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Tanz des Aufruhrs LXXVIII

Tanz des Aufruhrs LXXVIII,

wir bauen eine neue Stadt, die soll die allerschönste sein.

Nein, bauen wir nicht. Wir bauen eine neue Welt? Neu muss sie nur werden, wenn die alte schlecht ist. Das Alte verachten wir nicht, das Neue beten wir nicht an.

Wir aber suchen das Menschliche, das in der Natur beheimatet ist.

Wir emanzipieren die Vergangenheit, leben in der Gegenwart. Die Zukunft fürchten und vergöttern wir nicht.

Städte werden keine naturfressenden Moloche mehr sein, Dörfer keine gülleverseuchten Landidiotien.

In den Städten zirkulieren Lüfte, Kinder spielen auf den Straßen. Die Welt ist miteinander verbunden, die Nationen haben sich aufgelöst, Grenzen und Mauern sind verschwunden. Der Mensch ist dem Menschen – unfasslich – ein Freund geworden.

Hinweg mit dieser abscheulichen Idylle: Denn der Mensch verkümmert im Frieden,
Müßige Ruh‘ ist das Grab des Muths.
Das Gesetz ist der Freund des Schwachen,
Alles will es nur eben machen,
Möchte gerne die Welt verflachen;
Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen, … …
Alles erhebt er zum Ungemeinen,
Selber dem Feigen erzeugt er den Muth.
(Die Braut von Messina, von einem „deutschen Idealisten“)

Der Deutsche an sich, was will er? Welchen Weg wählt er? Welchen Zielen fühlt er sich verpflichtet? Woran orientiert er sich?

„Unsere Tage füllten den glücklichsten Zeitraum des Jahrhunderts. Kaiser, Könige, Fürsten steigen von ihrer gefürchteten Höhe menschenfreundlich herab, werden Väter, Freunde und Vertraute ihres Volkes. Die Religion zerreißt das Pfaffengewand, Aufklärung geht mit Riesenschritten. Glaubenshass und Gewissenszwang sinken dahin, Menschenliebe und Freiheit im Denken gewinnen die Oberhand. Künste und Wissenschaften blühen und tief dringen unsere Blicke in die Werkstatt der Natur. Blickt nicht stolz auf uns herab, wenn Ihr höher steht und weiter seht als wir.“ (aus Hermann Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts)

Philanthropie, Menschenliebe: die Kernbegriffe der Aufklärung gelten heute als toxisch – oder pfäffisches Geschwätz. Da kennen die Deutschen Besseres.

„Ihre Kultur ist nicht das Gegenteil von Barbarei. Ihre Kultur mag Stil, Haltung und Geschmack sein – aber alles abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. Kultur kann Magie, Päderastie, Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Inquisition, Ketzerverbrennung, Veitstanz, Hexenprozesse, Blüte des Giftmordes und die buntesten Greuel umfassen.“

Aufklärung hingegen ist undeutsche Zivilisation: „Vernunft, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung – Geist. Geist ist Feind der Triebe und Leidenschaften, antidämonisch, antiheroisch – und antigenial.“

Was ist Proklamieren der Menschenrechte gegen diese „deutsche Moralität“? Was ist deutsche Moralität?

„Mit unserem Moralismus hängt unser Soldatentum seelisch zusammen. Während andere (westliche) Kulturen die Gestalt ziviler Gesittung annehmen, ist der deutsche Militarismus in Wahrheit Form und Erscheinung der deutschen Moralität. Dieselbe tiefe und instinktive Abneigung bringt sie dem pazifistischen Ideal der Zivilisation entgegen. Ist Friede nicht das Element ziviler Korruption? Die deutsche Seele ist kriegerisch aus Moralität – nicht aus Eitelkeit, Gloiresucht oder Imperialismus. Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Krieg. Der Friede steht ihm nicht gut zu Gesicht.“

Was hingegen wollen Demokraten, Pazifisten Aufklärer von uns Deutschen?

„Man will uns glücklich machen. Man will uns den Segen der Entmilitarisierung und Demokratisierung bringen, man will uns, da wir wiederstreben, gewaltsam zu Menschen machen.“

Warum sind wir Deutschen dabei, uns heute schon wieder verhasst zu machen wie vor 100 Jahren?

