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Tanz des Aufruhrs LXXVII

Tanz des Aufruhrs LXXVII,

Unzusammenhängendes, das zusammengehört – oder: Stoffsammlung über Rassismus. 

“Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen.”

“Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Gott und unantastbare Würde sind aus dem Grundgesetz zu entfernen. Die Wissenschaft hat festgestellt: beide Tatsachen gibt es nicht. 

Der Begriff “zugesprochene Rasse” ist – rassistisch. Wer zuspricht, ist dem überlegen, dem zugesprochen wird.

Wie Menschen sind, entscheiden nicht autoritär-einseitige Zusprechungen, sondern reziproke Erfahrungen und Rückmeldungen, die auf dialogische Verständigung zielen. 

Was Tatsachen sind, darüber entscheidet das Thomas-Theorem: 

“Wenn Menschen Situationen als wirklich empfinden, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.”

Die Naturwissenschaft habe festgestellt, es gebe keine Rassen, also könne es keinen Rassismus geben – ist ein Fehlschluss. Naturwissenschaften können Gesetze und Fakten der Natur erkennen. Was für Menschen bedeutsam wird, entscheiden sie selbst. Sie erklären eigenständig, welche Tatsachen, Fiktionen, Phantasien für ihre Lebensführung wichtig sind. Was sie für wichtig erklären, wird es auch – für sie. 

In der Medizin spricht man von Placebos und Nocebos: das gefällt mir, das missfällt mir. Weshalb Medizin eine gemischte Wissenschaft ist: … … einerseits Naturwissenschaft, die generell für alle Menschen gilt, andererseits Seelenkunde, die nur Individuelles erforscht. 

Die jetzige Medizin schreddert das Individuelle und schert alle Menschen über einen Kamm. Psycho-somatik, eine Disziplin, die der Seele wie dem Leib (soma) dient, wurde aus dem Kanon der medizinischen Fakultät entfernt. Corona hat die Kollateralschäden dieser Streichung ans Licht gebracht. Der uniforme Schutz des Leibes kann zu erheblichen Schäden an der individuellen Psyche führen. 

Götter existieren nicht. Wenn aber Menschen sie für bedeutsam halten, werden sie existenzfähig – für diejenigen, die an sie glauben. 

Jede Würde ist antastbar. Wenn Menschen wollen, dass sie unantastbar sei, wird sie – durch das Wirken der Menschen – existenzfähig. Aus Soll wird Ist, aus Sollen Sein. 

Die Umwandlung von Sollen in Sein ist Moral. Die Übersetzung von Moral in Wirklichkeit ist Politik.

Moral ist nicht – wie Deutsche spötteln – sachfremd, sondern prüft Erkenntnisse und Methoden, wählt die geeignetsten aus, um sie für ihre moralischen Ziele zu verwenden. Menschenfeindliche Ökonomie kann nur durch moralische Politik verändert werden. Ökonomie ist keine unveränderliche Naturwissenschaft – wie auch Marx meinte –, sondern ein von Menschen erdachtes und durchgesetztes Regelwerk, das durch Menschen verändert werden kann. 

Moderne Überheblichkeit pflegt die athenische Ursprungsdemokratie zu verachten mit dem Argument, sie sei rassistisch gewesen. Sie war es – aber als lernende, die mit Hilfe der Philosophie alles unternahm, um die Sklaverei abzuschaffen und die Frauen zu emanzipieren.

„Die Natur hat niemanden zum Sklaven erschaffen.” (Alkidamas) Im Hellenismus war die Frau dem Mann gleichgestellt, die Sklaverei abgeschafft.

Eine lebendige Demokratie lernt aus ihren Fehlern. Die amerikanische Demokratie ist dabei, aus ihren Fehlern zu lernen und ihren Rassismus anzuprangern. Ob der Lernprozess ohne Gewalt auskommt, werden wir sehen. 

