Obrigkeitsstaat attackierten. Dieser Staat existiert nicht mehr, seitdem die Demokratie eingeführt wurde. Machtballungen kann es immer geben, aber nicht nur auf Regierungsebene. Wo auch immer sie sich bilden, müssen sie bekämpft werden, sei es in den Kirchen, bei der Intelligenz, bei den Medien, vor allem bei den Reichen.

Die frühkapitalistische Bourgeoisie gehörte zur Avantgarde der demokratischen Revolutionäre. Die eigentlichen Motivatoren der Volksherrschaft aber waren die Köpfe der Aufklärung. Als die Demokratie errungen war, fühlten sich die Reichen als Sieger. Sie waren der dritte Stand, der, trunken vor Erfolg und neuen Freiheiten, den pöbelhaften Rest des Volkes vergaß und den Begriff Liberalismus für sich vereinnahmte – bis heute, wo die Superreichen sich Neoliberale nennen.

Demokratische Freiheit ist die gleichmäßige und gleichwertige Freiheit aller Schichten und Individuen. Pure Anmaßung der Starken, Liberalität für die endlose Ausweitung ihrer eigenen – ökonomischen – Macht zu reservieren. Ihre Macht, die durch kein Mandat des Volkes gedeckt ist, beschönigen sie als Freiheit, um deren illegitime Ausweitung zu kaschieren. Das ist Beschädigung der Demokratie, deren Freiheit das austarierte Gleichgewicht zwischen Reichen und Armen, Starken und Schwachen ist. Den Starken ist es gelungen, den Freiheitsbegriff als ihre Domäne zu monopolisieren, während die Armen nichts anderes gewollt hätten als, unter dem Schutz eines übermächtigen Staates, sich am Besitz der Reichen zu vergreifen.

Die Reichen von heute haben denselben Eindruck von den Schwachen wie einst die Reichen von Athen von den Armen, die nichts anderes gewollt hätten, als sich an ihrem feudalen Besitz zu vergreifen. Die Natur aber habe nichts anderes gewollt, als „die Gerechtigkeit, dass der Edlere mehr Vorteile habe als der Geringere, der Leistungsfähigere mehr als der minder Leistungsfähige.“

Zeit, den Begriff Freiheit den Liberalen und Neoliberalen für immer zu entreißen. Staatsgläubigkeit ist ein diffamierender Begriff der Reichen für das Recht des Volkes, sich ein austariertes Gleichgewicht aufzubauen und Machtzusammenballungen zu verhindern. Ein übermäßiger Ausbreitungs- und Herrschaftswillen hat dazu beigetragen, die Natur zu beschädigen und andere Völker auszunehmen. Nach Corona werden die demokratie-unverträglichen Attitüden der Superreichen unter die Lupe genommen werden müssen.

Kollektivismus soll Kommunismus assoziieren, in analytischer Hinsicht ist der Begriff unbrauchbar. Überall, wo Menschen zusammenleben und arbeiten, sind Kollektive. Firmen, Nationen, das EU-Bündnis sind Kollektive, die Menschheit ist ein globales Kollektiv. Jedes Kollektiv ist sinnvoll, wo Einzelne mit gleichen Rechten zusammenwirken. Hier wird der Begriff als polemischer Angriff gegen einen konformen Haufen benutzt, in dem kein Individuum sich ungehindert betätigen kann. Gegenbegriff wäre ein Individualismus, dessen profitablen Einfälle von keinem Plebs behindert werden können.

Konservatismus ist ein absurder Begriff für Parteien der Gegenwart, die sich in ihrem Fortschritts- und Expansionsdrang von niemandem übertreffen lassen. Das oft zitierte, aber dämliche Wort: was sich nicht ändert, bleibt sich nicht treu, ist ein dialektisches Meisterstück zur Verwirrung der Geister. Altes, das sich bewährt hat, muss „erneuert“ werden, aber nicht durch Veränderung, sondern dessen Reaktivierung.

Konservative können den Rachen nicht vollkriegen von Macht, Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum. Müssen sie doch dem Urgebot folgen: Macht euch die Erde untertan. Die Herrschaft über die Erde als Wiederkehr des Gartens Eden ist ihnen zugesagt, also wollen sie auch Herren der Welt werden.