„Es ist wahr: der deutschen Seele eignet etwas Tiefstes und Irrationales, was sie dem Gefühl und Urteil anderer, flacherer Völker störend, beunruhigend, fremd, ja widerwärtig und wild erscheinen lässt. Ihre soldatische Moralität ist ein Element des Dämonischen und Heroischen, das sich sträubt, den zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen. Das deutsche Volk ist wahrlich das unbekannteste Volk Europas. Ihr wollet uns einzingeln, abschnüren, austilgen, aber Deutschland, ihr seht es schon, wird sein tiefes, verhasstes Ich wie ein Löwe verteidigen, und das Ergebnis eures Anschlags wird sein, dass ihr euch staunend genötigt sehn werdet, uns zu studieren.“

Demokratie ist nichts für Deutsche, sondern lutherische, bismarckische Obrigkeit. Zur demokratischen Schleimerei sind sie zu genial. Höhere Menschen brauchen Höheres als flache Pöbeleien.

„Ich vertrete hier die Meinung, dass Demokratie, dass Politik dem deutschen Wesen fremd und giftig sei. Ich bekenne mich tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und dass der vielverschrieene „Obrigkeitsstaat“, die dem deutschen Volk angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.“

Was bezwecken die demokratischen Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Freiheitsquassler?

Sie dienen der „Desavouierung, ja Abschaffung des „Großen Mannes“: der große Mann deutscher Nation ist es, dessen seelische Nachwirkungen er unbedingt lahmlegen muss, wenn er sein Ziel, die demokratische Einebnung und Einordnung Deutschlands, erreichen will – heiße dieser große Mann nun Luther, Goethe, Bismarck oder Nietzsche.“

Deutschland ist das Land der Genies. Genies sind Künstler. Wahre Politik ist keine Volksherrschaft, sondern Genie und Wahnsinn, Bayreuth und Führerhauptquartier:

„Nie wird Kunst im politischen Sinn moralisch, nie tugendhaft sein. Sie hat einen unzuverlässigen, verräterischen Grundhang; ihr Entzücken an skandalöser Anti-Vernunft, ihre Neigung zu Schönheit schaffender „Barbarei“ ist unaustilgbar, möge man diese Neigung hysterisch, widergeistig, unmoralisch nennen: sie ist eine unsterbliche Tatsache, und wollte, könnte man sie ihr exstirpieren, so hätte man wohl die Welt von einer argen Gefahr befreit, aber man hätte sie fast zuverlässig von der Kunst befreit. Eine irrationale Macht, aber eine große Macht; und die Anhänglichkeit der Menschen an sie beweist, dass die Menschen mit dem Rationalen, das heißt, mit der berühmten dreiteiligen Gleichungsformel demokratischer Weisheit „Vernunft = Tugend = Glück“ weder auskommen können noch wollen. Kurz: der Krieg, das Heldentum reaktionärer Art, aller Unfug der Unvernunft wird auf Erden denkbar und also möglich sein, solange die Kunst existiert, und ihr Leben dauert und endigt mit dem der „Menschheit“. Echte Moral ist was ganz anderes als Tugendhaftigkeit. Der Moralist unterscheidet sich vom Tugendhaften dadurch, dass er dem Gefährlich-Schädlichen offen ist; dass er, wie es im Evangelium heißt, „dem Bösen nicht widersteht“. Auf jeden Fall ist „Sünde“ der Zug zum Verbotenen, der Trieb zum Abenteuer, zum Sichverlieren, Sichhingeben … sie ist das Verführende und Versucherische. Diesen Trieb unsittlich zu nennen, werden nur Spießbürger sich beeilen. Das Eine bleibt zu erwidern, dass Zweifel und Sünde fruchtbarer und menschlich befreiender sind als Tugend, Vernunftwürde, Besitzerstolz des Wahrheitsphilisters und die verklärte Männlichkeit eines Lehrers der Demokratie. Ja, der demokratische Humanist ist ein Tugendbold, seine Rechtschaffenheit geht bis zum Empörenden, sein Anspruch, andere schlechter zu finden, ist so gerecht, dass es ein Graus ist. Die „Rehabilitierung der Tugend“ bedeutet das Ende aller Boheme, aller Ironie und Melancholie, aller Losbändigkeit, Unzugehörigkeit, alles Galgenhumors, aller Unschuld und Kindlichkeit.“

Haben wir nun das deutsche Wesen ahnungsweise verstanden? Einen Millimeter unter der politischen Korrektheit gärt – auch nach sieben Jahrzehnten Demokratie – ein Gebräu aus deutscher „Moral“, die nichts als Unmoral sein will. Kinderschändung, Blut, Gewalt, Krieg bis zum Untergang des Menschengeschlechts.