Was ständig neu erlernt werden muss, kann auch wieder verloren gehen – wenn der tägliche Kampf um Selbstkorrektur ausbleibt. Erfreulicherweise lassen sich die Deutschen vom amerikanischen Erneuerungsprozess anstecken. Die Chancen sind nicht schlecht, dass Demokratiebewegungen der verschiedensten Art zusammenströmen, um durch weltumgreifende Selbstbesinnung eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte zu beginnen. Im Dienste des Überlebens wäre eine neue Epoche natur- und menschenfreundlicher Weltpolitik überfällig. Utopisches Handeln der höchsten Art wäre erforderlich, um schlichtes Überleben zu garantieren. 

Der Kampf gegen Rassismus entlarvt alle Defekte der modernen Demokratie. Kein Element der machtorientierten Volksherrschaft, das von ihm unberührt wäre. 

„Plantagenbesitzer Thomas Jefferson aus Virginia war 1776 einer der Autoren der Unabhängigkeitserklärung der englischen Kolonien in Amerika. Es sei selbstverständlich, „dass alle Menschen gleich geschaffen sind“, heißt es dort. Einer der verlogensten Sätze der Weltgeschichte ist auch einer der besten.“ (SPIEGEL.de)

Nicht der Satz ist verlogen, sondern diejenigen, die ihn predigen, aber nicht nach ihm handeln.

Ideale Normen in einer ideal-feindlichen Welt können nur peu à peu realisiert werden. Sie sind Ziele, an denen die Menschheit den Stand ihrer Humanität messen kann – um fortzufahren, sich dem Ziel zu nähern. Nur wer sich klar macht, was er erreicht und nicht erreicht hat, ist gefeit vor Selbstverblendung. Jefferson wäre ein Heuchler gewesen, wenn er getan hätte, als ob er seine Werte eins zu eins in die Tat umsetzen würde.

In den Augen der „Dritten“ Welt ist der Westen verlogen, weil er zur Selbstkritik unfähig ist. Warum kann der Westen die Kritik der Welt nicht akzeptieren? Weil er von der antinomischen Moral des christlichen Glaubens geschützt wird. Einerseits uneigennützig die Welt lieben, andererseits dieselbe Welt – im Auftrag Gottes – in die Hölle verfluchen: eine klaffendere Doppelmoral kann es nicht geben.

Durch die Revolte gegen die Vorherrschaft der Weißen fühlt sich der Westen in den Grundfesten bedroht:

Der Reinigungsfuror darf aber nicht so weit gehen, dass – wie das zurzeit Mode ist – der „weiße Mann“ und mit ihm das ganze westliche System schlechthin als böse dargestellt wird. Zur Erinnerung: Die westliche Kultur ist die einzige, die sich selbst bis zur Selbstzerfleischung immer wieder neu infrage stellt und so zu dem gelangt, was wir Fortschritt nennen. Deshalb übt Europa ja so eine große Anziehungskraft aus.“ (BILD.de)

Es war das Christentum, welches das schlechthinnige Böse als Erbsünde erfand. Andere Kulturen kennen diesen irreversiblen Makel nicht. Nur durch einen Gnadenakt kann der Makel – aber nur in den Augen Gottes – als ungeschehen betrachtet werden. Was bedeutet, dass der erbarmende Vater tut, als hätte er das Böse nie gesehen. Zumal dieses in seinem Auftrag erfolgte. Die Welt bleibt verdorben, wie sie immer war, nur die Zurechnung vor Gott wird willkürlich ins Gute gehoben. Eine göttliche Zurechnung als Verfälschung des Bösen ins Unbefleckte.

Den Vorwurf des Rassismus als berechtigt anerkennen, um im selben Akt die eigene Überlegenheit noch mehr zu betonen: das können nur erwählte Söhne des einen Gottes.

Würde ein Mensch sich ununterbrochen zerfleischen, um sich infrage zu stellen, wäre er ein pathologischer Fall. Die Kunst des geglückten Lebens wäre ihm fremd. Sein Selbsthass würde ihm das Leben zur Hölle machen – und somit seinen Mitmenschen, die nichts anderes zu tun hätten, als ihn vom Suizid abzuhalten. Wenn sich in Frage stellen bedeuten soll, jemand lehnt sich vollständig ab, wäre sein ganzes Erdendasein eine Hölle.