Bewahrend ist höchstens die Versteinerung christlicher Moral wie die Erhaltung der Familie – doch selbst dies ist ein Trug. Denn die christliche Familie ist nur ein Notbehelf im Jammertal, der sich in Nichts auflösen wird, wenn jeder Mensch einsam vor dem Jüngsten Gericht steht. Noch verheerender ist die Tatsache, dass christliche Moral eine antinomische ist: liebe – und tu, was du willst.

Der Begriff Sozialismus wird missbraucht als totalitärer Sozialismus. Dass es einen demokratischen Sozialismus gibt, hat sich im Land Bebels, Bernsteins, der linken Neukantianer, des „Kathedersozialismus“, Alexander Rüstows und Willy Brandts nicht herumgesprochen. Die SPD seit Schröder hat ihre Opposition gegen zügellosen Kapitalismus fallen lassen. Opposition ist Mist, sagte SPD-Müntefering. Seitdem profilieren sich die Proleten als Steigbügelhalter der Mächtigen und Reichen.

Demokratie ist ein Spielfeld methodischer Streitigkeiten, die durch Mehrheitsentscheidungen oder Verständigung entschieden werden. Hier hat jeder seine Meinung zu sagen. Neutralität wäre Feigheit. Was überhaupt ist Neutralität, welchem Zweck sollte sie dienen?

Neutral ist, wer sich zwischen zwei Meinungen, zwei Parteien, in Dialogen und Streitgesprächen nicht entscheiden kann. Auch eine dritte Meinung will man nicht einwerfen – sondern keine!

Gibt es Menschen, die keine Meinung haben? Selten, die meisten haben eine. Entschließt ein Schreiber, sie nicht zu äußern, ist sie für die meisten Leser dennoch erkennbar. Der Selbstverrat dringt jedem Menschen aus den Poren. Man spürt es den Artikeln an, wes Geistes Kind sie verfasst hat. Ohnehin gibt es viele Journalisten, die keinen Hehl machen aus ihrer Gesinnung – und niemand widerspricht, wenn die Regierungskünste der Kanzlerin als „Vermächtnis“ bejubelt werden.

Warum sollte freie Meinungsäußerung „voreingenommen“ sein? Ist es voreingenommen, eine Meinung zu haben und sich für eine Partei zu entscheiden, die der eigenen Meinung am nächsten kommt? Warum sollte ich durch Meinungsäußerung das Prinzip verletzen: auch die andere Seite muss gehört werden? Wer seine Meinung umsichtig entwickelt, alle Thesen und Antithesen durchgeht, wird seine eigene Meinung im Pro und Contra der Streitigkeiten finden. Was Martenstein fordert, sind Trivialitäten jeder demokratischen Pädagogik. Seine Forderungen werden durch freimütige Meinungsäußerung nicht verletzt, sondern erst erfüllt. Wer sich freimütig äußert, unterdrückt andere Meinungen nicht, sondern motiviert sie, am Konzert der öffentlichen Debatte teilzunehmen.

Es ist umgekehrt: Martenstein und alle Neutralisten verletzen die Grundlagen der Demokratie. Aus der Mitte der Medien steigen bedrohliche Dämpfe einer antidemokratischen Müdigkeit und Erschöpfung. Neutralisten haben keine Energie mehr, um sich am Wahrheitswettbewerb der Demokraten zu beteiligen. Sie wollen es nicht wahrhaben, aber untergründig warten sie auf einen großen Mann, der ihnen das schlechte Gewissen abnehmen soll, sich endlich aus dem Getümmel herauszuhalten.

Während die „Meute“ durch Erfindung des Netzes überschwappt, werden Profischreiber ratloser, wie sie die Zeitläufte bewerten sollen. Im Rudelbeißen folgen sie ihren Reizwörtern wie Populismus, Verschwörungstheoretiker, Kevin Kühnert, jetzt Amthor, Rassismus, Lockdown, Flüchtlinge. Morgen sind alle Stichworte vergessen, ob sie berechtigt waren oder nicht.