Gerade erleben wir Kinderschänderei in weitem Umfang, erleben wir Abschieben der Flüchtlinge bis zum Tod im Mittelmeer, erleben wir Krieg gegen Natur bis zum Untergang der Gattung.

Was geschieht? Die Köpfe der Obrigkeit werden angebetet. Eine tugendhafte Tat pro Dekade genügt, dass wir uns von den Willkommenstiraden gerade noch erholen können. Was ist schlimmer als ein Corona-Angriff? Eine moralische Spießerattacke auf unsere geniale Amygdala, auf unser künstlerisches Nervensystem. Wie empfindlich wir sind, wenn amoralisch-arrogante Moralisten unsere demütig-arrogante moralische Amoral in den Senkel stellen. Wer diesen Satz nicht auf Anhieb verstanden hat, sollte seinen deutschen Pass abgeben.

Kunst darf alles: das kommt niemandem rechtfertigungsbedürftig vor. Merkwürdig aber auch. Ach so, solange Kunst nicht Wirklichkeit werden darf, sondern Konsolenspiel und Laborversuch bleibt, solange ist sie unschädlich und dient dem Deutschen als Ariadnefaden, um ins Reich seiner schweinischen Bedürfnisse zu gelangen. Pardon, seiner ach so natürlichen Bedürfnisse.

Die Rechthaberei der Moralisten ist aufrechten Amoralisten unerträglich. Nicht dümmliche Moral regt die Moralhasser am heftigsten auf, sondern die Hybris jener, die sich mit ihr über alles erhaben dünken. Und unfähig sind, den wahren Adel moralischer Amoral anzuerkennen.

Tugend schnürt dem Guten die Kehle zu. Das Böse ist das wahre Gute. Erst die Pforte zum Bösen eröffnet den Reichtum der deutschen Seele. Diese ist üppig ausgestattet mit allen Schikanen des Verruchten. Was hingegen ist das Gute? Nichts anderes als das knochige Klackern von „Du sollst“ und „Du musst“.

Warum ist der Deutsche in der Welt ein unbekanntes Wesen? Weil niemand sich bemüht, ihm in das Reich seines unermesslichen Bösen zu folgen. Hinter seiner linkischen Fassade lauert sein Wesen: sein unermessliches Unwesen.

Und weil die Welt den verruchten Deutschen nicht erkennen wollte, musste der Deutsche zur Welt gehen und sie mit Feuer und Schwert zwingen, seine diabolische Herrlichkeit am eigenen Leib zu erleben.

Nein, heute plant er keine Kriege. Weshalb er seine Armee verrotten lässt. Schaut, Völker: können wir Kriegstreiber sein, wenn wir ungeheure Gelder für den Schrottplatz ausgeben? Wahrer Pazifismus ist das nicht. Es ist das neurotische Bemühen, seinen Pazifismus teuer zu verkaufen. Es war schon immer was Besonderes, Pazifist in paradoxer Intervention zu sein.

Was früher Krieg war, um die Welt mit deutschem Wesen zu beglücken, sind heute endloser Export von Dingen und Maschinen – und Behelligung der Welt durch persönliche Anwesenheit, Tourismus genannt. Die meisten Dinge, mit denen sie den Globus fluten, sind überflüssig, die meisten Maschinen naturschädlich und menschenhassend.

Am heimtückischsten aber ist die persönliche Anwesenheit der Deutschen in den schönsten Revieren der Welt. Weil es ihnen nicht gelang, die Welt mit Waffen zu erobern, legen sie Wert drauf, sie touristisch zu erobern. Wir bezahlen euch, damit nötigen wir euch, uns wie Menschen zu behandeln, eine Kunst, die wir nicht kennen.