Sich zerfleischen um des Fortschritts willen? Welchen Fortschritts? Des technischen oder des moralischen? Technischer Fortschritt dient einzig und allein der Übermächtigung der Natur- und Menschenwelt. Vor der Moderne hat es solche Kulturen nicht gegeben. Selbst das chinesische Reich der Mitte, viele Jahrhunderte die mächtigste Kultur der Welt, hatte keine Ambitionen, sich die Welt untertan zu machen.

Die nichtwestliche Welt musste sich am Wettbewerb um die mächtigste Nation beteiligen, um nicht vom Westen überfahren zu werden. Es war Notwehr, den technischen Fortschritt zu übernehmen. Die uralten, heute verdrängten Weisheiten des Nichtwestens verachten die Art des Westens, der, aus Unfähigkeit, in sich zu ruhen, die Welt auf den Kopf stellen muss.

Da der Westen an Fortschritt und Naturbeherrschung eisern festhält, kann man ihm keine Selbstkritik attestieren. Sinnvolle Kritik muss Kriterien haben, an denen sie sich messen kann. Moralische Kriterien kannte der Westen nur in Aufklärungsepochen – die schnell ins Religiöse zurückgedreht wurden. Das Einzige, was der Westen zu bieten hat, ist Demokratie. Genau die zerlegt er in alle Einzelteile, um sie – siehe Trump & Co – in Diktaturen zu verwandeln.

Durch unerbittlichen Wettbewerb nötigt der Westen den Rest der Welt entweder zur Niederlage – oder zur Übernahme seiner Menschenfeindlichkeit.

Sollte China das Ziel haben, Amerika als führende Weltmacht abzulösen, um die Völker der Welt an die Kette zu legen, würde es seinen uralten philosophischen Prinzipien untreu werden.

Eine andere Abwehrreaktion lesen wir in der SZ:

„Der neuzeitliche Rassismus ist die Kehrseite eines idealistischen, aber weißen Projekts: dem Universalismus des Westens.“ (Sueddeutsche.de)

Zunächst wird der Westen scharf kritisiert:

„Die amerikanische Revolution schloss die unterjochte Urbevölkerung und die aus Afrika verschleppten Sklaven aus. Auch die Französische Revolution übertrug die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte nur partiell und vorübergehend auf die Kolonien. Wie Frankreich verweigerten auch die anderen europäischen Mächte ihren überseeischen Ablegern jene mühsam errungenen Rechtsstaatsgarantien, auf denen die heimischen Bürgergesellschaften bestanden. Der Universalismus des westlichen Projekts blieb zunächst weiß, nicht nur in seiner historischen Entstehung, sondern, und das ist entscheidend, in seiner Anwendung. Die Folgen dieser Erblast sind bis heute nicht vollständig überwunden.“

Was ist eine Kehrseite des Guten? Gibt es kein Gutes ohne ein unvermeidlich Schlechtes? Will der Westen der Welt Menschen- und Völkerrechte bringen, so könne er nicht anders als Unrecht und Sklaverei mitbringen? Gutes und Böses sind ineinander verschlungen wie Luthers offenbarer und verborgener Gott? Das wäre christliches Sündenerbe: auf Erden gibt’s kein Gutes, das vom Gegenteil nicht kontaminiert wäre.

Damit wäre der Westen gerechtfertigt. Wer Gutes will auf der Welt, wäre gezwungen, die Kehrseite des Bösen mitzuliefern. Er hat sich redlich bemüht, doch ach, die Welt lässt nicht zu, dass man schuldlos davonkomme. Die Anerkennung der antirassistischen Bewegung wird zur Rechtfertigung des eigenen Rassismus.