Neutral zwischen welchen Positionen? Zwischen gut oder böse, wahr oder falsch, demokratisch oder faschistisch, Recht oder Unrecht, menschenfreundlich oder -feindlich, pazifistisch oder kriegslüstern, moralisch oder machiavellistisch, fortschrittlich oder genügsam, Konkurrenten besiegend oder im Geist der Kooperation und Solidarität, neoliberal oder demokratisch, kosmopolitisch oder chauvinistisch, ökologisch oder suizidal, selbstbesinnend oder bewusstseinslos, verantwortungsbewusst gegen unsere Kinder oder nach uns die Sintflut, elitär oder gleichgewichtig, im Sinn eines guten und gelungenen Lebens oder im Rausch einer heiligen Geschichte, als ewiges Regiment beschleunigender Männer oder mit utopischem Fernziel eines Matriarchats?

Demokratie will eine Gesellschaft sein, in der die Wahrheit des freien und gleichen Menschen Realität werden soll. Wie könnte jemand überzeugter Demokrat sein, der diesen Fragen auswiche? Ein Demokrat hält eisern fest an gleichen Menschenrechten für alle. Wie könnte jemand Demokrat sein, der bei Menschenrechtsverletzungen sich in neutrales Schweigen hüllte? Was unterschiede Neutralität von beschämender Feigheit?

Der Begriff Neutralität wurde vor allem von Carl Schmitt benutzt. Neutralität ist für ihn „moralische Neutralität“. „Neutralisieren wird immer in dem Sinne verwendet, dass eine Sache außer Streit gesetzt wird.“

Für die Mächtigen, die sich durchsetzen, ist Neutralität hochwillkommen. Heißt das doch, dass der Widerstand gegen ihr Regiment umso schwächer wird, je neutraler sich die Gesellschaft verhält. Hätte die immer größer werdende Zahl der Autokraten und Despoten in aller Welt sich durchsetzen können, wenn furchtsame und feige Minderheiten nicht alles zugelassen hätten?

Nach Schmitt gibt es eine Entwicklung des Neutralisierens vom Theologischen über das Metaphysische, Ökonomische und Technische bis zum Moralischen. In allen wichtigen Angelegenheiten der Eliten sollten die Völker sich heraushalten, damit die Machtergreifung der Erde  nicht gestört werde. Heute gilt Ökonomie als eherne Geschichts- oder Naturwissenschaft, die kein jämmerlicher Moralist aus den Angeln heben kann. Die Moralaversion deutscher Eliten ist das Produkt einer siegreichen Neutralisierung.

Der Zeitfluss in die Zukunft muss reibungslos funktionieren. Bedenkenträger und Versager werden untergepflügt. Alles aus dem Weg, die Gewinner der Geschichte sind dabei, die finalen Hürden zu überspringen.

„Ausgewogenheit, Objektivität, Fairness, Neutralität: Diesen Idealen können Journalisten sich nur annähern. Das gelingt am besten durch Neugier und Offenheit. Dass jeder Autor eines Textes sein eigenes Weltbild mit eigenen Prägungen hat, ist eine Binse. Doch daraus eine Legitimation abzuleiten, die Ideale insgesamt über Bord schmeißen zu dürfen, wäre fatal.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Wie kann man ausgewogen sein, wenn man die verschiedenen Seiten des Problems nicht auf die Waage legen und gegeneinander abwägen kann? Wie kann man objektiv sein, wenn man seine Subjektivität nicht offenlegt, dass im Streit der Meinungen ihre Defekte erst bemerkbar werden? Wie kann man fair sein im Spiel, wenn man nicht mitspielt? Wer kann neugierig und offen sein, wenn er sich in neutraler Verschlossenheit nicht zu erkennen gibt? Ist man fair, wenn man sich unnahbar objektiv macht? Was ist mit der eigenen Meinung, wenn man sie – aus Angst, fehlbar zu erscheinen – hinter Floskeln versteckt?

Wie hätte es im Hitlerreich Widerständler geben können, wenn alle als neutrale Mitläufer aufgetreten wären, die zu Unmenschlichkeiten des Regimes geschwiegen hätten?