Wie kann die Welt am deutschen Wesen genesen, wenn niemand das deutsche Wesen kennt? In die Welt fahren sie als linkische Deutsche, kehren zurück als leutselige Espressotrinker, souveräne Amerikaner, savannen-liebende Afrikaner und vorbildliche Neuseeländer.

Ins Heimische zurückgekehrt, kennen sie nur Flüchtlinge und Fremde, die ihnen die Wohnungen wegschnappen und die Arbeit stehlen. In ihrem öffentlichen Leben kommen keine Fremden vor, in ihren Gesprächsrunden, ihren Führungspositionen, sieht man nur erlesenes Weiß.

„Erhebet eure Augen und betrachtet die Felder: sie sind schon weiß zur Ernte. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht. Und die Heere im Himmel folgten ihm nach auf weißen Pferden, bekleidet mit reinem weißen Linnen.“

Tugend als Weg zum Glück? Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Deutsche schnauben, wenn sie zum Glück genötigt werden. Glück ist unter ihrem Niveau. Gottlob können sie inzwischen shoppen, das ist wahres, quantifizierbares Glück. Glück muss mess- und berechenbar sein, sonst ist es „Affirmation“.

Schon in seinem Abituraufsatz über Joh. 15 hatte er sich gegen die Griechen und für Christus entschieden. „Die Vereinigung mit Christus bedeutet eine höhere Moral als Stoa und Epikuräer, als die heidnische Antike gekannt hatte“, schrieb Friedrich Heer über einen gewissen Karl Marx, der später alle Moral als Ideen schmähen sollte, die sich vor der Wirklichkeit blamieren würden. Aus einem jugendlichen Moralisten wurde ein ökonomischer Luther, der den unfehlbaren Kapitalismus angriff, um einen unfehlbaren Sozialismus zu etablieren. Aus Religionskritik wurde Religion.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“

Epikur, das war Hedonismus, geile Lust. Moral ist christliche Gnadengabe, Erlösung der Erwählten, die Marx Proletariat nannte. Nein, nicht die ganze Welt sollte erlöst werden. Die Ausbeuter, das Lumpenproletariat und alle minderwertigen Rassen sollten zur Hölle fahren. Die Natur nicht zu vergessen.

Merkwürdig, dass die schärfsten Gegner des Marxismus ebenfalls der christlichen Religion huldigten. Wenn das keine wahre Genialität ist, die Freund und Feind gleichermaßen zu bedienen weiß.

„Er bekennt sich ausdrücklich zu den zentralen moralischen Positionen des Christentums, in denen er jene Merkmale wiederfindet, die auch für eine freie, spontane Gesellschaft grundlegend sind. Nur solche Religionen können langfristig überleben, die wie das Christentum den Privatbesitz und die Familie als zentrale Werte geschützt haben.“ (Hennecke über Hayek)

Hayek war besonders von der Lehre des Thomas von Aquin angetan. Wenn alle Sünden strikt verboten wären, hätte es viele nützliche Dinge nicht gegeben. Bei Gott wie im Neoliberalismus ist das Böse der entscheidende Motor im Fortschritt des Erwünschten.

Bei Rechten wie bei Linken siehst du sie ausnahmslos vor Christus niedersinken. Solange die christlichen Werte stimmen, kann die Wirtschaft ungehindert in die nächste Runde gehen. In Corona-Zeiten haben sich viele Profitlücken aufgetan. Die müssen schnell behoben werden. Schon rattert der Presslufthammer, schon erzittert Mallorca unter Millionen Füßen deutscher Inselbeglücker. Hast du deinen Urlaub schon gebucht, Kollege?

Es waren Zitate des jungen Thomas Mann, der die geniale Amoral der Deutschen Bewegung auf den Punkt brachte. Später konvertierte er ins demokratische Lager seines Bruders Heinrich, den er zuerst als Vaterlandsverräter geschmäht hatte. Wie viel Thomas Mann der frühen Epoche steckt heute noch in Deutschland?

In den Führungsetagen hört man noch die offiziellen Phrasen – oder doch nicht mehr? Die Verletzung des Grundgesetzes war der Kanzlerin keine Bemerkung wert. Ihr engster Minister warf den Gerichten, die nicht alle Einschränkungen dulden wollten, vor, sie hätten im Namen der Gleichheit ein aggressives Urteil gesprochen.