Stelle man sich einen Weltdialog vor, dann würde der Westen den Vorwürfen des Nichtwestens entgegnen:

Wahrlich, wir sind bekümmert über die Folgen unserer westlichen Arroganz. Dennoch müssen wir fragen: Seht ihr nicht, dass wir keine andere Wahl hatten, als euch ein vergiftetes Geschenk zu bringen? Ein anderes Geschenk haben wir nicht. Wir hoffen, dass ihr – sollten die Folgen des Gifts eines Tages abgeklungen sein – in der Lage sein werdet, auch das Gute anzuerkennen, welches wir euch brachten.

Nicht nur ihr seid Opfer des Nessusgewands, auch wir leiden darunter, so gut nicht sein zu können, wie wir gerne wären. Wer Demokratie und Menschenrechte haben will, kann Böses nicht vermeiden. Popper sprach von der Last der Zivilisation.

Schuldlos schuldig: das ist die Verbarrikadierung des Westens gegen Vorwürfe der nichtwestlichen Welt. Gewiss, wir sind böse, doch etwas Besseres gibt es nicht. Somit bleiben wir die Besten.

Von echter Universalisierung kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Die kosmopolitische Universalisierung der Griechen war die Botschaft: alle Menschen besitzen gleiche Rechte, eine Spaltung der Welt in Erwählte und Verworfene gibt es nicht.

Der SZ-Artikel formuliert die christliche Pseudo-Universalisierung, die sich zwar an alle wendet, doch immer wieder von der Spaltung in Erwählte und Verworfene ausgeht. Den einen dient die Frohe Botschaft zum Heil, den anderen zur Verwerfung.

Hat der Westen, trotz unvermeidlicher Kehrseiten, der Welt nicht doch die beste aller möglichen Zivilisationen beschert?

Leibniz verteidigte diese Welt als beste aller möglichen. Ja, sie habe Mängel. Die aber seien selbst bei einem (fast) allmächtigen Schöpfer unvermeidlich. Geben wir uns zufrieden und trösten uns: etwas Besseres gibt es nicht.

Leibnizens Loblied auf die beste aller möglichen Welten ist das Trost- und Rechtfertigungslied des Westens bis zum heutigen Tag. Es ähnelt Churchills bekannter Aussage: Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen – mit Ausnahme aller anderen.

Schauen wir uns die Eingeborenen an, die durch Kolumbus dem Soldat-Priester-Team ausgehändigt wurden. Geschildert von einem spanischen Theologen, der erkannte, dass die Indios zu schwach waren, um die Fron weißer Plantagenbesitzer zu bestehen. Weshalb er den Westen anflehte, die Indios zu schonen – und Afrikaner nach Amerika zu bringen, die widerstandsfähiger waren. De las Casas gilt heute als Humanist der katholischen Kirche:

„Endlose Zeugnisse … belegen das sanfte und friedliche Gemüt der Eingeborenen … Aber unser Werk war es, Verzweiflung zu bringen und zu verwüsten, zu töten, zu zerfleischen und zu zerstören; kein Wunder also, dass sie ab und zu einen von uns umzubringen versuchten … Der Admiral war wahrlich blind, wie die, die nach ihm kamen, und ängstlich darauf bedacht, dem König zu gefallen, dass er nicht wieder gut zu machende Verbrechen gegen die Indianer beging.“ (Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes)

Aus der Feder amerikanischer Einwanderer klang das ganz anders:

„Kolumbus hatte seine Fehler und Macken, aber das waren größtenteils die Schattenseiten der Qualitäten, die ihn groß machten – sein unbezähmbarer Wille, sein vortrefflicher Glaube an Gott und seine eigene Sendung als Überbringer Christi in Länder jenseits des Ozeans, sein dickköpfiges Durchhaltevermögen entgegen aller Entbehrung , Armut und Enttäuschung. Es gab keinen Makel, keine dunkle Seite an seiner herausragendsten und unerlässlichsten Eigenschaft: seiner Seemannskunst.“ (ebenda)

Howard Zinn zieht Bilanz:

„Die Behandlung von Helden (Kolumbus) und ihren Opfern – die stille Hinnahme von Mord und Eroberung im Namen des Fortschritts – ist nur ein Aspekt einer bestimmten Herangehensweise an Geschichte, bei der die Vergangenheit aus der Sicht von Regierungen, Eroberern, Diplomaten und Anführern erzählt wird.“

Das Christentum propagiert eine weltüberlegene Liebesmoral – die von ungebildeten Fremden haushoch übertroffen wird. Überlegenheit der europäischen Hochkultur?