Wer für Wahrheit und Vernunft eintritt, gilt nicht mehr als Kantianer, sondern als eitler Rechthaber:

„Die sich als kritische Wahrheitssucher Gebärdenden scheinen weit davon entfernt zu sein, öffentlich von ihrer Vernunft Gebrauch zu machen. War Kritik für Kant noch in erster Linie die Beurteilung und Berichtigung der eigenen Erkenntnis, geht es dem „Widerstand“ im Jahr 2020 darum, die eigene Rechthaberei abzusichern. Statt die Kritik im Handgemenge zu suchen, haben sie sich auf den Feldherrenhügel der eigenen Filterblase zurückgezogen oder lauern als Heckenschütze im Dickicht sozialer Netzwerke. Es ist das Sich-gefallen in der Pose des Widerstandskämpfers, das Bild des außerhalb der Welt stehenden Bescheidwissers. Kritik ist nicht das bloße Aufmucken gegen jede Form der Autorität. Zumal dann nicht, wenn diese auf Expertise fußt. Eine der vornehmsten Aufgaben heute wäre es freilich, die Grenzen des kritischen Denkens auszuloten. Warum beanspruchen viele, den Mut haben zu wollen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, aber bleiben beim Affekt stehen?“ (TAGESSPIEGEL.de)

Alle Argumente, die der Autor nicht widerlegen kann, werden zu psychischen Verhaltensmustern degradiert, die dem völlig uneitlen Vertreter der Mitte wider den Strich gehen. Kant ging es zuerst um kritische Erkenntnis des menschlichen Erkenntnisapparats, damit er mit dem verlässlichen Werkzeug seines Verstandes die Welt beurteilen kann. Alles andere wäre subjektiver Nonsens gewesen.

 Waren Kant, Fichte, Nietzsche, Hölderlin nicht allesamt Widerstandskämpfer in eitler Pose, weil sie von der Welt nicht verstanden wurden? Beruht der Fortschritt des Denkens nicht auf jenen Sonderlingen, die gegen die Borniertheit ihrer Welt anrannten? Wurde Sokrates vom Volk nicht zum Tode verurteilt?

Kritik sollte eingeschränkt werden – nicht anders, als das Debattieren in der Corona-Krise eingestellt werden sollte? Experten dürfe man nicht widersprechen, sonst würde man ihren Expertenstatus nicht respektieren? Fehlt nur noch die Digitalüberwachung der Menschen durch Gedankenpolizisten. Chinas Überwachungsmethoden rücken näher. Ob jemand mit seiner Vernunft geurteilt hat oder in seinen Affekten stecken blieb, dürfte für eine KI kein Problem sein.

Neutralität hat aber noch ganz andere Bedeutungen. Sie soll den Lesern erleichtern, eine eigene Meinung zu entwickeln:

„Der an sich souveräne Vorsatz, den Leser selbst entscheiden zu lassen, welche Sichtweise er sich zu eigen macht, wird in der Journalistenblase bisher nur selten mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.“ (WELT.de)

Hier stockt einem der Atem. Diese Jovialität, durch Verschweigen der eigenen Meinung das Denken des Publikums nicht zu behindern, ist an Gottähnlichkeit nicht mehr zu überbieten. Würden die Edelschreiber ihre exzellente Meinung frank und frei äußern, würden die Leser vor ihnen niederknien.

Eine souveräne Presse aber denkt nicht an sich, sondern an die unauffällige Erziehung des Pöbels durch edle Zurückhaltung.

Sokrates hingegen gedachte, die Meinungsbildung der Athener zu fördern, indem er sie mit seinen eigenen Meinungen und Fragen konfrontierte. Je klarer ein Mensch seine Position öffentlich vertritt, je größer sind seine Chancen, seine reife Meinung – gestählt durch viele Einzelgefechte – herauszufinden.

Heute soll es umgekehrt sein. Je verhangener und undurchsichtiger die öffentliche Debatte, desto leichter soll es sein, das Goldstück im nebligen Grunde zu finden.