In Zeiten der Not sollten Debatten unterbleiben, Demonstrationen ohnehin, schnarrte die Regierung. Kein einziger Virologe („Studien haben ergeben“) äußerte sich zur rechtlichen und psychologischen Lage der Eingesperrten. Die Notlage wurde benutzt, um die demokratische Biegsamkeit des Pöbels zu testen.

Beim nächsten Virus geht’s professioneller zu mit der Aufhebung der Grundrechte. Die Würde des Menschen wurde nicht angetastet. Sie wurde malträtiert, um eines würdelosen Ablebens willen. Die Zahl der Kollateraltoten soll die Zahl der Geretteten übersteigen. War Corona etwa das unschuldige Vorspiel zur drohenden Global-Diktatur im Zeichen der Klima-Apokalypse?

Wer sich, in Zeiten der Krise, an deutschen Heroen der Vergangenheit vergreift, wird von Hochgebildeten zur Strecke gebracht. Kant als Rassist? Eine Unverschämtheit. Wer Kant nicht mal lesen kann, der sollte die terroristischen Finger von seinem Sockel lassen.

„Dass nun auch Kant, der Philosoph der Aufklärung, zum Opfer der Tribunalisierer geworden ist, sollte jedem deutlich machen, dass hier das Schicksal des okzidentalen Rationalismus auf dem Spiel steht. Man kann Kant „zur Debatte“ stellen, ohne ihn zu lesen. Das ist sicher ein wichtiges Motiv der geistigen Taliban: die Last der großen Geister zu entsorgen. Die Tribunalisierung der Vergangenheit hat nämlich eine bedeutsame Entlastungswirkung. Man klebt dem großen Geist ein Label an und muss sich dann nicht mehr mit ihm beschäftigen. „Zur Debatte stellen“ ersetzt das Studieren.“ (WELT.de)

In Demokratien soll alles debattiert werden? Nicht bei WELT-Autor Norbert Bolz. Zuerst muss der naseweise Kritikaster bei Herrn Professor ein Kant-Examen ablegen. Deutsche Bildung und Tradition bleiben blütenweiß. Das nennt man Aufarbeitung deutscher Vergangenheit.

Schon den Aufklärern hatte man vorgeworfen, die gesamte Geschichte mit Moralsprüchen überzogen zu haben. Weshalb die nachfolgenden Historiker den Historismus erfanden. Bewertung der Vergangenheit mit kessen Sprüchen der Gegenwart ab jetzt – verboten. Bei Zuwiderhandlung wird der Mundschutz eingeschweißt.

Die Luft zum Atmen und Denken wird immer mehr rationiert. Das Klima sorgt für Ersteres, Eliten sorgen fürs zweite.

Die Schmähung kritischer Stimmen als Taliban war nur ein Vorspiel. Ein anderer WELT-Artikel geht in die Vollen:

„Demonstranten der Bewegung „Black Lives Matter“ schänden zurzeit in aller Welt die Denkmäler. Geht es nach zwei deutschen Historikern, ist der Philosoph Immanuel Kant als Nächstes dran. Wer so etwas fordert, hat den Geist der Aufklärung nicht verstanden. Das Denken, dessen Systematisierung Kant im Zuge der europäischen Aufklärung vorangetrieben hat, ist ewig unfertig, fehlerhaft, prozessual. Es wird ein Werkzeug geschaffen, zu dessen primären Zwecken die Arbeit an sich selbst gehört.“ (WELT.de)

Kritik, Wesenselement der Aufklärung, wird zur Feindin der Aufklärung. Wie viel Unbildung und Halbbildung der Gebildeten erträgt eine Demokratie? Bildung, die als erschreckende Unbildung auftritt, aber über die Macht der öffentlichen Sprache gebietet, wird zur Bedrohung der Republik. Das sind keine Spielchen mehr. Hier lauern Deutschbewegte auf einen deutschen Trump, um den Mündigen das Denken und Reden zu verbieten.

Erneut zeigt sich, dass deutsche Dialektik alles falsch macht, was man falsch machen kann. Was nicht zusammengehört, wird synthetisiert, was zusammengehört, zum Entweder-Oder. Kant war der beste Aufklärer, den wir haben. Doch Gott sei‘s geklagt, selbst ein überragender Aufklärer ist nicht ohne Makel. Die griechische und amerikanische Demokratie begannen mit Sklaverei. Beide hatten die Kraft, ihren Makel zu korrigieren.