Wenn heute Flüchtlinge aus jenen Ländern nach Europa drängen, die früher von Europäern erobert wurden, so muten sich Opfer ihren Tätern von Angesicht zu Angesicht zu. Das ist das Dreiste, dass Opfer nicht mehr anonym bleiben wollen und aus dem Dunkel weit entfernten Unrechts ins Licht des Westens drängen: so, jetzt habt ihr uns am Hals, die ihr uns durch Globalisierung noch immer degradieren wolltet.

Rassismus ist nicht nur Abwertung anderer Rassen. Sie ist eine Methode, die eigenen Qualitäten in „wissenschaftlicher Objektivität“ zu beweisen. Pisa- und IQ-Tests sollen belegen, dass bestimmte Menschenklassen zurecht überrollt werden.

Der Sozialdarwinismus, der die Erkenntnisse Darwins auf das Leben der Nationen und Einzelnen übertrug, kennt kein Erbarmen mit den Schwachen. Auf seinem Boden entwickelte sich der Neoliberalismus:

„Es ist das Recht der stärkeren Rasse, die niedere zu vernichten. Überall in der Natur sieht das Höhere über das Niedere, die höhere deutsche Kultur über die niedere der anderen Völker hinweg. Dies alles „ohne Blutvergießen“. Kriege sind nicht mehr notwendig, um die rechten Unterschiede herzustellen. In scharfem Machtkampf soll die deutsche Industrie sich ohne Krieg durchsetzen. Die Starken haben das Recht, ein anderes Land einfach zu „nehmen.“ Das Mittel der Überwindung ist die Arbeit. Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht leben: das neutestamentliche Motto gilt im Kapitalismus wie im Sozialismus. Die Drawidas und Zwerge Innerafrikas sind keine Menschen in unserem Sinne. Sie können es nicht sein, denn sie kennen keine Arbeit. Die Ausschaltung der Lebensuntüchtigen, Nichtarbeitenden ist das erste Gebot der Selbsterhaltung. Opfern wir Krüppel, Angeseuchte und deren Nachkommen, damit Raum bleibt für die Söhne der Gesunden und Starken. Den Starken muss der Schwache, den Schönen muss der Hässliche geopfert werden.“ (zit. in F. Heer, Europa, Mutter der Revolutionen)

Diesen sozialdarwinistischen Sätzen aus wilhelminischen Zeiten muss nicht mehr viel hinzugefügt werden, um die Brutalitäten des Dritten Reiches zu erreichen.

Marx und Engels verabscheuten außereuropäische Kulturen, die keinen Fortschritt durch naturfeindliche Wunderwerke der Zivilisation kannten.

„Bei Friedrich Engels ist der Blick auf viele periphere Nationen – wie die Tschechen, Südslawen, die Balkanvölker und Franko-Kanadier – mindestens bis in die 1860er Jahre durch die hegelianische Vorstellung von den sogenannten und angeblich „geschichtslosen Völkern“ geprägt. So hält Engels die französische Eroberung Algeriens für „an important and fortunate fact for the progress of civilisation. Ebenso wird die Annexion Kaliforniens durch die USA von ihm erst einmal als eine fortschrittliche Entwicklung ausgegeben: die „energischen Yankees“ seien einfach besser als die „faulen Mexikaner“ geeignet, um die Region schnell und nachhaltig zu entwickeln. Marx kritisiert zwar in seinen journalistischen Arbeiten über Indien und China einerseits die „Barbarei“ des Kolonialsystems, doch zugleich begrüßt er die forcierte Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse im außereuropäischen Raum. «Die Frage ist, ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien.»“ (trend.infopartisan.net)