Der WELT-Schreiber ist nicht gegen Moral, auch nicht dagegen, dass die Presse das Volk moralisch konditioniert. Das Ganze soll nur unbemerkt und hinterlistig geschehen. Werbepsychologen würden von Nudging reden:

„Es geht darum, wie und in welchem Ausmaß Journalismus dazu dienen soll, vorher definierte Ziele, die vor allem einem moralischen Kompass folgen, zu erreichen. Und darum zu bedenken, wann Journalismus zu Aktivismus wird, völlig unabhängig von den dahinter liegenden Motiven und ihrer gesellschaftlichen Berechtigung. Denn ist es nicht denkbar, die Gesellschaft durch die Aufdeckung sozialer Missstände verbessern zu wollen, und dies unter Beachtung klassischer journalistischer Prinzipien? Und ist es nicht denkbar, dass dieser Ansatz letztlich sogar glaubwürdiger ist als ein Filterblasenjournalismus?“

Die Kanzlerin würde jauchzen, wenn sie diese Zeilen lesen würde: Beeinflussung durch dröhnendes Schweigen. Wird endlich klar, warum die Medien ihre mutierende Mutti lieben? Sie tut exakt das, was ihre Muttersöhnchen propagieren: sich nicht dingfest machen lassen durch Klarheit, sich keine Blößen geben durch Offenheit, niemandem eine Chance geben, ihre heilige Meinung zu widerlegen. Mutters indirektes Nudging ist bei den Medien angekommen. Die Saat des Clandestinen und Demokratiefeindlichen ist gesät. Es darf geerntet werden. Wir nähern uns dem Staat der Romantiker. Alles bleibt geheimnisvoll, die Welt wird zu einem Wunder voller Ahndungen, Widersprüche und Zaubereien.

Glaubwürdig ist, was undurchsichtig und ungreifbar ist. Poppers Falsifikationsmethoden durch Kritik hätten in der WELT keine Chancen.  Moral? Aber ja. Nur die Kindlein, sie sollen nichts davon bemerken. Sie kämen sonst noch auf die Idee, grob zu randalieren.

Wenn Neutralität die herrschenden Mächte durch Raushalten unterstützt, so hat sich die Presse entlarvt: als Absegnerin des Bestehenden, die alles belässt, wie es ist. An Veränderung ist nicht zu denken. Indem sie nach Oben und Unten scheinkritische Noten verteilt, sorgt sie dafür, dass alles unverändert bleibt.

Wahrlich, es ist so: die Medien wollen die Klassen der Gesellschaft versöhnen. Das gelingt nur, wenn man die Konflikte der Gesellschaft nicht übermäßig wachsen lässt. Wer seine Meinung schonungslos in die Gesellschaft bellte, der würde sie nur schwächen. Je verschwiemelter die Gesellschaft miteinander umgeht, desto stabiler bleibt alles.

Ein überwältigendes Vertrauen in die „Resilienz“ der deutschen Demokratie. Sie ist schon so marode, dass man sie – wie die Alten in Coronazeiten – durch palliative Leerformeln beruhigen und wegsperren kann.

Und die Krankenwärter der Dementen, aber Unberechenbaren – sind? Die medialen Friedensstifter, deren Verdienste niemand sehen will. Die Edelschreiber opfern sich auf, lassen sich von Unten beschimpfen, von Oben als Schreiberlinge verachten. Sie geben sich zynisch und amoralisch, um ihre Moral umso unauffälliger zu platzieren. Sie geben sich stolz und unabhängig, obgleich ihr Wohl von der Gunst ihres schwer erziehbaren, launischen und undankbaren Lesepublikums abhängt.

Woher kommen die anschwellenden rechten Attacken gegen die Demokratie? Nicht von harmlosen Randalierern am Rande der Gesellschaft, sondern aus der Mitte der seriösen, volkspädagogisch anspruchsvollen, alle Widersprüche der Gesellschaft miteinander versöhnenden, objektiven, aber dezent mit ihrer Meinung zurückhaltenden Presse.

In der Mitte der Gesellschaft ist die offene, transparente, durch Streiten verständigungsbereite und wahrheitssuchende Gemeinschaft aller Demokraten ersetzt worden durch ein weltumspannendes Netz von Eliten, die mit Manipulationen die Völker ruhig halten – bis das Irreversible eintreten wird. Danach wird es niemanden mehr geben, der noch irgendjemanden zur Rechenschaft ziehen kann.

Fortsetzung folgt.