Kant war ein Mensch in seinem Widerspruch. In gewissen Punkten blieb er ein Sohn seiner Zeit. Die war mehr als rassistisch, die war religiös. Die Spaltung der Menschheit in Selige und Unselige ist die Urspaltung der Menschheit, die später zum Rassismus führte.

Kant als unfehlbar darzustellen, wäre Heiligenverehrung, aber kein Zeugnis demokratischer Wachsamkeit.

Theoretisch bleibt Kant ein Verteidiger menschlicher Gleichheit und Würde.

„Die Menschheit selbst ist eine Würde. Denn der Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen, noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht eben seine Würde.“

Von Aufklärung und Gegenaufklärung haben die Deutschen keinen Schimmer. Dass Hegel ein Gegner Kants und der Aufklärung war, scheint dem Welt-Schreiber völlig unbekannt:

„Ja, der friedfertige Königsberger, der sich zum Denken eine eigenartige Mütze aufsetzte (Aluminium war zu seinen Lebzeiten noch nicht entdeckt), war tatsächlich nicht nur der wohl wichtigste Vordenker all dessen, was wir heute im Konzept des Westens oder des Abendlands fassen (mit Hegel auf dem knappen zweiten Platz)“

„Die Aufklärung, diese Eitelkeit des Verstandes, ist die heftigste Gegnerin der Philosophie; sie nimmt es übel, wenn diese die Vernunft in der christlichen Religion aufzeigt, wenn sie zeigt, dass das Zeugnis des Geistes, der Wahrheit in der Religion niedergelegt ist. In der Philosophie, welche Theologie ist, ist es einzig nur darum zu tun, die Vernunft der Religion zu zeigen.“ (Hegel)

Der Unterschied zwischen Kant und Hegel verbleibt nicht im blassen Reich der Theorie. Kants praktische Vernunft, die für alle Menschen gleichermaßen gilt, mündet in den Kurs zum ewigen Frieden. Bevorzugte Völker und Menschen gibt es nicht.

Bei Hegel wird die „Allgemeingültigkeit der Vernunft, der bisher herrschende Glaube an die Einheit und Gleichheit abgelöst durch die Lehre, dass Vernunft keine generellen Lebensgebote gebe. Das stoische Naturrecht wurde verworfen. Der Staat als Einrichtung des Weltgeistes durfte alle allgemeinen und vernünftigen Moralgebote beiseite schieben. Das war nicht unmoralisch, das war im Sinne einer höheren, über der allgemeinen und gewöhnlichen Moralität stehenden Sittlichkeit.“ (Meinecke, Die Idee der Staatsraison)

Der junge Thomas Mann steht auf dem Boden Hegels und der Gegenaufklärung. Wer Mitläufer und Erwählter des Weltgeistes – oder der runderneuerten Heilsgeschichte – ist, der kann keine Sünden mehr begehen. Seine Amoral, Gewalt und Brutalität sind höchste Sittlichkeit. Die Deutschen berauschen sich an hegelianischen Begriffen wie Freiheit und Notwendigkeit, ohne zu bedenken, dass sie bei Hegel das Gegenteil zu demokratischen Begriffen bedeuten.

Im Ungeist Hegels und der Gegenaufklärung – einer Regression ins Religiöse – konnte 100 Jahre später der Nationalsozialismus entstehen. Amoral im Dienst einer höheren Geschichte wurde zur höchsten Form der Moral. Himmler ließ alle SS-Schergen aus dem Verkehr ziehen, die bei der Tötung der Juden erkennbaren Hass zeigten. Söhne des Himmels haben ein reines Gewissen, wenn sie in Blut waten.

Deutschland fühlte sich unschuldig, als es von seinen Feinden „befreit“ wurde. War denn was? Schauen wir nicht zurück. Schauen wir nach vorne – um zu zeigen, dass wir auch nach anderen Spielregeln gewinnen können.

Das Wirtschaftswunder begann, deutsche Fußballer wurden Weltmeister.

Fortsetzung folgt.