Im gleichen Sinn des Fortschritts, der zu Lasten der Schwachen geht, auch der Ludwigshafener Ernst Bloch:

„Ohne utopische Kraft hätte Kolumbus niemals das ferne Amerika entdeckt: er hatte „Eden im Sinn“ und wollte der Menschheit das Paradies entdecken, wie alle andern seinesgleichen auch.“

Hier trifft Poppers Kritik an der Utopie zu. Doch diese Utopie ist keine Entfaltung rationaler Humanität, sondern Suche nach dem Himmel auf Erden.

Bloch, Marx, Engels standen auf den Schultern Hegels:

„Für Hegel ist ganz Amerika vor allem pure Natur. Natur hat keine Geschichte, ist Anti-Geschichte, weshalb die „ganz natürliche“ Kultur Perus und Mexikos untergehen musste, sowie der Geist sich ihr näherte. Dass sie verschwanden, war nur recht und billig.“ (H. Branscheidt)

Ohne technischen Naturhass keinen Fortschritt. Ohne Fortschritt keine Berufung des Menschen zum Herrn des Globus.

Nicht nur körperliche Arbeit ist das Mittel der Naturzerstörung. Je endloser der Fortschritt, je mehr verwandelt sich Arbeit in Intelligenz. Um die überlegene Intelligenz der Starken nachzuweisen, benötigt man objektive IQ-Tests. Die Sozialwissenschaften werden – bis zum heutigen Tag – zu Instrumenten westlicher Überlegenheit:

„Eines der Hauptinstrumente der rassistischen Politik war der IQ-Test. Der erste dieser Art war der Stanford-Binet-Test. Die ersten Testreihen in Schulen ergaben 2 bis 4 höhere Punktzahlen für Mädchen als für gleichaltrige Jungen.“ (Marilyn French, Jenseits der Macht)

Was nicht sein darf, kann nicht sein. Der Test wurde verändert, um die Überlegenheit der Mädchen zu tilgen. „Es liegt auf der Hand, dass IQ-Tests manipulierbar sind, damit man erwünschte Ergebnisse erzielen kann.“ (ebenda)

Man erfinde mit Hilfe der Wissenschaft objektive Methoden, um die Überlegenheit der eigenen Kultur zu beweisen. Gelingt das nicht, müssen Daten und Instrumente solange nachjustiert werden, bis das erwünschte Ergebnis vorliegt.

Religion kommt in der heutigen Rassismusdebatte nicht vor. Dabei ist Rassismus nichts als religiöse Selektion, säkularisiert in empirische Wissenschaften. Sozialdarwinismus, Neoliberalismus, Rassenlehre, Marxismus, objektive Leistungsmessungen, Wirtschaftswachstum, Fortschritt ins Universum, Entwicklung von Künstlichen Intelligenzen, die Menschen überflüssig machen, schließlich der Glaube an die Unsterblichkeit: alles, was eine Siegerkultur hervorbringt, beweist die Gerechtigkeit der Geschichte. Die Überlegenen dürfen die Massen der Verlierer – im Dienst des Fortschritts – zu Makulatur machen. Um seines Aufstiegs in den Himmel willen, darf der Zwangsbeglückte in eine lodernde Flamme verwandelt werden. Das himmlische Ziel rechtfertigt alles:

Ein jesuitischer Missionar schrieb im Jahre 1660:

„Wer hätte geglaubt, dass die Qualen des Feuers Irokesen den Weg zum Himmel öffnen und dass diese Feuer das sicherste Mittel sind, so sicher, dass wir noch keinen Irokesen brennen sahen, von dem wir nicht geurteilt hätten, dass er auf dem Weg sei?“

Der Westen häutet sich.

Fortsetzung folgt.